{"id":24397,"date":"2014-12-23T09:33:51","date_gmt":"2014-12-23T08:33:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24397"},"modified":"2019-07-25T11:04:40","modified_gmt":"2019-07-25T09:04:40","slug":"literatur-der-arbeitswelt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24397","title":{"rendered":"Literatur der Arbeitswelt"},"content":{"rendered":"<p>Der Werkkreis Literatur der Arbeitswelt wurde Ende der sechziger Jahre mit dem Ziel ins Leben gerufen, die bis dahin in den Medien weitgehend vernachl&auml;ssigte industrielle Arbeitswelt zum Gegenstand von Literatur zu machen. Ziel war nicht die abstrakte Darstellung der kapitalistischen Verh&auml;ltnisse &ndash; das gab es zu dieser Zeit zuhauf in den studentischen Zirkeln, die sich mit der Politischen &Ouml;konomie von Marx auseinandersetzten  &ndash; sondern die Beschreibung der betrieblichen Arbeitsverh&auml;ltnisse <em>als Mittel der subjektiven Bewusstmachung, als allgemeine Informationsquelle und als Ausgangsanalyse f&uuml;r objektive Ver&auml;nderung<\/em>. Die Besch&auml;ftigten selbst sollten &ndash; als Experten ihrer Arbeitssituation &ndash; motiviert werden, &uuml;ber die Zust&auml;nde in ihren Betrieben zu berichten. Die Arbeitswelt zum Thema zu machen: damit verfolgten die Initiatoren und Teilnehmer der Werkkreise von Anfang an den Zweck, &Ouml;ffentlichkeit herzustellen &uuml;ber diesen Bereich der <em>unterschlagenen Wirklichkeit<\/em> (Negt). So gesehen verstanden sie ihr Engagement als einen Beitrag zur <em>Demokratisierung der Literatur<\/em> hinsichtlich ihrer tradierten Produktions- und Rezeptionsformen und zur <em>Demokratisierung von Wirtschaft und Gesellschaft<\/em>, weil Themen und Wirklichkeitsausschnitte &ouml;ffentlich gemacht wurden, die ansonsten kaum thematisiert wurden und in vielen F&auml;llen sogar der Geheimhaltung unterlagen. Von <strong>Joke Frerichs<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nUnter dem Titel <em>Erasmus Sch&ouml;fer: Schriftsteller im Kollektiv<\/em>[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>], ist jetzt ein umfangreicher Band erschienen, der Texte aus den  Entwicklungsphasen des Werkkreises zwischen 1969 und 1984 dokumentiert. Darin wird insbesondere das Wirken Erasmus Sch&ouml;fers sichtbar, der wie kaum ein anderer die Arbeit des Werkkreises Literatur der Arbeitswelt gestaltet hat: konzeptionell, organisatorisch und selbst schreibend. G&uuml;nter Wallraff nannte ihn <em>eine Art H&ouml;lderlin, der unter die Arbeiter gefallen ist<\/em>. Und in der Tat: Erasmus Sch&ouml;fer hat nicht nur selbst einige Jahre in Fabriken gearbeitet; er hat die Epoche, um die es hier geht, auch zum Gegenstand seines literarischen Hauptwerkes <em>Die Kinder des Sisyfos<\/em> gemacht; eines 4-b&auml;ndigen Zeitromans, den man getrost als anschauliches Geschichtswerk dieser Jahre  verstehen kann, weil darin alle wesentlichen sozialen Konflikte und K&auml;mpfe dieser Zeit ihren literarischen Ausdruck gefunden haben.[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>]<\/p><p>Der vorliegende Band stellt eindrucksvoll dar, unter welch schwierigen materiellen, organisatorischen und personellen Bedingungen die Werkkreise ihre Arbeit verrichten mussten. Es schmerzt geradezu, aus heutiger Sicht nachzuvollziehen, mit welchen Alltagsproblemen die Teilnehmer zu k&auml;mpfen hatten. Alles musste ehrenamtlich, d.h. neben der eigentlichen Berufst&auml;tigkeit, in der Freizeit, bew&auml;ltigt werden. Dass es dabei zu erheblichen Reibungsverlusten und Konflikten kam, kann daher nicht &uuml;berraschen. Die jetzt vorliegenden Texte dokumentieren die genannten Probleme eindringlich. Gleichwohl gelang es, &uuml;ber f&uuml;nfzig Werkstattgr&uuml;ndungen  (die teilweise Jahrzehnte bestanden), &uuml;ber 100 Buchver&ouml;ffentlichungen (mit Auflagen von teilweise mehreren Zehntausend) und einen aufw&auml;ndigen Organisationsrahmen aufrechtzuerhalten &ndash; durch Teilerl&ouml;se aus den B&uuml;chern und Spenden, vor allem aber durch das Engagement der Beteiligten. Eine der Hauptaktivit&auml;ten des Werkkreises waren z.B. Lesungen in Schulen, Betrieben und Gewerkschaften.  <\/p><p>In vielen B&uuml;chern des Werkkreises wurde in nie dagewesener Weise vom Alltag in bundesrepublikanischen Betrieben berichtet. Dabei handelt es sich um einzigartige Dokumente, die gleichzeitig einen intellektuellen Aneignungs- und Reflexionsprozess darstellen, in dem soziale Verwerfungen, aber auch Widerstandsformen und Ohnmachtserfahrungen geschildert werden. Oft dienten diese Texte auch dazu, gemeinsame Lernprozesse zwischen Literatur, Wissenschaft und Arbeitswelt anzuregen; zum Nutzen aller Beteiligten.<br>\nAngesichts der gegenw&auml;rtigen &ouml;konomischen Krise, der Einschr&auml;nkung demokratischer Rechte, der drohenden Gefahr milit&auml;rischer Konflikte und (hoffentlich) erstarkender sozialer Proteste dagegen, k&ouml;nnte die Wiederentdeckung der in diesem Buch dokumentierten Texte von kaum zu &uuml;bersch&auml;tzender Aktualit&auml;t sein. Sie enthalten Erfahrungen und Anregungen,  von denen zu lernen ist.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Volker Zaib\/Werner Jung (Hg.): Erasmus Sch&ouml;fer &ndash; Schriftsteller im Kollektiv, KlartextVerlag Essen 2014<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] S. unsere Besprechung: &Auml;sthetik und Politik; NachDenkSeiten v. 5.7.2013<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Werkkreis Literatur der Arbeitswelt wurde Ende der sechziger Jahre mit dem Ziel ins Leben gerufen, die bis dahin in den Medien weitgehend vernachl&auml;ssigte industrielle Arbeitswelt zum Gegenstand von Literatur zu machen. Ziel war nicht die abstrakte Darstellung der kapitalistischen Verh&auml;ltnisse &ndash; das gab es zu dieser Zeit zuhauf in den studentischen Zirkeln, die sich<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24397\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,917],"tags":[],"class_list":["post-24397","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-kultur-und-kulturpolitik"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24397","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=24397"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24397\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53653,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24397\/revisions\/53653"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=24397"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=24397"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=24397"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}