{"id":244,"date":"2004-05-10T13:22:06","date_gmt":"2004-05-10T12:22:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=244"},"modified":"2016-03-31T12:03:57","modified_gmt":"2016-03-31T10:03:57","slug":"der-markt-kann-alles-besser-der-amerikanische-nobelpreistrager-fur-wirtschaft-joseph-e-stiglitz-entzaubert-die-marktapologeten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=244","title":{"rendered":"Der Markt kann alles besser? Der amerikanische Nobelpreistr\u00e4ger f\u00fcr Wirtschaft, Joseph E. Stiglitz, entzaubert die Marktapologeten."},"content":{"rendered":"<p>Der Markt kann alles besser? Der amerikanische Nobelpreistr&auml;ger f&uuml;r Wirtschaft, Joseph E. Stiglitz, entzaubert die Marktapologeten.<br>\nSeit Jahren h&ouml;ren wir von unseren Wirtschaftssachverst&auml;ndigen oder von dem laut BILD &ldquo;kl&uuml;gsten Wirtschaftsprofessor&rdquo;, dem ifo-Chef Hans-Werner Sinn immer nur das gleiche Klagelied: Eine zu hohe Staatsquote und eine aufgebl&auml;hte Staatsb&uuml;rokratie seien eine der Hauptursachen f&uuml;r die wirtschaftlichen Probleme Deutschlands. &Uuml;berregulierung, B&uuml;rokratie, zu hohe Steuern fesselten die Marktkr&auml;fte. In der internationalen wirtschaftswissenschaftlichen Debatte spielen zwar unsere &Ouml;konomen seit Jahrzehnten keine Rolle mehr, aber deren Marktgl&auml;ubigkeit wird in den deutschen Medien und von der deutschen Politik kritiklos nachgeplappert. Die Thesen vom &ldquo;verloren gegangenen Gleichgewicht zwischen Markt und Staat&rdquo; und die &ldquo;Alternative zum Diktat des Marktes&rdquo;, wie sie der amerikanische Nobelpreistr&auml;ger f&uuml;r Wirtschaft, Joseph E. Stiglitz entwickelt, werden bei uns nicht zur Kenntnis genommen.<br>\n<!--more--><br>\nStiglitz war nicht nur Professor an mehreren amerikanischen &bdquo;Elite&ldquo;- Universit&auml;ten, er war wichtigster Wirtschaftsberater des amerikanischen Pr&auml;sidenten und Chefvolkswirt der Weltbank. Er blickt in seinem neuesten Buch &bdquo;Die Roaring Nineties&ldquo;(Siedler, 2004) selbstkritisch auf die Wirtschaftspolitik der neunziger Jahre zur&uuml;ck:<\/p><p>&ldquo;Wenn ich heute zur&uuml;ckblicke, frage ich mich: Was haben wir falsch gemacht?&rdquo; &hellip;<br>\n<strong>Das angemessene Gleichgewicht zwischen Staat und Markt geriet aus dem Blick.<\/strong><br>\nZw&ouml;lf Jahre lang &ndash; w&auml;hrend der Regierungszeit von Reagan und Bush senior &ndash; wurde die Wirtschaftspolitik in den USA von Ideologen der freien Marktwirtschaft gepr&auml;gt, die den Privatsektor idealisieren und staatliche Programme und Regulierungen verteufelten. &hellip; Gleichzeitig war l&auml;ngst bekannt, dass M&auml;rkte nicht immer effizient funktionieren und manches, wie etwa Luftverschmutzung im &Uuml;berschuss produzieren, anderes dagegen vernachl&auml;ssigen, etwa Investitionen in Bildung, Gesundheit und Forschung. Auch regulieren sie sich nicht selbst &hellip; Eine der gr&ouml;&szlig;ten wirtschaftstheoretischen Leistungen des 20. Jahrhunderts (die wir Gerard Debreu und Kenneth Arrow verdanken) besteht darin, die Bedingungen herauszuarbeiten, unter denen Smiths &ldquo;unsichtbare Hand&rdquo; funktioniert&hellip;. Meine Forschungen &hellip; haben gezeigt, dass die unsichtbare Hand wom&ouml;glich deshalb unsichtbar ist, weil es sie gar nicht gibt. &hellip;<br>\nDas Theorem der unsichtbaren Hand bedeutet f&uuml;r Manager eine gro&szlig;e Entlastung, behauptete es doch, dass sie dem Gemeinwohl nutzten, wenn sie f&uuml;r sich selbst gut sorgten. Habgier ist dann kein Grund mehr f&uuml;r ein schlechtes Gewissen, sondern f&uuml;r Stolz &hellip;<br>\nStaatliche Regulierung tr&auml;gt oft in nicht unerheblichem Ma&szlig;e dazu bei, M&auml;rkte effizienter zu machen, indem sie beispielsweise den Spielraum f&uuml;r Interessenskonflikte begrenzt &hellip; <strong>Die wichtigste Lektion aus den letzten Jahren ist, dass wir ein Gleichgewicht zwischen staatlichen Eingriffen und Eigendynamik des Marktes brauchen.<\/strong> Aber die Welt muss diese Lektion immer wieder neu lernen. Immer wenn L&auml;nder das richtige Gleichgewicht fanden, erzielten sie hohe Wachstumsraten. &hellip; (S.34ff.)<\/p><p>&ldquo;Unsere Finanzhelden beteiligten sich zusammen mit anderen an der Propagierung eines weiteren Mythos: Die wirtschaftlichen Probleme r&uuml;hrten von der aufgebl&auml;hten Staatsb&uuml;rokratie her, die uns dazu zwinge, hohe Steuern zu zahlen, und unsere Produktiven Kr&auml;fte in Fesseln lege. Die Schlussfolgerung war klar: B&uuml;rokratie abbauen, Steuern senken, deregulieren. <strong>Die Deregulierung setzte nicht immer die Kr&auml;fte frei, die robustes langfristiges Wachstum erzeugen; vielmehr schuf sie oft neue Ursachen f&uuml;r Interessenkonflikte, neue M&ouml;glichkeiten, M&auml;rkt zu manipulieren.<\/strong> Wie bereits erw&auml;hnt, brachten es die M&auml;rkte fertig, Hunderte von Milliarden Dollar zu verschleudern. Viele der F&uuml;hrungskr&auml;fte, die diese Partys ausrichteten, rissen sich Abermilliarden Dollar unter den Nagel und lie&szlig;en Aktion&auml;re und Arbeitnehmer gleicherma&szlig;en im Stich. Die Steuerzahler m&uuml;ssten einen Teil der Zeche zahlen&hellip;.&rdquo;(S.264)<\/p><p>&ldquo;<strong>Der Mythos, dass Steuersenkungen<\/strong> zu einer starken Zunahme der Ersparnis und der Arbeitsproduktivit&auml;t f&uuml;hren, erwies sich&hellip;als bemerkenswert z&auml;hlebig. Reagan senkte die Steuern deutlich, aber weder Ersparnis noch die Arbeitsproduktivit&auml;t nahmen zu, ja, das Produktivit&auml;tswachstum r&uuml;hrte sich kaum von der Stelle. Clinton hingegen erh&ouml;hte die Steuern f&uuml;r die Reichen, ohne dass dies sp&uuml;rbare negative Folgen gehabt h&auml;tte&rdquo; (S. 265)&hellip;..<\/p><p>Man k&ouml;nnte die Zitate beliebig fortsetzen, das ganze Buch ist eine vernichtende Kritik, des auch bei uns vorherrschenden Wirtschaftskurses.<br>\nNat&uuml;rlich k&ouml;nnen auch Nobelpreistr&auml;ger irren, dass aber in Deutschland noch nicht einmal eine Debatte &uuml;ber die von Stiglitz vorgetragene Kritik stattfindet, ist Beleg genug daf&uuml;r, wie borniert unsere Wissenschaft, unsere Medien und unsere Wirtschaftspolitik geworden sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Markt kann alles besser? Der amerikanische Nobelpreistr&auml;ger f&uuml;r Wirtschaft, Joseph E. Stiglitz, entzaubert die Marktapologeten.<br \/> Seit Jahren h&ouml;ren wir von unseren Wirtschaftssachverst&auml;ndigen oder von dem laut BILD &ldquo;kl&uuml;gsten Wirtschaftsprofessor&rdquo;, dem ifo-Chef Hans-Werner Sinn immer nur das gleiche Klagelied: Eine zu hohe Staatsquote und eine aufgebl&auml;hte Staatsb&uuml;rokratie seien eine der Hauptursachen f&uuml;r die wirtschaftlichen Probleme<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=244\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[160,208,30],"tags":[284,1526,278,1387],"class_list":["post-244","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-markt-und-staat","category-rezensionen","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-deregulierung","tag-nachtwaechterstaat","tag-steuersenkungen","tag-stiglitz-joseph"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/244","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=244"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/244\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32617,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/244\/revisions\/32617"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=244"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=244"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=244"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}