{"id":2444,"date":"2007-06-28T16:52:18","date_gmt":"2007-06-28T14:52:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2444"},"modified":"2019-07-08T10:53:21","modified_gmt":"2019-07-08T08:53:21","slug":"ein-totgeschwiegener-voelkermord-an-den-herero-in-namibia","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2444","title":{"rendered":"Ein totgeschwiegener V\u00f6lkermord an den Herero in Namibia"},"content":{"rendered":"<p>Die B&auml;nke der Parlamentarier waren gr&ouml;&szlig;tenteils leer, als der Bundestag k&uuml;rzlich zum ersten Mal seit Jahrzehnten eine Debatte &uuml;ber den ersten V&ouml;lkermord der deutschen Geschichte, dem an den Herero und Nama im heutigen Namibia f&uuml;hrte. Dass die von der Linksfraktion geforderten Verhandlungen &uuml;ber Wiedergutmachung auf wenig Zustimmung stie&szlig;en, &uuml;berraschte weniger als die Tatsache, dass weder S&uuml;ddeutsche, FAZ, FR oder taz &uuml;ber die Debatte berichteten. Dabei geh&ouml;rte dieses Thema doch auch zur Aufarbeitung unserer Kolonialgeschichte und zur Afrika-Politik, wie sie von unserer Kanzlerin auf dem G-8 Treffen so in den Vordergrund ger&uuml;ckt worden ist. Rolf-Henning Hintze hat uns dazu einen Beitrag zur Verf&uuml;gung gestellt.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Wiedergutmachung &mdash; nein danke<br>\nDer V&ouml;lkermord an den Herero und Nama bleibt wahrscheinlich unges&uuml;hnt \/ Bundestagsparteien signalisieren &uuml;berwiegend Ablehnung<\/strong><\/p><p><em>Von Rolf-Henning Hintze<\/em><\/p><p>Eine Zeit lang schien es, als wollten sich die Deutschen ihrer kolonialen Vergangenheit in Afrika stellen. Im August 2004 &mdash; zum 100. <\/p><p>Jahrestag der Schlacht am Waterberg, die mit einer Niederlage der Herero gegen die deutsche Schutztruppe endete &mdash; besch&auml;ftigten sich die Medien ausf&uuml;hrlich mit den Verbrechen dieses Kolonialkriegs. H&ouml;hepunkt war die &uuml;berraschende Rede von Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul, in der sie als erstes Regierungsmitglied einr&auml;umte, die deutschen Truppen unter General Lothar von Trotha h&auml;tten seinerzeit einen V&ouml;lkermord ver&uuml;bt. Die Ministerin ging am Waterberg sogar noch einen Schritt weiter: Sie bat vor mehreren Tausend Zuh&ouml;rern die Nachkommen der Opfer um Verzeihung.<\/p><p>Bei den Herero weckte das neue Hoffnung, nun k&ouml;nne es endlich doch zu einem neuen Anfang im schwer gest&ouml;rten Verh&auml;ltnis zu den Deutschen kommen. Aber die Hoffnung trog: Der &uuml;berf&auml;llige Dialog ist heute immer noch nicht in Sicht.<\/p><p>Zum Aufstand gegen die Kolonialmacht war es gekommen, weil deutsche Siedler den Herero, einem Volk nomadisierender Rinderz&uuml;chter, immer gr&ouml;&szlig;ere Teile ihres Weidelandes abnahmen. Als die Kolonialverwaltung schlie&szlig;lich plante, die Herero in &raquo;Reservate&laquo; umzusiedeln, sahen sie sich in ihrer Existenz gef&auml;hrdet. Im Januar 1904 erkl&auml;rte H&auml;uptling Samuel Maharero den &uuml;berraschten Deutschen den Krieg.<\/p><p>Kaiser Wilhelm II. entsandte als neuen Oberbefehlshaber General von Trotha, dem es dank verst&auml;rkter Truppen gelang, die Herero am Waterberg einzukesseln. An einer einzigen Stelle konnten die waffenm&auml;&szlig;ig hoffnungslos unterlegenen Herero die deutschen Linien in Richtung der Halbw&uuml;ste Omaheke durchbrechen. Als sie versuchten, ins benachbarte Betschuanaland zu fliehen, lie&szlig; von Trotha seine Soldaten die wenigen Wasserstellen der Omaheke besetzen &mdash; Zehntausende Menschen verdursteten.<\/p><p>Dokumentiert ist der Wortlaut des Schie&szlig;befehls, den von Trotha Wochen nach der Waterberg-Schlacht erlie&szlig;: &raquo;Das Volk der Herero mu&szlig; das Land verlassen. Wenn das Volk dies nicht tut, werde ich es mit dem groot Rohr (Gesch&uuml;tz &mdash; d. Red.) dazu zwingen. Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero, mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen. Ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zur&uuml;ck oder lasse auf sie schie&szlig;en.&laquo; Im Gegensatz dazu hatte Samuel Maharero befohlen, Frauen, Kinder, Missionare und Engl&auml;nder zu schonen.<\/p><p>Von Trotha war der &Uuml;berzeugung, &ldquo;dass die Nation (der Herero) als solche vernichtet werden muss&rdquo;. Das verletzte allerdings auch damals schon geltendes V&ouml;lkerrecht. Selbst Reichskanzler v. B&uuml;low bef&uuml;rchtete, das k&ouml;nnte &raquo;dem deutschen Ansehen unter den zivilisierten Nationen Abbruch tun&laquo;, und erzwang die R&uuml;cknahme des Befehls. Von nun an wurden gefangene Herero in Lager gesperrt, die bereits damals Konzentrationslager genannt wurden &mdash; die ersten der deutschen Geschichte. Ingesamt starben fast vier F&uuml;nftel der Herero. Denjenigen, die &uuml;berlebt hatten wurde jegliche Haltung von Rindern verboten &mdash; wohlgemerkt: einem Volk von Rinderz&uuml;chtern. Au&szlig;erdem nahm ihnen die Kolonialverwaltung ihr gesamtes Land und verkaufte es zu Schleuderpreisen an deutsche Siedler.<\/p><p>Dass nach Wieczorek-Zeuls Entschuldigung die Vers&ouml;hnung nicht vorankam, hat verschiedene Gr&uuml;nde. Unmittelbar nach der Rede hatte sie den traditionellen F&uuml;hrer der Herero, H&auml;uptling Kuaima Riruako, zu bewegen versucht, seine in den USA anh&auml;ngige Schadensersatzklage gegen den deutschen Staat und mehrere deutsche Firmen zur&uuml;ckzuziehen. Riruako bestand aber darauf, dass es zuvor einen Dialog und konkrete Vereinbarungen geben m&uuml;sse. Die Ministerin vertrat hingegen die seltsame Ansicht, Vers&ouml;hnung werde durch Forderungen nach Wiedergutmachung nur gest&ouml;rt.<\/p><p>Im Mai 2006, fast zwei Jahre nach der Rede am Waterberg, l&ouml;ste diese Politik erstmals &ouml;ffentliche Kritik in Deutschland aus: Die Informationsstelle S&uuml;dliches Afrika (ISSA) und die Koordination S&uuml;dliches Afrika (KOSA) erkl&auml;rten, die in Namibia lebenden Nachfahren der Herero h&auml;tten &raquo;ein Recht auf materielle Entsch&auml;digung&laquo;, es sei aber keine ad&auml;quate Regelung in Sicht. Gemeint war eine einseitige Initiative der Ministerin, die Entwicklungsprojekte f&uuml;r die Herero, Nama und Damara im Wert von 20 Millionen Euro f&uuml;r zehn Jahre vorsah. &raquo;Will sich die deutsche Regierung ihrer historischen Verantwortung ernsthaft stellen, gebietet es der Respekt gegen&uuml;ber den Opfern, dass deren Nachfahren ihre Vorstellungen einbringen k&ouml;nnen&laquo;, erkl&auml;rten die beiden NGOs.<br>\nZudem warfen sie der Bundesregierung vor, den &ldquo;fatalen Eindruck&rdquo; zu erwecken, es gebe f&uuml;r sie &ldquo;zwei Kategorien von V&ouml;lkermord: einen mit Anspruch auf Wiedergutmachung und einen ohne&rdquo;, abh&auml;ngig offenbar von der Hautfarbe. Eine Meinung, die in Namibia h&auml;ufig zu h&ouml;ren ist.<\/p><p>Die deutsche Namibia-Politik geht noch auf die Kohl-Regierung zur&uuml;ck. <\/p><p>Damals wurde festgelegt, dass Namibia wegen der &ldquo;besonderen Beziehungen&rdquo;, wie es vage hie&szlig;, eine h&ouml;here Pro-Kopf-Entwicklungshilfe als andere Staaten in Afrika erh&auml;lt. Wann immer die Forderung nach Entsch&auml;digung f&uuml;r den V&ouml;lkermord auftauchte, konnte sie auf die h&ouml;here Entwicklungshilfe verweisen. Dass die Herero und Nama davon bestenfalls Kr&uuml;mel abbekamen, steht auf einem anderen Blatt. Die SWAPO-Regierung lenkte die Hilfe gr&ouml;&szlig;tenteils ins fr&uuml;here Ovamboland, wo sie ihre Stammw&auml;hlerschaft hat.<\/p><p>Die Herero gaben aber nicht auf. Im Herbst 2006 erreichte H&auml;uptling Riruako mit einem Antrag eine intensive Debatte des namibischen Parlament &uuml;ber den V&ouml;lkermord und Wiedergutmachung. Neu und &uuml;berraschend war dabei die Unterst&uuml;tzung der SWAPO f&uuml;r den Antrag. Der Generalsekret&auml;r der SWAPO, Ngarikutuke Tjiriange, sprach vom &ldquo;barbarischsten Abschnitt der namibischen Geschichte&rdquo; und unterst&uuml;tzte Riruako. Nachdem auch Premierminister Nahas Angula Zustimmung signalisierte, ging der Antrag einstimmig durch. Zu erkl&auml;ren ist die neue Haltung der SWAPO aus der gro&szlig;en Unterst&uuml;tzung, die Riruako mit der Wiedergutmachungsforderung nicht nur bei seinem eigenen Volk erf&auml;hrt.<\/p><p>Vor kurzem besch&auml;ftigte sich zum ersten Mal seit Jahrzehnten nun auch der Bundestag mit dem unges&uuml;hnten V&ouml;lkermord besch&auml;ftigen. Die Linksfraktion brachte einen Antrag ein, der die Regierung Merkel auffordert, &raquo;in einen offenen Dialog ohne Vorbedingungen &uuml;ber Vers&ouml;hnung und Wiedergutmachung&laquo; mit Windhoek einzutreten. Der Antrag geht auf den Duisburger Abgeordneten H&uuml;seyin Aydin zur&uuml;ck, der im vergangenen August als erster deutscher Parlamentarier auf dem j&auml;hrlichen Herero-Tag in Okahandja, der Stadt der H&auml;uptlingsgr&auml;ber, eine Rede hielt.<\/p><p>Als der Tagesordnungspunkt am Abend des 13. Juni aufgerufen wurde, sa&szlig; auf der Zuschauertrib&uuml;ne ein Besucher aus Namibia: H&auml;uptling Riruako, begleitet von seiner Frau in malerischer traditioneller Herero-Kleidung. <\/p><p>Vor fast exakt 17 Jahren hatte Riruako im &ldquo;Spiegel&rdquo; und in der &ldquo;Frankfurter Rundschau&rdquo; zum ersten Mal Wiedergutmachung f&uuml;r den V&ouml;lkermord gefordert.<\/p><p>(Anmerkung: Wer sich &uuml;ber die z.T. skurrilen Argumente der meisten Parteien gegen eine Wiedergutmachung informieren will, kann das Protokoll der Debatte unter <a href=\"http:\/\/www.bundestag.de\">www.bundestag.de<\/a> nachlesen.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die B&auml;nke der Parlamentarier waren gr&ouml;&szlig;tenteils leer, als der Bundestag k&uuml;rzlich zum ersten Mal seit Jahrzehnten eine Debatte &uuml;ber den ersten V&ouml;lkermord der deutschen Geschichte, dem an den Herero und Nama im heutigen Namibia f&uuml;hrte. 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