{"id":2446,"date":"2007-06-29T08:38:50","date_gmt":"2007-06-29T06:38:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2446"},"modified":"2016-01-02T11:09:45","modified_gmt":"2016-01-02T10:09:45","slug":"jahrelang-wurde-uns-erzaehlt-wir-seien-schlecht-jetzt-ploetzlich-sind-wir-gut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2446","title":{"rendered":"Jahrelang wurde uns erz\u00e4hlt, wir seien schlecht. Jetzt pl\u00f6tzlich sind wir gut."},"content":{"rendered":"<p>Unentwegt hat man uns erz&auml;hlt, die Attraktivit&auml;t des Standorts Deutschland h&auml;nge von Reformen ab, von Reformen, die den Unternehmen niedrige Unternehmenssteuern, niedrigere Lohnnebenkosten und niedrige Lohnkosten bescheren. Jetzt pl&ouml;tzlich lesen wir in einer <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/0,1518,491301,00.html\">Studie von Ernst &amp; Young<\/a>, dass Weltoffenheit, Fr&ouml;hlichkeit und Gastfreundlichkeit, dass unsere erstklassische Infrastruktur, die hohe Qualifikation der Arbeitnehmer und eine gute Lebensqualit&auml;t wichtige Faktoren sind, wenn &uuml;ber den Standort von Investitionen entschieden wird. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\nUnd jubelnd wird von SpiegelOnline weitergegeben: &bdquo;Die Aufholjagd ist beeindruckend. Noch vor wenigen Jahren rangierte Deutschlands Ansehen als Investitionsstandort bei den Top-Managern unter ferner liefen. Inzwischen ist der Standort wieder unter den Top-F&uuml;nf der Welt &ndash; nicht zuletzt dank der Fu&szlig;ball-WM.&ldquo;<\/p><p>Wir haben in den NachDenkSeiten von Beginn an und immer wieder darauf hingewiesen, dass es auf die Reformen nicht ankommt und genau die von Ernst &amp; Young jetzt beschriebenen Faktoren, auch die so genannten weichen Standortfaktoren, wichtig sind. Auf Seite 178 der im Jahr 2004 erschienenen &bdquo;Reforml&uuml;ge&ldquo; schrieb ich:<\/p><blockquote><p><strong>Eine differenzierte Analyse der St&auml;rken und Schw&auml;chen t&auml;te gut<\/strong><br>\nWill man die Standortqualit&auml;t unseres Landes und seine Wettbewerbsf&auml;higkeit einigerma&szlig;en objektiv erfassen, dann muss man ein breites Spektrum von Indikatoren &uuml;berpr&uuml;fen: die Leistungsbilanz und den Welthandelsanteil, die Arbeitslosen- und die Wachstumsrate, die Staatsverschuldung und die Verschuldung im Ausland, die Steuer- und die Sozialabgabenquote, die Direktinvestitionen hier und im Ausland, den Zustand der Infrastruktur und die Qualit&auml;t der Ausbildung, die Spar- und die Investitionsquote, die Forschungspotentiale und den Zustand des Rechts&shy;wesens. Kann man eine Forderung gegen&uuml;ber einem Gesch&auml;ftspartner notfalls auch einklagen? Das ist wichtig, aber keine Selbstverst&auml;ndlichkeit. Hinzu kommen noch eine Reihe sogenannter weicher Standortfaktoren: die Wohn- und Lebensqua&shy;lit&auml;t, die kulturelle Vielfalt, Toleranz und Offenheit sowie die &shy;Kriminalit&auml;tsrate. Oder w&uuml;rden Sie als Manager mit Ihrer Familie in ein sehr unsicheres Land ziehen wollen, wenn Sie dort hinter gro&szlig;en Mauern leben m&uuml;ssten?<br>\nWill man ein einigerma&szlig;en klares Urteil &uuml;ber die Standortqua&shy;lit&auml;t unseres Landes f&auml;llen, dann muss man alle diese Faktoren, die &ouml;konomisch harten und die weichen, in die Beurteilung mit ein&shy;beziehen und darf sich nicht allein auf die Wachstums- und die &shy;Arbeitslosenrate beschr&auml;nken,49 so wichtig diese beiden Indikatoren zur Beurteilung der Qualit&auml;t der Wirtschaftspolitik auch sind.<br>\nDifferenziertheit ist nicht gerade ein Merkmal der bei uns so heftig gef&uuml;hrten Debatte. Sie ist vielmehr gepr&auml;gt von der &shy;Perspektive &raquo;dieses Glas ist halb leer&laquo;. Es ist, als w&uuml;rde geradezu h&auml;nderingend nach kritischen Entwicklungen unseres Landes gesucht, damit &shy;diese in der Art einer Kampagne aufbereitet werden k&ouml;nnen.<\/p><\/blockquote><p>Seit dem Erscheinen der &bdquo;Reforml&uuml;ge&ldquo; sind wieder drei Jahre vergangen. Getrieben vom herrschenden Glauben an die Kraft der Reformen wurden in dieser Zeit wichtige Einrichtungen unseres Landes wie etwa das Vertrauen in die Gesetzliche Rente und die Arbeitslosenversicherung zerst&ouml;rt. Krampfhaft wurde versucht, die Lohnnebenkosten zu senken, weil &ndash; siehe Kanzleramtspapier von Dezember 2002 &ndash; die herrschenden Kreise wirklich daran glaubten und vermutlich immer noch glauben, dass unsere Attraktivit&auml;t als Investitionsstandort zu aller erst von ein paar Prozenten Lohnnebenkosten abh&auml;ngt.<\/p><p>Und die Begleitmusik war immer Moll. Um die gew&uuml;nschten Strukturreformen zu begr&uuml;nden, wurde das Land mies geredet. Einvernehmlich von Wissenschaft und Wirtschaft, von Politik und Publizistik. Noch vor einem Jahr hat Kanzlerin Merkel Deutschland zum Sanierungsfall erkl&auml;rt. Am Ende des Artikels von SpiegelOnline wird Peter Englisch von Ernst &amp; Young dann auch dazu mit der folgenden passenden  Feststellung zitiert: &bdquo;Das wichtigste aber ist, dass wir uns dieser St&auml;rken allm&auml;hlich bewusst werden.&ldquo;<\/p><p>So ist es. Aber es hat viel zulange gedauert. Denn damit wurde auch jahrelang vers&auml;umt, den Gestaltungsspielraum zu nutzen, den eine differenzierte Betrachtung der Standortfaktoren bietet: die Infrastruktur auf Vordermann bringen, die Lebensqualit&auml;t erhalten und verbessern, die kulturelle Vielfalt st&auml;rken, Ursachen von Kriminalit&auml;t bek&auml;mpfen, gut ausbilden, nicht Hunderttausende von jungen Menschen ohne Arbeit und Ausbildung h&auml;ngen lassen und einiges mehr.<\/p><p>Und noch etwas: es w&auml;re wichtig, auch f&uuml;r die Gestaltung der Zukunft daraus zu lernen und endlich die unseligen Reformen und Privatisierungen sein zu lassen und zu korrigieren. Ganz konkret: Zu der jetzt wieder dokumentierten Erkenntnis passt nicht die weitere Privatisierung der Deutschen Bahn AG. Damit gibt der Staat n&auml;mlich einen wichtigen Hebel zur Gestaltung der Infrastruktur und der Lebensqualit&auml;t aus der Hand. Das ist nur ein Beispiel von vielen, die zeigen, dass die politischen Entscheider wie die Hamster im Rad h&auml;ngen. Unf&auml;hig zur Korrektur eines falschen Weges. Vermutlich auch, weil sie von Interessen abh&auml;ngig sind und &bdquo;hamstern.&ldquo;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unentwegt hat man uns erz&auml;hlt, die Attraktivit&auml;t des Standorts Deutschland h&auml;nge von Reformen ab, von Reformen, die den Unternehmen niedrige Unternehmenssteuern, niedrigere Lohnnebenkosten und niedrige Lohnkosten bescheren. 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