{"id":24465,"date":"2015-01-06T13:57:18","date_gmt":"2015-01-06T12:57:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24465"},"modified":"2020-02-25T17:00:23","modified_gmt":"2020-02-25T16:00:23","slug":"der-extremismus-der-mitte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24465","title":{"rendered":"Der Extremismus der Mitte"},"content":{"rendered":"<p>Immer wieder wird von Verteidigern der antiislamischen und fremdenfeindlichen PEGIDA-Bewegung vorgebracht, die Demonstranten seien in ihrer Mehrzahl &bdquo;keine Nazis&ldquo;, sondern &bdquo;ganz normale Leute&ldquo;, die der &bdquo;Mitte der Gesellschaft&ldquo; entstammten. Als k&ouml;nnte man nicht der Mitte der Gesellschaft entstammen und Nazi sein! Von <strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong>.<br>\n<!--more--><\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Der Scho&szlig; ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>(Bertolt Brecht)<\/p><p>Die Menschen, die unter dem Banner von PEGIDA demonstrieren, begreifen sich selbst als Mitte der Gesellschaft. &bdquo;Sie w&uuml;rden sich nie selbst als rechtsextrem bezeichnen&ldquo;, sagt Oliver Decker, Rechtsextremismus-Forscher an der Universit&auml;t Leipzig und Mitautor der &bdquo;Mitte-Studien&ldquo;, &bdquo;sie haben aber extrem rechte Gedanken.&ldquo; Das Gros der PEGIDA-Demonstranten, sagt Decker weiter, entstamme dem Kleinb&uuml;rgertum, das &ndash; wie wir wissen &ndash; auch die Massenbasis des Nationalsozialismus bildete. Sie geh&ouml;ren zu den &bdquo;Stillen im Lande&ldquo;, die allenfalls am Stammtisch laut werden, wenn sie unter sich sind. Dort schwadronieren sie herum, schimpfen auf Obdachlose, Langzeitarbeitslose, Asylsuchende und dieses ganze Politiker-Pack, das durch und durch korrupt ist und nichts tut. Der beliebteste PEGIDA- und Stammtisch-Satz lautet: &ldquo;Alle Politiker in einen Sack stecken und draufhauen, du triffst immer den Richtigen!&rdquo; Es sind viel zu viele &bdquo;Zigeuner&ldquo; im Land und auch &bdquo;der Jude&ldquo; hat nach wie vor seine Finger &uuml;berall im Spiel und &bdquo;steckt letztlich dahinter&ldquo;. Es m&uuml;sste jeder wieder ein Arbeitsbuch haben und gegen Faulenzerei und Schmarotzertum muss endlich hart durchgegriffen werden. Dass Lehrer ihre Sch&uuml;ler nicht mehr z&uuml;chtigen und Homosexuelle heiraten d&uuml;rfen, halten sie f&uuml;r einen gro&szlig;en Unfug und eine Schande. Dass jemand wie Conchita Wurst den europ&auml;ischen Schlagerwettbewerb gewinnt, ist in ihren Augen Ausdruck einer grauenhaften Dekadenz und ein Zeichen des Untergangs des Abendlandes. Sie sehnen sich nach einem &bdquo;starken Mann an der Spitze&ldquo;, der &bdquo;das Volk eint und den ganzen Saustall mit eisernem Besen ausmistet&ldquo;. Nach dem dreizehnten Bier sagt der &bdquo;kleine Mann&ldquo; am Stammtisch schon mal S&auml;tze wie diesen: &bdquo;T&auml;t unser F&uuml;hrer noch leben, unterm Hitler h&auml;tt&lsquo;s des nicht geben.&ldquo; Dem taz-Mitarbeiter Deniz Y&uuml;cel sagte ein Mann, der in Berlin-Marzahn gegen eine geplante Fl&uuml;chtlingsunterkunft demonstrierte, auf die Frage nach seiner politischen Orientierung: &bdquo;Ick bin rechts. Aber nich so extrem. Ick sach ma: Judenverfolgung, dit muss nich sein.&ldquo; Heute Morgen h&ouml;rte ich auf dem Wochenmarkt im Vor&uuml;bergehen einen Metzgermeister zu einem Kunden sagen: &bdquo;Und wenn mer was sacht, werd mer gleich in die Eck gestellt.&ldquo; Es muss nur jemand auftauchen, der diese Leute aus ihrer Ecke befreit; einer, der den ganzen jetzt noch privaten Wahnsinn prinzipialisiert und zur Partei- und Staatsideologie erhebt; einer, der diesen ganzen herumliegenden und im gesellschaftlichen Untergrund grummelnden diffusen Unmut aufsammelt und b&uuml;ndelt. Das hatten wir schon einmal.<br>\nWenn man mir mit dem Verweis auf die &bdquo;Mitte der Gesellschaft&ldquo;  kommt, als w&auml;re das ein demokratisches G&uuml;tesiegel, bin ich deswegen stets versucht zu sagen: &bdquo;Genau, das ist es ja gerade. Da stammt er ja her, der Nationalsozialismus. Dass man der Mitte der Gesellschaft entstammt, hei&szlig;t doch noch lange nicht, dass man kein Nazi sein kann.&ldquo; Ein Mitarbeiter der Berliner taz erh&auml;lt auf die Frage, ob unter den Demonstranten in Dresden Nazis seien, die Antwort: &bdquo;Hier sind keine Nazis. Ich bin Maler, hier gibt es Professoren, Polizisten, Hausfrauen &ndash; alles.&ldquo; Die einen halten das Nazi-Sein offenbar f&uuml;r einen Beruf, andere f&uuml;r eine Eigenheit gewisser Randgruppen der Gesellschaft, die an bestimmten k&ouml;rperlichen Stigmata zu erkennen sind. Das Nazitum ist aber kein Klassen- oder Schichtenmerkmal, sondern eine Frage des Bewusstseins und vor allem des Unbewusst-Seins, des Umgangs mit dem Unbewussten. Als Produkte dieser Gesellschaft sind wir alle nicht frei von der &bdquo;b&uuml;rgerlichen K&auml;lte&ldquo;, die sich Adorno zufolge mit dem sich verallgemeinernden Tauschverh&auml;ltnis wie ein Alb auf die Gesellschaft und ihre Bewohner legt und deren F&auml;higkeit zur Identifikation mit fremden Leiden systematisch besch&auml;digt und einschr&auml;nkt. Es gibt jenseits des politischen Begriffs einen Faschismus der Gef&uuml;hle, einen Faschismus weit unterhalb des Kopfes. Manche Leute leiden unter einer Art braunen Juckens beim Anblick von Menschen, die nicht sichtlich Ihresgleichen sind, bei der Wahrnehmung von kleinsten Zeichen der Differenz und Fremdartigkeit.<br>\nDer durchschnittliche Erwachsene dieser Kultur ist ein Produkt von Wunschvernichtung und verinnerlichter Repression. Immer, wenn ihm au&szlig;erhalb seiner etwas begegnet, das auf ein Mehr an Freiheit und Gl&uuml;ck hindeutet oder das einfach nur anders ist, &bdquo;geht ihm das Messer in der Tasche auf&ldquo;. Der autorit&auml;r erzogene Mensch wird eine Neigung davontragen, das, was er selbst unter Schmerzen in sich abt&ouml;ten und begraben musste, aus sich herauszusetzen und dort am Anderen zu bek&auml;mpfen und zu vernichten. Auf der Basis eines an seiner Entfaltung gehinderten, durch p&auml;dagogische Dressur partiell get&ouml;teten Lebens entwickelt sich eine konformistische B&ouml;sartigkeit, ein Zugleich von Anpassung und Aggression. Ihr wohnt eine Tendenz inne, sich am Anderen schadlos zu halten und zu verfolgen, was einem lebendiger vorkommt: &bdquo;Der da, der rei&szlig;t sich nicht so zusammen wie ich!&ldquo; Ressentiments und Feindseligkeit schlagen dem um sein Gl&uuml;ck Betrogenem aus allen Poren. &bdquo;Gleiches Unrecht f&uuml;r alle!&ldquo;, avanciert zur unausgesprochenen Maxime seines ungelebten Lebens. Dieser Faschismus der Gef&uuml;hle oder der Gef&uuml;hllosigkeit ist zu verstehen als eine Parteinahme f&uuml;r das Abgestorbene und Tote in der eigenen Person. Faschismus oder Nicht-Faschismus sind also in erster Linie eine Frage der Achtung und Verachtung des Lebendigen und erst dann eine im engeren Sinn politische Entscheidung f&uuml;r Links oder Rechts. Dass ein Mensch soziologisch der Mittelschicht angeh&ouml;rt, sagt nichts dar&uuml;ber aus, ob er Faschist und Nazi ist oder auf der Seite derer steht, die f&uuml;r Freiheit und die Entfaltung des Lebendigen k&auml;mpfen. Er kann sich entscheiden, und auch, wenn er sich nicht entscheidet, hat er sich entschieden. <\/p><p>Der Schriftsteller Horst Kr&uuml;ger nahm 1964 vier Wochen lang als &bdquo;stummer Zeuge&ldquo; und  journalistischer Beobachter am Frankfurter Auschwitz-Prozess teil. Er hat seine Beobachtungen in seinem autobiographischen Buch <em>Das zerbrochene Haus<\/em>. Eine <em>Jugend in Deutschland<\/em> (Hamburg 1976) festgehalten. Am ersten Prozesstag, dem er beiwohnte, fragte er in der Mittagspause einen Kollegen: &bdquo;Und die Angeklagten? Wo sind denn die eigentlich?&ldquo; Er hatte im Gerichtssaal nur beh&auml;bige Frankfurter B&uuml;rgergesichter und freundliche Leute wahrgenommen. Der Kollege kl&auml;rt ihn auf, dass die Angeklagten direkt vor ihm s&auml;&szlig;en. Da begriff Horst Kr&uuml;ger, dass man sie nicht unterscheiden kann, dass sie sind wie alle. &bdquo;Zweiundzwanzig M&auml;nner sind hier angeklagt, acht sind in Haft, vierzehn gegen Kaution in Freiheit, und alle sehen mit ganz wenigen Ausnahmen nat&uuml;rlich aus wie alle anderen, benehmen sich wie alle anderen, sind wohlgen&auml;hrte, gut gekleidete Herren im gehobenen Alter: Akademiker, &Auml;rzte, Kaufleute, Handwerker, Hausmeister, B&uuml;rger unserer neudeutschen Gesellschaft im &Uuml;berfluss, freie Bundesb&uuml;rger, die drau&szlig;en ihr Auto vor dem R&ouml;mer stehen haben und zur Verhandlung kommen wie ich. Da ist nichts zu unterscheiden.&ldquo; Die Massenm&ouml;rder sind inzwischen wieder das, was sie vor den Massenmorden waren. Auffallend viele von ihnen arbeiten als Buchhalter. &bdquo;Bestand denn die ganze SS aus Buchhaltern&ldquo;, fragt sich Horst Kr&uuml;ger irritiert und erschrickt vor der Erkenntnis, dass der Faschismus aus der b&uuml;rgerlichen Normalit&auml;t herausgewachsen und nach 1945 wieder in ihr verschwunden ist. Der ehemalige Nazi ist kein z&auml;hnefletschendes Ungeheuer, sondern der nette Mann von gegen&uuml;ber, der im Park seinen Hund ausf&uuml;hrt und den Enkeln auf dem R&uuml;ckweg vom B&uuml;ro ein Eis mitbringt. Adorno nannte die KZ-Schergen, von denen einige in Frankfurt vor Gericht standen, &bdquo;Normalunget&uuml;me&ldquo;. Man kann aus dieser Erkenntnis die Konsequenz ziehen: Es gibt keine harmlose b&uuml;rgerliche Normalit&auml;t, der &bdquo;Normale&ldquo; ist schon auf dem Weg zum Handlungshilfen. Der loyale B&uuml;rger tut seine Pflicht und gehorcht &ndash; egal unter welcher Regierung. Peter Br&uuml;ckner zog daraus den radikalen Schluss: &bdquo;Nur wer zu nichts B&uuml;rgerlichem taugt, taugt auch nicht zum Faschisten&ldquo;. <\/p><p>Der faschistische Agitator und die politische Rechte betreiben, hat Leo L&ouml;wenthal gesagt, &bdquo;umgekehrte Psychoanalyse&ldquo;. Statt das dumpf im psychischen Untergrund Schwelende und die frei flottierenden &Auml;ngste &uuml;ber sich selbst aufzukl&auml;ren und ins Bewusstsein zu heben, wie es psychoanalytische und aufkl&auml;rerisch-demokratische Praxis w&auml;re, eignen sie sich diesen Rohstoff so an, wie er bereit liegt, und setzen ihn f&uuml;r ihre Zwecke in Gang. Sie r&uuml;cken den verunsicherten Menschen einen Feind zurecht, den sie f&uuml;r ihr Ungl&uuml;ck verantwortlich machen k&ouml;nnen. In Zeiten verbreiteter Verunsicherung und Desorientierung steigt das Bed&uuml;rfnis nach entlastenden Vereinfachungen, und wer die simpelsten Polarisierungen liefert, hat die besten Aussichten, Geh&ouml;r und Gefolgschaft zu finden. Wirkliche Aufkl&auml;rung &ndash; unter striktem Verzicht auf alles Populistisch-Reklame&auml;hnliche &ndash; ist dagegen m&uuml;hsam und schmerzhaft. Sie muss den steinigen Acker der Vorurteile bestellen, den herumliegenden Rohstoff an allt&auml;glichen Meinungen komplizierten Bearbeitungsprozessen unterziehen, muss lange Wege und Umwege gehen, um von der Ebene der erscheinenden Wirklichkeit zum Wesen der Dinge vorzudringen, und steht deswegen oft auf verlorenem Posten.<br>\n&ldquo;Die fast unl&ouml;sbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen&rdquo;, schrieb Adorno in seinem Buch <em>Minima Moralia<\/em>.<\/p><p>Im Januar 2015 erscheint im verlag Brandes &amp; Apsel G&ouml;tz Eisenbergs neues Buch <em>Zwischen Amok und Alzheimer &ndash; Zur Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus<\/em>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Immer wieder wird von Verteidigern der antiislamischen und fremdenfeindlichen PEGIDA-Bewegung vorgebracht, die Demonstranten seien in ihrer Mehrzahl &bdquo;keine Nazis&ldquo;, sondern &bdquo;ganz normale Leute&ldquo;, die der &bdquo;Mitte der Gesellschaft&ldquo; entstammten. 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