{"id":24478,"date":"2015-01-07T12:48:30","date_gmt":"2015-01-07T11:48:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24478"},"modified":"2015-01-07T17:43:48","modified_gmt":"2015-01-07T16:43:48","slug":"griechenland-und-der-euro-was-merkel-und-schaeuble-der-oeffentlichkeit-verschweigen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24478","title":{"rendered":"Griechenland und der Euro \u2013 Was Merkel und Sch\u00e4uble der \u00d6ffentlichkeit verschweigen"},"content":{"rendered":"<p>Glaubt man einer offenbar von Regierungskreisen gezielt im SPIEGEL lancierten Information, halten Angela Merkel und Wolfgang Sch&auml;uble einen Austritt Griechenlands aus dem Euro mittlerweile f&uuml;r &bdquo;verkraftbar&ldquo;. Die Ansteckungsgefahr f&uuml;r andere L&auml;nder sei &bdquo;begrenzt&ldquo;, der ESM &bdquo;schlagkr&auml;ftig&ldquo; &ndash; also alles kein gro&szlig;es Problem. Diese Aussagen sind jedoch bei n&auml;herer Betrachtung abenteuerlich und stellen das Nonplusultra einer marktkonformen Demokratie dar. Was Merkel und Sch&auml;uble verschweigen: Dank ihrer Politik haftet mittlerweile der europ&auml;ische Steuerzahler f&uuml;r kommende Ausf&auml;lle bei der R&uuml;ckzahlung der griechischen Staatsschulden. Ein Austritt aus dem Euro w&auml;re sicher f&uuml;r die M&auml;rkte verkraftbar &ndash; f&uuml;r den Steuerzahler w&auml;re er ein unglaublich teures Desaster. Einmal mehr zeigt sich, dass die Loyalit&auml;t der Bundesregierung nicht den Menschen, sondern den Finanzm&auml;rkten gilt. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nViel hat sich seit Beginn der Eurokrise in Griechenland getan, darunter ist jedoch nichts zu finden, das in welcher Form auch immer Hoffnung auf eine bessere Zukunft macht. Die Wirtschaft ist seit 2009 um mehr als ein Viertel geschrumpft, die Reall&ouml;hne sind im Schnitt um mehr als 10 Prozent gesunken, jeder vierte Grieche ist arbeitslos, bei den jungen Griechen hat sogar mehr als die H&auml;lfte keinen Job. Das ist es wohl, was sich die Bundesregierung unter &bdquo;den G&uuml;rtel enger schnallen&ldquo; versteht, das den Kern der sogenannten &bdquo;Sparpolitik&ldquo; begr&uuml;ndet. Dass diese &bdquo;Sparpolitik&ldquo; nicht funktionieren kann, haben wir auf den NachDenkSeiten bereits unz&auml;hlige Male dargelegt (u.a. <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19020\">hier<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18918\">hier<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17842\">hier<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14982\">hier<\/a>) &ndash; und dabei geht es freilich nicht ums &bdquo;Recht haben&ldquo;, gerne l&auml;gen wir daneben. Die Zahlen sprechen jedoch eine glasklare Sprache: Am Vorabend der Krise war Griechenland mit insgesamt 297 Mrd. Euro verschuldet, dies entsprach damals 129% des Bruttoinlandsprodukts. Nach einem &bdquo;gro&szlig;en&ldquo; Schuldenschnitt und vier Jahren &bdquo;Sparpolitik&ldquo; sieht die Situation heute folgenderma&szlig;en aus: Griechenland ist mit 322 Mrd. Euro verschuldet, was mehr als 170% des Bruttoinlandsprodukts entspricht. Nicht nur dem griechischen Volk ist nicht mehr zu vermitteln, wof&uuml;r es dieses ganze Leid auf sich nimmt, wenn keine Perspektive besteht, dass die Lage sich irgendwann einmal verbessern k&ouml;nnte, sich de facto vielmehr von Jahr zu Jahr verschlechtert.<\/p><p>Es spielt gar nicht einmal eine so gro&szlig;e Rolle, wer am 19. Januar die Wahlen in Griechenland gewinnt &ndash; zu glauben, dass Griechenland seine Staatschulden mittel- bis langfristig brav bedient, beleidigt die Intelligenz all jener, die zumindest die Grundz&uuml;ge der Mathematik beherrschen. Die einzige offene Frage ist, wann die Griechen aus ihrer Duldungsstarre ausbrechen und ihrem Leiden ein Ende machen. Sollte die griechische Linkspartei Syriza die kommenden Wahlen gewinnen und eine Regierungsmehrheit auf die Beine stellen k&ouml;nnen, besteht zumindest eine Chance, dass sich diese Entwicklung forciert. Wahrscheinlich wird in einem solchen Falle die neue griechische Regierung mit der Troika neue Verhandlungen aufnehmen, bei denen von griechischer Seite eine teilweiser Schuldenerlass (Umschuldung\/Schuldenschnitt) und\/oder eine Stundung der ausstehenden Zahlungsverpflichtungen angestrebt wird. Allem Theaterdonner aus Berlin zum Trotz ist es auch wahrscheinlich, dass Griechenland sich mit diesen Forderungen im Kern durchsetzt. Denn es gibt einen fundamentalen Unterschied im Vergleich zum Vorkrisenjahr.<br>\nNoch im M&auml;rz 2010 war Griechenland ausschlie&szlig;lich bei privaten Gl&auml;ubigern (Banken, Versicherungen, Fonds, Privatpersonen) verschuldet. Heute ist Griechenland nahezu ausschlie&szlig;lich bei &ouml;ffentlichen Gl&auml;ubigern (die Staaten der Eurozone, der Rettungsmechanismus ESM, der IWF und die EZB) verschuldet. 2013 standen lediglich Papiere im Nennwert von f&uuml;nf Milliarden Euro in den Forderungsb&uuml;chern privater Anleger, die nicht auf welche Art auch immer direkt oder indirekt vom &ouml;ffentlichen Sektor abgesichert sind. Diese Papiere sind jedoch &bdquo;Exoten&ldquo;, die nach englischem Recht ausgegeben wurden und daher de facto an einem kommenden Schuldenschnitt nicht teilnehmen werden. &Auml;hnliches gilt f&uuml;r die Kredite des IWF, die vertragsgem&auml;&szlig; als &bdquo;super senior&ldquo; eingestuft sind und daher bei einem Schuldenschnitt nachrangig behandelt werden. Dank der &bdquo;Rettungspolitik&ldquo; der Troika, die ganz ma&szlig;geblich von Berlin diktiert wurde, haben also private Gl&auml;ubiger bei einem kommenden Schuldenschnitt nichts zu bef&uuml;rchten, w&auml;hrend die Haushalte der Eurostaaten &ndash; und hier ist Deutschland mit 25% dabei &ndash; die alleinigen Gesch&auml;digten sein werden. <\/p><p>Dazu: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18230\">Jens Berger: Merkels Milliardenhypothek &ndash; das falsche Spiel mit Griechenlands Schulden<\/a><\/p><p>Auch wenn ein Austritt Griechenlands aus dem Euro gem&auml;&szlig; den Vertragswerken der Europ&auml;ischen Union und der Eurozone eigentlich gar nicht m&ouml;glich ist, geh&ouml;rt dennoch nicht viel Phantasie dazu, sich ein Szenario auszumalen, bei dem Griechenland gar keine andere Wahl hat. Dazu w&uuml;rde es schon gen&uuml;gen, das Land vom Zahlungsverkehr des EZB-Systems abzuschneiden und Griechenland zwingen, die Eurozone zu verlassen. Jede neue W&auml;hrung w&uuml;rde jedoch &ndash; da besteht kein Zweifel &ndash; gegen&uuml;ber dem Euro massiv abwerten, die Au&szlig;enverschuldung w&uuml;rde also relativ zur Wirtschaftskraft mit einem Schlag massiv steigen. Schon bei einer Schuldenquote von 170% ist es illusorisch an eine Bedienung der Staatsschulden zu glauben &ndash; bei noch h&ouml;heren Werten, die dann auch noch in einer Auslandsw&auml;hrung notiert w&auml;ren, ist es &auml;u&szlig;erst unwahrscheinlich, dass Griechenland auch nur einen nennenswerten Teil dieser Schulden wird bedienen k&ouml;nnen. Ein gr&ouml;&szlig;erer Schuldenschnitt wird kommen und wie bereits ausgef&uuml;hrt wird dieser Schuldenschnitt einzig und allein zu Lasten der &ouml;ffentlichen Haushalte der &uuml;briggebliebenen Eurostaaten gehen. Alleine der deutsche Staat m&uuml;sste dabei bis zu 70 Mrd. Euro abschreiben. Und das soll nach Ansicht von Angela Merkel und Wolfgang Sch&auml;uble &bdquo;verkraftbar&ldquo; sein? Aber nicht doch.<\/p><p>Entweder blufft die deutsche Regierung und will mit diesem Schachzug &bdquo;nur&ldquo; Einfluss auf die Wahlergebnisse in Griechenland nehmen oder sie hat die Marktkonformit&auml;t bereits so verinnerlicht, dass es ihr ausschlie&szlig;lich um die Finanzm&auml;rkte aber nicht mehr um das Wohl des Volkes geht. Sicher &ndash; f&uuml;r die Finanzm&auml;rkte h&auml;tte ein griechischer Euroausstieg samt Staatsbankrott kein sonderliches Schreckenspotenzial. Das hat nat&uuml;rlich nichts mit den &bdquo;Fortschritten&ldquo; in der Eurozone oder dem &bdquo;schlagkr&auml;ftigen Rettungsmechanismus&ldquo; zu tun, die die deutsche Regierung ins Spiel bringt. Dies sind PR-Phrasen, an die selbst in Berlin niemand glaubt. Die Ansteckungsgefahr wurde vielmehr durch die klare Aussage des EZB-Chefs Draghi gebannt, im Notfall ohne Limits Staatsanleihen zu kaufen. <\/p><p>Dabei gebe es zahlreiche L&ouml;sungen f&uuml;r das &bdquo;griechische Problem&ldquo;. Selbstverst&auml;ndlich k&ouml;nnte man Verhandlungen &uuml;ber einen Schuldenschnitt f&uuml;hren. Dies ist ohnehin mittel- bis langfristig unausweichlich. Sowohl die griechische als auch die deutsche Regierung scheinen jedoch bis jetzt die Strategie zu verfolgen, die Augen vor dieser sicher nicht sonderlich popul&auml;ren L&ouml;sung zu verschlie&szlig;en und das Problem an ihre Nachfolger weiterreichen zu wollen. Dadurch wird das Problem jedoch nicht kleiner. Es geht beim Thema Schuldenschnitt nicht um das &bdquo;ob&ldquo;, sondern nur um das &bdquo;wann&ldquo; und mehr noch um das &bdquo;wie&ldquo;. Der Eurozone stehen n&auml;mlich alle Mittel zur Verf&uuml;gung, die nicht tragf&auml;higen griechischen Staatsschulden zu entsch&auml;rfen, ohne dass andere Eurozonenstaaten direkt zur Kasse gebeten werden.<\/p><p>Daf&uuml;r m&uuml;ssten die Schulden jedoch einmal mehr wandern &ndash; und zwar von den &ouml;ffentlichen Haushalten hin zur EZB. W&uuml;rde die EZB den Eurostaaten ihre Forderungen an Griechenland abkaufen, h&auml;tte sie die volle Gestaltungsmacht. Sie k&ouml;nnte &ndash; was rechtlich jedoch problematisch sein d&uuml;rfte &ndash; einen Schuldenschnitt anregen und die Verluste &uuml;bernehmen, ohne dass daf&uuml;r die Eurostaaten eine Rechnung gestellt bekommen. Sie k&ouml;nnte die ausstehenden Schulden jedoch auch per einseitigem Moratorium in langfristige aber daf&uuml;r zinsfreie Forderungen umwandeln, die den griechischen Staatshaushalt nicht mehr belasten aber daf&uuml;r zumindest auf dem Papier fortbestehen bleiben.<\/p><p><em>Zu alternativen Konzepten wie &bdquo;Evergreen Bonds&ldquo; oder &bdquo;Nullkuponanleihen&ldquo;, die eine wichtige Alternative zum Schuldenschnitt darstellen, von Merkel und Co. aber kategorisch ausgeschlossen werden, siehe: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18230\">Wenn marktkonformer Zynismus ein Land vor die Hunde gehen l&auml;sst<\/a><\/em><\/p><p>M&ouml;glichkeiten gibt es also viele, die Lage ist keinesfalls alternativlos und es besteht auch nicht der geringste Grund, Griechenland marktkonform aus der Eurozone zu werfen oder vor die Hunde gehen zu lassen. Man muss jedoch leider auch feststellen, dass der politische Wille, diese Dauerkrise im Sinne der Menschen zu l&ouml;sen, nicht vorhanden ist. Daher ist es nicht auszuschlie&szlig;en, dass die deutsche Regierung die n&auml;chste Eselei begeht und nun nicht nur Griechenland &uuml;ber die Klinge springen l&auml;sst, sondern zudem den eigenen B&uuml;rgern eine weitere Milliardenhypothek aufb&uuml;rdet. Und nicht, dass es hier zu Missverst&auml;ndnissen kommt &ndash; diese Milliardenhypothek wurde nicht aufgenommen, um &bdquo;die Griechen&ldquo; vor was auch immer zu retten, sondern einzig und allein, um die Banken und Finanzinstitute vor den notwendigen Abschreibungen zu retten. Sie waren es, die Griechenland Geld geliehen haben, das deutlich besser verzinst wurde als bei sichereren Anlagen, wie beispielsweise deutschen Staatsanleihen. Die Banken haben die Rendite f&uuml;r ein Risiko kassiert, dass sie nicht tragen, sondern dank Angela Merkel und Wolfgang Sch&auml;uble an den deutschen Steuerzahler abgegeben haben. Nun ist es f&uuml;r sie kein Problem mehr, wenn diese Papiere sich als wertlos herausstellen. Wenn das nicht marktkonform ist, was ist dann &uuml;berhaupt marktkonform?<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/60b41c4ff7c84d79953082dd68966c4d\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Glaubt man einer offenbar von Regierungskreisen gezielt im SPIEGEL lancierten Information, halten Angela Merkel und Wolfgang Sch&auml;uble einen Austritt Griechenlands aus dem Euro mittlerweile f&uuml;r &bdquo;verkraftbar&ldquo;. Die Ansteckungsgefahr f&uuml;r andere L&auml;nder sei &bdquo;begrenzt&ldquo;, der ESM &bdquo;schlagkr&auml;ftig&ldquo; &ndash; also alles kein gro&szlig;es Problem. 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