{"id":245,"date":"2004-05-12T13:35:36","date_gmt":"2004-05-12T12:35:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=245"},"modified":"2016-03-31T12:01:59","modified_gmt":"2016-03-31T10:01:59","slug":"eichels-sparkurs-vergrosert-das-loch-in-der-kasse-wie-bill-clinton-den-haushalt-sanierte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=245","title":{"rendered":"Eichels Sparkurs vergr\u00f6\u00dfert das Loch in der Kasse. Wie Bill Clinton den Haushalt sanierte."},"content":{"rendered":"<p>Seit 20 Jahren erkl&auml;rten alle Bundesregierungen die Haushaltskonsolidierung zu einem der wichtigsten politischen Ziele, im Gegensatz dazu sind aber die Schulden der &ouml;ffentlichen Haushalte immer weiter auf nunmehr 1,3 Billionen Euro gestiegen. Finanzminister Eichel, der die Nettokreditaufnahme durch Einsparungen ab 2006 auf Null zur&uuml;ckfahren wollte, steht vor immer gr&ouml;&szlig;ere L&ouml;chern in der Kasse, weil die Steuereinnahmen immer weiter hinter den Sch&auml;tzungen zur&uuml;ckbleiben weil Steuern gesenkt wurden und die Konjunktur nicht anspringt. Bush Senior hinterlie&szlig; 1992 Bill Clinton ein Haushaltsdefizit von fast 5 Prozent des US-Bruttoinlandsprodukts; am Ende seiner Amtszeit hatten die USA sogar einen Haushalts&uuml;berschuss. Mit Sparen? Mit Steuersenkungen? Mit K&uuml;rzung der Sozialleistungen?<br>\n<!--more--><br>\nWie die Clinton-Administration das Kunstst&uuml;ck schaffte, aus einer Rezession heraus das Haushaltsdefizit abzubauen, die Wirtschaft anzukurbeln und Arbeitslosigkeit zu senken, ohne vor allem auf die K&uuml;rzung von Sozialleistungen zu setzen, beschreibt Joseph E. Stiglitz, Nobelpreistr&auml;ger f&uuml;r Wirtschaft im Jahr 2001 und einer der wichtigsten Wirtschaftsberater Clintons, in seinem Buch &ldquo;Die Roaring Nineties&rdquo; (Siedler, 2004).<\/p><p>Sein Erfolgsgeheimnis l&auml;sst sich wie folgt zusammenfassen:<\/p><ul>\n<li>Niedrigere Zinsen und die gr&ouml;&szlig;ere Bereitschaft der Banken, Kredite zu vergeben.<\/li>\n<li>Vertrauen in die Zukunft zu bilden, sogar mit dem Mittel &ldquo;die Statistiken ins rechte Licht zu r&uuml;cken&rdquo;, z.B. indem man z.B. die Inflationsgefahr &ldquo;klein redete&rdquo;.<\/li>\n<li>Verringerung der Einkommensungleichheit.<\/li>\n<li>Technologische Innovationen und Beseitigung von Infrastrukturdefiziten.<\/li>\n<li>Ausgabenk&uuml;rzungen bei (man h&ouml;re und staune) gleichzeitigen Steuererh&ouml;hungen &uuml;berwiegend f&uuml;r die &ldquo;Reichen&rdquo;, um die Kosten des Anpassungsprozesses zu teilen.<\/li>\n<\/ul><p>Bei uns h&ouml;rt und tut man geradezu das Gegenteil: Die Zinsen sind doppelt so hoch wie in den USA. Die Banken halten sich mit der Kreditvergabe zur&uuml;ck. Statt Vertrauen zu bilden, wird das Land mies geredet. Die Steigerung der Einkommensungleichheit wird als Stimulus f&uuml;r mehr Leistungsbereitschaft erkl&auml;rt.<br>\nAusgabenk&uuml;rzungen finden &uuml;berwiegend auf Kosten der &Auml;rmeren statt und Steuererh&ouml;hungen (zumal f&uuml;r die Reicheren) werden zum konjunkturellen Gift erkl&auml;rt.<br>\nImmerhin f&auml;ngt die Bundesregierung jetzt an, Impulse bei der technologischen Innovation zu setzen.<\/p><p>Nat&uuml;rlich hatte die damalige amerikanische Situation ihre Besonderheiten und schon gar nicht kann man sie mit der heutigen Situation in Deutschland vergleichen (schon allein deshalb nicht, weil unser Haushaltsdefizit zum Teil durch die rund 1250 Milliarden Transferleistungen in die neuen Bundesl&auml;nder verursacht wurde), aber anders als unsere &ldquo;Wirtschaftssachverst&auml;ndigen&rdquo; kommt Stiglitz zu dem allgemeinen Ratschlag: &ldquo;Moderate Defizite (hinzunehmen), die in dem Ma&szlig;e abgebaut werden, wie die Konjunktur wieder tritt fasst, (sind) der beste Weg, um Vertrauen wiederherzustellen&rdquo; (S. 75).<br>\n&ldquo;Der Abbau der Haushaltsdefizite (was ja de facto nicht einmal gelungen ist) l&ouml;ste in Europa bislang keinen Aufschwung aus, und er wird dies aller Wahrscheinlichkeit nach auch nicht tun.&rdquo; (S.78), meint Stiglitz und f&uuml;gt hinzu, &ldquo;dass eine expansive Fiskalpolitik erwiesenerma&szlig;en die beste Arznei gegen einen konjunkturellen Abschwung ist&rdquo; (S. 77).<br>\n&ldquo;Eine fein abgestimmte kreditfinanzierte Erh&ouml;hung der Staatsausgaben dagegen h&auml;tte die Konjunktur kurzfristig beleben und Wachstum langfristig st&auml;rken k&ouml;nnen&rdquo; (S. 79).<br>\nDie von Bush Senior durchgesetzten Steuersenkungen (wie bei uns vor allem f&uuml;r die Kapitaleink&uuml;nfte) verfehlten sowohl kurzfristig als auch langfristig ihr Ziel.<\/p><p>Stiglitz kritisiert scharf die 3%-Grenze das Maastrichter Vertrages: &ldquo;Daher waren der Europ&auml;ischen Zentralbank die H&auml;nde gebunden, als sich die Konjunktur in Europa im Jahr 2001 abschw&auml;chte. Sie verzichtete weitgehend auf Zinssenkungen, und die einzelnen Regierungen konnten die Konjunktur nicht durch Steuersenkungen oder Ausgabenerh&ouml;hungen ankurbeln &ndash; in krassem Gegensatz zu den USA..&rdquo; (S. 106)<\/p><p>Vergleicht man diese &ouml;konomischen Erfahrungen und Einsichten mit der Debatte bei uns, so bleibt das traurige Fazit: Unsere &Ouml;konomen haben aus den neunziger Jahren nichts gelernt. Sie empfehlen noch immer die Rezepte der Reaganomics, die da lauten: Sparen bei den Schwachen bei gleichzeitiger Steuersenkung f&uuml;r die Reichen, Entstaatlichung oder kurz: &ldquo;Starve the Beast&rdquo;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit 20 Jahren erkl&auml;rten alle Bundesregierungen die Haushaltskonsolidierung zu einem der wichtigsten politischen Ziele, im Gegensatz dazu sind aber die Schulden der &ouml;ffentlichen Haushalte immer weiter auf nunmehr 1,3 Billionen Euro gestiegen. 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