{"id":2453,"date":"2007-07-02T08:25:21","date_gmt":"2007-07-02T06:25:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2453"},"modified":"2016-01-01T12:53:14","modified_gmt":"2016-01-01T11:53:14","slug":"blinde-eliten-erfahrungen-anderer-laender-werden-ignoriert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2453","title":{"rendered":"Blinde Eliten: Erfahrungen anderer L\u00e4nder werden ignoriert"},"content":{"rendered":"<p>Aus Anlass der &Uuml;bernahme der Regierung in London durch den bisherigen Schatzkanzler Brown  hier ein Auszug aus Albrecht M&uuml;llers &bdquo;Machtwahn&ldquo; (2006), Seiten 66f. zur Optimierung der wirtschaftspolitischen Instrumente in den USA (der 90er) und in Gro&szlig;britannien.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Blinde Eliten: Erfahrungen anderer L&auml;nder werden ignoriert<\/strong><\/p><p>Wenn unsere Spitzeneliten uns erkl&auml;ren wollen, warum es trotz aller bisherigen Misserfolge weitergehen soll mit der &raquo;Erneuerung&laquo; und mit den Reformen, dann verweisen sie in der Regel auf andere L&auml;nder: auf Gro&szlig;britannien, auf Schweden, auf D&auml;nemark, auf die USA, jetzt auch auf &Ouml;sterreich und fr&uuml;her gern auf die Niederlande. Es ist richtig, dass die meisten L&auml;nder viel besser abgeschnitten haben als wir. Sie haben h&ouml;here Wachstumsraten und niedrigere Arbeitslosenquoten erreicht &ndash; zum Teil auch eine Verringerung der Staatsschulden. Aber ansonsten stimmt nahezu nichts an den g&auml;ngigen Parolen. Sie beeindrucken nur, weil sie so massiv vorgetragen werden, im Brustton der &Uuml;berzeugung daherkommen und von vielen Absendern gleichlautend verbreitet werden.<\/p><p>Bis vor drei Jahren wurde immer mit den Ergebnissen der &shy;Reformen in den Niederlanden gepunktet. Dabei wurde auf die totale Flexibilit&auml;t und auf das sogenannte Polder-Modell hingewiesen, bei dem Gewerkschaften, Arbeitgeber und Regierung ihre eigenen Interessen hintanstellten und gemeinsam eine Strategie f&uuml;r die Zukunft des Landes entwickelten. Jetzt unterbleibt dieser Hinweis, weil die Niederlande ganz und gar nicht mehr erfolgreich sind: Die Arbeitslosigkeit ist von 3,0 Prozent im Jahr 2000 auf gesch&auml;tzte 6,2 Prozent13 in 2005 gestiegen; die Wachstumsrate lag im Jahr 2000 bei 3,5 Prozent, davor noch h&ouml;her; seitdem erreichen die Niederlande jedoch nur noch Werte wie wir: 1,4 Prozent (2001), 0,1 Prozent (2002), -0,1 Prozent (2003), 1,7 Prozent (2004) und 0,7 Prozent (2005). Angesichts dieser Entwicklung k&ouml;nnte man fragen: Liegt dieser Niedergang auch an den Reformen?<\/p><p>Besonders gern wird mit den Vorbildern Gro&szlig;britannien und USA gearbeitet. Es wird der Eindruck erweckt, als h&auml;tten diese L&auml;nder ihre Erfolge bei den Wachstumsraten und der Bek&auml;mpfung der Arbeitslosigkeit vor allem mit Reformen erreicht.<\/p><p>Wahr ist: Die USA verdanken ihre einigerma&szlig;en erfolgreichen Ergebnisse vor allem einem intelligenten Mix verschiedener Ma&szlig;nahmen. Die amerikanische Notenbank Fed hat unter Alan Greenspan nie nur das Ziel Preisstabilit&auml;t verfolgt, wie es unsere Bundesbank und die Europ&auml;ische Zentralbank tun. Die Fed hat ihre Geldpolitik auch zugunsten des Wachstums und der Besch&auml;ftigung eingesetzt. So hat die US-Notenbank nach dem Einbruch der Aktienm&auml;rkte im Jahr 2001 sofort eine expansive Geldpolitik betrieben und, beginnend im Januar 2001, in zehn Schritten bis November 2001 die &raquo;Federal Funds Rate&laquo;, eine Art Leitzins, von 6,5 Prozent auf 2 Prozent gesenkt (also um 4,5 Prozentpunkte). Im selben Ausma&szlig; senkte sie den Diskontsatz von 6 Prozent auf 1,5 Prozent. Und die USA haben eine Verschuldung des Staates von 5,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts hingenommen. Nur in dieser Kombination einer expansiven Fiskal&shy;politik und einer expansiven Geldpolitik ist es gelungen, den Einbruch, der auf den Niedergang der Aktienm&auml;rkte folgte, zu &uuml;berwinden.<\/p><p>Wenn Sie glauben, die Briten h&auml;tten deshalb bessere Wachstumsraten und eine niedrigere Arbeitslosenrate erreicht, weil Gro&szlig;britannien ein Musterbeispiel einer angebotsorientierten Politik sei, liegen Sie voll im Trend. Auch Peter Bofinger, das Mitglied im Sachverst&auml;ndigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, musste sich mit dieser g&auml;ngigen These auseinandersetzen. In einem Minderheitenvotum zum &shy;Gutachten 2005\/2006 hat er sich ausf&uuml;hrlich damit besch&auml;ftigt.14 Unter der &Uuml;berschrift &raquo;Das britische Besch&auml;ftigungswunder&laquo; weist Bofinger darauf hin, dass die in der ersten H&auml;lfte der achtziger Jahre eingeleiteten Reformen zun&auml;chst keinen nachhaltigen Erfolg hatten. Die Arbeitslosenquote hatte beim Amtsantritt von Maggie Thatcher 1979 bei 4,6 Prozent gelegen und stieg mit ihrer Wirtschaftspolitik auf 11,2 Prozent 1985 an. Sie ging dann auf 6,9 Prozent im Jahr 1990 zur&uuml;ck und erreichte 1993 mit 10 Prozent fast wieder einen H&ouml;chststand.<\/p><p>Eine wirkliche Belebung setzte erst in der zweiten H&auml;lfte der neunziger Jahre ein. Wenn man genau hinschaut, entdeckt man, dass die britische Regierung nach 1992 einen ausgesprochen antizyklischen Kurs fuhr, dass sie akzeptierte, dass die Neuverschuldung 1993 fast 8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmachte, zugleich das Pfund abgewertet wurde und die Zentralbank die Zinsen senkte. Und die L&ouml;hne durften steigen.<\/p><p>Auch die Berufung auf die vermeintliche Reformpolitik Gro&szlig;britanniens ist also grotesk. Die britische Regierung hat keynesia&shy;nische Rezepte angewandt, w&auml;hrend hierzulande Elaborate dar&shy;&uuml;ber geschrieben werden, dass und warum und seit wann der britische National&ouml;konom Sir John Maynard Keynes falsch liegt. Die Briten haben das gemacht, was auch bei uns n&ouml;tig w&auml;re: Sie haben den Einsatz aller m&ouml;glichen Instrumente der Wirtschaftspolitik optimiert. Warum auch nicht? Warum verstehen wir in Deutschland dieses Einmaleins einer vern&uuml;nftigen Wirtschaftspolitik nicht?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus Anlass der &Uuml;bernahme der Regierung in London durch den bisherigen Schatzkanzler Brown hier ein Auszug aus Albrecht M&uuml;llers &bdquo;Machtwahn&ldquo; (2006), Seiten 66f. zur Optimierung der wirtschaftspolitischen Instrumente in den USA (der 90er) und in Gro&szlig;britannien.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[14],"tags":[1747,469,1695,300],"class_list":["post-2453","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-veroffentlichungen-der-herausgeber","tag-brown-gordon","tag-grossbritannien","tag-machtwahn","tag-mueller-albrecht"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2453","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2453"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2453\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29842,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2453\/revisions\/29842"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2453"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2453"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2453"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}