{"id":24532,"date":"2015-01-12T14:03:46","date_gmt":"2015-01-12T13:03:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24532"},"modified":"2015-01-12T16:02:43","modified_gmt":"2015-01-12T15:02:43","slug":"rezension-spaltende-integration-der-triumph-gescheiterter-ideen-in-europa-revisited","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24532","title":{"rendered":"Rezension: \u201eSpaltende Integration. Der Triumph gescheiterter Ideen in Europa \u2013revisited"},"content":{"rendered":"<p>Nach der Krise ist vor der Krise, h&auml;tte der Untertitel zu diesem Buch sein k&ouml;nnen. Inzwischen freilich sieht es so aus, als bef&auml;nde sich die EU l&auml;ngst schon wieder im Krisenmodus. Da kommt ein Buch zur rechten Zeit, das in zehn sehr pr&auml;zisen L&auml;nderstudien zeigt weshalb und auf welche Weise die Integration in den Mitgliedsl&auml;ndern zwischen Stockholm und Athen aus dem Ruder l&auml;uft. Es ist das zweite Mal nach der gro&szlig;en Krise, dass ein europ&auml;isches AutorInnenteam um Steffen Lehndorff zehn L&auml;nderstudien vorlegt, die f&uuml;r GewerkschafterInnen, Arbeits- und SozialpolitikerInnen eine ebenso detaillierte wie kompakte Innenansicht der verschiedenen EU-L&auml;nder anbietet. Von <strong>Harald Werner<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24532#foot_0\" name=\"note_0\">*<\/a>].<br>\n<!--more--><br>\nGing es bei der ersten, 2012 erschienenen <a href=\"http:\/\/www.iaq.uni-due.de\/aktuell\/veroeff\/2012\/lehndorff01.php\">Studie<\/a> mit dem Titel &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/120823_steffen_lehndorff_triumph_gescheiterter_ideen.pdf\">Ein Triumph gescheiterter Ideen<\/a>&ldquo; noch um die unmittelbaren Verlaufsformen und Folgen der Krise, so geht es im neuen Band um die Umrisse eines unaufschiebbaren Kurswechsels, der allein das Auseinanderbrechen der W&auml;hrungsunion verhindern k&ouml;nnte. <\/p><p>Obwohl es nicht an kritischen Analysen der Verwerfungen auf EU-Ebene mangelt, besteht der gro&szlig;e Vorteil dieses Bandes darin, dass er zwar auf der europ&auml;ischen Ebene mit interessanten Beitr&auml;gen beginnt, dann aber mit seinen L&auml;nderstudien in die Tiefe geht. Das ist schon deshalb von besonderem Wert, weil die L&auml;nderstudien die gravierenden Unterschiede zwischen den Mitgliedsstaaten aufdecken, welche in der &uuml;blichen Berichterstattung zur EU-Politik kaum in Erscheinung treten. Und nichts belegt die &bdquo;Spaltende Integration&ldquo; besser, als dass es keine bei allen L&auml;ndern gleicherma&szlig;en wirkende Medizin gibt, Zwar leiden alle auf die gleiche Weise unter der Austerit&auml;tspolitik und dem irrwitzigen Konzept, sich aus der Krise heraus zu sparen. Doch wenn man sich die einzelnen L&auml;nderstudien anschaut, zeigen sich so gravierende Unterschiede, dass das Projekt fast zwangsl&auml;ufig zum Scheitern verurteilt ist, wenn nicht ein vertiefender Integrationsmodus gefunden wird, mit dem die schw&auml;cheren L&auml;ndern gezielt unterst&uuml;tzt werden.  <\/p><p>In seinem <a href=\"http:\/\/www.vsa-verlag.de\/uploads\/media\/www.vsa-verlag.de-Lehndorff-Spaltende-Integration.pdf\">Einleitungskapitel<\/a> fasst Lehndorff zun&auml;chst einmal die mit den Maastricht-Kriterien festgezurrten Konstruktionsm&auml;ngel der &bdquo;Konkurrenzunion&ldquo; zusammen, die das Euro-Geb&auml;ude 2010 fast zum Einsturz brachten, obwohl hinter dem ausl&ouml;senden Faktor des Desasters, n&auml;mlich der nach oben korrigierten Staatsschuld Griechenlands, ein Land stand, das damals nur 1,8 Prozent zur EU-Wirtschaftsleistung beisteuerte. Kein Spekulationsangriff h&auml;tte den Euro in Gefahr bringen k&ouml;nnen, w&auml;re der gegenseitige Beistand der Euro-L&auml;nder in Maastricht nicht ausdr&uuml;cklich verboten worden. Doch der Fluch der bl&ouml;den Tat konnte Bl&ouml;des nur geb&auml;ren, als mit der vor allem von Deutschland verordneten Rezeptur versucht wurde, die Wirtschafts- zu einer &bdquo;Stabilit&auml;tsunion&ldquo; zu erheben. Seit dem &bdquo;hat das Bruttoinlandsprodukt (BIP) nur in vier der im vorliegenden Buch analysierten L&auml;nder das Vorkrisen-Niveau wieder erreicht oder &uuml;bertroffen.&ldquo; (S.15) <\/p><p>Dieser R&uuml;ckblick ist zusammen mit Lehndorffs Kapitel zur &bdquo;neuen Karriere des Modell Deutschland&ldquo; (S.131)  insofern besonders lesenswert, weil er nicht nur die Fakten f&uuml;r die &uuml;berf&auml;llige Revision der europ&auml;ischen Austerit&auml;tspolitik liefert, sondern auch f&uuml;r die politische Auseinandersetzung mit der gegenw&auml;rtigen Bundesregierung.  Denn was Merkel &amp; Co als Erfolgsmodell verkaufen m&ouml;chten, verdankt sich nicht nur einer Politik, die im eigenen Land mit stagnierenden Arbeitseinkommen und der Aufbl&auml;hung des Niedriglohnsektors bezahlt wurde, sondern dieses Modell speist sich auch aus der Not anderer. Einerseits bremst die deutsche Binnenmarktschw&auml;che die Importe anderer Mitgliedsl&auml;nder aus und andererseits kann sich der deutsche Staat auf Grund der Schuldenprobleme seiner Nachbarn sich &bdquo;real zum Nulltarif&ldquo; verschulden . (S.151) Auch die berechtigte Klage &uuml;ber die den deutschen Export&uuml;berschuss muss eigentlich umformuliert werden: &bdquo;Deutschland importiert zu wenig&ldquo;. (S.93) <\/p><p>Nat&uuml;rlich werden sich die meisten zun&auml;chst f&uuml;r die <strong>L&auml;nderstudie Griechenlands<\/strong>, gewisserma&szlig;en den Brandherd der Staatsschuldenkrise interessieren. Der Beitrag belegt aber zun&auml;chst einmal wie hoffnungsvoll sich seine Wirtschaft vor der Krise entwickelte, als Griechenland nach den Iren die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft der Eurozone war.(S,83) Zwar listet die Autorin ausf&uuml;hrlich die inneren Probleme auf, die der Staatsverschuldung einen enormen Aufschwung verliehen, macht aber auch deutlich, dass erst die dann verordnete Schocktherapie in die griechische Trag&ouml;die m&uuml;ndete. <\/p><p>In seiner Hauptaussage am &uuml;berraschendsten ist der Beitrag &uuml;ber <strong>Irland<\/strong>, dem es &uuml;berraschenderweise gelang, den sozialen Zusammenbruch zu verhindern und wo der Gini-Koeffizient trotz allgemein sinkender Einkommen sogar leicht zur&uuml;ckging. Auch in <strong>&Ouml;sterreich<\/strong> konnte in der Krise eine leichte Reallohnsteigerung durchgesetzt werden, weil letztlich die &bdquo;Krise zu einer Wiederbelebung der &ouml;sterreichischen Sozialpartnerschaft gef&uuml;hrt hat.&ldquo; (S.185) &Auml;hnlich in <strong>Schweden<\/strong> wo es trotz erheblicher sozialer Einbr&uuml;che gelang, mit geldpolitischen Ma&szlig;nahmen &bdquo;zwischen 12.000 und 15.000 Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse zu sichern.&ldquo; (S.237) Bei all diesen eher positiven Beispielen ist jedoch un&uuml;bersehbar, dass die n&auml;chste Krise gr&ouml;&szlig;ere Opfer kosten wird, weil sich die Sonderbedingungen der eher glimpflich durch die Krise gekommenen L&auml;nder ersch&ouml;pft haben.     <\/p><p>Ausgesprochen dramatisch die <strong>spanische Bilanz<\/strong>, wo ein auf die Bau- und Tourismusbranchen gegr&uuml;ndetes Wachstumsmodell zusammenbrach,  zu dem es in keiner Branche eine Alternative gibt. (S.40) Gleichzeitig ist &bdquo;die Kluft zwischen den Einkommen der unteren 20% in Einkommensskala (&hellip;)um fast 30% gr&ouml;&szlig;er geworden&ldquo;, so dass der Anteil der armutsgef&auml;hrdeten Besch&auml;ftigten in Spanien auf 12,3 % gestiegen ist. (S.60) <\/p><p>Wie Spanien leiden auch <strong>Frankreich<\/strong> und <strong>Italien<\/strong> unter erheblichen Strukturdefiziten, die allein schon deshalb problematisch sind, weil beide L&auml;nder zusammen mit Deutschland von zentraler Bedeutung f&uuml;r die Euro-Zone sind. So leidet Frankreichs Wettbewerbsf&auml;higkeit nicht etwa an zu hohen Arbeits- oder Sozialkosten &ndash; wie &ouml;ffentlich gern behauptet &ndash; sondern dass die Unternehmen einen immer gr&ouml;&szlig;eren &bdquo;Anteil des erwirtschafteten &Uuml;berschusses an die Anteilseigener&ldquo; aussch&uuml;tten, w&auml;hrend der Anteil der FuE-Aufwendungen seit 1992 dramatisch gesunken ist. (S.69)  Italien wurde von der Krise gewisserma&szlig;en auf dem falschen Fu&szlig; erwischt, weil sie ausgerechnet jene Firmen mittlerer Gr&ouml;&szlig;e traf, die eine f&uuml;hrende Rolle bei Prozess- und Produktinnovationen spielten und die Wettbewerbsf&auml;higkeit Italiens deutlich h&auml;tten steigern k&ouml;nnen. (S.66) Auch dies ein Beispiel f&uuml;r die Untauglichkeit eines Integrationsmodells, das alle &uuml;ber einen Kamm scheren will.<\/p><p>Alles in allem zeigen die L&auml;nderstudien zwar ein unterschiedliches Bild, machen aber immer wieder deutlich, dass sie geschw&auml;cht in die n&auml;chste Krise gehen. Das gilt nat&uuml;rlich als erstes f&uuml;r die Mittelmeerl&auml;nder, f&uuml;r die Annamaria Simonazzi schlussfolgert:  &bdquo;Die enormen &ouml;konomischen und politisch-institutionellen Unterschiede zwischen den L&auml;ndern im Norden Kontinentaleuropas und dem europ&auml;ischen S&uuml;den haben deutlich gemacht, dass es im Fall der Mittelmeerl&auml;nder ein Fehler war, Mitglied einer W&auml;hrungsunion ohne Fiskal- und politische Union zu werden. Das &Uuml;berleben der Schwachen in einer W&auml;hrungsunion erfordert Solidarit&auml;t.&ldquo; Eine ebenso sp&auml;te wie bittere Einsicht, von der Deutschland als europ&auml;ische Hegemonialmacht freilich noch weit entfernt ist.    <\/p><p><strong>Steffen Lehndorff<\/strong> (Hrsg.) <em>Spaltende Integration<\/em>. Der Triumph gescheiterter Ideen in Europa &ndash; revisited. Zehn L&auml;nderstudien. 350 Seiten, VSA-Verlag 2014, 24.80 &euro;<\/p><p><a href=\"http:\/\/www.vsa-verlag.de\/nc\/buecher\/detail\/artikel\/europa-vor-einem-verlorenen-jahrzehnt\/\">Bestellm&ouml;glichkeit.<\/a><br>\n<a href=\"http:\/\/www.vsa-verlag.de\/uploads\/media\/www.vsa-verlag.de-Lehndorff-Spaltende-Integration.pdf\">Download des Einleitungskapitels [PDF &ndash; 236 KB]<\/a> <\/p><p>Mit freundlicher Genehmigung der <a href=\"http:\/\/www.gegenblende.de\/++co++6e4fe9b0-9685-11e4-8bc6-52540066f352\">GEGENBLENDE &ndash; dem gewerkschaftlichen Online-Magazin f&uuml;r die Debatten zur Zukunft unserer Gesellschaft<\/a>.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_0\" name=\"foot_0\">&laquo;*<\/a>] Dr. Harald Werner, Redakteur und Autor, Berlin<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach der Krise ist vor der Krise, h&auml;tte der Untertitel zu diesem Buch sein k&ouml;nnen. Inzwischen freilich sieht es so aus, als bef&auml;nde sich die EU l&auml;ngst schon wieder im Krisenmodus. Da kommt ein Buch zur rechten Zeit, das in zehn sehr pr&auml;zisen L&auml;nderstudien zeigt weshalb und auf welche Weise die Integration in den Mitgliedsl&auml;ndern<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24532\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[139,208,156,157],"tags":[423,290,499,325,454],"class_list":["post-24532","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-euro-und-eurokrise","category-rezensionen","category-schulden-sparen","category-wettbewerbsfaehigkeit","tag-austeritaetspolitik","tag-binnennachfrage","tag-handelsbilanz","tag-staatsschulden","tag-stabilitaetspakt"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24532","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=24532"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24532\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":24535,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24532\/revisions\/24535"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=24532"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=24532"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=24532"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}