{"id":24545,"date":"2015-01-13T09:04:55","date_gmt":"2015-01-13T08:04:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24545"},"modified":"2015-01-21T09:12:25","modified_gmt":"2015-01-21T08:12:25","slug":"sich-nicht-irre-machen-lassen-ueberlegungen-zur-berichterstattung-ueber-den-mordanschlag-auf-die-redaktion-von-charlie-hebdo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24545","title":{"rendered":"Sich nicht irre machen lassen \u2013 \u00dcberlegungen zur Berichterstattung \u00fcber den Mordanschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo"},"content":{"rendered":"<p>Fast alle sind &uuml;ber den Mordanschlag auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo tief betroffen und emp&ouml;rt. Das ist verst&auml;ndlich, der Schock &uuml;ber den sinnlosen Tod von 17 Menschen sitzt tief. Das enthebt aber nicht davon, das Pressegeschehen weiter kritisch zu analysieren und zu begleiten. Von <strong>J.K.<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nAm vergangenen Freitag wurde anl&auml;sslich des Attentats auf Charlie Hebdo <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/aufruf-der-zeitungsverleger-wehren-wir-uns-13361546.html\">dieser Aufruf<\/a> der deutschen Zeitungsverleger ver&ouml;ffentlicht:<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Die Medien und gerade auch die Zeitungen tragen durch Kommentare und Hintergrundberichte zur Reflexion &uuml;ber unsere zivilen Standards bei.<\/em><br>\n<em>Sie sind, mit allen Fehlern und Schw&auml;chen, mit ihren St&auml;rken und Vorz&uuml;gen, eine Errungenschaft unserer Demokratie, die wir stets aufs Neue verteidigen m&uuml;ssen.<\/em><br>\n<em>Beharren wir, Zeitungen und Leser gemeinsam, auch weiterhin selbstbewusst auf der Pluralit&auml;t der Meinungen und der Freiheit, sie zu &auml;u&szlig;ern.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Es ist schon erstaunlich, dass die deutschen &bdquo;Qualit&auml;tsmedien&ldquo; pl&ouml;tzlich von einem Tag auf den anderen ihre Liebe zu Meinungsfreiheit und Meinungspluralit&auml;t entdeckt haben wollen &ndash; und das gegen&uuml;ber einem Medium, n&auml;mlich Charlie Hebdo, das sie in normalen Zeiten aufgrund seiner religionskritischen Ausrichtung wohl kaum jemals zitiert h&auml;tten, schon gar nicht zustimmend. Die Redaktion von Charlie Hebdo hatte sich ja immer auch &uuml;ber die herrschende Elite lustig gemacht und sah sich als politisch links positioniert. So engagierte sich etwa der Herausgeber St&eacute;phane Charbonnier f&uuml;r den &ldquo;Front de gauche&rdquo;, einen Zusammenschluss linker Parteien. Dass die Meinungsmacher in Deutschland diese nun vereinnahmen ist fast schon zynisch.  Man darf Charlie Hebdo wohl eine wichtige Rolle f&uuml;r die Meinungsvielfalt zugestehen, auch wenn dessen Titelbilder nicht immer unumstritten waren. Die deutschen Mainstreamjournalisten, die nun ihre Emp&ouml;rung und Betroffenheit inszenieren, haben in der Vergangenheit immer wieder bewiesen, dass sich ihr Kampf f&uuml;r die Meinungsvielfalt in Grenzen hielt. Die NachDenkSeiten dokumentieren und kritisieren dies seit Jahren.<\/p><p>Noch am Montag vor dem Anschlag in Paris war das ganz konkret mit der &bdquo;Pluralit&auml;t der Meinungen&ldquo; nicht so weit her. Kaum war die Druckerschw&auml;rze auf der Meldung getrocknet, dass es am 25. Januar Neuwahlen in Griechenland geben w&uuml;rde, fanden sich in praktisch allen Leitmedien fast gleichlautende Kommentare und Stellungnahmen: Auf keinen Fall d&uuml;rfe von der &bdquo;Sparpolitik&ldquo; abgewichen werden, ein Wahlsieg der &bdquo;linksradikalen&ldquo; Syriza w&uuml;rde die Erfolge der &bdquo;Reformpolitik&ldquo; gef&auml;hrden und Griechenland, ja ganz Europa in eine noch schlimmere Finanzkrise st&uuml;rzen, der Austerit&auml;tskurs der Troika sei alternativlos. Kein Funken Empathie und Mitgef&uuml;hl mit dem Leid und der Not der griechischen B&uuml;rger war sichtbar, und kaum ein Ansatz einer kritischen Bestandsaufnahme und einer objektive Bilanz der bisherigen &bdquo;Sparpolitik&ldquo;. Die NachDenkSeiten haben die einseitigen Pressestimmen zu den griechischen Neuwahlen <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24445\">dokumentiert<\/a>. Wo war da die Pluralit&auml;t?<\/p><p>Noch drastischer fiel die Kampagne gegen die Friedenswinter Demonstrationen im Dezember des vergangenen Jahres aus, die Menschen die f&uuml;r ein friedliches Miteinander auf die Stra&szlig;e gingen, wurden in den Leitmedien mit nahezu identischer Wortwahl als Verschw&ouml;rungstheoretiker, Antisemiten, Wirrk&ouml;pfe, Neurechte und Putin-Versteher diffamiert. Auch dazu findet sich <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24298\">auf den NachDenkSeiten eine Dokumentation<\/a>. Auch zur einseitigen Berichterstattung &uuml;ber Russland &ndash; ein trauriger H&ouml;hepunkt war das Spiegel-Titelbild &bdquo;Stoppt Putin&ldquo; nach dem Abschuss des Malaysia-Airlines-Fluges MH 17 &ndash; findet sich auf den NachDenkSeiten eine gro&szlig;e Zahl an Belegen. <\/p><p>Und so mancher &bdquo;Elitejournalist&ldquo; konnte offenbar nicht der Versuchung widerstehen, die Gelegenheit zu nutzen, um den gro&szlig;en Hammer zu schwingen und Medienkritiker mundtot zu machen. So scheut sich einer der Herausgeber der FAZ, Berthold Kohler, nicht, die Ermordung der Redakteure von Charlie Hebdo zu instrumentalisieren, um pauschal eine kritische Haltung gegen&uuml;ber den Leitmedien zu diffamieren. <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/kommentar-zum-anschlag-auf-satiremagazin-charlie-hebdo-13358326.html\">Er unterstellt in einem Kommentar<\/a> den Kritikern der Mainstreammedien, sie w&uuml;rden sich mit Terroristen, mindestens mit den Pegida-Anh&auml;ngern, gemein machen und seien damit per se gegen die Meinungsfreiheit.<\/p><p>Kurt Kister hingegen <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/panorama\/anschlag-auf-die-pressefreiheit-on-ne-passe-pas-sie-werden-nicht-durchkommen-1.2295114\">ergreift in der S&uuml;ddeutschen Zeitung<\/a> die Gelegenheit, die Presse als Vork&auml;mpferin f&uuml;r die Ideale der Aufkl&auml;rung, der grundlegende Menschenrechte und das Recht auf Leben und freie Entfaltung zu feiern. Das gibt uns an dieser Stelle die Gelegenheit, anl&auml;sslich von zehn Jahren Hartz IV zu fragen: gelten diese, in vielen Bl&auml;ttern nun beschworenen grundlegenden Menschenrechte und das Recht auf freie Entfaltung auch f&uuml;r Hartz IV- Bezieher in Deutschland? Oder gelten diese nur auf Zeitungspapier? Dazu hilft es, sich ins Ged&auml;chtnis zu rufen, dass es sich bei Hartz IV um ein System handelt, das Jahr f&uuml;r Jahr vier bis f&uuml;nf Millionen Menschen in diesem Land einem repressiven, dem&uuml;tigenden und entm&uuml;ndigenden Prozess unterwirft. Die Sanktionsm&ouml;glichkeiten des Hartz IV Systems machen eine Absenkung der Grundsicherung bis weit unter das Existenzminimum m&ouml;glich. Werden so die grundlegenden Rechte der betroffenen Menschen gewahrt? Und hat nicht gerade die &bdquo;Qualit&auml;tspresse&ldquo; ma&szlig;geblich die Agenda 2010 mit herbeigeschrieben und mit Diffamierungskampagnen gegen Erwerbslose deren Durchsetzung flankiert? Hat sich jemals ein &bdquo;Qualit&auml;tsjournalist&ldquo; mit Menschen, die diesem System ausgeliefert sind, solidarisiert und die Achtung ihrer grundlegenden Rechte eingefordert?  Die geballte Inszenierung der Betroffenheit und Emp&ouml;rung, und das flammende Eintreten f&uuml;r Meinungsvielfalt  und die Ideale der Aufkl&auml;rung in den deutschen Leitmedien aus Anlass der Morde in Paris muten einem da doch ziemlich seltsam an. <\/p><p>Auch f&auml;llt es einem letztendlich schwer in Personen, wie Josef Joffe, Mitglied in diversen transatlantischen Elitezirkeln und Mitherausgeber der Zeit, die seit den Ereignissen auf den Maidan in Kiew eine Hetzkampagne gegen Putin und Russland f&auml;hrt, wie es sie wohl seit Zeiten des Kalten Krieges nicht mehr gegeben hat, einen Vork&auml;mpfer f&uuml;r Pluralismus und Meinungsvielfalt zu sehen &ndash; ebenso wenig wie in dem ebenfalls transatlantisch bestens vernetzten Stefan Kornelius von der S&uuml;ddeutschen Zeitung oder gar Ulf Poschardt und Kai Diekmann von den Springer-Hetzbl&auml;ttern Welt und BILD, und in vielen andere &bdquo;Elitejournalisten&ldquo;. <\/p><p>Und wie zur Best&auml;tigung erschien am Freitag nach dem Anschlag dieser unglaublich infame Beitrag in der Bild: &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.bild.de\/politik\/ausland\/bild-kommentar\/warum-wir-die-ueberwachung-der-nsa-gegen-den-terror-brauchen-39258474.bild.html\">Warum wir die &Uuml;berwachung der NSA gegen den Terror brauchen<\/a>&ldquo;, der in der Behauptung gipfelt, wer &bdquo;Je suis Charlie&ldquo; sage, k&ouml;nne nicht gleichzeitig Snowden als Held verehren. Also wird hier im sch&ouml;nsten orwellschen Neusprech erkl&auml;rt: NSA = Freiheit. Besser l&auml;sst sich die Heuchelei des Medienmainstreams nicht belegen. Von wegen &bdquo;Je suis Charlie&ldquo;. Das Attentat wird gerade wieder einmal von den Springer-Bl&auml;ttern schamlos instrumentalisiert.<\/p><p>Da mag sich dann jeder seine eigene Meinung zu dem eingangs zitierten  flammenden Aufruf der deutschen Zeitungsverleger f&uuml;r die Presse- und Meinungsfreiheit bilden und fragen, wie Total&uuml;berwachung und Meinungsfreiheit zusammen gehen? <\/p><p>Als Erg&auml;nzung weitere Beitr&auml;ge auf den NachDenkSeiten zu einer kritischen Reflektion des Themas Meinungsvielfalt in der deutschen Presselandschaft:<\/p><ul>\n<li><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23849\">Bahnstreik &ndash; Aus den Zeilen tropft Hass<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23410\">Das Elend mit der Meinungsvielfalt<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23000\">Bye, bye SPIEGEL!<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22201\">Ein ganz allt&auml;glicher Fall von Meinungsmanipulation und von Kampagnen- sowie von &bdquo;Papageien&ldquo;-Journalismus<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fast alle sind &uuml;ber den Mordanschlag auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo tief betroffen und emp&ouml;rt. 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