{"id":24552,"date":"2015-01-13T12:53:56","date_gmt":"2015-01-13T11:53:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24552"},"modified":"2015-01-21T09:17:18","modified_gmt":"2015-01-21T08:17:18","slug":"luegenpresse-das-unwort-des-jahres","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24552","title":{"rendered":"\u201eL\u00fcgenpresse\u201c-  das Unwort des Jahres"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;L&uuml;genpresse&ldquo; ist Unwort des Jahres 2014, und manche werden fragen: Warum Unwort? Stimmt es etwa nicht, dass wir im Fernsehen und in den Zeitungen Tag f&uuml;r Tag Un- oder Halbwahrheiten aufgetischt bekommen, nicht selten im Dienste m&auml;chtiger politischer und &ouml;konomischer Interessen? Ich bin gemeinsam mit vier Sprachwissenschaftlern, Mitglied der unabh&auml;ngigen Jury, die das Unwort jedes Jahr k&uuml;rt. Und ich m&ouml;chte hier erl&auml;utern, warum ich die Entscheidung f&uuml;r &bdquo;L&uuml;genpresse&ldquo; gerne mitgetragen habe. Und zwar gerade weil ich nicht alles, aber vieles teile, was hier immer wieder medienkritisch vorgetragen wird. Von <strong>Stephan Hebel<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6598\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-24552-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150119_Unwort_des_Jahres_1_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150119_Unwort_des_Jahres_1_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150119_Unwort_des_Jahres_1_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150119_Unwort_des_Jahres_1_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=24552-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150119_Unwort_des_Jahres_1_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"150119_Unwort_des_Jahres_1_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Wolfgang Lieb hat hier vor einer Woche bereits deutlich gemacht, warum der Begriff &bdquo;L&uuml;genpresse&ldquo; dem Anspruch der Nachdenkseiten an eine differenzierte Medienkritik nicht entspricht. Ich m&ouml;chte die Perspektive noch ein wenig erweitern. Meine These: Wer einen pauschalen und noch dazu historisch belasteten Kampfbegriff wie &bdquo;L&uuml;genpresse&ldquo; verwendet, begibt sich zum einen in schlechte Gesellschaft und begr&auml;bt zum anderen die dringend notwendige Mediendebatte unter einer unbrauchbaren Parole.<\/p><p>&bdquo;L&uuml;genpresse&ldquo; diente erst den nationalistischen Kriegstreibern von 1914\/18 und dann den Nationalsozialisten als Kampfbegriff. &bdquo;Als vierte Gro&szlig;macht hat sich gegen Deutschland die internationale L&uuml;genpresse erhoben&ldquo;, schrieb schon 1914 der Historiker Adolf von Harnack. Sp&auml;ter waren es dann Adolf Hitler und Co., die sich in Tiraden gegen die &bdquo;rote L&uuml;genpresse&ldquo; (Joseph Goebbels) ergingen. <\/p><p>Nat&uuml;rlich ist nicht automatisch ein Nazi, wer &ndash; wom&ouml;glich historisch ahnungslos &ndash; von &bdquo;L&uuml;genpresse&ldquo; redet. Aber ich meine: Unter Aufgekl&auml;rten sollte auch heute noch Einigkeit herrschen, dass diese Geschichte ein ohnehin pauschalisierendes Schlagwort endg&uuml;ltig f&uuml;r den demokratischen Gebrauch disqualifiziert. Und zum Unwort qualifiziert. Man sollte solche Parolen getrost den  &bdquo;Pegida&ldquo;-Marschierern &uuml;berlassen, f&uuml;r die ja schon &bdquo;l&uuml;gt&ldquo;, wer sich der unsinnigen Fantasie von der &bdquo;Islamisierung des Abendlandes&ldquo; nicht anschlie&szlig;en mag. <\/p><p>Aber nun zur Medienkritik selbst: Dass unsere Medien  ihrer eigentlichen Aufgabe, so gut wie m&ouml;glich der Wahrheitsfindung zu dienen, oft nur unzureichend gerecht werden, bestreite gerade ich als Teil der &bdquo;L&uuml;genpresse&ldquo; nicht. Aber das Letzte, was dagegen hilft, sind Pauschalurteile.<\/p><p>Wolfgang Lieb hat mit Recht darauf hingewiesen, dass Debatten, wie die Nachdenkseiten sie aufgreifen und f&uuml;hren, ohne die n&uuml;tzlichen Recherchen und Anregungen aus etablierten Medien, die es eben auch gibt, gar nicht vorstellbar w&auml;ren. Ich kenne genug Kolleginnen und Kollegen, die sich auch jenseits des Meinungs-Mainstreams um Aufkl&auml;rung bem&uuml;hen, oft gegen Widerst&auml;nde.<\/p><p>Das &auml;ndert nichts an Fehlentwicklungen, die auch mich erschrecken. Aber nur wenn die Debatte differenziert gef&uuml;hrt wird, k&ouml;nnen wir die Missst&auml;nde begreifen und bek&auml;mpfen.<\/p><p>Zwei Aspekte der Medienkrise will ich kurz andeuten: die wirtschaftliche Organisationsform der etablierten Medien und ihr Verh&auml;ltnis zum &bdquo;B&uuml;rgerjournalismus&ldquo; im Netz.<\/p><p>J&uuml;rgen Habermas hat die sp&auml;testens im 19. Jahrhundert durchgesetzte Kommerzialisierung von Medien so beschrieben: &bdquo;Schon an jener fr&uuml;hen Penny-Presse l&auml;sst sich beobachten, wie sie f&uuml;r die Maximierung ihres Absatzes mit einer Entpolitisierung des Inhaltes zahlt (&hellip;). Die journalistischen Grunds&auml;tze der <em>Bildzeitung<\/em> haben eine ehrw&uuml;rdige Tradition.&ldquo; Der Philosoph beschreibt den medialen Boulevard als &bdquo;mixtum compositum eines angenehmen und zugleich annehmlichen Unterhaltungsstoffs, der tendenziell Realit&auml;tsgerechtigkeit durch Konsumreife ersetzt und eher zum unpers&ouml;nlichen Verbrauch von Entspannungsreizen verleitet als zum &ouml;ffentlichen Gebrauch der Vernunft anleitet.&ldquo;<\/p><p>Dass Elemente dieser Boulevard-Mechanismen auch  Qualit&auml;tsmedien erfasst haben &ndash; verst&auml;rkt durch zunehmenden Druck auf einem durch Internet-Konkurrenz bedrohten Markt &ndash;, steht au&szlig;er Frage. Stichworte sind zum Beispiel Skandalisierung und Personalisierung in Teilen der Berichterstattung. <\/p><p>Ich behaupte keineswegs, dass die &ouml;konomische Verfasstheit und der Konkurrenzdruck uns Journalisten von eigener Verantwortung entbinden. Gegen die Versuchungen des politisch-medialen Komplexes (vor allem in Berlin) mit seiner oft &uuml;berm&auml;&szlig;igen N&auml;he zwischen Macht und Medien kann man sich wehren, ohne gleich den Job zu verlieren. Und die Kollegen von &bdquo;S&uuml;ddeutscher Zeitung&ldquo; und &bdquo;Frankfurter Allgemeiner Sonntagszeitung&ldquo;  sind wohl kaum mit vorgehaltener Waffe gezwungen worden, in der Wulff-Aff&auml;re mit &bdquo;Bild&ldquo; &uuml;ber Bande zu spielen, als sie das Protokoll des Pr&auml;sidenten-Anrufs beim &bdquo;Bild&ldquo;-Chef ver&ouml;ffentlichten, w&auml;hrend das Boulevardblatt den vornehm Zur&uuml;ckhaltenden spielte. Aber wer wirklich etwas &auml;ndern will, wird an den Strukturen ansetzen m&uuml;ssen. Und zu denen geh&ouml;rt eben vor allem die privatwirtschaftliche Organisationsform, die dem Aufkl&auml;rungs-Anspruch h&auml;ufig im Wege steht.<\/p><p>Ich habe nie verstanden, warum die meisten Redakteurinnen und Redakteure ins St&ouml;hnen kommen, wenn jemand &ouml;ffentliche Finanzierungsmodelle f&uuml;r Zeitungen ins Spiel bringt &ndash; w&auml;hrend ihnen die Abh&auml;ngigkeit vom Geld der Anzeigenkunden &uuml;berhaupt nichts auszumachen scheint. Es wirkt, als dr&uuml;cke sich die Vorherrschaft marktliberalen Denkens auch in den Reaktionen der Redaktionsangestellten  aus. <\/p><p>Sie h&auml;tten ihren Habermas lesen sollen, der schon 1962 &uuml;ber die Medien schrieb: &bdquo;Im Ma&szlig;e ihrer Kommerzialisierung und der &ouml;konomischen, technologischen wie organisatorischen Konzentration sind sie aber w&auml;hrend der letzten hundert Jahre zu Komplexen gesellschaftlicher Macht geronnen, so dass gerade der Verbleib in privater Hand die kritischen Funktionen der Publizistik vielfach bedrohte.&ldquo; Bis heute fordert der gro&szlig;e Philosoph als einer von ganz Wenigen eine &ouml;ffentliche Verantwortung f&uuml;r die Informationsversorgung der Bev&ouml;lkerung  (f&uuml;r die es sicher bessere Organisationsformen g&auml;be als beim &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunk und Fernsehen). <\/p><p>Zum Schluss eine kurze Anmerkung zur Rolle des Internets. Ich warne vor der Illusion, das &bdquo;Web 2.0&ldquo; als freier Kommunikationsraum k&ouml;nne den professionellen Journalismus nicht nur erg&auml;nzen, sondern ersetzen. <\/p><p>Unbestritten steckt in den M&ouml;glichkeiten eines mehr oder weniger barrierefreien Meinungsaustauschs das Potenzial f&uuml;r eine vollkommen neue Form von &Ouml;ffentlichkeit. Die nicht immer, aber in gro&szlig;en Teilen berechtigte Kritik an der Kalte-Kriegs-Attit&uuml;de von Medien in der Ukraine-Krise h&auml;tte l&auml;ngst nicht so viel &ouml;ffentliche Aufmerksamkeit und Resonanz gefunden, w&auml;re sie nicht &uuml;ber digitale Kan&auml;le zur Wirkung gebracht worden. Aber f&uuml;r die Herstellung einer demokratischen &Ouml;ffentlichkeit bleiben auch diejenigen journalistischen Arbeitsweisen notwendig, die ohne Ausbildung, Zeit und Geld nicht zu haben sind. <\/p><p>Ein letztes Mal J&uuml;rgen Habermas:  &bdquo;Ich betrachte die Einf&uuml;hrung der digitalen Kommunikation &ndash; nach den Erfindungen der Schrift und des Buchdrucks &ndash; als die dritte gro&szlig;e Medienrevolution. (&hellip;) Mit dem letzten Schub hat auch eine Aktivierung stattgefunden &ndash; aus Lesern werden Autoren&ldquo;, sagt er. Aber: &bdquo;Das Netz (&hellip;) zerstreut. Denken Sie an die spontan auftauchenden Portale, sagen wir: f&uuml;r hochspezialisierte Briefmarkenfreunde, Europarechtler oder anonyme Alkoholiker. (&hellip;) Den in sich abgeschlossenen Kommunikationsr&auml;umen fehlt das Inklusive, die alle und alles einbeziehende Kraft einer &Ouml;ffentlichkeit. F&uuml;r diese Konzentration braucht man die Auswahl und kenntnisreiche Kommentierung von einschl&auml;gigen Themen, Beitr&auml;gen und Informationen. Die nach wie vor n&ouml;tigen Kompetenzen des guten alten Journalismus sollten im Meer der digitalen Ger&auml;usche nicht untergehen.&ldquo;<\/p><p>Ja, es wird gelogen in unseren Medien, und ja, die Unabh&auml;ngigkeit des Journalismus k&ouml;nnte in vieler Hinsicht gr&ouml;&szlig;er sein. Wer aber aus all dem den pauschalen Vorwurf der &bdquo;L&uuml;genpresse&ldquo; konstruiert, schlie&szlig;t sich gewollt oder ungewollt dem Frontalangriff antidemokratischer Kr&auml;fte auf ein Lebenselixier demokratischer &Ouml;ffentlichkeit an. Das ist in etwa so intelligent, wie wenn man Demokratie ablehnte, weil sie so unzureichend verwirklicht ist. <\/p><p>Aus all diesen Gr&uuml;nden war es mir eine Ehre, gemeinsam mit der Jury die &bdquo;L&uuml;genpresse&ldquo; zum Unwort des Jahres zu k&uuml;ren.<\/p><p><strong>Stephan Hebel<\/strong> schreibt als politischer Autor f&uuml;r die &bdquo;Frankfurter Rundschau&ldquo;, den &bdquo;Freitag&ldquo;, das &bdquo;Deutschlandradio&ldquo; und andere Medien. Dieser Text basiert in Teilen auf dem Medienkapitel seines Buches &bdquo;Deutschland im Tiefschlaf &ndash; wie wir unsere Zukunft verspielen&ldquo;. Erschienen im Westend Verlag Frankfurt am Main, 240 Seiten, 16,99 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;L&uuml;genpresse&ldquo; ist Unwort des Jahres 2014, und manche werden fragen: Warum Unwort? 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