{"id":24564,"date":"2015-01-14T09:48:00","date_gmt":"2015-01-14T08:48:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24564"},"modified":"2019-04-29T12:36:28","modified_gmt":"2019-04-29T10:36:28","slug":"neoliberalismus-und-rassismus-das-beispiel-ayn-rand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24564","title":{"rendered":"Neoliberalismus und Rassismus \u2013 das Beispiel Ayn Rand"},"content":{"rendered":"<p>Die 1982 verstorbene US-Schriftstellerin und neoliberale Sozialphilosophin Ayn Rand ist in Europa weitgehend unbekannt, in den USA aber umso einflussreicher. Mit Werken wie &bdquo;The Fountainhead&ldquo; und insbesondere &bdquo;Atlas Shrugged&ldquo; gilt sie bis heute als eine der zentralsten und wichtigsten Figuren des Neoliberalismus. Umso interessanter, welchen Rassismus sie gegen&uuml;ber den Indianern Amerikas an den Tag gelegt hat.<br>\nVon <strong>Patrick Schreiner<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ayn_Rand\">Ayn Rand<\/a> verbrachte ihre Kindheit und Jugend zun&auml;chst in Russland, bevor sie 1926 in die USA &uuml;bersiedelte. Dort wurde sie zu einer radikalen Bef&uuml;rworterin individualistischer Ideologien und zu einer Vordenkerin des Neoliberalismus. In ihren Schriften betont sie unter anderem die moralische Richtigkeit eines radikalen Egoismus; Altruismus und Solidarit&auml;t lehnt sie ab. (Dies hielt sie allerdings nicht davon ab, Gelder aus der Sozialversicherung in Anspruch zu nehmen und ein langj&auml;hriges Lungenleiden mit Hilfe des staatlichen Medicare-Programms behandeln zu lassen.) Ayn Rands B&uuml;cher erreichen eine Gesamtauflage von 25 Millionen. Der langj&auml;hrige Chef der US-Notenbank Fed, Alan Greenspan, z&auml;hlt sie zu seinen wichtigsten intellektuellen Impulsgeber(inne)n. Bis heute beeinflusst ihr Denken die US-amerikanischen Neoliberalen und Konservativen, insbesondere die Republikanische Partei. Bei einer Umfrage der US-Kongressbibliothek, welches Buch den gr&ouml;&szlig;ten Einfluss auf das Leben der Befragten hatte, lag Ayn Rands &ldquo;Atlas Shrugged&rdquo; auf Platz 2 &ndash; nach der Bibel.<\/p><p>Der schwedische Wirtschaftswissenschaftler Lars Syll hat schon vor einiger Zeit im RWER-Blog auf eine Rede <a href=\"http:\/\/rwer.wordpress.com\/2014\/08\/06\/foot-in-mouth-disease-ayn-rand-and-alan-greenspan\/\">aufmerksam gemacht<\/a>, in der sich Ayn Rand 1974 vor Studenten der West-Point-Milit&auml;rakademie unter anderem zur Situation und Geschichte der amerikanischen Indianer &auml;u&szlig;erte. Diese Rede zeigt, dass und wie Neoliberalismus und Ausgrenzung f&uuml;reinander unmittelbar anschlussf&auml;hig sind. Einige Passagen in deutscher &Uuml;bersetzung:<\/p><blockquote><p>\n<em>Mit guten Gr&uuml;nden glaube ich selbst den mitleidlosesten Hollywood-Darstellungen von Indianern und von dem, was sie dem wei&szlig;en Mann angetan haben. Sie hatten kein Recht auf ein Land nur deshalb, weil sie hier geboren waren und sich wie Wilde verhielten. Der wei&szlig;e Mann hat dieses Land nicht erobert&hellip;<\/em><br>\n<em>Da die Indianer keinen Begriff von Eigentum oder Eigentumsrechten hatten (sie hatten keine sesshaften Gesellschaften, sondern vorwiegend nomadische Stammes-&bdquo;Kulturen&ldquo;), hatten sie auch kein Recht auf das Land; und es hab keinen Grund f&uuml;r irgendjemanden, ihnen Rechte zu geben, die sie nicht erdacht hatten und die sie nicht gebrauchten&hellip;<\/em><br>\n<em>Wof&uuml;r k&auml;mpften sie denn gegen den wei&szlig;en Mann auf diesem Kontinent? F&uuml;r ihren Wunsch, mit einer primitiven Existenz fortzufahren, f&uuml;r ihr &bdquo;Recht&ldquo;, Teil der unber&uuml;hrten Erde zu bleiben &ndash; jedermann fernzuhalten, sodass sie wie Tiere oder H&ouml;hlenmenschen leben konnten. Jeder Europ&auml;er, der ein Element der Zivilisation mit sich brachte, hatte das Recht, diesen Kontinent einzunehmen; und es ist gro&szlig;artig, dass es manche von ihnen taten. Die rassistischen Indianer von heute &ndash; jene, die Amerika verdammen &ndash; respektieren keine individuellen Rechte.<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>&Uuml;berraschen kann die hierin zum Ausdruck kommende N&auml;he zwischen Neoliberalismus und Rassismus aber nicht. Der Neoliberalismus hat viele Einfallstore f&uuml;r <a href=\"http:\/\/www.annotazioni.de\/post\/1354\">ausgrenzendes Denken<\/a>. Sp&auml;testens wenn es darum geht, soziale Ungleichheit zu erkl&auml;ren und zu begr&uuml;nden, greift er gerne und schnell auf rassistische Argumentationsmuster zur&uuml;ck. Denn der Kapitalismus produziert soziale Ungleichheiten, die zu seiner Selbsterhaltung Rechtfertigung brauchen. Dies gilt umso mehr f&uuml;r den neoliberalen Kapitalismus, der von sozialstaatlicher Sicherung und Umverteilung nichts wissen m&ouml;chte.<\/p><p>Zur Rechtfertigung sozialer Ungleichheit alleine auf die unterschiedliche &ldquo;Leistung&rdquo; der Menschen zur&uuml;ckzugreifen, gen&uuml;gt oft genug nicht. Denn schon der neoliberale Klassiker Friedrich August von Hayek wusste, dass Erfolg am kapitalistischen Markt keineswegs notwendig mit individuellen Leistungsbeitr&auml;gen einhergeht &ndash; und Misserfolg keineswegs notwendig die Schuld der Betroffenen ist. Gerade vor diesem Hintergrund m&uuml;ssen die Neoliberalen eine Illusion von Leistungsgerechtigkeit aufrechterhalten.<br>\nAngesichts dieses Dilemmas liegt es nahe, (auch) nach rassistischen &ldquo;Gr&uuml;nden&rdquo; f&uuml;r soziale Ungleichheit zu suchen. Nicht der Markt und nicht neoliberale Politik, sondern die &ldquo;kulturelle Andersartigkeit&rdquo; oder schlicht die &ldquo;Faulheit&rdquo; bestimmter ethnischer Gruppen gelten dann als Ursache f&uuml;r Armut, Verelendung und Ausgrenzung. Gesellschaft und Wirtschaft werden so von ihrer Verantwortung entlastet; Kritik an Kapitalismus und Neoliberalismus finden nicht mehr statt. Darin unterscheiden sich AfD und Pegida nicht von Thilo Sarrazin und auch nicht von manchen Politiker(inne)n der politischen &ldquo;Mitte&rdquo;. <\/p><p>Auch Ayn Rand denkt und argumentiert in eine &auml;hnliche Richtung: Mit obigem Zitat weist sie die Verantwortung f&uuml;r Unterdr&uuml;ckung und Ausgerottet-Werden den Indianern selbst zu. Dar&uuml;ber hinaus spricht sie ihnen jedes Recht ab, Rechte zu haben &ndash; schlicht mit dem kulturalistischen und rassistischen Argument, kulturell r&uuml;ckst&auml;ndig (gewesen?) zu sein.<\/p><p>Das zeigt: Der Neoliberalismus ist alles andere als &ldquo;farbenblind&rdquo;.<br>\nEs empfiehlt sich &uuml;brigens, einen Blick auf einen liberalen Klassiker zu werfen; auf jemanden, den vermutlich auch Ayn Rand als einen ihrer intellektuellen Ahnen angesehen haben d&uuml;rfte: <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Adam_Smith\">Adam Smith<\/a>. In seinem Hauptwerk &ldquo;<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Der_Wohlstand_der_Nationen\">Der Wohlstand der Nationen<\/a>&rdquo; von 1776, auf das sich Liberale und Neoliberale bis heute positiv beziehen, widmet er viele Seiten dem Thema &ldquo;Kolonialismus&rdquo;. Nicht alles an dieser Passage ist unproblematisch. Doch ist Smith vom platten Rassismus einer Ayn Rand weit entfernt. Er schreibt unter anderem:<\/p><blockquote><p>\n<em>Torheit und Ungerechtigkeit waren anscheinend die vorherrschenden Motive und bestimmten die ersten Pl&auml;ne zur Gr&uuml;ndung der Kolonien: Die Torheit, Gold und Silber nachzujagen, und die Ungerechtigkeit, den Besitz eines Landes zu begehren, dessen harmlose Eingeborene weit davon entfernt waren, jemals einen Europ&auml;er zu beleidigen.<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Man w&uuml;rde sich w&uuml;nschen, Neoliberale wie Ayn Rand und ihre heutigen Nachfolger(innen) l&auml;sen &ouml;fter mal in den Werken solcher liberaler Klassiker. Sie k&ouml;nnten offenbar noch einiges lernen. Und das, obwohl auch Smith die gro&szlig;e Bedeutung wohl nicht erkannte, die der Kolonialismus und der Rassismus f&uuml;r die Entstehung und globale Durchsetzung des Kapitalismus hatten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die 1982 verstorbene US-Schriftstellerin und neoliberale Sozialphilosophin Ayn Rand ist in Europa weitgehend unbekannt, in den USA aber umso einflussreicher. Mit Werken wie &bdquo;The Fountainhead&ldquo; und insbesondere &bdquo;Atlas Shrugged&ldquo; gilt sie bis heute als eine der zentralsten und wichtigsten Figuren des Neoliberalismus. Umso interessanter, welchen Rassismus sie gegen&uuml;ber den Indianern Amerikas an den Tag gelegt<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24564\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[159,205,146,132],"tags":[1183,1280,291],"class_list":["post-24564","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-fremdenfeindlichkeit-rassismus","category-neoliberalismus-und-monetarismus","category-soziale-gerechtigkeit","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-exklusion","tag-rand-ayn","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24564","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=24564"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24564\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":51296,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24564\/revisions\/51296"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=24564"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=24564"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=24564"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}