{"id":24573,"date":"2015-01-14T15:42:50","date_gmt":"2015-01-14T14:42:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24573"},"modified":"2019-07-05T10:39:17","modified_gmt":"2019-07-05T08:39:17","slug":"wahlkampfspots-aus-griechenland-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24573","title":{"rendered":"Wahlkampfspots aus Griechenland (2)"},"content":{"rendered":"<p>Hier ein zweiter Blick auf den griechischen Wahlkampf, der zwei Wochen vor dem Urnengang am 25. Januar weiter eskaliert. Von <strong>Niels Kadritzke<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Samaras hetzt weiter<\/strong><\/p><p>In meinem ersten Spot (<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24493\">vom 8. Januar<\/a>) habe ich &uuml;ber die schamlose Ausbeutung des Pariser Attentats durch Regierungschef Samaras berichtet. Nachdem er sich durch seine Pr&auml;senz bei der Solidarit&auml;tskundgebung der Staatsm&auml;nner und -frauen einen attraktiven Fototermin mit den Spitzen der europ&auml;ischen Politiker arrangieren konnte, setzen seine PR-Leute verst&auml;rkt auf die suggestive Verkettung der Themen Terrorismus, Migranten und Syriza. Seit gestern haben sie einen Wahlkampfspot geschaltet, der unter dem ND-Wahlslogan &bdquo;Wir sagen die Wahrheit, wir garantieren die Zukunft&ldquo; l&auml;uft. Es beginnt mit Bildern von der Solidarit&auml;tsdemonstration in Paris, um dann verbal zur Sache zu kommen: &bdquo;In der Stunde, da Europa sich wehrhaft macht, fordert Syriza die Entwaffnung der Polizei, die Abschaffung der Gef&auml;ngnisse, laschere Sicherheitsma&szlig;nahmen gegen Terroristen und die regellose Vergabe der Staatsb&uuml;rgerschaft (gemeint ist die Einb&uuml;rgerung von Migranten, NK). Die Wahrheit ist: Die Syriza will Griechenland zu einem ungesch&uuml;tzten Land machen, will die Polizei entwaffnen und der F&auml;higkeit berauben, die B&uuml;rger zu sch&uuml;tzen.&ldquo; Das Ganze endet mit dem Ruf: &bdquo;Nea Dimokratia &ndash; die Sicherheit der Griechen ist nicht verhandelbar.&ldquo;<\/p><p>Ein Kommentar er&uuml;brigt sich, bis auf den Hinweis, dass die Syriza nat&uuml;rlich nichts von all dem fordert, was in dem Spot behauptet wird. Die Zuspitzung des Wahlkampfs auf solche Themen ist ein klares Zeichen der Verunsicherung. Nachdem die ND gemerkt hat, dass die Grexit-Debatte weder in Europa noch bei den W&auml;hlern die Stimmung gegen die Syriza dreht, greifen ihre Wahlkampfstrategen zur n&auml;chsten Keule.  Dabei scheint ihnen zunehmend egal zu sein, wie das Image von Samaras im Rest Europas wahrgenommen wird. Nicht einmal der Front National in Frankreich hat es gewagt, &bdquo;den terroristischen Angriff mit den Migranten in ihrer Gesamtheit zusammen zu bringen&ldquo;, vermerkte gestern die Efimerida ton Syntakton. Das leistet sich in Europa nur der Regierungschef eines Landes, in dem der Terror auf den Stra&szlig;en von den einheimischen Neonazis ausgeht und fast ausschlie&szlig;lich gegen Fl&uuml;chtlinge und Migranten gerichtet ist.<\/p><p><strong>Ein illegales Wahlversprechen<\/strong><\/p><p>Im &Uuml;brigen f&uuml;hren Samaras und die ND ihren Wahlkampf auf lokaler Ebene mit den &uuml;blichen &bdquo;succes stories&ldquo; und Zusagen. Auf jeder Station durch die griechische Provinz z&auml;hlt der Regierungschef auf, welche Wunderwerke gerade in dieser Gegend entstehen werden. Die versprochenen Wohltaten sollen in der Regel aus den EU-Investitionskassen finanziert werden, was bedeutet, dass Samaras den griechischen Anteil an diesen Finanzmitteln in seinen Wahlreden schon weit &uuml;berzogen hat. Eine besonders dreiste Zusage gab er in Thessalien ab, wo die reichsten griechischen Bauern zu Hause sind. Denen haben schon viele Regierungschef ein kostbares Gut versprochen, das nur auf Kosten des Gemeinwohls und der Natur geliefert werden kann: gewaltige Wassermengen aus dem Fluss Acheloos, das durch einen gigantischen und gigantisch teuren Tunnel in die thessalische Ebene gelenkt werden soll. Allerdings hat die griechische Justiz das ganze Projekt l&auml;ngst f&uuml;r illegal (weil zu umweltsch&auml;dlich) erkl&auml;rt und im Januar 2014 mit einer Entscheidung der letzten Instanz endg&uuml;ltig untersagt. Aber diese Bagatelle k&uuml;mmert Samaras nicht: Der Chef der griechischen Exekutive macht seinen W&auml;hlern Versprechungen, als gebe es in seinem Land keine dritte Gewalt. Was zeigt, dass er entweder die thessalischen Bauern f&uuml;r dumm, oder den Rechtsstaat f&uuml;r manipulierbar h&auml;lt.<\/p><p>W&uuml;rden die europ&auml;ischen Medien dem ND-Regierungschef nur halb so viel Aufmerksamkeit widmen wie dem angeblichen &bdquo;Anti-Europ&auml;er&ldquo; Tsipras, k&ouml;nnten sie tagt&auml;glich &uuml;ber das gro&szlig;e Paradoxon dieser Wahlen berichten: Wie der Mann, der erkl&auml;rterma&szlig;en Griechenland reformieren und die Macht&uuml;bernahme des &bdquo;Populisten&ldquo; Tsipras verhindern will, einen schamlos populistischen Wahlfeldzug betreibt &ndash; im Stile des ewigen Klientelpolitikers, der er tats&auml;chlich ist.<\/p><p><strong>Die neuesten Wahlprognosen<\/strong><\/p><p>Inzwischen liegen die ersten Umfragen vor, die schon die Papandreou-Partei Kidiso (Bewegung der Demokraten und Sozialisten) einbeziehen, die am 3. Januar dieses Jahres gegr&uuml;ndet wurde. Nach den Umfragen der demoskopischen Institute Alco und Kapa Research (im Auftrag der Sonntagszeitungen &bdquo;Proto Thema&ldquo; bzw. &bdquo;To Vima&ldquo;) liegt die Syriza nach wie vor um 3,2 bzw. 2,6 Prozent vor der ND. Die Papandreou-Partei bleibt mit 2,4 bzw. 2,8 Prozent unter der 3-Prozent-Grenze und w&uuml;rde es mit diesem Wahlergebnis nicht ins Parlament schaffen. Als drittst&auml;rkste Partei weisen beide Umfragen die relativ &bdquo;junge&ldquo; &bdquo;Reformpartei&ldquo; To Potami aus, die auf 6,5 bzw. 4,5 Prozent kommt. Es folgen ungef&auml;hr gleichauf (um die 5 Prozent schwankend) die Pasok, die kommunistische KKE und die faschistische Chrysi Avgi (ChA). Noch hinter der Kidiso liegt (mit 2,2 bzw. 2,6 Prozent) die rechtspopulistische Anti-Memorandums-Partei Anel (Unabh&auml;ngige Hellenen), die wie die Papandreou-Partei den Einzug ins Parlament wohl nicht schaffen d&uuml;rfte.<\/p><p>Diese Umfragen zeigen drei wichtige Trends auf: Zum einen ist der Vorsprung der Syriza vor der ND zwar reduziert, bleibt aber stabil. Zum zweiten spielt sich im Bereich der &bdquo;linken Mitte&ldquo; ein Verdr&auml;ngungswettbewerb ab, der als m&ouml;glichen Koalitionspartner der Syriza wahrscheinlich nur To Potami und die Pasok &uuml;brig l&auml;sst. Und drittens ist noch etwa jeder zehnte W&auml;hler unentschieden; wie dieses Reservoir (von 9,6 bzw. 12,6 Prozent) von den Parteien genutzt wird, k&ouml;nnte also f&uuml;r den Wahlausgang entscheidend werden. <\/p><p>Allerdings gelten f&uuml;r die aktuellen Umfragen noch verst&auml;rkt die Vorbehalte, die ich an anderer Stelle formuliert habe (<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19916\">NDS vom 14. Januar 2014<\/a>). Bei den Telefoninterviews weigern sich viele W&auml;hler, die &bdquo;Sonntagsfrage&ldquo; zu beantworten (das ist auch der Grund, warum die meisten Demoskopen davon ausgehen, dass die Neonazis der ChA besser abschneiden werden, als die aktuellen Umfragen anzeigen). <\/p><p>Dabei muss man wissen, dass die griechischen B&uuml;rger den Umfragen generell misstrauen und ihre eigenen Einsch&auml;tzungen eher auf Gespr&auml;che und &bdquo;Umh&ouml;ren&ldquo; in ihren pers&ouml;nlichen Kreisen st&uuml;tzen. Diese Eindr&uuml;cke sind auch deshalb ziemlich zuverl&auml;ssig, weil man von den meisten Nachbarn, Bekannten und Kollegen wei&szlig;, wie sie &bdquo;traditionell&ldquo; gestimmt haben. Das subjektive Gesp&uuml;r f&uuml;r den politischen Wandel ist also wom&ouml;glich ein besseres prognostisches Instrument als die demoskopischen Umfragen. Das vielleicht wichtigste Datum ist deshalb, wie die Befragten die Siegesaussichten der Parteien einsch&auml;tzen. Bei allen Umfragen der letzten Wochen meinen deutlich &uuml;ber 60 Prozent der W&auml;hler, dass die Syriza st&auml;rkste Partei wird, w&auml;hrend weniger als 30 Prozent die Nea Dimokratia vorn sehen. Das l&auml;sst den Schluss zu, dass die ND den Vorsprung der Syriza bis zum 25. Januar nur sehr schwer aufholen kann. <\/p><p><strong>Eine Umfrage im Auftrag der Syriza<\/strong><\/p><p>Dass Umfragen mit Vorsicht zu genie&szlig;en sind, demonstriert allerdings auch die Syriza-Parteizeitung namens Avgi (Morgenr&ouml;te, der Name existiert schon viel l&auml;nger als die faschistische Partei &bdquo;goldene Morgenr&ouml;te&ldquo;). Sie beauftragte das Institut Public Issue mit einer Umfrage, deren Resultate sie am 11. Januar publiziert hat. Das wichtigste Ergebnis ist, dass f&uuml;r die Syriza ein Vorsprung von 8 Prozent prognostiziert wird (38 zu 30 Prozent), der exakt ausreichen w&uuml;rde, um der Syriza die absolute Mehrheit von 151 Parlamentssitzen zu bescheren. <\/p><p>Diese Umfrage unterscheidet sich allerdings in zwei wichtigen Punkten von den beiden schon zitierten. Erstens hat die Befragung schon vor Gr&uuml;ndung der Kidiso begonnen, sodass die Papandreou-Partei noch nicht ber&uuml;cksichtigt ist. Zweitens wurden die noch unentschiedenen W&auml;hler auf die Parteien &bdquo;umgerechnet&ldquo; &ndash; ein Verfahren, die stets gewisse interpretatorische Spielr&auml;ume er&ouml;ffnet. In diesem Fall hat Public Issue nicht methodisch ausgewiesen, nach welchem &bdquo;Verteilungsschl&uuml;ssel&ldquo; die 38 Prozent f&uuml;r die Syriza ermittelt wurden. <\/p><p>Dass eine von der Avgi finanzierte Umfrage eine absolute Mehrheit f&uuml;r die Syriza prognostiziert, hat zwar einen gewissen Hautgout, kann aber als Momentaufnahme durchaus g&uuml;ltig sein. Weit problematischer ist allerdings eine Interpretation der Public Issue-Zahlen, die sich die Avgi-Redaktion ausgedacht hat. Sie wertet den demoskopischen Befund, dass zwei Drittel der Befragten Anfang Januar mit einem Wahlsieg der Syriza rechnen, als Indiz daf&uuml;r, dass eine &bdquo;starke gesellschaftliche Str&ouml;mung f&uuml;r das Land einen politischen Wechsel fordert&ldquo;. Diese Aussage ist reiner Unfug, denn unter den 66 Prozent, die einen Wahlsieg von Tsipras erwarten (gegen&uuml;ber 22 Prozent, die Samaras vorne sehen) sind nat&uuml;rlich massenhaft W&auml;hler anderer Parteien, die realistischerweise mit einem politischen Wechsel rechnen, ohne ihn zu wollen.<\/p><p><strong>Der Faktor Ausland<\/strong><\/p><p>Noch eine kurze Bemerkung zu der in Deutschland viel er&ouml;rterten Frage, inwieweit die &bdquo;Einmischung&ldquo; ausl&auml;ndischer Stimmen &ndash; vor allem aus Br&uuml;ssel und Berlin &ndash; die griechischen W&auml;hler beeinflussen und unter Druck setzen. Zun&auml;chst muss man wissen, dass die Meinung &bdquo;des Auslands&ldquo; in den griechischen Medien und in der &ouml;ffentlichen Debatte eine &uuml;bergro&szlig;e Rolle spielt. Die unscheinbarste Meinung &uuml;ber Griechenland &ndash; ob positiv oder negativ &ndash; wird von den meisten Zeitungen und TV-Anstalten regelm&auml;&szlig;ig gemeldet und auch kommentiert. Das gilt &uuml;brigens auch f&uuml;r Kommentare aus Deutschland, die von der Regierungsposition abweichen und Griechenland &bdquo;verteidigen&ldquo; oder gegen die D&auml;monisierung der Syriza argumentieren, wie es Jakob Augstein Ende Dezember im Spiegel getan hat. Kommentare wie diese, aber auch Meinungen von &Ouml;konomen wie Bofinger und Fratzscher, werden in fast jeder Zeitung (gleich welcher politischen Couleur) abgedruckt. Solche Meinungen haben auch erheblich dazu beigetragen, dass &bdquo;Deutschland&ldquo; als negativer Pauschalbegriff, dem man alles B&ouml;se zuschreibt, heute nicht mehr zieht und das Deutschland-Bild in der griechischen &Ouml;ffentlichkeit viel differenzierter geworden ist.   <\/p><p>Dennoch: Dass die von Berlin ausgehende Kampagne &uuml;ber die Gefahr eines &bdquo;Grexit&ldquo; ein gro&szlig;es Thema war und ist, versteht sich von selbst. Aber der Versuch, mit solchen Drohszenarien in Griechenland politische Wirkung zu erzielen, wird &uuml;berwiegend kritisch gesehen und kommentiert, und zwar auch von Medien, die eher die Regierung Samaras unterst&uuml;tzen. <\/p><p>Das ist auch leicht erkl&auml;rbar: Alle griechischen Kr&auml;fte sind sich bewusst, dass interventionistische Meinungs&auml;u&szlig;erungen (oder Berichte wie der im SPIEGEL &uuml;ber die Planspiele im Berliner Finanzministerium) eher kontraproduktiv wirken. Das wei&szlig; vor allem die Syriza, deren Fraktionssprecher Dimitris Papadimoulis in einer Fernsehdebatte Anfang Januar ganz k&uuml;hl erkl&auml;rt hat: &bdquo;Je mehr die gegen uns sagen, desto mehr nutzt uns das.&ldquo; Der Mann hat v&ouml;llig Recht. Nach meiner Beobachtung der griechischen Medien steht jedenfalls fest, dass der n&uuml;chterne Kommentar eines Bofinger zum Unfug der Grexit-Debatte der Syriza weit mehr nutzt als ein Spruch von Sch&auml;uble ihr schaden k&ouml;nnte. <\/p><p>Viel wichtiger ist die Wirkung, die starke Spr&uuml;che aus Berlin oder Br&uuml;ssel an &bdquo;den M&auml;rkten&ldquo; erzielen, wobei die Wirtschaftspresse als &bdquo;Transmissionsriemen&ldquo; von Drohungen und &Auml;ngsten eine zentrale Rolle spielt. Deshalb wird es von entscheidender Bedeutung sein, welche Signale &bdquo;die M&auml;rkte&ldquo; in den zehn Tagen bis zum 25. Januar an die griechischen W&auml;hler aussenden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hier ein zweiter Blick auf den griechischen Wahlkampf, der zwei Wochen vor dem Urnengang am 25. Januar weiter eskaliert. 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