{"id":24586,"date":"2015-01-15T14:00:44","date_gmt":"2015-01-15T13:00:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24586"},"modified":"2019-01-30T10:35:32","modified_gmt":"2019-01-30T09:35:32","slug":"rezension-hessischer-machiavellismus-die-sterntaler-verschwoerung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24586","title":{"rendered":"Rezension: Hessischer Machiavellismus: Die Sterntaler-Verschw\u00f6rung"},"content":{"rendered":"<p>Ich m&ouml;chte den Leserinnen und Lesern der Nachdenkseiten einen Kriminalroman zur Lekt&uuml;re empfehlen. Die Nachdenkseiten scheinen mir der richtige Ort f&uuml;r einen derartigen Hinweis, weil der Roman, um den es geht, um ein politisches Geschehen kreist. Im Zentrum von Jan Seghers&lsquo; neuem Buch <em>Die Sterntaler-Verschw&ouml;rung<\/em> stehen die Ereignisse nach der hessischen Landtagswahl im Jahr 2008. Von <strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong>.<br>\n<!--more--><\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Zuerst trachtet man nach Gerechtigkeit und zum Schluss organisiert man eine Polizei.&ldquo; <\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>(Albert Camus)<\/p><p>Zur Erinnerung: Diese Landtagswahl endete f&uuml;r den damaligen Ministerpr&auml;sidenten Roland Koch, der unter anderem wegen der als <em>j&uuml;dische Verm&auml;chtnisse<\/em> getarnten schwarzen Kassen der CDU in Misskredit geraten war, mit einem Fiasko. Seine Partei verlor 12 Prozent, die Christdemokraten b&uuml;&szlig;ten ihre absolute Mehrheit ein. Die Sozialdemokraten legten kr&auml;ftig zu und verf&uuml;gten &uuml;ber die gleiche Anzahl von Sitzen im Landtag. Eine Koalition aus SPD und Gr&uuml;nen unter Tolerierung der Linken w&auml;re m&ouml;glich gewesen, und eine knappe Landtagsmehrheit h&auml;tte die SPD-Kandidatin Andrea Ypsilanti zur Ministerpr&auml;sidentin w&auml;hlen k&ouml;nnen. CDU und FDP starteten mit massiver medialer Unterst&uuml;tzung umgehend eine Kampagne gegen diese Option und nannten Ypsilanti gebetsm&uuml;hlenartig eine L&uuml;gnerin, weil sie vor der Wahl eine Zusammenarbeit mit den Linken ausgeschlossen hatte. <\/p><p>Die amtierende Landesregierung hatte den Ausbau des Frankfurter Flughafens zu ihrer Sache gemacht und ihn als &bdquo;Job-Maschine&ldquo; gepriesen. Den Menschen wurde mit einem Verlust von Arbeitspl&auml;tzen f&uuml;r den Fall gedroht, dass Frau Ypsilanti Ministerpr&auml;sidentin w&uuml;rde und der Ausbau des Flughafens sich verz&ouml;gere oder gar scheitere. Ypsilanti wollte den SPD-Linken Hermann Scheer zum neuen Wirtschafts- und Umweltminister machen, und im Hintergrund f&uuml;rchteten manche Leute, er k&ouml;nne diese Position nutzen, um Hessen zu einem Probierstand f&uuml;r die M&ouml;glichkeit eines radikalen Umstiegs auf erneuerbare Energien machen. In dem Dokumentarfilm <em>Let&rsquo;s Make Money<\/em> aus dem Jahr 2008 kommt Hermann Scheer ausf&uuml;hrlich zu Wort und erl&auml;utert seine Ideen. Wenn man diesen Film gesehen hat, versteht man, warum gewisse Leute, vor allen aber die gro&szlig;en Energiekonzerne, eine solche politische Option f&uuml;rchteten wie der Teufel das Weihwasser. Widerstand gegen Ypsilanti und Scheer gab es auch innerhalb der SPD selbst. So hatte Wolfgang Clement eine Woche vor der Landtagswahl wegen ihrer energie- und industriepolitischen Positionen von der Wahl Ypsilantis abgeraten. Auch das Vorhaben, nach der Wahl eine rot-gr&uuml;ne Regierung unter Tolerierung durch die Linke anzustreben, war in der Bundes-SPD umstritten und stie&szlig; parteiintern auf Widerstand.  <\/p><p>Die SPD entschloss sich nach vielen Konferenzen und Probeabstimmungen dennoch, eine solche Koalition zu wagen. Auf einem Sonderparteitag unterst&uuml;tzte die SPD Hessen mit gro&szlig;er Mehrheit der Stimmen Ypsilantis Kurs. Alle Mitglieder der SPD-Fraktion sicherten zu, sie zu w&auml;hlen. Buchst&auml;blich im letzten Moment entdeckten vier SPD-Mitglieder ihr Gewissen und verweigerten Frau Ypsilanti die Gefolgschaft. Ihre Wahl scheiterte und Roland Koch blieb gesch&auml;ftsf&uuml;hrender Ministerpr&auml;sident. Frau Ypsilanti zog sich in der Folge von der gro&szlig;en politischen B&uuml;hne zur&uuml;ck. Herr Koch wurde bei den Neuwahlen im Jahr 2009 wiedergew&auml;hlt und wechselte im Jahr 2010 in den Vorstand des Baukonzern <em>Bilfinger Berger<\/em>, dessen Interessen beim Ausbau des Flughafens er bereits zuvor gut vertreten hatte. Hermann Scheer starb im selben Jahr &bdquo;nach kurzer schwerer Krankheit&ldquo;, wie man in solchen  F&auml;llen sagt. Krebs ist (auch) die Krankheit der um ihre Hoffnung Betrogenen. <\/p><p>Die Ereignisse des Jahres 2008 geben den hessischen Linken bis heute R&auml;tsel auf, und ich kenne einige Leute, die sich bis heute von diesem Schock nicht erholt haben und regelrecht traumarisiert sind. Viele sind davon &uuml;berzeugt, dass es bei dem sogenannten &bdquo;Aufstand der Anst&auml;ndigen&rdquo; nicht mit rechten Dingen zugegangen ist. Was lie&szlig; diese vier SPD-Abgeordneten pl&ouml;tzlich ihr Gewissen entdecken? Was ist damals geschehen im Machtzentrum der hessischen Landespolitik? Verschw&ouml;rungstheorien schossen ins Kraut. Es war die Stunde der politischen Paranoiker, die finstere Machenschaften am Werk sahen und davon ausgingen, dass das Gewissen der vier Abtr&uuml;nnigen in Wahrheit deren Geldbeutel war. Vielleicht waren diejenigen, die sich von der Paranoia nicht anstecken lassen wollten und sich mit solchen Erkl&auml;rungsversuchen zur&uuml;ckhielten, aber auch politisch zu blau&auml;ugig und untersch&auml;tzten den Machiavellismus der herrschenden Klasse, die bereit ist, zur Verteidigung ihrer Macht und ihrer finanziellen Interessen jedes Mittel einzusetzen &ndash; unabh&auml;ngig von Recht und Moral. Adorno hatte schon 1961 in seinem Aufsatz <em>Meinung Wahn Gesellschaft<\/em> gemutma&szlig;t:<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Die objektive Welt n&auml;hert sich dem Bild, das der Verfolgungswahn von ihr entwirft.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Auch der Frankfurter Autor Matthias Altenburg wird sich nach dem Ypsilanti-Debakel all diese Fragen gestellt haben und ist jahrelang mit diesem Stoff schwanger gegangen, bis er ihn in seiner Alias-Rolle als Jan Seghers zum Thema und Stoff eines Kriminalromans gemacht hat. Es war diesmal eine schwere und langwierige Geburt. Die M&uuml;hen des Autors und das Warten der Leserinnen und Leser haben sich gelohnt, denn herausgekommen ist ein ausgesprochen spannendes und schriftstellerisch gelungenes, gut geschriebenes Buch. Die Romanform er&ouml;ffnet Seghers die M&ouml;glichkeit, eine denkbare Version des Geschehens durchzuspielen, die uns vor Augen f&uuml;hrt, was in den Monaten nach jener Landtagswahl hinter den Kulissen geschehen sein k&ouml;nnte. Nirgends und nie wird die Grenze zwischen Fiktion und Realit&auml;t verwischt und der Eindruck erweckt, so und nicht anders sei es zugegangen und es handele sich um einen Tatsachenbericht. &bdquo;Alle Ereignisse und Personen sind frei erfunden&ldquo;, stellt Seghers dem Buch voran. Dann f&uuml;gt er sibyllinisch hinzu: &bdquo;Selbst der Vollmond scheint, wann er will.&ldquo;<\/p><p>Auch wenn die Handlung der <em>Sterntaler-Verschw&ouml;rung<\/em>, wie die der vorangegangenen vier Kriminalromane von Jan Seghers, in Frankfurt und der weiteren Umgebung angesiedelt ist, legt Seghers Wert darauf, dass seine Romane nicht der grassierenden Mode der Regionalkrimis angeh&ouml;ren, die in seinen Augen &bdquo;eine elende Fortsetzung der Fremdenverkehrswerbung mit anderen Mitteln&ldquo; darstellt und bestenfalls Parodien von Kriminalromanen hervorbringt. Seine Romane sind, wie alle wirklich guten Krimis, Gesellschaftsromane, die im Gewand von Kriminalromanen auftreten. Geschickt und gekonnt werden verschiedene Ebenen und Erz&auml;hlstr&auml;nge miteinander verflochten, scheinbar weit auseinanderliegende  Kriminalf&auml;lle ber&uuml;hren sich pl&ouml;tzlich und lassen neue Muster und Zusammenh&auml;nge erkennen. Wir erfahren sowohl etwas &uuml;ber zeitgen&ouml;ssische Beziehungsverh&auml;ltnisse und Lebensformen als auch &uuml;ber gewisse Praktiken im Milieu der organisierten Kriminalit&auml;t und Techniken des politischen Machterhalts. <\/p><p>Im Zentrum des Romans steht auch dieses Mal Kommissar Marthaler, der sich im Unterschied zu seinem Gegenspieler vom Landeskriminalamt, der als verl&auml;ngerter Arm der politisch M&auml;chtigen fungiert, als ein einem demokratischen Gemeinwesen verpflichteter Aufkl&auml;rer versteht. <em>Aufkl&auml;rung<\/em> besteht f&uuml;r ihn nicht nur im Dingfestmachen der jeweiligen T&auml;ter, sondern auch in der Aufhellung des gesellschaftlichen Umfelds, ohne das die in Rede stehenden Taten nicht m&ouml;glich w&auml;ren. Er weigert sich, &bdquo;Haltet den Dieb!&ldquo; zu rufen und die wahren Diebe entkommen zu lassen. In Seghers Roman blitzt die Utopie einer demokratischen Polizei in einem demokratischen Gesellschaft auf, die einzig der Wahrheit und einem wohlverstandenen Gemeinwohl verpflichtet ist. Auch eine vom Terror der entfesselten &Ouml;konomie befreite Gesellschaft, wenn es sie denn je geben sollte, wird nicht ohne Polizei (oder etwas ihr &Auml;hnliches) und Justiz auskommen. Sie entlasten die zivile Gesellschaft wie die Individuen von zahlreichen Aufgaben, die sie nicht ohne Schaden f&uuml;r ihre sozialen und individuellen Beziehungen erf&uuml;llen k&ouml;nnten. &bdquo;Die Polizei (deren Funktionen &uuml;brigens nicht als Vollzeit-Beruf ausge&uuml;bt zu werden brauchten)&ldquo;, hat Andr&eacute; Gorz bereits vor 35 Jahren geschrieben, &bdquo;erspart jedem, sein eigener &sbquo;Bulle&lsquo; zu sein.&ldquo; <\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Gerechtigkeit gibt&lsquo;s im Jenseits, hier auf Erden gibt&lsquo;s das Recht&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>hei&szlig;t es lapidar in William Gaddis&lsquo; Roman <em>Letzte Instanz<\/em>. Polizei und Justiz dienen der Aufrechterhaltung eines fragilen Gebildes, das wir etwas pathetisch <em>Rechtsordnung<\/em> nennen. Sie stellt den Versuch dar, die Regelung von Konflikten der Hitze von N&auml;heverh&auml;ltnissen zu entziehen, die Rachegel&uuml;ste der unmittelbar Beteiligten zu zivilisieren und so ein leidliches Zusammenleben zu erm&ouml;glichen. &bdquo;Zuerst trachtet man nach Gerechtigkeit und zum Schluss organisiert man eine Polizei&ldquo;, fasst Albert Camus diesen Prozess zusammen. Marthaler und seine Kolleginnen und Kollegen begreifen sich, ganz im Einklang mit dem urspr&uuml;nglichen Wortsinn von Polizei &ndash; von altgriechisch Polis, die Stadt &ndash; als Gemeinwesenarbeiter, die die Wahrheit ans Licht bringen wollen &ndash; auch gegen den entschlossenen Widerstand jener, denen an Verdunkelung gelegen ist, weil sie im Dunklen ihren mehr oder weniger schmutzigen Gesch&auml;ften besser nachgehen k&ouml;nnen.<\/p><p>In Seghers&rsquo;s Roman wohnen wir als Leserinnen und Leser einem m&uuml;hsamen und verschlungenen Ermittlungsprozess bei, der am Ende dazu f&uuml;hrt, dass eine Struktur im scheinbar Chaotischen erkennbar wird. Die zerstreut herumliegenden Puzzleteile f&uuml;gen sich schlie&szlig;lich zu einem erkennbaren Bild. Das Freud-Zitat, das Jan Seghers seinem Buch vorangestellt hat, k&ouml;nnte es auch beschlie&szlig;en:<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Selbst wenn alle Teile eines Problems sich einzuordnen scheinen wie die St&uuml;cke eines Zusammenlegspieles, m&uuml;sste man daran denken, dass die Wahrscheinlichkeit nicht notwenig das Wahre sei und die Wahrheit nicht immer wahrscheinlich.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Jan Seghers: <em>Die Sterntaler-Verschw&ouml;rung<\/em> ist im November 2014 bei Kindler erschienen und kostet 19,95 Euro<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich m&ouml;chte den Leserinnen und Lesern der Nachdenkseiten einen Kriminalroman zur Lekt&uuml;re empfehlen. Die Nachdenkseiten scheinen mir der richtige Ort f&uuml;r einen derartigen Hinweis, weil der Roman, um den es geht, um ein politisches Geschehen kreist. Im Zentrum von Jan Seghers&lsquo; neuem Buch <em>Die Sterntaler-Verschw&ouml;rung<\/em> stehen die Ereignisse nach der hessischen Landtagswahl im Jahr 2008.<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24586\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[123,208,190],"tags":[250,257,246,269,245],"class_list":["post-24586","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kampagnentarnworteneusprech","category-rezensionen","category-wahlen","tag-hessen","tag-koch-roland","tag-linke-mehrheit","tag-scheer-hermann","tag-ypsilanti-andrea"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24586","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=24586"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24586\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48837,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24586\/revisions\/48837"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=24586"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=24586"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=24586"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}