{"id":24597,"date":"2015-01-16T09:33:32","date_gmt":"2015-01-16T08:33:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24597"},"modified":"2015-01-16T11:09:53","modified_gmt":"2015-01-16T10:09:53","slug":"wie-man-oeffentlich-ueber-inklusion-spricht-und-was-man-daraus-schliessen-kann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24597","title":{"rendered":"Wie man \u00f6ffentlich \u00fcber \u201eInklusion\u201c spricht (und was man daraus schlie\u00dfen kann)"},"content":{"rendered":"<p>Die medien&ouml;ffentliche Debatte &uuml;ber Inklusion ist nach zaghaften Anf&auml;ngen in den vergangenen Jahren jetzt wirklich in Gang gekommen. Sie hat die Grenzen der so genannten Qualit&auml;tspresse &uuml;berschritten und Stern und BILD ebenso erreicht wie die Talkshows. Das liegt daran, dass die Sache aus der Sph&auml;re wohlmeinender Absichtserkl&auml;rungen nunmehr heraustritt und auf die n&uuml;chternen Realit&auml;ten des &ouml;ffentlichen Schulwesens trifft. Verstehen wird diese Debatte nur, wer sie als Symptom und Indikator, aber auch als einen zentralen Faktor des Bildungsdiskurses nimmt. Das &ouml;ffentliche Reden &uuml;ber Bildung und Bildungschancen &ndash; so meine These &ndash; ist ein Stellvertreterdiskurs. Wo mit Emphase &uuml;ber Bildung, Bildungschancen und &bdquo;bildungsferne&ldquo; Schichten gesprochen wird, da geht es im Kern um etwas anderes: um soziale Gerechtigkeit. Obwohl Bildungsabschl&uuml;sse und gesellschaftlich-&ouml;konomische Positionen de facto nur (noch) wenig miteinander zu tun haben, steht Bildung symbolisch f&uuml;r den Teil der gesellschaftlichen Position eines Individuums, f&uuml;r den man (eben durch Bildungsanstrengungen) selbst verantwortlich ist bzw. gemacht werden kann. Die deutschen Mittelschichten, denen Soziologen wie Heinz Bude (2011) eine ausgepr&auml;gte &bdquo;Statuspanik&ldquo; bescheinigen, versuchen (oft als eine Art Bildungsmanager ihrer Kinder), den eigenen Statuszugewinn per Bildungsanstrengung pr&auml;ventiv an ihre Kinder weiterzugeben. Dieses Motiv treibt Inklusionsbef&uuml;rworter wie Inklusionsgegner, die einen &ouml;ffentlich und die anderen heimlich. Von <strong>Clemens Knobloch<\/strong>.<br>\n<!--more--><\/p><ol>\n<li><strong>&Ouml;ffentliche Moralisierung, staatlich Sparpolitik und private Interessenpolitik<\/strong>\n<p>Wer &uuml;ber Bildung zu sprechen glaubt der spricht tats&auml;chlich, ob er will oder nicht, &uuml;ber die Risiken des sozialen Abstiegs und &uuml;ber die Chancen des sozialen Aufstiegs. Im &ouml;ffentlichen Reden &uuml;ber &bdquo;Bildung&ldquo; sind  Drohung und Verhei&szlig;ung immer trefflich abgemischt. Das wird erst richtig  in den Bildungsgeschichten deutlich, in denen die offizielle Verhei&szlig;ung zugleich die subkutane (und &ouml;ffentlich nicht artikulationsf&auml;hige) Drohung ist. Hier w&auml;re z.B. an die moralisch unanfechtbare Forderung nach &bdquo;Inklusion&ldquo; zu denken. Deren harter Kern ist die Zerschlagung der bisherigen Sonderschulen und die Eingliederung von lerngest&ouml;rten und f&ouml;rderbed&uuml;rftigen Kindern in die Regelklassen und Regelschulen. Neben den nicht-muttersprachlichen Migrantenkindern werden k&uuml;nftig in gro&szlig;er Zahl auch lernbehinderte Kinder im Regelbetrieb der &ouml;ffentlichen Schulen auftreten.[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] Und zwar Kinder mit allen Arten von Lernbehinderung, von Blinden und Geh&ouml;rlosen &uuml;ber Autisten, ADHS-Kinder bis hin zu psychisch und sozial auff&auml;lligen Kindern. Wie die ohnehin statuspanische Mitte auf diese neue Herausforderung reagieren wird, mag man sich gar nicht vorstellen. Jedenfalls werden die Motive, um die es dabei geht, jenseits der &ouml;ffentlichen Sagbarkeitsgrenze liegen. Keiner kann sagen: &bdquo;Ich nehme meine Kinder aus der (&ouml;ffentlichen) Schule, weil der Lehrer\/die Lehrerin sich jetzt auch noch um die Behinderten k&uuml;mmern muss.&ldquo; Jeder kann es aber tun und die Gr&uuml;nde f&uuml;r sich behalten, weil er nach au&szlig;en nicht unkorrekt oder minderheitenfeindlich wirken m&ouml;chte. Die stille Logik der Sache wird gewiss daf&uuml;r sorgen, dass sich ehrgeizige Bildungsprivatisierer am Ende die H&auml;nde reiben. Diskurse etablieren Sagbarkeitsgrenzen, und wer sich &ouml;ffentlich gegen die Inklusion Behinderter in das allgemeine Schulsystem ausspricht, der kann in einer so hochgradig moralisierten Angelegenheit leicht in die b&ouml;se Ecke gestellt werden. Handeln wird er jedoch nicht nach den moralischen Maximen der Inklusionslyrik, sondern so, wie es seinen artikulierbaren Interessen entspricht: nur das Beste f&uuml;r die eigenen Kinder.<\/p><\/li>\n<li><strong>Die unmittelbar politische Dimension der Inklusion<\/strong>\n<p>Unmittelbar politisch betrachtet wirkt Inklusion als moralischer Schallverst&auml;rker f&uuml;r die ehrgeizigen W&uuml;nsche der Eltern behinderter und f&ouml;rderbed&uuml;rftiger Kinder nach Gleichstellung im Bildungssystem. Entartikuliert werden dagegen die (zweifellos vorhandenen) &Auml;ngste der nicht minder ehrgeizigen bildungspanischen Mittelschichteltern mit ihren &bdquo;normalen&ldquo; Kindern. Die n&auml;mlich werden die Anwesenheit f&ouml;rderbed&uuml;rftiger Kinder in der Klasse als Abzug an den Bildungschancen der eigenen &bdquo;normalen&ldquo; Kinder erleben, aber das nat&uuml;rlich nicht laut sagen k&ouml;nnen. <\/p>\n<p>In der neoliberalen Bildungsideologie ist das (kostenfreie) &ouml;ffentliche Schulwesen als staatliche Restinstitution f&uuml;r diejenigen vorgesehen, die sich private Bildungseinrichtungen nicht leisten k&ouml;nnen. Der Staat hat sich nur um die zu k&uuml;mmern, die nicht am Markt teilnehmen k&ouml;nnen. Viel zitiert wird in diesem Zusammenhang der <em>OECD-Policy Brief Nr. 13<\/em> aus dem Jahr 1996, eine wahre Fundgrube n&uuml;tzlicher Ratschl&auml;ge f&uuml;r Staatsakteure, die das &ouml;ffentliche Bildungswesen gesund- oder besser kranksparen wollen, ohne daf&uuml;r politische Rechnungen serviert zu bekommen (mehr dazu in Knobloch 2012: 115-118). Geraten wird da u.a. zum schrittweisen Absenken der angebotenen Schul- und Bildungsqualit&auml;t im &ouml;ffentlichen Bereich. Und wenn die auch noch politisch korrekt und moralisch geboten ist wie im Falle der Inklusion, kann man das getrost als das Ei des Kolumbus bezeichnen. Wer 4-6 Kinder mit individuell ausdifferenziertem F&ouml;rderbedarf in der Klasse hat, der muss die Standards senken. Die Inklusion passt trefflich in die Dramaturgie der Bildungsprivatisierung. Sie wird tendenziell die &bdquo;marktf&auml;higen&ldquo; Schichten aus dem &ouml;ffentlichen Schulwesen heraus man&ouml;vrieren. Obwohl sie uns als hoch moralische Staatsaktion entgegentritt, f&ouml;rdert die Inklusion de facto allein das k&uuml;hle Kalk&uuml;l der Bildungsprivatisierer. Deren Ressource sind die wachsenden Zweifel des Publikums am allgemeinen und &ouml;ffentlichen Schulwesen.<\/p><\/li>\n<li><strong>Bologna als Modell &ndash; die UN-Behindertenrechtskonvention als internationale R&uuml;ckendeckung<\/strong>\n<p>Kein Zeitungsartikel &uuml;ber Inklusion, der uns den Hinweis vorenth&auml;lt, es sei die UN-Behindertenrechtskonvention von 2006, welche die Bundesregierung 2009 unterschrieben habe, und sie beinhalte die nunmehr von den L&auml;ndern umgesetzte Selbstverpflichtung auf ein inklusives Schulwesen. Es ist ein bildungspolitisch bew&auml;hrtes Rezept, sich hinter den Auflagen internationaler Organisationen zu verstecken, wenn man nationale Interessenpolitik betreiben m&ouml;chte. Der so genannte Bolognaprozess hat zur gro&szlig;en &Uuml;berraschung der Experten (vgl. Niemann 2009) sinnf&auml;llig vorgef&uuml;hrt, dass ein traditionsreiches und in der Nationalgeschichte stark verankertes System der Universit&auml;tsausbildung beinahe widerstandslos gekippt werden konnte unter Berufung auf eine v&ouml;llig unverbindliche Absichtserkl&auml;rung einiger EU-Staatssekret&auml;re. Da es unter den halbwegs Gebildeten zum guten Ton geh&ouml;rt, nationale &bdquo;Sonderwege&ldquo; zu vermeiden und Anti-EU-Haltungen als rechtspopulistisch gelten, ist kaum jemand &ouml;ffentlich gegen den hochschulpolitischen Putsch aufgetreten, der als &bdquo;Bolognaprozess&ldquo; bekannt geworden ist. Die Inklusion legt da noch einmal nach und gibt sich nicht blo&szlig; ein internationales Legitimitationskorsett, sie tr&auml;gt &bdquo;&uuml;ber&ldquo; diesem Korsett  noch ein menschenrechtliches Antidiskriminierungskleid. Wer dagegen auftritt, der stellt sich nicht allein gegen die moralische Autorit&auml;t der internationalen Gemeinschaft, er riskiert auch den Vorwurf, die Ausschlie&szlig;ung Behinderter zu betreiben. <\/p>\n<p>Als Sprachwissenschaftler ziehe ich nat&uuml;rlich den Hut und bewundere die Chuzpe, mit der ein institutionell ausdifferenziertes System von F&ouml;rdereinrichtungen f&uuml;r Lernbehinderte mit einem Federstrich als Diskriminierung Lernbehinderter umdefiniert und abgeschafft werden kann. Das ist eine Politik, der man Orwell&acute;sche Qualit&auml;ten nicht absprechen kann. Aber wir haben ja auch geschluckt, als wir zum ersten Mal h&ouml;ren und lesen mussten, dass Krankenh&auml;user Gewinn machen sollten und der Staat seine Armen durch Sozialhilfe entm&uuml;ndigt und ihrer Eigeninitiative beraubt. <\/p>\n<p>In NRW sprechen die Tatsachen zur Inklusion eine ziemlich deutliche Sprache: Das Recht der Eltern, selbst zu entscheiden, ob ihre Kinder mit F&ouml;rderbedarf auch eine spezielle F&ouml;rdereinrichtung oder aber die allgemeine Schule besuchen, ist tempor&auml;r und auf Selbstaufhebung ausgelegt. Da F&ouml;rdereinrichtungen sofort geschlossen werden, wenn sie unter eine Mindestauslastung sinken, wird faktisch die Wahlfreiheit, die heute den K&ouml;der bildet, bereits morgen nicht mehr existieren, weil auch die speziellen F&ouml;rdereinrichtungen nicht mehr existieren. <\/p>\n<p>Dazu noch eine Randbemerkung. Wo es um die Zerst&ouml;rung des allgemeinen &ouml;ffentlichen Schulwesens geht, ist die Bertelsmann Stiftung nicht weit. Die hat im Jahr 2013 den renommierten Bildungsforscher Klaus Klemm mit einer Studie &uuml;ber den Stand der Inklusion in Deutschland beauftragt. Im Vorwort, das die Stiftung dieser Studie beigegeben hat, lesen wir ganz ausdr&uuml;cklich, was Sache ist bei dem Unternehmen Inklusion. Die &bdquo;Exklusionsquote&ldquo;, so lesen wir &ndash; sprich: die Zahl der f&ouml;rderbed&uuml;rftigen Kinder, die nach wie vor an F&ouml;rderschulen unterrichtet wird! &ndash; sei trotz Inklusionsbem&uuml;hungen in den vergangenen vier Jahren lediglich von 4,9 auf 4,8% gesunken, also ganz unerheblich. Und das obwohl die Zahl der inklusiv unterrichteten Sch&uuml;ler gleichzeitig angestiegen sei. Die Bertelsm&auml;nner res&uuml;mieren:<\/p>\n<blockquote><p>\n<em>So hat das Doppelsystem aus Regelschulen einerseits und F&ouml;rderschulen andererseits unver&auml;ndert Bestand. Solange dieses Doppelsystem jedoch im heutigen Umfang weiterhin besteht, ist erfolgreiche Inklusion schwierig. Denn die F&ouml;rderschulen binden jene Ressourcen, die dringend f&uuml;r den gemeinsamen Unterricht ben&ouml;tigt werden. (Klemm 2013: Vorwort)<\/em>\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Was weg soll, das sind die spezialisierten und professionellen F&ouml;rdereinrichtungen. Da l&auml;sst Bertelsmann keinen Zweifel.<\/p><\/li>\n<li><strong>Bl&uuml;tenlese I: Gymnasium mit Down-Syndrom<\/strong>\n<p>Seit die Massenmedien die Inklusion als Thema f&uuml;r sich entdeckt haben, gibt es t&auml;glich Wunsch- und Angstgeschichten. Meistens ist eine Geschichte beides. Viel Wind macht gegenw&auml;rtig (Februar 2014) der &bdquo;Fall&ldquo; eines Elfj&auml;hrigen mit Downsyndrom, der nach dem Willen der Eltern im Herbst 2014 ein Gymnasium in Baden-W&uuml;rttemberg besuchen soll. Lehrerkonferenz und Schulkonferenz haben es abgelehnt, das Kind aufzunehmen. Der Landessch&uuml;lerbeirat hat sich f&uuml;r eine Aufnahme erkl&auml;rt, das Kind soll seine &bdquo;in der Grundschulzeit gewachsenen Freundschaften am Gymnasium fortf&uuml;hren k&ouml;nnen&ldquo; (Soldt 2014). Das dortige Kultusministerium h&auml;lt sich bedeckt, es begreift, dass es politisch nur verlieren kann, wie auch immer es entscheidet. Das Kind, das kaum lesen und schreiben kann, wird dem &bdquo;normalen&ldquo; Gymnasialunterricht keinesfalls folgen k&ouml;nnen, es muss &bdquo;besch&auml;ftigt&ldquo; werden. <\/p>\n<p>Wer die von PISA erhitzten Debatten um Gymnasialleistungen im L&auml;ndervergleich noch im Ohr hat, der reibt sich verbl&uuml;fft die Augen. Und die Gymnasiallehrer, die man noch gestern darauf verpflichten wollte, auch die letzten &bdquo;Kompetenzen&ldquo; aus ihren Sch&uuml;lern herauszukitzeln, werden einigerma&szlig;en verwundert sein, dass Kinder jetzt ans Gymnasium kommen sollen, um ihre Grundschulfreundschaften weiter pflegen zu k&ouml;nnen. Denkt jemand dar&uuml;ber nach, welche Folgen ein solches Wechselbad von Leistungs- und Moralanspr&uuml;chen f&uuml;r die motivationalen Zust&auml;nde des Lehrerkollegiums haben? Oder glaubt jemand, dass einer gemeinsamen Optimierung von Leistung und Gutmenschenmoral wirklich nichts im Wege stehe? Paradoxe Anforderungen an die Berufsgruppe der Lehrer sind freilich ein bew&auml;hrtes Herrschaftsmittel.<\/p>\n<p>Und damit die Sonderschulen moralisch einwandfrei entsorgt werden k&ouml;nnen, m&uuml;ssen sie zun&auml;chst von den Staatsakteuren, die f&uuml;r ihren Zustand politisch verantwortlich sind, medien&ouml;ffentlich schlecht geredet werden. Ein auff&auml;lliges (und rhetorisch ungeschicktes) &Uuml;bersoll hat in dieser Angelegenheit die (ehemalige) Wissenschaftsministerin von Schleswig Holstein, Waltraud Wende abgeliefert. Wie die FAZ (am 12. April 2014) berichtete, sprach sie von den Sonderschulen ihres Landes als &bdquo;Einrichtungen mit kr&auml;nkenden, belastenden, besch&auml;menden, erniedrigenden Wirkungen, mit Stigmatisierungen&ldquo;, was ihr einen Missbilligungsantrag der CDU eintrug. Sie hat sich dann doch lieber entschuldigt, aber die Nachricht ist klar und deutlich: Professionelle Sonderschulen sind sch&auml;dlich f&uuml;r f&ouml;rderbed&uuml;rftige Kinder, die allgemeine Schule macht frei. Und was die Lehrkr&auml;fte an den Sonderschulen tun, ist moralisch fragw&uuml;rdig, weil eben: Exklusion.<\/p><\/li>\n<li><strong>Bl&uuml;tenlese II: Die feine Dialektik der Elternwahlfreiheit<\/strong>\n<p>Kein Zweifel: F&uuml;r das Ego von Eltern, die  ihren Kindern gute Lebenschancen und ausk&ouml;mmliche Berufe w&uuml;nschen, ist es in hohem Ma&szlig;e stigmatisierend, wenn ihre Kinder das allgemeine Schulwesen verlassen und spezielle F&ouml;rderschulen besuchen m&uuml;ssen.  Schon die Hauptschule, ehedem Regeleinrichtung, scheint &uuml;ber dem Eingang den Imperativ &bdquo;Lasst alle Hoffnung fahren!&ldquo; zu tragen. Der Besuch spezieller F&ouml;rderschulen (fr&uuml;her hie&szlig;en sie Hilfsschulen) dokumentiert unmissverst&auml;ndlich: Die Schullaufbahn des eigenen Kindes hat den &bdquo;Normalbereich&ldquo; verlassen. Nun wissen wir, dass  in einer normalistisch integrierten Gesellschaft (Link 2006) die Individuen und Familien von Denormalisierungs&auml;ngsten geplagt und von Selbstnormalisierungsimperativen umstellt und getrieben werden. Hier setzt das Inklusionsversprechen mit seinen Lockungen an. Unser Kind, das suggeriert die Inklusion, kann eine allgemeine Schule besuchen, und damit nimmt es den Makel des Nichtnormalen sowohl von den Schultern der Eltern als auch von der beruflichen und sozialen Zukunft des Kindes. Alles scheint ganz einfach zu sein: Man meldet sein Kind an der allgemeinen Schule an, es wird zweifellos profitieren vom gemeinsamen Lernen mit den &bdquo;Normalen&ldquo;, und mit der Stigmatisierung von Eltern und Kindern hat es ein Ende. Nicht zuf&auml;llig ist es Politik vieler Inklusionsschulen in NRW (ich vermute: auch anderswo), den Eltern nicht mitzuteilen, wie viele Kinder mit F&ouml;rderbedarf eine Regelklasse besuchen. Die gute Absicht ist, Etikettierungen zu vermeiden &ndash; aber &bdquo;gut gemeint&ldquo; ist, wie wir l&auml;ngst wissen, das Gegenteil von &bdquo;gut&ldquo;. Als ob es m&ouml;glich w&auml;re, Autisten, Rollstuhlfahrer und psychisch Auff&auml;llig einfach in einer Klasse zu verstecken! Und f&uuml;r die bildungspanischen Normaleltern lautet die Nachricht: Hinter jedem leistungsm&auml;&szlig;ig suboptimalen Kind lauert ein Inklusionsfall &ndash; und somit das Risiko unzureichender F&ouml;rderung der eigenen Kinder.<\/p>\n<p>Bester Orwell ist in diesem Zusammenhang die Formel von der &bdquo;zieldifferenten Inklusion&ldquo;. Sie besagt, dass ein Kind, das die allgemeine Schule besucht, deren Leistungsziele keinesfalls erreichen wird. Merkw&uuml;rdig genug, dass der Besuch einer mit Experten ausgestatteten F&ouml;rderschule diskriminieren soll, die &bdquo;zieldifferente Inklusion&ldquo;, bei der die Chancenlosigkeit dem F&ouml;rderkind von vornherein bescheinigt wird, aber nicht. <\/p>\n<p>Keinen Augenblick darf man bei der Inklusionsdebatte vergessen, dass zwar ausschlie&szlig;lich &uuml;ber die Kinder und ihre Recht gesprochen wird. Die tats&auml;chlichen Akteure, deren Motive im Geschehen eine Rolle spielen, sind hingegen ausschlie&szlig;lich die Eltern. Sie treffen die Entscheidung, ob ihre Kinder die F&ouml;rderschule oder die Regelschule besuchen. Und da das &ouml;ffentliche Schulsystem als eine hierarchische Stufenfolge von Institutionen wahrgenommen wird, die Lebenschancen zuteilen &ndash; eine Stufenfolge, bei der die F&ouml;rderschulen ganz unten, noch unter den Hauptschulen stehen, von Gesamt-, Realschulen und Gymnasien nach oben gefolgt &ndash; ist es aus Elternperspektive scheinrational, die eigenen Kinder m&ouml;glichst hoch in dieser Hierarchie unterzubringen. Das K&ouml;nnen und das Wohl der Kinder treten diesem Motiv gegen&uuml;ber leicht in den Hintergrund. Es ist auch kein Zufall, dass die Inklusion in erster Linie den Schultypen abverlangt wird, die ohnehin schon teilstigmatisierend wirken. Die Gymnasien verweisen (mit Recht) ganz &uuml;berwiegend darauf, dass es wenig Sinn macht, Kinder aufzunehmen, die definitiv kein Abitur machen k&ouml;nnen. <\/p>\n<p>Der diskursive Kick besteht darin, dass die vermeintliche Entstigmatisierung von Kindern mit speziellem F&ouml;rderbedarf, welche die Inklusion auf ihre Fahnen geschrieben hat,  die ohnehin schon mit sozialer Exklusionsdrohung infizierten Schulformen f&uuml;r das &bdquo;normale&ldquo; Publikum weiter entwerten und bedrohlich erscheinen lassen wird.<\/p><\/li>\n<li><strong>Bl&uuml;tenlese III: Institutionelle Folgen: Der Wettbewerb der Schulen um die &bdquo;besten&ldquo; Behinderten.<\/strong>\n<p>Spricht man mit Praktikern aus der Schule, so wird einem rasch klar, dass auf der Hinterb&uuml;hne des hoch moralischen Inklusionstheaters ein ganz anderes (und viel pragmatischeres) St&uuml;ck gespielt wird. In praxi wird n&auml;mlich f&uuml;r die Schulen alles davon abh&auml;ngigen, wer wie viele F&ouml;rderkinder welcher Provenienz zugeteilt bekommt. Der frohe und fromme (und gegen&uuml;ber den Lehrern m&auml;chtig zynische) Spruch, Vielfalt m&uuml;sse man gef&auml;lligst als Chance nehmen, wirkt da einigerma&szlig;en einf&auml;ltig. Sozial und psychisch auff&auml;llige Kinder, deren jedes einen normalen Unterricht nachhaltig zum Entgleisen bringen kann, werden alle mit spitzen Fingern anfassen. Um Blinde und K&ouml;rperbehinderte mit &bdquo;normalen&ldquo; kognitiven Leistungen wird man sich hingegen rei&szlig;en. Die Restgruppen liegen irgendwo dazwischen. Als ob die NRW-Landesregierung einen solcherma&szlig;en pragmatischen Umgang mit der &bdquo;Vielfalt&ldquo; der F&ouml;rderbed&uuml;rftigen auch noch f&ouml;rdern wollte, hat sie die Schl&uuml;ssel festgelegt, nach denen die Normal- und Regelschulen F&ouml;rderlehrerstellen zugewiesen bekommen. Da geht es n&auml;mlich (sehr im Kontrast zur &ouml;ffentlichen Inklusionslyrik) m&auml;chtig rechenhaft zu, und zwar antizyklisch. Ich zitiere aus einem Artikel der K&ouml;lner <em>Stadtrevue<\/em> (4\/2014):<\/p>\n<blockquote><p>\n<em>Um eine volle Sonderp&auml;dagogenstelle zu erhalten, muss eine Klasse sechs Sch&uuml;ler mit einer k&ouml;rperlichen Behinderung aufnehmen. Geht es um sehbehinderte Kinder, erh&ouml;ht sich diese Zahl auf acht. Bei Kindern mit Lern- und Entwicklungsst&ouml;rungen allerdings wird die Anzahl der Stellen budgetiert und den Schulen pauschal und nicht mehr  pro F&ouml;rderkind zugewiesen. (Steigels &amp; Werthschulte 2014)<\/em>\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Dieses wundersame Zahlenwerk, dar&uuml;ber sind sich die Praktiker einig, wird die Konkurrenz um die &bdquo;besten&ldquo; Sch&uuml;ler mit F&ouml;rderbedarf zugleich anheizen und mit den n&ouml;tigen Paradoxien versorgen. Im Probebetrieb, so darf man getrost vermuten, sind die Verh&auml;ltnisse noch gro&szlig;z&uuml;giger als im sp&auml;teren Regelbetrieb. Und da, so berichten Steigels &amp; Werthschulte (2014), ist es bereits so, dass die wenigen F&ouml;rderschullehrer an den Regelschulen nicht nur zwischen den Klassen, sondern auch zwischen verschiedenen Schulen springen m&uuml;ssen, was nat&uuml;rlich einer <em>individuellen<\/em> Betreuung f&ouml;rderbed&uuml;rftiger Kinder nicht gerade Vorschub leistet. In der inklusiven Grundschule, von der die Autoren berichten, gibt es eine F&ouml;rderschulkollegin mit 18 Wochenstunden, die f&uuml;r zwei Klassen und dar&uuml;ber hinaus f&uuml;r die Inklusionsberatung zust&auml;ndig ist. In jeder Sonderschule haben die f&ouml;rderbed&uuml;rftigen Sch&uuml;ler st&auml;ndig gut ausgebildete Lehrkr&auml;fte, die sich um sie k&uuml;mmern, aber da werden sie ja leider diskriminiert. Und das ist offenbar nicht der Fall, wenn sie in der Regelklasse von den Lehrkr&auml;ften versorgt werden, die von ihrer speziellen Behinderung nicht die Spur einer Ahnung und zudem noch die Verantwortung f&uuml;r 25 regul&auml;re Sch&uuml;ler haben.<\/p>\n<p>Wer die beliebte medien&ouml;ffentliche &Uuml;bung des Lehrer-bashing kennt (Sie wissen, Lehrer, das sind die faulen S&auml;cke, die schon mittags nach Hause gehen und 12 Wochen Ferien im Jahr haben), der wird sich auch nicht dar&uuml;ber wundern, wie die Bildungspolitiker auf die Mitteilung des &bdquo;Nationalen Bildungsberichtes&ldquo; 2014 reagieren, wonach es auf allen Ebenen des &ouml;ffentlichen Bildungssystems (vom Kindergarten bis zum Gymnasium) an hinreichend qualifizierten Kr&auml;ften f&uuml;r die Inklusion fehlt: mit dem dezenten Hinweis, die Lehrkr&auml;fte m&uuml;ssten eben vorbereitet werden auf die sch&ouml;ne neue Inklusionswelt. O-Ton Wanka (CDU): &bdquo;Wichtig ist, alle p&auml;dagogisch T&auml;tigen durch Aus- und Weiterbildung auf die gro&szlig;e Aufgabe inklusiver Bildung vorzubereiten. Wir werden deshalb die Forschung und Qualifizierung in diesem Bereich vorantreiben&ldquo; (FAZ vom 14.\/15.6.2014) O-Ton L&ouml;hrmann: &bdquo;In Zukunft wird es darum gehen, Qualifizierungen f&uuml;r das Personal in den Bildungseinrichtungen zu verst&auml;rken&ldquo;. Beide &Auml;u&szlig;erungen enthalten das Eingest&auml;ndnis, dass die Schulen v&ouml;llig unvorbereitet in die Inklusion hineinstolpern. Wird schon irgendwie klappen! Dazu passt, was man von Schulpraktikern h&ouml;ren kann: Wer das Wort buchstabieren kann und im Studium einen Kurs zum Thema geh&ouml;rt hat, der gilt als Experte und wird an seiner Schule nolens volens zum Inklusionsbeauftragten ernannt. So sieht die Endmor&auml;ne einer professionellen Sonderp&auml;dagogik im sch&ouml;nen neuen inklusiven Schulwesen aus.<\/p><\/li>\n<li><strong>Bl&uuml;tenlese IV: Die schulische &bdquo;Umsetzung&ldquo;<\/strong>\n<p>So hoch gestimmt der moralische Ton bei der Inklusion klingt, so leichtfertig und unverantwortlich ist die Praxis ihrer schulischen Implementierung. Auch das passt zum Ersatzdiskurs Bildung: Alle tun bei ge&ouml;ffnetem Mikrofon &uuml;bereinstimmend so, als ob es auf dieser Welt keinen wichtigeren Garanten des gesellschaftlichen Erfolgs gebe als die eigenen Bildungsanstrengungen. Tats&auml;chlich herrscht im &ouml;ffentlichen Bildungswesen seit Jahrzehnten das Rotstiftmilieu und die &ouml;ffentlichen Ausgaben f&uuml;r Schulen kennen nur eine Richtung: nach unten. <\/p>\n<p>So wird die Inklusion einigen ehrgeizigen Schuldirektoren neue Karrierewege er&ouml;ffnen.  F&uuml;r die Betreuung f&ouml;rderbed&uuml;rftiger Sch&uuml;ler bedeutet sie radikale Entprofessionalisierung und f&uuml;r das Lehrpersonal an inklusiven Einrichtungen ebenso radikale &Uuml;berforderung. Woher soll ein gew&ouml;hnlicher Lehramtsstudierender Expertise &uuml;ber die Unterrichtung von Blinden, Tauben, K&ouml;rperbehinderten, Autisten, ADHS-Kindern, Lernschwachen, psychisch Auff&auml;lligen etc. nehmen? Ich f&uuml;rchte, mit ein paar Weiterbildungsveranstaltungen &uuml;ber Inklusion l&auml;sst sich ein zehnsemestriges Fachstudium Sonderp&auml;dagogik kaum ersetzen. Aber den Ton der moralischen Antreiber habe ich schon im Ohr. Sie erz&auml;hlen aufmunternde Geschichten von &bdquo;verhaltensoriginellen&ldquo; Kindern, die man keinesfalls zur&uuml;cklassen d&uuml;rfe. In der K&ouml;lner Stadtrevue wird die ehemalige Schuldirektorin Barbara Sengelhoff mit dem Satz zitiert: &bdquo;Die ersten Kinder, die ich damals noch an meiner vorherigen Stelle in M&uuml;hlheim hatte,  mit Rolli wegen einer Querschnittsl&auml;hmung, die haben wir auf den R&uuml;cken gepackt und die Treppe raufgetragen, weil wir keine Rampe hatten. Auch das funktioniert. Die wichtigste Voraussetzung ist die Haltung.&ldquo; So ist das, moralisch tiptop &ndash; und &bdquo;Haltung&ldquo; ist auch noch viel billiger als Expertise, Professionalit&auml;t und Organisation. <\/p>\n<p>L&auml;ngst entbrannt ist der Finanzierungsstreit zwischen L&auml;ndern und Gemeinden. Die L&auml;nder schm&uuml;cken sich n&auml;mlich auch darum gerne mit der Inklusion, weil sie nach herrschender Rechtslage deren Kosten &uuml;berwiegend an die Gemeinden weiterreichen k&ouml;nnen. Die schrittweise Schlie&szlig;ung der F&ouml;rderschulen hingegen ist bares Geld f&uuml;r die L&auml;nder.  Die Gemeinden in NRW (anders als die Gro&szlig;st&auml;dte mit SPD-Regierungen) pochen hingegen auf  das so genannte Konnexit&auml;tsprinzip, das zus&auml;tzliche Kosten, die durch Beschl&uuml;sse auf Landesebene entstehen, auch von den L&auml;ndern getragen sehen m&ouml;chte. Inzwischen scheint der drohende Rechtsstreit in NRW abgewendet. Die Gemeinden haben ihre Klage gegen die Zusage des Landes zur&uuml;ckgenommen, die tats&auml;chlichen Kosten w&uuml;rden j&auml;hrlich kontrolliert und gegebenenfalls w&uuml;rde das Land (zus&auml;tzlich zu den zugesagten 175 Millionen &euro; f&uuml;r die n&auml;chsten vier Jahre) nachschie&szlig;en.<\/p><\/li>\n<li><strong>Theorie und These: Normalistische Ausweitung der Normalit&auml;tszonen, mit moralischen Mitteln und mit dem Ziel, das &ouml;ffentliche Schulsystem weiter zu denormalisieren.<\/strong>\n<p>Nach diesem kurzen Ausflug in die allt&auml;glichen Niederungen der Inklusion muss ich Ihnen zur Abwechslung ein wenig Theorie zumuten. Als politisches Fahnenwort betrachtet ist Inklusion das, was man eine Konsensfiktion nennt. Das Prinzip Inklusion ist &ouml;ffentlich zustimmungspflichtig, weil die Forderung des Gegenteils, die Forderung nach einer &bdquo;Exklusion&ldquo; Lernbehinderter aus dem &ouml;ffentlichen Schulwesen nicht diskursf&auml;hig ist. Technisch gesprochen kann Inklusion nicht &ouml;ffentlich negiert werden. Es handelt sich um ein einwandsimmunes Prinzip. Erkennen kann man das daran, dass selbst die radikale Inklusionskritik den sprachlichen Gesslerhut rituell gr&uuml;&szlig;t und unterstreicht, dass Inklusion ja &bdquo;im Prinzip&ldquo; etwas sehr Gutes sei. Um nur ein Beispiel zu geben: Reiter (2014) schreibt: &bdquo;Es ist richtig, behinderte Menschen zu integrieren. Es ist aber falsch, sie zwangsweise in klassische Schulen zu stecken&ldquo;. <\/p>\n<p>So viel nur zur Verwendungslogik des Fahnenwortes Inklusion. Derartige Konsensfiktionen geh&ouml;ren in das Feld der &ouml;ffentlichen Moralisierung von Problemen. Und Einsatz finden die rhetorischen Ressourcen der Moralisierung in unserer normalistischen Gesellschaft (Link 2006) immer dann, wenn ein Problem nicht normalisiert werden kann oder soll. Um die Frage etwas anders zu formulieren: Was versprechen sich politische (und sonstige) Akteure von einer solchen Inklusionskampagne und vom damit verbundenen (ziemlich radikalen) Umbau des &ouml;ffentlichen Schulwesens? Die &ouml;ffentliche Moralisierung eines Problems ist aufmerksamkeitspolitisch effektiv und preiswert. Bevor das Fahnenwort Inklusion in der medialen Zirkulation aufgetaucht war, d&uuml;rfte kaum jemand auf die Idee gekommen sein, in der Existenz von F&ouml;rderschulen f&uuml;r Lernbehinderte ein moralisches Problem zu sehen. Eher im Gegenteil: Sie galten als n&uuml;tzlich und n&ouml;tig. Und wer die Qualit&auml;t der schulischen F&ouml;rderung Lernbehinderter h&auml;tte kritisieren oder in Frage stellen wollen, der h&auml;tte das auch mit &bdquo;normalistischen&ldquo; Mitteln tun k&ouml;nnen, z.B. &uuml;ber eine weitere Professionalisierung der Betreuung, &uuml;ber die Gleichstellung der F&ouml;rderschulen mit Regelschulen, durch die Definition von erreichbaren Abschl&uuml;ssen, die Kooperation mit Einrichtungen, die Arbeits- und Verdienstm&ouml;glichkeiten auch f&uuml;r Absolventen mit &bdquo;schwachen&ldquo; Schulabschl&uuml;ssen bereitstellen etc. Da g&auml;be es ohne Zweifel viele M&ouml;glichkeiten. Stattdessen haben wir die Inklusionskampagne. St&auml;ndig h&ouml;ren wir, Vielfalt sei als Chance zu begreifen, niemand d&uuml;rfe zur&uuml;ckgelassen, jede(r) m&uuml;sse mitgenommen werden, und was dergleichen wohlklingende Moralformeln mehr sind. <\/p>\n<p>Nun liegt die (demonstrativ tolerante und pseudoegalit&auml;re) Ausweitung von Normalit&auml;tszonen zweifellos im Trend des massendemokratischen Normalismus. Denken Sie z.B. an den Aufruhr, den der Versuch, das Thema &bdquo;sexuelle Vielfalt&ldquo; in den Bildungspl&auml;nen Baden -W&uuml;rttembergs (bei Elternverb&auml;nden und der katholischen Kirche) ausgel&ouml;st hat. Und denken Sie an den (als &bdquo;PC&ldquo; verspotteten) sprachlichen Aufwand, der &ouml;ffentlich betrieben wird, um vorzuf&uuml;hren, wie tolerant und weltoffen die Sprecher gegen&uuml;ber potentiell diskriminierten Minderheiten seien. Eine solche rhetorisch-demonstrative Ausweitung der Normalit&auml;tszonen ist auch die Inklusion. Allerdings hat sie die (beabsichtige oder unbeabsichtigte) Nebenwirkung, weitere Denormalisierungsangst in dasjenige gesellschaftliche System einzuleiten, das die &Ouml;ffentlichkeit f&uuml;r zentral verantwortlich f&uuml;r die Zuweisung gesellschaftlicher Chancen und Positionen h&auml;lt &ndash; eben in das Schul- und Bildungssystem. <\/p>\n<p>Auf eine Formel gebracht: Inklusion verspricht die Normalisierung der Bildungschancen f&uuml;r f&ouml;rderbed&uuml;rftige Kinder &ndash; nat&uuml;rlich ein moralisch achtenswertes Ziel! &ndash; Tats&auml;chlich importiert sie aber massive Denormalisierungsrisiken in das &ouml;ffentliche Bildungssystem und tr&auml;gt zu dessen heimlicher und stillschweigender Delegitimierung bei. Politisch fatal ist der Umstand, dass auf dem R&uuml;cken (f&ouml;rderbed&uuml;rftiger und anderer) Schulkinder ein handfester politischer Konflikt &uuml;ber den Standort des &ouml;ffentlichen Schulwesens ausgetragen wird. Je mehr sich Eltern von einer guten Schulbildung f&uuml;r ihre Kinder versprechen, desto mehr werden sie geneigt sein, das &ouml;ffentliche Schulsystem zu umgehen, in dem jetzt nicht nur die H&auml;lfte der Kinder &bdquo;Migrationshintergrund&ldquo; hat, sondern eben auch noch (nach Art und Umfang unkalkulierbarer) &bdquo;F&ouml;rderbedarf&ldquo; besteht. Die Anbieter exklusiver Privatschulen werden sich die Finger lecken. Wie auch immer die Sache ausgeht: Die Veranstalter der Inklusion werden mit wei&szlig;er Weste dastehen, ihr Anliegen ist moralisch einwandfrei, f&uuml;r die freilich absehbaren unerw&uuml;nschten Folgen sind sie nicht verantwortlich zu machen. Sie haben es ja nur gut gemeint. Am Ende steht der alte Wunschtraum neoliberaler Fundamentalisten: ein &ouml;ffentliches Restschulwesen, das diejenigen mit minimalen Bildungsangeboten versorgt, die nicht kapitalkr&auml;ftig genug sind f&uuml;r den Bildungsmarkt. Die anderen k&ouml;nnen und sollen zukaufen. Der erkl&auml;rte Versuch, F&ouml;rdersch&uuml;ler zu entstigmatisieren, indem man die F&ouml;rderschulen schlie&szlig;t und abschafft, importiert stattdessen deren Stigma in das allgemeine Schulwesen. Und da wird es sich umso nachhaltiger entfalten, als es nicht &ouml;ffentlich kommuniziert werden kann. <\/p>\n<p>Der Inklusionsrummel etabliert eine durch und durch paradoxe Kommunikation: Dass es Schulkinder mit besonderem F&ouml;rderbedarf gibt, wird auf der einen Seite ausdr&uuml;cklich anerkannt. Ihre Zahl w&auml;chst sogar.  Auf der anderen Seite wird aber durch deren Unterbringung in den allgemeinen Schulen und durch die Abschaffung der F&ouml;rderschulen einfach geleugnet, dass f&ouml;rderbed&uuml;rftige Kinder auch eigene Einrichtungen brauchen. In diese Paradoxie passt der Umstand, dass die meisten radikalen Inklusionsbef&uuml;rworter es vehement ablehnen, F&ouml;rderziele f&uuml;r die Inklusionskinder zu formulieren. Offenbar sollen die nicht wirklich gef&ouml;rdert, sondern einfach in ihrem (wie es so sch&ouml;n hei&szlig;t) &bdquo;Anderssein&ldquo; akzeptiert werden. Das ist zweifellos billiger (hierzu Ahrbeck 2014). <\/p>\n<p>Wenn (wirkliche oder vermeintliche) Exklusion werbewirksam und mit gro&szlig;em Trara moralisch auf einem Gebiet, dem der Sonderp&auml;dagogik n&auml;mlich, bek&auml;mpft wird, liegt der Verdacht nahe, dass sie eigentlich anderswo stattfindet, wo sie im Gegenzug eben nicht thematisiert wird. Und in der Tat lie&szlig;en sich leicht gesellschaftliche Funktionsbereiche nennen, in denen weit umf&auml;nglicheren Minderheiten Teilhabe verweigert wird. Diesen Faden muss ich jedoch liegen lassen und stattdessen einen anderen aus dem Inklusionskn&auml;uel ziehen: <\/p>\n<p>Zu den Merkw&uuml;rdigkeiten der offizi&ouml;sen Feier von Vielfalt und toleriertem Anderssein geh&ouml;rt es, dass sie in schreiendem Kontrast steht zu der im Schulsystem allenthalben vorr&uuml;ckenden Standardisierungs-, Kompetenz-, Konkurrenz- und Leistungsorientierung. Es schaut aus, als ob die Inklusion ihren Bef&uuml;rwortern kompensatorisch ein gutes Gewissen verschaffen solle f&uuml;r die ansonsten vorherrschende Test-, Mess-, Vergleichs- und Standardisierungswut. Bisher jedenfalls ist nicht bekannt geworden, dass Bed&uuml;rfnisse nach Vielfalt und sanktionslosem Anderssein bei PISA und anderen standardisierten Leistungstests ber&uuml;cksichtigt worden w&auml;ren. Hieraus folgt zwingend, dass eben allein die per Inklusion in das allgemeine Schulsystem hinein geholten Sch&uuml;ler mit F&ouml;rderbedarf auch innerhalb des Systems der allgemeinen Leistungsmessung und des Leistungsvergleiches ausgeschlossen bleiben: Exklusion durch Inklusion. W&auml;hrend im Schonraum einer F&ouml;rderschule individuell erreichbare Leistungsziele durchaus nicht stigmatisieren, tun sie das im Umfeld &bdquo;normaler&ldquo; Schulen fast automatisch, weil eben dort die allgemeine Leistungskonkurrenz wesentlicher Teil des heimlichen und offenen Lehrplans ist. Ob er will oder nicht, konkurriert der Sch&uuml;ler mit F&ouml;rderbedarf in der Regelschule mit dem Feld, mit dem er eben, wie durch den F&ouml;rderbedarf offiziell festgestellt, nicht konkurrieren kann.<\/p><\/li>\n<li><strong>&bdquo;&hellip;dass wir alle Menschen mitnehmen m&uuml;ssen&ldquo; \/ &bdquo;no child left behind&ldquo;<\/strong>\n<p>Je h&ouml;her der &ouml;ffentliche Moralisierungsbedarf bei den Anspr&uuml;chen, desto brutaler die Verh&auml;ltnisse. Diese Regel gilt so gut wie immer. Von ca. 50.000 Sch&uuml;lerInnnen, die j&auml;hrlich aus den F&ouml;rderschulen kommen, finden nach einer Statistik des Hauses Bertelsmann lediglich 3500 eine Lehrstelle. Das sind etwa 7%. Die Nachricht lautet unmissverst&auml;ndlich: Nach der Schule ist Schluss mit der Inklusion. Nun kann man argumentieren, &ouml;ffentliche Schulen h&auml;tten die Aufgabe, vorbildlich zu sein, auch wenn die privatwirtschaftlichen Verh&auml;ltnisse, in die man nach der Schule eintritt, das nicht sind. Auf der anderen Seite ist bekannt, dass die meisten Firmen auch mit &uuml;ppiger &ouml;ffentlicher F&ouml;rderung belohnt keine Behinderten in Lehr- und Arbeitsvertr&auml;ge nehmen. Ausnahmen zu dieser Regel scheinen allerdings zuzunehmen, wenn man den Medienberichten traut, die neuerdings gerne von den &bdquo;besonderen&ldquo; Kompetenzen von Autisten etc. sprechen, die durchaus lukrativ und verwertbar seien. Statt aber auf diesem Wege den Arbeitsmarkt mit verbindlichen Integrationsaufgaben in die Pflicht zu nehmen, zerst&ouml;rt die &ouml;ffentliche Hand die Institutionen, die sie f&uuml;r die F&ouml;rderung Behinderter gegr&uuml;ndet hat. Wer h&auml;tte je gesehen, dass sich eine christ- oder sozialdemokratische Regierung mit den Arbeitgebern angelegt h&auml;tte?<\/p><\/li>\n<li><strong>Wortpolitik: Inklusion statt Integration <\/strong>\n<p>Nicht n&auml;her eingehen kann ich hier auf den sonderp&auml;dagogischen Spezialdiskurs, in dem seit einiger Zeit ein heftiger Wortstreit zwischen den Fahnenw&ouml;rtern Integration und Inklusion tobt. Dazu nur so viel: An der Frontlinie dieser Auseinandersetzung geht es best&auml;ndig um die Frage, ob der Ausdruck &bdquo;Integration&ldquo; die Erwartung bzw. das Programm beinhalte, die f&ouml;rderbed&uuml;rftigen Kinder sollten und m&uuml;ssten f&uuml;r die Welt der &bdquo;normalen&ldquo; Kinder passend gemacht werden. Diesem vermeintlich diskriminatorischen und intoleranten Integrationsprogramm halten die Inklusionisten entgegen, nur in ihrem Fahnenwort &bdquo;Inklusion&ldquo; werde dem universalistischen Prinzip der Vielfalt, Gleichheit und Akzeptanz aller Gen&uuml;ge getan. F&uuml;r einen Sprachwissenschaftler ist vor allem der Wortaberglaube verbl&uuml;ffend, der einen solchen Streit n&auml;hrt. Als ob es darauf ank&auml;me, wie &uuml;ber die Sache <em>gesprochen<\/em> wird, und nicht darauf, wie die Sache <em>tats&auml;chlich<\/em> gemacht wird! Die Teilnehmer dieses aufgeladenen Wortstreits m&ouml;gen sich einfach fragen, wo mehr f&uuml;r die Akzeptanz behinderter und f&ouml;rderbed&uuml;rftiger Kinder getan wird: da, wo sie f&uuml;r ihre F&auml;higkeiten und Bed&uuml;rfnisse spezialisierte Institutionen vorfinden, die bereit sind, sich ganz auf sie einzustellen, oder da, wo man ihnen offiziell F&ouml;rderbedarf bescheinigt und sie dann in den Regelklassen zu verstecken versucht.<\/p><\/li>\n<li><strong>Schluss<\/strong>\n<p>Das massenmediale Inklusionsfest ist eine Veranstaltung der Bildungspolitiker und der politisch ehrgeizigen P&auml;dagogen. Die Superlative, die uns da begegnen, machen misstrauisch. Die Inklusion sei das gr&ouml;&szlig;te bildungspolitische Unternehmen seit der allgemeinen Schulpflicht, habe ich gelesen. Dass es sich um eine wahre Revolution handele, geh&ouml;rt noch zu den bescheidenen Formulierungen. Offenbar handelt es sich bei diesen Tr&auml;gergruppen der Inklusion um eine Spielart der Imagepolitik. Die Akteure sehen in der &Ouml;ffentlichkeit moralisch toll aus und k&ouml;nnen gleichzeitig ganz andere Interessen im Windschatten ihrer Images vorantreiben. Der h&auml;rteste moralische Druck lastet auf den &ouml;ffentlichen Schulen. Wer sich da der Inklusion zu entziehen sucht, der sieht aus wie einer, der seine partikularen Interessen gegen ein ethisch einwandsimmunes und universalistisches Programm verteidigt. Also ziemlich schlecht. Zu dieser Stimmung passt, dass viele Lehrer, die Kritik &uuml;ben an Theorie und Praxis der Inklusion, ihre Namen nicht in der Zeitung lesen wollen. Sie f&uuml;rchten Sanktionen. <\/p>\n<p>Das Thema Inklusion etabliert einen &ouml;ffentlichen Kommunikationsbereich, in dem politische Akteure sich selbst und ihre moralisch-universalistischen Identit&auml;ten in Szene setzen k&ouml;nnen. Je h&auml;rter die allenthalben erfahrbaren Exklusionserfahrungen und Exklusionsdrohungen f&uuml;r das <em>Publikum<\/em> werden, desto n&ouml;tiger werden solche f&uuml;r das Publikum entlastenden Kommunikationsbereiche. F&uuml;r die tats&auml;chlich Beteiligten freilich, vor allem die Lehrkr&auml;fte, entsteht der Eindruck, dass ihnen st&auml;ndig neue Lasten auf die Schultern geladen werden. Jetzt sollen sie das noch nebenbei erledigen, was das F&ouml;rderschulwesen nicht hat leisten k&ouml;nnen.<\/p>\n<p>Am Ende verbeuge ich mich auch vor dem Gesslerhut Inklusion: Niemand wird abstreiten, dass es einen berechtigten Kern f&uuml;r Inklusionsforderungen gibt. So wie die Debatte l&auml;uft, hat dieser Kern jedoch nicht die Spur einer Chance, &uuml;berhaupt artikuliert zu werden. Er h&auml;ngt damit zusammen, dass das &ouml;ffentliche Bildungssystem zusehends als gesellschaftliche Stigmatisierungsmaschine wahrgenommen wird. Das ist jedoch politisch gewollt von allen, die Bildung dem Marktprinzip unterwerfen wollen. Dieses Unternehmen gedeiht n&auml;mlich langfristig nur, wenn die Delegitimierung des allgemeinen und &ouml;ffentlichen Schulsystems weitergetrieben werden kann. Und dazu wird die Inklusion einen Beitrag leisten. Weil sie n&auml;mlich auf der Vorderb&uuml;hne als moralisch positives Image etabliert, was auf der moralisch entartikulierten Hinterb&uuml;hne das &ouml;ffentliche Schulwesen weiter schw&auml;cht.<\/p><\/li>\n<li><strong>Literatur<\/strong>\n<ul>\n<li>Ahrbeck, Bernd (2014): &bdquo;Gemeinsamkeit um jeden Preis&ldquo;, In: FAZ vom 24. April 2014.<\/li>\n<li>Bude, Heinz (2011): <em>Bildungspanik. Was unsere Gesellschaft spaltet.<\/em> M&uuml;nchen: Hanser.<\/li>\n<li>Klemm, Klaus (2913): <em>Inklusion in Deutschland &ndash; eine bildungsstatistische Analyse<\/em> (im Auftrag der Bertelsmann Stiftung). G&uuml;tersloh: Bertelsmann.<\/li>\n<li>Knobloch, Clemens (2012): <em>Wir sind doch nicht bl&ouml;d! &ndash; Die unternehmerische Hochschule.<\/em> 2. Aufl. M&uuml;nster: Westf&auml;lisches Dampfboot.<\/li>\n<li>Knobloch, Clemens (2013): &bdquo;Bildung&ldquo; &ndash; ein Strategiekern neoliberaler Rhetorik? In: <em>Jahrbuch f&uuml;r P&auml;dagogik 2013: Krisendiskurse,<\/em> red. David Salomon und Edgar Wei&szlig;. Frankfurt\/M.: Lang. S. 105-124.<\/li>\n<li>Link, J&uuml;rgen (2006): <em>Versuch &uuml;ber den Normalismus. Wie Normalit&auml;t produziert wird.<\/em> 3. Aufl. G&ouml;ttingen: Vandenhoeck &amp; Ruprecht.<\/li>\n<li>Niemann, Dennis (2009): <em>Changing Patterns in German Policy Making &ndash; The Impact of International Organizations.<\/em> (=TranState Working Papers, No. 99\/2009, SFB 597 Staatlichkeit im Wandel, Universit&auml;t Bremen, Jacobs University Bremen, Universit&auml;t Oldenburg).<\/li>\n<li>Reiter, Udo (2014): &bdquo;Schlicht &uuml;berf&ouml;rdert&ldquo;. In: <em>S&uuml;ddeutsche Zeitung<\/em> vom 14.\/15. Juni 2014.<\/li>\n<li>Steigels, Christian &amp; Werthschulte, Christian (2014): <em>&bdquo;Inklusion &ndash; All together now!&rdquo;.<\/em> In: Stadtrevue 4\/2014.<br>\n\t<strong>Siehe dazu jedoch: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23934\">Inklu&hellip;was?<\/a><\/strong>, ein Interview mit Brigitte Schumann<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<\/ol><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Es versteht sich, dass ich hier nur von den erwartbaren diskursiven Breitenwirkungen der Inklusion spreche, nicht von der Sache selbst, f&uuml;r die ja durchaus einiges spricht.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die medien&ouml;ffentliche Debatte &uuml;ber Inklusion ist nach zaghaften Anf&auml;ngen in den vergangenen Jahren jetzt wirklich in Gang gekommen. Sie hat die Grenzen der so genannten Qualit&auml;tspresse &uuml;berschritten und Stern und BILD ebenso erreicht wie die Talkshows. 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