{"id":2463,"date":"2007-07-05T11:30:37","date_gmt":"2007-07-05T09:30:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2463"},"modified":"2016-01-01T12:37:55","modified_gmt":"2016-01-01T11:37:55","slug":"nachtrag-betreffend-gordon-brown","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2463","title":{"rendered":"Nachtrag betreffend Gordon Brown"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"?p=2454\">Am 2.7.<\/a> hatte ich auf einen Beitrag in Financial Times Deutschland &uuml;ber die bisherige Politik des heutigen Premiers von Gro&szlig;britannien aufmerksam gemacht. Gerold Schwarz, Sprecher der EU-AG von attac, verweist darauf, dass Brown um vieles kritischer zu sehen ist als im Artikel der FTD. Ich wollte Brown insgesamt nicht loben. Mir war wichtig, darauf hinzuweisen, dass Gro&szlig;britanniens wirtschaftlicher Erfolg auch etwas mit expansiver Wirtschaftspolitik zu tun hat. Und eben nicht mit den zu Recht kritisierten Reformen. Deshalb bin ich dankbar f&uuml;r die folgende Mail von Gerold Schwarz. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\nMail von Gerold Schwarz:<\/p><blockquote><p>Ich erlaube mir, den heutigen Jubelartikel zu Gordon Brown etwas abzumildern. Die Bilanz seines 10-j&auml;hrigen Handelns gibt leider nicht wirklich Anlass f&uuml;r allzu gro&szlig;es Lob. <\/p>\n<p>Zun&auml;chst einmal ist festzuhalten, dass es immer Brown gewesen ist, der den ber&uuml;chtigten britischen Privatisierungswahn vorangetrieben hat. Gut dokumentiert ist, dass er in mindestens einem Fall, der Londoner U-Bahn n&auml;mlich, die Privatisierung gegen den ausdr&uuml;cklichen Willen von Premierminister Blair erzwungen hat. &Auml;hnliches gilt auch f&uuml;r Privatisierungen im Schul- und Gesundheitsbereich. Eine &ldquo;ausgewogene&rdquo; Wirtschaftspolitik kann aber m. E. nicht so aussehen, dass ich im ersten Schritt &ouml;ffentliche Dienstleistungen privatisiere um dann im zweiten Schritte die Staatsdefizite hochfahre, damit den neuen Eigent&uuml;mern zus&auml;tzliche Profite erm&ouml;glicht werden &ndash; auf Kosten der Steuerzahler. Wenig tr&ouml;stlich ist dann, dass Brown jetzt beabsichtigt, die Ausgaben f&uuml;r &ouml;ffentliche Dienstleistungen deutlich zu k&uuml;rzen, denn auch das bringt den B&uuml;rgern nicht wirklich eine Verbesserung ihrer Situation. Und damit w&auml;ren wir schon beim zweiten Thema, n&auml;mlich Browns Steuerpolitik, die relativ einfach beschrieben ist: Senkung der Steuerbelastung f&uuml;r hohe Einkommen auf Kosten der niedrigen Einkommen. Erst j&uuml;ngst, im M&auml;rz dieses Jahres, senkte er die Einkommenssteuer- und Unternehmenssteuertarife um jeweils 2 Prozent, was auch dann eine h&ouml;here Entlastung f&uuml;r &ldquo;Besserverdiener&rdquo; bringt, wenn die Steuererleichterung auf den Eingangssteuersatz erfolgt (kann durch einfaches Nachrechnen &uuml;berpr&uuml;ft werden). Brown zeichnet sich verantwortlich f&uuml;r eine Reihe massiver Steuersenkungen w&auml;hrend der gesamten Labour-Regierung, etwa der Steuersenkung f&uuml;r Kapitaleink&uuml;nfte von Betrieben von 40% auf 10% im Jahre 2004. Als &ldquo;Ausgleich&rdquo; f&uuml;r diese ungerechte Bevorzugung von Kapitaleink&uuml;nften f&uuml;hrte er im selben Jahr eine Niedrigverdiener-Einkommenssteuer von 10% ein, die er aber vor 3 Monaten bei der Verringerung der gew&ouml;hnliche Einkommenssteuer-Eingangssatzes wieder suspendierte. So sieht Browns &ldquo;soziale Bilanz&rdquo; aus.<\/p>\n<p>Nun aber zum zentralen schwachen Punkt des Artikels. Hierbei geht es um die auseinanderklaffende Einkommensschere. Wie Prof. Arne Heise in &ldquo;Dreiste Elite&rdquo; &uuml;berzeugend darstellt, ging es bei der neoliberalen Revolution im England der Thatcher-Jahre im Kern darum, eine den nicht mehr akzeptierten Nachkriegskompromiss aufzuk&uuml;ndigen, und eine neue Macht- und Einkommensverteilung zu etablieren. Dazu wurde, ebenso wie heutzutage in Deutschland, alle m&ouml;glichen Schreckensszenarien ausgemalt und schlie&szlig;lich auch erzeugt. Tats&auml;chlich wurde durch eine vors&auml;tzliche Ausweitung der Arbeitslosigkeit (durch dieselbe konsequent monet&auml;re Politik wie heute in Deutschland &uuml;brigens) fast die gesamte industrielle Substanz Englands zerst&ouml;rt, um den gewerkschaftlichen Widerstand zu brechen. Erst als die militanten Unruhen und die Zunahme des parteipolitischen Rechtsextremismus&rsquo; Ende der 80er-Jahre\/Anfang der 90er-Jahre anzeigten, dass die rapide Zunahme von Ungleichheit gesellschaftlich nicht weiter akzeptiert wird, erfolgte ZUR POLITISCHEN STABILISIERUNG eine Abkehr von der streng monetaristischen Politik, und es wurden h&ouml;here Staatsverschuldungen, die Ausweitung staatlicher Intervention, ein Mindestlohn etc. zugelassen. Dies diente aber nicht etwa dem sozialen Ausgleich, denn weiterhin sollten die Einkommensunterschiede in England weiter auseinanderdriften. Diese Interventionen dienen nur dazu, durch erh&ouml;htes nominelles Wachstum (das ja fast ausschlie&szlig;lich im Finanzsektor und als &ldquo;fiktiver Wertzuwachs&rdquo; stattfindet) und nominell niedrigere Arbeitslosigkeit (bei einer zunehmenden Verschlechterung der Arbeitsbedingungen) die Legitimation der neuen Macht- und Einkommenssituation zu erh&ouml;hen. Da sich die englischen Massenmedien fest in der Hand der Profiteure dieser Entwicklung befinden, gelingt dies durch die Zahlenakrobatik der Spindoctors von Labour ja auch ziemlich gut.<\/p>\n<p>Zum Abschluss noch ein ganz anderer Ausblick auf Gro&szlig;britannien, der sich mit obigem Jubelartikel &uuml;berhaupt nicht deckt. Auch daf&uuml;r zeichnet sich Gordon Brown als ma&szlig;gebliches Regierungsmitglied verantwortlich. (Quelle: <a href=\"http:\/\/restless-in-europe.blogianer.de\/post\/allgemein\/2007\/04\/04\/geisterbahnfahrt-durch-einen-neoliberalen-alptraum\">Restless in Europe<\/a>)<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><a href=\"?p=2454\">Am 2.7.<\/a> hatte ich auf einen Beitrag in Financial Times Deutschland &uuml;ber die bisherige Politik des heutigen Premiers von Gro&szlig;britannien aufmerksam gemacht. Gerold Schwarz, Sprecher der EU-AG von attac, verweist darauf, dass Brown um vieles kritischer zu sehen ist als im Artikel der FTD. 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