{"id":24671,"date":"2015-01-20T13:31:30","date_gmt":"2015-01-20T12:31:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24671"},"modified":"2019-07-05T10:38:50","modified_gmt":"2019-07-05T08:38:50","slug":"syriza-das-problem-der-vielstimmigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24671","title":{"rendered":"Syriza: Das Problem der Vielstimmigkeit"},"content":{"rendered":"<p>Die &ldquo;Polyphonie&rdquo; der Syriza macht der Parteif&uuml;hrung in der letzten Wahlkampfphase verst&auml;rkt zu schaffen. Im Namen der &bdquo;Koalition der radikalen Linken&ldquo; melden sich Stimmen zu Wort, die f&uuml;r eine der innerparteilichen Gruppen sprechen oder zu sprechen behaupten, ohne die Folgen zu bedenken. Die sympathische Meinungsvielfalt, die an die Gr&uuml;ndungsphase der deutschen &bdquo;Gr&uuml;nen&ldquo; erinnert, ist allerdings ein Problem f&uuml;r eine Partei, die m&ouml;glicht vielen W&auml;hler plausibel machen will, mit welchem konkreten Programm sie die n&auml;chste Athener Regierung stellen wird. Von <strong>Niels Kadritzke<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nNoch problematischer wird es, wenn sich Stimmen erheben, die von dem Thema, &uuml;ber das sie sprechen, keine Ahnung haben. Das gilt etwa f&uuml;r die Parlamentskandidatin Rachil Makri, die im Wahlkreis Kozani (West-Mazedonien) f&uuml;r die Syriza antritt. Als sie im lokalen Radiosender gefragt wurde, wie sich der griechische Staat finanzieren solle, wenn keine schnelle Einigung mit den Gl&auml;ubigern &uuml;ber einen Schuldenschnitt zustande kommt, fiel ihr folgende Antwort ein: &bdquo;Das macht nichts. Wir werden das ELA-Programm aktivieren und werden dann in der griechischen Zentralbank selber Geld drucken k&ouml;nnen, bis zu 100 Milliarden Euro.&ldquo;<\/p><p>ELA steht f&uuml;r das EU-Programm einer &bdquo;Emergency Liquidity Assistance&ldquo;, aber die Kandidatin Makri hat nicht verstanden, um was es sich handelt.  N&auml;mlich keinesfalls um eine Lizenz zum Gelddrucken, sondern um eine Kreditlinie, die von Illiquidit&auml;t bedrohten Gesch&auml;ftsbanken  &bdquo;unter au&szlig;ergew&ouml;hnlichen Umst&auml;nden&ldquo; von der jeweiligen nationalen Notenbank einger&auml;umt werden kann. Aber dieses Liquidit&auml;tsprogramm muss in jedem Einzelfall von der Europ&auml;ischen Zentralbank genehmigt werden, und zwar mit einer 2\/3-Mehrheit des EZB-Rats. Und der legt in jedem einzelnen Fall auch die Obergrenze f&uuml;r die ELA-Kredite festlegt. <\/p><p>Die absurde These von der M&ouml;glichkeit, Geld zu drucken, war eine Steilvorlage f&uuml;r die ND, die der Syriza ironisch vorschlug: &bdquo;Dann k&ouml;nnt ihr ja gleich 300 Milliarden Euro drucken, damit unsere Schulden auf Null sind.&ldquo; <\/p><p>Die Behauptung eines Wundermittels namens ELA durften die Syriza-Experten nicht im Raum stehen lassen. Die Antwort von zwei Experten, die es besser wissen,  erfolgte allerdings nur auf Twitter, und ohne Makri beim Namen zu nennen. Der &bdquo;Chef&ouml;konom&ldquo; Milios mahnte zu &bdquo;Besonnenheit&ldquo;, inner- und au&szlig;erhalb der Partei, um den bevorstehenden Erfolg der Partei nicht zu gef&auml;hrden. Und der Europ-Abgeordnete Papadimoulis formulierte eine &bdquo;herzliche Bitte an alle Kandidaten und  Kandidatinnen: &bdquo;Wenn sie ein Thema nicht &uuml;bersehen, sollen sie nicht drauf los reden. Die B&uuml;rger verlangen Ernsthaftigkeit und Klarheit von Allen.&ldquo;<\/p><p>Ob diese Mahnung auch Yiannis Dragasakis gilt, den viele Athener Beobachter als k&uuml;nftigen Finanzminister sehen, ist eine offene Frage. Dragasakis verbl&uuml;ffte die Fachleute vor einigen Tagen mit folgender These: Griechenland k&ouml;nne f&uuml;r den Fall, dass sich die Verhandlungen mit der Troika hinziehen, seine Zahlungsverpflichtungen bis Juli oder August 2015 durch die Ausgabe von Schatzbriefen abdecken. Da diese sogenannten T-Bonds ( mit kurzer Laufzeit) derzeit auf den internationalen M&auml;rkten zu einem finanzierbaren Zinssatz nicht abzusetzen sind, kommen als K&auml;ufer nur die griechischen Banken in Frage. Diese verf&uuml;gen &uuml;ber die n&ouml;tigen Mittel allerdings nur, wenn sie auf ELA-Mittel zugreifen k&ouml;nnen, was von der EZB genehmigt werden muss (siehe oben) Das aber ist eine politische Entscheidung auf EU-Ebene, die nat&uuml;rlich nicht unabh&auml;ngig vom Verlauf der Verhandlungen zwischen Athen und der Troika erfolgen w&uuml;rde. Das hei&szlig;t: Eine Syriza-Regierung w&auml;re in dieser Frage keineswegs &bdquo;souver&auml;n&ldquo;.<\/p><p>Dragasakis hat sich inzwischen in einem Interview mit dem Wiener &bdquo;Standard&ldquo; vom 16. Januar indirekt korrigiert. Auf die Frage, wie man bis Juli finanziell &uuml;ber die Runden kommen wolle, verwies er zwar erneut auf die Ausgabe von Schatzbriefen , &bdquo;die von privaten inl&auml;ndischen Investoren gekauft werden&ldquo;, f&uuml;gte dann aber hinzu: &bdquo; Oder wir k&ouml;nnen den IWF bitten, den Schuldendienst f&uuml;r einige Monate auszusetzen.&ldquo; Dragasakis machte allerdings in diesem Interview erneut klar, dass die Syriza nicht mehr an einseitige Schritte und die &bdquo;Aufk&uuml;ndigung&ldquo; des Memorandums denkt. Vielmehr m&uuml;ssen man sich auf lange und z&auml;he Verhandlungen mit der Troika einstellen (Das Interview ist <a href=\"http:\/\/derstandard.at\/2000010523718\/Griechische-Linke-fordert-europaeische-Schuldenkonferenz\">hier nachzulesen<\/a>).<\/p><p>Auch die &Auml;u&szlig;erungen von Dragasakis haben zu jenem &bdquo;babylonischen Sprachgewirr&ldquo; beigetragen, die auch die Syriza-freundliche linke Tageszeitung &bdquo;Efimerida ton Syntaktion&ldquo; h&ouml;chst bedenklich findet. In einem Kommentar (am 16. Januar) wird kritisiert, dass sich Repr&auml;sentanten der Syriza in &bdquo;widerspr&uuml;chliche Behauptungen&ldquo;  verstricken, die oft wenig mit der Wirklichkeit zu tun haben und zuweilen &bdquo;sogar dem gesunden Menschenverstand widersprechen&ldquo;. Auf das Thema &bdquo;Babylon&ldquo; wurde auch der Europa-Abgeordnete Papadimoulis in einem Interview mit der Wochenzeitung &bdquo;Kefalaio&ldquo; (Kapital) angesprochen. Seine Ermahnung an die eigene Partei fiel  dezent, aber deutlich aus: &bdquo;Wir m&uuml;ssen alle sehr vorsichtig sein, wenn wir unsere gemeinsamen Vorstellungen formulieren. Aber mit dem Wort &sbquo;babylonisch&lsquo; bin ich nicht einverstanden: Die Syriza hat sich sehr verbessert, was die Konsistenz und die Klarheit ihrer Vorschl&auml;ge betrifft.&ldquo;<\/p><p><strong>Eine ver&auml;nderte Wahlkampf-Strategie der ND<\/strong><\/p><p>Der letzte Satz ist richtig. Dennoch ist jede &bdquo;Inkonsistenz&ldquo; der Syriza in einer so entscheidenden Frage wie der Finanzierung des Staates ein Geschenk an die Regierung. Und die ist fest entschlossen, jede Unklarheit in den &Auml;u&szlig;erungen von Syriza-Repr&auml;sentanten auszuschlachten. Wie die Kathimerini (vom 17. Januar)  aus dem ND-Hauptquartier berichtet, wird die Partei im Fernsehen und im Internet neue Wahlkampfspots pr&auml;sentieren, &bdquo;die sich auf die inkonsisteten oder aberwitzigen &Auml;u&szlig;erungen einiger Syriza-Kandidaten konzentrieren&ldquo;. <\/p><p>Das ist nicht die einzige Idee, die den ND-Strategen noch einf&auml;llt. Sie sind inzwischen zu der &Uuml;berzeugung gekommen, dass die Wahlreden, die Samaras in der Provinz h&auml;lt, der Partei nicht wirklich helfen (siehe dazu meine Beobachtungen im Wahlkampfspot Nr. 2 vom 14. Januar). Und zwar schon deshalb nicht, weil sich die Wahlen f&uuml;r die ND nicht auf dem flachen Lande, sondern in den beiden gro&szlig;en Ballungsgebieten Athen\/Attika und Thessaloniki entscheiden werden. Wenn aber ein junger Arbeitsloser in den Abendnachrichten sieht, wie Samaras in der Provinz einem vorwiegend &auml;lteren Publikum wohlfeile Wahlversprechen vortr&auml;gt, wird er diese &bdquo;Partei der Bauern und Rentner&ldquo; ganz bestimmt nicht w&auml;hlen. <\/p><p>Zur Erinnerung: Die Altersgruppe &uuml;ber 60 Jahren ist das einzige Segment der griechischen Gesellschaft, in dem die ND in der W&auml;hlergunst vorne liegt (siehe Nachdenkseiten vom 17. Januar 2014). Deshalb sehen die ND-Strategen keine weiteren Samaras-Auftritte in der Provinz vor. In der Schlussphase des Wahlkampfs will man sich vor allem auf Attika und Thessaloniki konzentrieren, wo man der Syriza noch mittelst&auml;ndische W&auml;hler abspenstig machen will, indem man eine Tsipras-Regierung als &bdquo;unberechenbar&ldquo; hinstellt. Syriza sei &bdquo;der Name f&uuml;r Unzuverl&auml;ssigkeit&ldquo;, ist ein Schl&uuml;sselsatz, den Samaras in allen seinen &Auml;u&szlig;erungen wiederholt.<\/p><p>Inzwischen hat die ND allerdings auch begriffen, dass ihr Hauptproblem die eigene Unglaubw&uuml;rdigkeit ist. Ihre Demoskopen haben ermittelt,  dass aus dem Reservoir der klassischen ND-W&auml;hler (mittelst&auml;ndisch, patriotisch) bereits &uuml;ber 10 Prozent direkt an die Syriza abgeflossen sind. Um diese Tendenz zu stoppen, macht die Partei verst&auml;rkt konkrete Versprechungen in Richtung Mittelklasse (v.a. Steuererleichterungen). Und sie &uuml;bt sich in einer v&ouml;llig ungew&ouml;hnlichen Selbstkritik: Die ND-Kandidaten haben sind angehalten, in ihren Reden alle m&ouml;glichen &bdquo;Fehler&ldquo;, &bdquo;Vers&auml;umnisse&ldquo; und &bdquo;Ungerechtigkeiten&ldquo; einzugestehen. Die fast flehentliche Bitte um &bdquo;Vergebung der politischen S&uuml;nden&ldquo;, schreibt die Kathimerini ironisch, sei offenbar der letzte Versuch, &bdquo;einen gro&szlig;en Teil der unentschlossenen W&auml;hler umzustimmen&ldquo;.<\/p><p>Samaras wird &ouml;ffentliche Reden bis zu den Wahlen nur noch in Thessaloniki (diesen Mittwoch) und Athen (am Freitag) halten. Seine sonstigen Auftritte werden sich auf Interviews mit Zeitungen und im Fernsehen beschr&auml;nken, die dem Regierungschef optische Pr&auml;senz auf allen TV-Kan&auml;len bieten.  Daraus ergibt sich f&uuml;r Samaras allerdings ein gro&szlig;es &bdquo;Imageproblem&ldquo;: Die Soloauftritte werden die W&auml;hler daran erinnern, dass sich Samaras einem Fernsehduell mit Tsipras verweigert, wie es in vielen demokratischen L&auml;ndern eine Selbstverst&auml;ndlichkeit ist. Die Syriza hat sowohl eine &bdquo;Debate&ldquo; der beiden Spitzenkandidaten, als auch eine Diskussionsrunde mit allen Parteivorsitzenden vorgeschlagen, wie sie in fr&uuml;heren Wahlk&auml;mpfen &uuml;blich war. Beide Formate hat Samaras strikt abgelehnt, und zwar mit der grotesken Begr&uuml;ndung, er lasse sich nicht in den &bdquo;Sumpf&ldquo; der Syriza hinunter ziehen, die sich in &bdquo;Beschimpfungen&ldquo; seiner Person ersch&ouml;pfe.  <\/p><p><strong>Die Qualit&auml;t der politischen &bdquo;Debatten&ldquo;<\/strong><\/p><p>Tsipras hatte den Regierungschef zu einem &bdquo;klaren und offenen Fernsehdialog&ldquo; aufgefordert, damit sich das W&auml;hlervolk als &bdquo;oberster unserer Kritiker&ldquo; ein Bild &uuml;ber die Zukunftsvorstellungen der Kandidaten machen k&ouml;nne. Dass ein solcher Dialog nicht stattfinden wird, ist schon deshalb bedauerlich, weil die unz&auml;hligen &bdquo;Debatten&ldquo;, die in den Fernseh- und Rundfunksendern laufen, tagt&auml;glich die Unf&auml;higkeit der politischen Klasse zu einem &bdquo;Dialog&ldquo; mit dem politischen Gegner wie mit dem W&auml;hler dokumentieren.<\/p><p>An dieser Stelle muss kurz dargestellt werden, wie eine &bdquo;typische&ldquo; Politiker-Debatte in den audiovisuellen Medien Griechenlands abl&auml;uft. Obwohl die Teilnehmer in der Regel am selben Tisch in einem Studio sitzen, ist der TV-Bildschirm in vier bis f&uuml;nf &bdquo;Fensterchen&ldquo; aufgeteilt. In jedem dieser sprichw&ouml;rtlichen &bdquo;parathirakia&ldquo; sitzt ein Parteivertreter, der immer, wenn er dran kommt, &bdquo;zum Fenster hinaus&ldquo; redet. Das hei&szlig;t: Er oder sie wendet sich nicht an die Moderatoren, oder an die Mitdiskutanten. Der politische Konkurrent wird weder angeh&ouml;rt noch angesprochen, er wird vielmehr &uuml;bert&ouml;nt. Jede dieser Diskussionen geht &uuml;ber kurz oder lang &ndash; in der Regel nach wenigen Minuten &ndash; in ein  allgemeines Geschrei &uuml;ber. <\/p><p>Dabei fallen sich die Diskutanten nicht einfach mit Einw&uuml;rfen oder Zwischenfragen ins Wort. Nein, sie zetern minutenlang nebeneinander her mit dem einzigen Ziel, die Lautst&auml;rke der Widersacher zu &uuml;bertrumpfen. Das Resultat ist eine unglaubliche Kakophonie, in der man als allenfalls einzelne Worte mitbekommt. Als Zuschauer gewinnt man den Eindruck, dass die Parteivertreter f&uuml;r ihre Kampfeins&auml;tze den Auftrag haben, nicht etwa ihre eigenen Positionen vernehmbar, sondern die der Gegner unh&ouml;rbar zu machen.  <\/p><p>Die Moderatoren sind fast nie in der Lage, das Geschrei so zu d&auml;mpfen, dass die Argumente auch nur vernehmbar w&auml;ren. H&auml;ufig versuchen sie, ihre &bdquo;G&auml;ste&ldquo; in noch gr&ouml;&szlig;erer Lautst&auml;rke zu ermahnen, gef&auml;lligst &bdquo;die anderen&ldquo; ausreden lassen. Das spornt die Parteileute oft nur an, noch lauter auf ihrem &bdquo; Rederecht&ldquo; zu bestehen. Wenn die Moderatoren energisch sind, ordnen sie irgendwann eine Flucht in die Reklamepause an. In der Regel resignieren sie jedoch und warten einfach ab, bis die Spr&uuml;che oder die Stimmb&auml;nder der Diskutanten ersch&ouml;pft sind.<\/p><p>Wer diese Darstellung f&uuml;r &uuml;bertrieben h&auml;lt, soll bei befreundeten Griechen nachfragen oder sich &ndash; &uuml;ber Internet und Internet-Radio &ndash; eine beliebige morgendliche Sendung von privaten TV-Sender wie Antenna 1, Mega, Alpha und Skai-TV oder von entsprechenden Rundfunkprogramm  zu Gem&uuml;te f&uuml;hren ( und man muss kein Wort Griechisch verstehen, um die Absurdit&auml;t dieser populistischen Medien-Spektakel zu erfassen). Leider muss man hinzuf&uuml;gen, dass sich die Vertreter der Parteien in ihrem Auftreten kaum unterscheiden. Und auch die Genderfrage spielt keine Rolle: Die meisten eingeladenen Kandidatinnen schreien genauso kr&auml;ftig mit wie ihre m&auml;nnlichen Kollegen.<\/p><p>Verglichen mit diesem tagt&auml;glichen Kampfget&ouml;se w&auml;re ein disziplinierter, von zwei oder drei Moderatoren beaufsichtigter Dialog, in dem die Kandidaten gezwungen w&uuml;rden, das Gegen&uuml;ber zumindest aussprechen zu lassen, eine echte demokratische Errungenschaft. Die Samaras aber offenbar als unzumutbare Herausforderung empfindet. Der Regierungschef zieht es vor, sich monologisch interviewen zu lassen. Eine der spannenden Fragen in der letzten Wahlwoche wird freilich sein, ob ihm die Redakteure der gro&szlig;en Privatkan&auml;le noch immer als devote Stichwortgeber entgegen treten, die sie in den letzten Monaten allzu oft gespielt haben. Auch auf dieser Ebene gibt es interessante Anzeichen daf&uuml;r, dass die Sender begonnen haben, sich auf eine neue Regierung einzustellen.<\/p><p><strong>Die j&uuml;ngsten Umfragen<\/strong><\/p><p>Auf die Problematik der griechischen Umfragen habe ich im letzten Wahlkampfspot vom 14. Januar hingewiesen. Diese Vorbehalte gelten erst recht f&uuml;r die j&uuml;ngsten demoskopischen Resultate. F&uuml;r den Befragungszeitraum 7. bis 15 Januar liegen 12 Umfragen f&uuml;r unterschiedliche Auftraggeber vor. Aus diesen hat die Kathimerini vom Sonntag (18. Januar) einen Durchschnittswert herausgefiltert, der das zuverl&auml;ssigste Abbild der W&auml;hlerstimmungen geben d&uuml;rfte. Diese &bdquo;poll of polls&ldquo; ergibt folgende Prognose (in Prozent der W&auml;hlerstimmen) f&uuml;r die Reihenfolge der Parteien:<\/p><p>Syriza 34, 7; ND 30,2; Potami 7; Chrysi Avgi 6,2; KKE 5,6; Pasok 4,7; Anel 3,0. Die am 3. Januar gegr&uuml;ndete Kidiso (Bewegung der Demokraten und Sozialisten) des Ex-Ministerpr&auml;sidenten Giorgos Papandreou blieb im Durchschnitt der Umfragen klar unter der 3-Prozent-Grenze und w&uuml;rde damit nicht ins Parlament kommen. Das gilt erst recht f&uuml;r die linkssozialdemokratische Dimar ( einige Zeit ein Koalitionspartner in der Samaras-Regierung), die sich nach den Wahlen auch formell aufl&ouml;sen wird.<\/p><p>Die Syriza hat ihren Vorsprung vor der Samaras-Partei also stabilisiert oder leicht ausgebaut, w&auml;hrend die neue Partei &bdquo;Potami&ldquo; gute Aussichten hat, drittst&auml;rkste Partei zu werden (es sei denn, die neonazistische ChrysiAvgi schneidet besser ab als die Demoskopen voraussagen). Aus diesen Zahlen ergeben sich drei wichtige Fragen.<\/p><ol>\n<li>Welchen Spielraum gibt es noch f&uuml;r eine Verschiebung der Kr&auml;fteverh&auml;ltnisse zwischen Syriza und ND?<\/li>\n<li>Wie gro&szlig; sind die Chancen der Syriza, eine absolute Mehrheit der Parlamentssitze zu erreichen?<\/li>\n<li>Welche M&ouml;glichkeiten gibt es f&uuml;r die Bildung einer Syriza-Regierung ohne absolute Mehrheit?<\/li>\n<\/ol><p>Zu Frage 1: Die Hoffnung der beiden gro&szlig;en Parteien, und insbesondere der ND, richtet sich auf das Reservoir der &bdquo;noch nicht entschiedenen&ldquo; W&auml;hler. Diese Gruppe wird nicht von allen Umfragen erfasst, liegt aber zumeist zwischen 9 und 12 Prozent. Die meisten Institute haben diese &bdquo;Unentschiedenen&ldquo; einfach proportional auf die Parteien verteilt. Das d&uuml;rfte zu einfach sein. Die ND setzt ihre Hoffnung auf den (empirisch gesicherten) Befund, dass eine Mehrheit dieser Gruppe dem rechtsliberalen Lager angeh&ouml;rt, also noch zwischen der ND und einer der kleineren Parteien schwankt. Genau diese W&auml;hler will man mit der &bdquo;Angstkampagne&ldquo; gegen die Syriza noch f&uuml;r die ND gewinnen.  In der Syriza setzt man auf einen anderen Trend, der in fr&uuml;heren Wahlen zu beobachten war: Man hofft auf die &bdquo;Opportunisten der letzten Stunde&ldquo;, geht also davon aus, dass sich viele schwankende W&auml;hler angesichts eines sicheren Syriza-Vorsprungs letztlich f&uuml;r das &bdquo;siegreiche&ldquo; Lager entscheiden. <\/p><p>Zu Frage 2: Wie schon fr&uuml;her dargestellt, h&auml;ngt die M&ouml;glichkeit einer absoluten parlamentarischen Mehrheit f&uuml;r die Syriza von zwei Faktoren ab: dem eigenen Stimmanteil und dem Prozentsatz der Stimmen, die in die Zurechnung der Parlamentssitze nicht eingehen, weil die betreffenden Parteien an der 3-Prozent-H&uuml;rde gescheitert sind. Deshalb k&ouml;nnte es zu einer entscheidenden Frage werden, ob die rechtspopulistische Anel den Sprung ins Parlament schafft. Schafft sie es nicht &ndash; und die Papandreou-Partei ebenfalls nicht &ndash; k&ouml;nnte der &bdquo;verlorene&ldquo; Anteil der gescheiterten Parteien auf &uuml;ber zehn Prozent steigen. In dem Fall, errechnet die Kathimerini, w&uuml;rde der Syriza bereits ein Stimmanteil von 36,5 f&uuml;r die absolute Parlamentsmehrheit von 151 Sitzen ausreichen (dank des viel geschm&auml;hten und von der Syriza im Grunde abgelehnten &bdquo;Siegerbonus&ldquo; von 50 Parlamentsmandaten). Bei einem  Anteil von 12 Prozent f&uuml;r die gescheiterten Parteien w&auml;ren die 151 Sitze sogar schon mit 35,6 Prozent Syriza-Stimmen gesichert.<\/p><p>Zu Frage 3: Nach den Zahlen der &bdquo;poll of polls&ldquo;  wurde die Syriza die absolute Mehrheit zwar verfehlen, mit 145 Sitzen aber nahe an die M&ouml;glichkeit einer &bdquo;autonomen Regierung&ldquo; heranr&uuml;cken  (eine &auml;hnliche Sitzverteilung ergibt sich auch aus der allerj&uuml;ngsten Umfrage, die gestern Abend ver&ouml;ffentlicht wurde). Der Optimismus der Partei ist heute also deutlich &bdquo;realistischer&ldquo; als noch vor zwei Wochen. Dennoch ist (7 Tage vor der Wahl) der wahrscheinlichste Ausgang immer noch eine &bdquo;nur&ldquo; relative Syriza-Mehrheit. Damit w&uuml;rde sich f&uuml;r Tsipras  die Frage nach dem Modell des &bdquo;Regierens ohne absolute Mehrheit&ldquo; stellen. Prinzipiell denkbar sind zwei Varianten: eine Koalition mit einem oder zwei Parteien; oder ein Tolerierungsmodell, bei dem eine Syriza-Minderheitenregierung f&uuml;r ihre Entscheidungen jeweils die &bdquo;Tolerierung&ldquo; durch andere Parteien aushandeln muss.<\/p><p><strong>Koalitionsmodelle<\/strong><\/p><p>Als Partner einer Koalitionsregierung kommen im Grunde nur Potami und die Pasok in Frage. Die Neonazis scheiden aus offensichtlichen Gr&uuml;nden aus; die orthodoxen Kommunisten der KKE verweigern jede Unterst&uuml;tzung der &bdquo;b&uuml;rgerlichen&ldquo; Syriza, die in ihren Augen ihr wahres Gesicht mit ihrem Bekenntnis zur EU und zum Euro enth&uuml;llt hat, was sogar eine Tolerierung durch die Kommunisten ausschlie&szlig;t. Die haben sich in ihrer eigenen Welt eingerichtet, wie man in einem Interview nachlesen kann, das ihr Vorsitzender Koutsoumbas der Zeitung To Vima vom 10. Januar gegeben hat (eine deutsche &Uuml;bersetzung ist dankenswerterweise in den DKP-Nachrichten <a href=\"http:\/\/news.dkp.suhail.uberspace.de\/2015\/01\/kp-griechenlands-wie-weiter-nach-den-wahlen\/\">nachzulesen<\/a>).<\/p><p>Die &bdquo;Unabh&auml;ngigen Hellenen&ldquo; (Anel) haben mit der Syriza au&szlig;er dem gemeinsamen Gegner &bdquo;Troika&ldquo; keinerlei Gemeinsamkeiten; eine Koalition mit der Partei des Rechtspopulisten Kammenos ist f&uuml;r die gro&szlig;e Mehrheit der Syriza-Mitglieder ohehin unakzteptabel. Zudem ist die Anel ein unstabiler Verein mit diversen Fraktionen, der kein berechenbarer Koalitionspartner w&auml;re. Aus anderen Gr&uuml;nden ist die Pasok als Syriza-Partner nur sehr schwer vorstellbar. Als langj&auml;hriger Tr&auml;ger der Zusammenarbeit mit der Troika w&auml;re eine Koalition wenn &uuml;berhaupt, dann nur unter einer neuen F&uuml;hrung denkbar (die allerdings ohnehin anstehen k&ouml;nnte, wenn die Pasok so schwach abschneidet, wie die Umfragen nahelegen).<\/p><p>Auch die Partei Potami, deren Vorsitzender Stavros Theodorakis eine bemerkenswerte Popularit&auml;t entwickelt hat , w&auml;re ein unbequemer Koalitionspartner. Theodorakis hat sich im Wahlkampf explizit als &bdquo;ausgleichender Faktor&ldquo; positioniert, der sowohl mit der ND als auch mit der Syriza eine Regierung bilden k&ouml;nnte, wenn die wichtigsten Potami-Positionen respektiert werden. Wie es um die politischen &bdquo;Schmittmenge&ldquo; mit der Syriza aussieht, m&uuml;sste sich in m&ouml;glichen Koalitionsverhandlungen erst noch erweisen. &Uuml;bereinstimmung besteht aber unzweifelhaft in zwei wichtigen Punkten: erstens in der unbedingten Zugeh&ouml;rigkeit zur EU und zur Eurozone, die Potami als oberste Priorit&auml;t definiert; und zweitens im Bekenntnis zum Kampf gegen den Klientelstaat, den auch die Syriza seit einiger Zeit zur zentralen Aufgabe einer linken Regierung erkl&auml;rt hat. Das gilt auch und besonders f&uuml;r den radikalen Umbau des Steuersystems und den Kampf gegen die Steuerhinterziehung. Bei diesem Thema hat Potami ein starkes Signal gesetzt, indem sie einen programmatischen Parlamentskandidaten gewinnen konnte: den fr&uuml;heren &bdquo;Generalsekret&auml;r f&uuml;r Steuereinnahmen&ldquo;, Charis Theocharis, der von der Regierung Samaras im Sommer 2014 in die W&uuml;ste geschickt wurde, weil er seine &bdquo;autonomen&ldquo; Befugnisse zur Verfolgung von Steuerbetr&uuml;gern zu ernst genommen hatte (siehe dazu meinen Bericht auf den NDS vom 22. Juli 2014).<\/p><p><strong>Das letzte Ger&uuml;cht: Tolerierung einer Minderheitenregierung der Syriza<\/strong><\/p><p>Koalitionsverhandlungen mit m&ouml;glichen Partnern der Syriza w&uuml;rden in jedem Fall extrem schwierig sein. Angesichts der Tatsache, dass die griechische Verfassung den Auftrag f&uuml;r eine Regierungsbildung (an die Vorsitzenden der st&auml;rksten Partei) eigenartigerweise auf drei Tage begrenzt, erscheint die Erarbeitung eines differenzierten &bdquo;Koalitionsvertrags&ldquo; als nahezu ausgeschlossen. Deshalb gewinn in Athen &ndash; als Reaktion auf die demoskopischen Befunde &ndash;  ein anderes Regierungsmodell an Wahrscheinlichkeit (vor allem f&uuml;r den Fall, dass die Syriza &uuml;ber 140 Sitze erreicht): die Tolerierung einer Syriza-Regierung durch eine oder zwei der kleinen Parteien. Wie die Kathimerini (19. Januar) unter Berufung auf Syriza-Quellen berichtet, gelte diese L&ouml;sung in der Umgebung von Tsipras als &bdquo;bevorzugte L&ouml;sung&ldquo; f&uuml;r den Fall, dass es zu keiner eigenst&auml;ndigen Linksregierung reicht. Dieses Modell h&auml;tte den Vorteil, dass die &bdquo;starke&ldquo; Syriza einem &bdquo;schwachen&ldquo; Koalitionspartner keine expliziten Zugest&auml;ndnisse machen muss, die der  Parteibasis kaum verst&auml;ndlich zu machen w&auml;re. Nach Darstellung des Kathimerini w&auml;re das Tolerierungsmodell auch der Potami-F&uuml;hrung willkommen, weil auch hier eine Koalitionsregierung als gro&szlig;es &bdquo;Risiko&ldquo; f&uuml;r das noch unfertige Parteiprofil gesehen wird.<\/p><p>Gemeinsamer Nenner solcher &Uuml;berlegungen w&auml;re, dass man eine zweite Parlamentswahl vermeiden will, die die meisten Beobachter f&uuml;r sehr riskant halten &ndash; und die auch eine gro&szlig;e Mehrheit der griechischen W&auml;hler auf keinen Fall will. Es ist allerdings genau dieser Wunsch, der viele &bdquo;unentschiedene&ldquo; W&auml;hler  noch dazu bewegen k&ouml;nnte, schon am 15. Januar f&uuml;r eine klare Entscheidung zu sorgen, sprich f&uuml;r eine absolute Mehrheit der Syriza.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die &ldquo;Polyphonie&rdquo; der Syriza macht der Parteif&uuml;hrung in der letzten Wahlkampfphase verst&auml;rkt zu schaffen. 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