{"id":24678,"date":"2015-01-21T09:08:34","date_gmt":"2015-01-21T08:08:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24678"},"modified":"2019-03-02T17:01:09","modified_gmt":"2019-03-02T16:01:09","slug":"exit-aus-grexit-griechenland-im-eurosystem-aufbauen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24678","title":{"rendered":"Exit aus Grexit:  Griechenland im Eurosystem aufbauen"},"content":{"rendered":"<p>Die Entwicklung Griechenlands gleicht einer Trag&ouml;die. Im Zentrum dieser Insze&shy;nierung stehen Schuld und S&uuml;hne. In der modernen Sprache der Fiskalisten hei&szlig;t das Konditionalit&auml;t. Griechenland, so die Retter aus dem Euroland und von der Eu&shy;rop&auml;ischen Zentralbank sowie vom Internationalen W&auml;hrungsfonds, habe immer schon durch eine verschwenderische Schuldenpolitik &bdquo;&uuml;ber seine Verh&auml;ltnisse ge&shy;lebt&ldquo;. Die Konklusion erh&auml;lt, wie es der kritische Nobelpreis&ouml;konom Paul Krugman zusammengefasst hat, geradezu moralisierende Qualit&auml;t: S&uuml;nden m&uuml;ssen ges&uuml;hnt werden. Von <strong>Rudolf Hickel<\/strong><br>\n<!--more--><br>\n<strong>1. Szenen der griechischen Trag&ouml;die<\/strong><\/p><p>Finanzielle Hilfen gibt es also nur, wenn Reue erkennbar ist und die auf&shy;geladene Schuld abgebaut wird. Ma&szlig;nahmen sind der massive Abbau von Lohn&shy;anspr&uuml;chen, die Demontage des Sozialstaats, massenhafte Entlassungen im &ouml;ffent&shy;lichen  Sektor und im privaten Wirtschaftssektor sowie die Verbannung politischer Gestaltung durch die Privatisierung der &ouml;ffentlichen Produktion von G&uuml;tern und Dienstleistungen. Der damit programmierte Absturz der Gesamtwirtschaft, die ex&shy;plodierende Arbeitslosigkeit sowie die sich bis in die Mittelschichten ausbreitende soziale Armut m&uuml;ssen zwangsl&auml;ufig politischen Widerstand der Betroffenen ausl&ouml;&shy;sen. &Uuml;ber diese Verarmung der Gesellschaft hinaus erf&auml;hrt die griechische Bev&ouml;l&shy;kerung mit diesem Diktat von au&szlig;en den Verlust der parlamentarisch-demokrati&shy;schen Entscheidungssouver&auml;nit&auml;t. Bis in die operativen Details hinein kontrolliert vor Ort die Troika der drei gro&szlig;en &ouml;ffentlichen Finanziers die Finanzpolitik.  Frank Schirrmacher,  ehemaliger Herausgeber der FAZ, und J&uuml;rgen Habermas haben auf die gef&auml;hrliche Demontage der griechischen Demokratie hingewiesen. Diese politi&shy;sche Entmachtung ist sehr gef&auml;hrlich, weil f&uuml;r die Demokratie sch&auml;dlich.<br>\nAuf die&shy;sem Hintergrund und gemessen an der &ouml;konomischen Lage erweisen sich die Ver&shy;suche der vorherrschenden politischen Klasse, erste Erfolge einer Erholung  zu melden, als l&auml;cherlich. Anzeichen f&uuml;r Wirtschaftswachstum sowie leichte &Uuml;ber&shy;sch&uuml;sse im Prim&auml;rhaushalt (&ouml;ffentlicher Haushalt ohne Zinszahlungen)  zu preisen, dient eher der Anbiederung bei den Geldgebern. Derartige Durchhalteparolen ver&shy;st&auml;rken gegen&uuml;ber der faktisch katastrophalen Lage den innenpolitischen Wider&shy;stand. Die Forderung nach einer alternativen, sozial und &ouml;konomisch verantwortli&shy;chen Politik mit unkonventionellen Mitteln vor allem gegen die  soziale Armut und Ausgrenzung sind die Kernforderungen des Aufstands gegen die Diktate der Geld&shy;geber. Sie bestimmen die k&uuml;nftige  Innenpolitik Griechenlands. Die wachsende Be&shy;deutung des Linksb&uuml;ndnisses um die Syriza-Partei mit ihrem charismatisch wir&shy;kenden Vorsitzenden Alexis Tsipras ist Ausdruck des Widerstands gegen die exo&shy;gen verordnete Schrumpfpolitik.  Die wichtigsten Forderungen dieser Bewegung gegen die &bdquo;Auspl&uuml;nderung des Volkes&ldquo; sind:  Gegen die durch die Geldgeber er&shy;zwungene sozial-&ouml;konomische Schrumpfpolitik steht ein Programm zum Aufbau der Wirtschaft und der Sozialsysteme sowie der &ouml;ffentlichen Infrastruktur. Dazu geh&ouml;ren auch innere Reformen, die sich auf die Bek&auml;mpfung der Macht der Oligar&shy;chen sowie der Steuerhinterziehung und der Korruption konzentrieren. Hinzu kommt ein massiver Schuldenschnitt zu Lasten der Gl&auml;ubiger. Die dadurch frei werdenden Finanzhilfen der Geldgeber, die bisher nur dem Gl&auml;ubigerschutz, also dem Schutz der Eigent&uuml;mer  griechischer Bonds dienten, k&ouml;nnen jetzt endlich f&uuml;r den Aufbau Griechenlands genutzt werden. Die K&uuml;ndigung der Konditionalit&auml;t Fi&shy;nanzhilfen gegen Austerit&auml;tspolitik ruft jedoch die bisherigen Geldgeber auf den Plan. Die Europ&auml;ische Zentralbank, der Internationale W&auml;hrungsfonds sowie der Rettungsfonds f&uuml;r das Euroland sehen die Gesch&auml;ftsgrundlage f&uuml;r die bisherigen Finanzhilfen mit &uuml;ber 220 Mrd. &euro; seit Anfang 2010 nicht mehr als gegeben. Eine weitere Tranche f&uuml;r 2015 im Umfang von 22,5 Mrd. &euro; f&uuml;r die Abwicklung von aus&shy;zuzahlenden Staatsanleihen wird nicht mehr gew&auml;hrleistet. Die Bundesregierung hat mit ihrem vergleichsweise hohen Anteil an Finanzhilfen bei der Erpressung Griechenlands die F&uuml;hrungsrolle &uuml;bernommen. Gedroht wird mit einer gestuften Vorgehensweise: Zuerst wird Druck auf die griechische Bev&ouml;lkerung ausge&uuml;bt, die Parteien zu unterst&uuml;tzen, die als Garanten f&uuml;r den Vollzug dieser katastrophalen Strategie sozial-&ouml;konomischen Schrumpfens gelten. Falls jedoch diese Erpressung zugunsten einer den Finanzgebern wohlgef&auml;lligen Regierung nicht verfangen sollte, wird mit dem Grexit, einem wie auch immer gestalteten Ausscheidens Griechen&shy;lands im Zweifelsfall auch aus der EU gedroht. <\/p><p>Die griechische Trag&ouml;die mit Trauer, Tr&auml;nen, Frust, S&uuml;hne und Rache muss am Ende nicht in der Ausweglosigkeit landen. Die Erinnerung an Aristoteles Katharsis, der Umkehr aus Einsicht, wird wach. Die wichtigsten Inhalte dieser Katharsis sind:  Der durch die Geldgeber erzwungenen sozial-&ouml;konomischen Schrumpfpolitik mit Massenarbeitslosigkeit wird ein Programm zum Aufbau der Wirtschaft sowie der &ouml;ffentlichen Infrastruktur und dem Abbau sozialer Armut entgegengesetzt. Dazu geh&ouml;ren auch innere Reformen, die sich auf die Bek&auml;mpfung der Macht der Oligar&shy;chen sowie gegen Steuerhinterziehung und Korruption richten. Hinzu kommen muss ein tief greifender Schuldenschnitt gegen&uuml;ber den Gl&auml;ubigern. Dadurch wer&shy;den die &ouml;ffentlichen Haushalte von erdr&uuml;ckenden Zinsen entlastet. Dar&uuml;ber hinaus lassen sich frei werdende Finanzhilfen der Geldgeber, mit denen bisher nur die Ei&shy;gent&uuml;mer  griechischer Bonds gesch&uuml;tzt wurden, endlich f&uuml;r den Aufbau Grie&shy;chenlands nutzen. <\/p><p><strong>2. Die Herausforderungen:  Der sozio-&ouml;konomische und fiskalische Absturz Griechenlands<\/strong><\/p><p>Schon Jahre bevor der Vorhang sich &ouml;ffnete, nahm  die Trag&ouml;die Griechenland ih&shy;ren Lauf. Es war die Aufnahme des Landes 2001 in das Eurosystem. Dabei traf die Fehlkonstruktion des Maastrichter Vertrags zur Aufnahme von L&auml;ndern in das Eu&shy;rosystem Griechenland besonders hart. Fiskalisch bezogen sich die zu erf&uuml;llenden Kriterien auf  ein Minimum an Angleichung, die Konvergenzkriterien, ausschlie&szlig;&shy;lich auf das Ziel einer maximalen Neuverschuldung gegen&uuml;ber dem Bruttoin&shy;landsprodukt von 3% und der Gesamtschulden von 60%. Fragen der Angleichung der realen &Ouml;konomie im Bereich der Wirtschaftskraft sowie der Besch&auml;ftigung wurden ausgeschlossen. Damit wurde die Notwendigkeit des Anpassungsbedarfs durch eine unterst&uuml;tzende Wirtschaftspolitik etwa im Bereich der St&auml;rkung der internationalen Wettbewerbsf&auml;higkeit ausgeblendet.<\/p><p>Es sollte noch schlimmer kommen:  Der zu unterst&uuml;tzende Modernisierungsbedarf der griechischen Wirtschaft wurde tabuisiert. Griechenland hatte bei der Aufnahme in das Euroland selbst dieses fiskalisch reduzierte Schuldenziel nicht erf&uuml;llt. Das galt etwa auch f&uuml;r Italien, das trotz seiner gegen&uuml;ber dem Konvergenzkriterium doppelt so hohen Staatschuldenquote mit 120% in den Gr&uuml;nderkreis aufgenommen worden ist. Schnell wurde offiziell bekannt, dass Griechenland die Staatsschulden&shy;quote in Richtung 60% herunter manipuliert hatte. Dabei war die Megainvestment&shy;bank &bdquo;Goldman Sachs&ldquo; behilflich. Mit dubiosen Derivateswaps wurden 2,8 Mrd. &euro; an Staatsschulden erst einmal  weggetrickst. Nach Ablauf dieser manipulativen Ge&shy;sch&auml;fte erh&ouml;hten sich jedoch die Staatsschulden um 5,1 Mrd. &euro;. Die Investment&shy;bank kassierte,  ohne jemals juristisch f&uuml;r die Anstiftung zu einer strafbaren Tat belangt worden zu sein, 600 Mio. &euro;. <\/p><p>Schlie&szlig;lich wurde Ende 2009 erstmals einerseits die gegen&uuml;ber den Haushaltspla&shy;nungen unvermeidbare Korrektur der Staatsschulden nach oben sichtbar. Anderer&shy;seits war wegen der hohen Renditen Griechenland nicht mehr in der Lage, sich &uuml;ber die privaten Kapitalm&auml;rkte zu refinanzieren. Durch die erstmalige Abstufung der Bonit&auml;t Griechenlands von der Ratingagentur Fitch auf  BBB+ ist die Zugangs&shy;sperre zu den Kapitalm&auml;rkten erh&ouml;ht worden. Im weiteren Verlauf der  Schulden&shy;krise Griechenlands haben die gro&szlig;en Ratingagenturen immer wieder durch Boni&shy;t&auml;tsverluste &Ouml;l ins Feuer gegossen und Spekulationsgesch&auml;fte verst&auml;rkt. Das &uuml;bli&shy;che Gesch&auml;ft, f&auml;llige gewordene Staatsanleihen durch die Neuaufnahme am Kapi&shy;talmarkt den Gl&auml;ubigern auszuzahlen, funktionierte wegen der extrem hohen Zins&shy;zahlungen bei r&uuml;ckl&auml;ufigen Kursen nicht mehr.  Gegen&uuml;ber diesem Boykott der Kapitalm&auml;rkte wurden die Finanzhilfen seit Anfang 2010 eingesetzt. Insgesamt summieren sich bis heute die beiden gro&szlig;en Hilfspakete durch die EZB, den Inter&shy;nationalen W&auml;hrungsfonds sowie den Euro-Rettungsschirm (erst EFSF dann ESM) bis Ende letzten Jahres auf knapp 230 Mrd. &euro;. Da der Weg zum Kapitalmarkt nach einer kurzen Phase wieder versperrt ist, werden in diesem Jahr zur Umschuldung zugunsten der Gl&auml;ubiger insgesamt 22,5 Mrd. &euro; f&auml;llig, davon allein im ersten Quartal 4,5 Mrd. &euro;. Sollte diese Tranche als Reaktion selbst wegen der Forderung nach einer deutlichen Lockerung der Einsparpolitik nicht mehr geleistet werden, w&auml;re Griechenland gegen&uuml;ber seinen auf Auszahlung hoffenden Gl&auml;ubigern insol&shy;vent. Die mit den Finanzhilfen get&auml;tigten Gesch&auml;fte zeigen, wer da eigentlich ge&shy;rettet wird. Es sind Gl&auml;ubiger griechischer Anleihen, denen nach deren F&auml;lligkeit die Auszahlung garantiert wird. Kein einziger Euro flie&szlig;t zugunsten der Griechen in Sozialsysteme oder in die Wirtschaftsf&ouml;rderung. Hier setzt die Idee eines massi&shy;ven Schuldenschnitts an. Die &ouml;ffentlichen Haushalte in Griechenland w&uuml;rden von der Zinslast mit einem derzeit durchschnittlichen Zinssatz von 2,4% und den Til&shy;gungsaufwendungen befreit. Finanzhilfen k&ouml;nnten endlich f&uuml;r den sozialen und &ouml;konomischen Aufbau genutzt werden. <\/p><p>Der derzeitigen Rettung der Gl&auml;ubiger stehen durch den Zwang zur Schrumpfpoli&shy;tik der Abbau staatlicher Leistungen und L&ouml;hne sowie der gesamtwirtschaftliche Absturz gegen&uuml;ber. Durch diese Demontagepolitik wird die Rechnung f&uuml;r die so&shy;zio-&ouml;konomische Stabilisierung Griechenlands nach oben getrieben. Einige wenige Kennziffern machen den Absturz Griechenlands deutlich:<\/p><ul>\n<li>Seit 2008 ist die gesamtwirtschaftliche Produktion um knapp ein Viertel von 233,2 Mrd. &euro; in 2008 auf 181,9 Mrd. &euro; in 2014 zur&uuml;ckgefallen. Mit einen leicht po&shy;sitiven Wirtschaftswachstum wird in diesem Jahr gerechnet. Dies ist jedoch kein Signal f&uuml;r eine Wende zum Besseren. Nach dem vorangegangenen Absturz kann die Wirtschaft kaum noch sinken und selbst absolut kleinste Zuw&auml;chse an Produk&shy;tion schlagen sich in &uuml;bersch&auml;tzte, positive Wachstumsraten nieder. Ursachen sind die eingebrochene Binnennachfrage sowie die zum Teil demontierte und insgesamt unterentwickelte Wirtschaftsstruktur vor allem auch im Exportsektor.<\/li>\n<li>Die registrierte Arbeitslosenquote liegt im Durchschnitt bei knapp unter 27%. Wegen des  massiven Abbaus von Jobs in der Wirtschaft und im &ouml;ffentlichen Sek&shy;tor ist mit einer nachhaltigen Besserung der Besch&auml;ftigungschancen nicht zu rech&shy;nen. Fast die H&auml;lfte der Jugendlichen ist arbeitslos. Die junge Generation w&auml;chst mit Perspektivlosigkeit auf. Letzte Rettung biete die Abwanderung ins Ausland, die zum Verlust von Arbeitskr&auml;ften, die k&uuml;nftig im eigenen Land gebraucht werden, f&uuml;hrt.<\/li>\n<li>Es musste klar sein, die konditionierten Finanzhilfen tragen nicht dazu bei, den Staatsschuldenabbau bezogen auf die gesamtwirtschaftliche Produktion voranzut&shy;reiben. Im Gegenteil! Sie flie&szlig;en an Gl&auml;ubiger im Zuge der F&auml;lligkeit einerseits und f&uuml;hren andererseits zur Umschichtung der Gl&auml;ubiger in Richtung &ouml;ffentlicher In&shy;stitutionen. Die Rechnung mit dem Abbau von Staatsschulden durch Einsparprog&shy;ramme ging jedoch nicht auf.  Seit dem Fr&uuml;hjahr 2010 sind die Staatsschulden von 200 Mrd. &euro;  bis Ende letzten Jahres auf  320 Mrd. &euro; gestiegen. Der Teilschulden&shy;schnitt mit &uuml;ber 100 Mrd. &euro; im Fr&uuml;hjahr 2012 hat kaum entlastend gewirkt. Auch die Staatsschuldenquote ist nicht gesunken, sondern von 107,3% in 2007 auf 176 % in  2014 gestiegen. Ein Grund erschlie&szlig;t sich, wenn die R&uuml;ckwirkungen des Ab&shy;baus staatlicher Leistungen auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung ins Visier genommen wird: Das Bruttoinlandsprodukt ist infolge der Schrumpfpolitik st&auml;rker gesunken und hat die Staatsschulden nach oben getrieben. Dieses Schuldenparado&shy;xon ist hinl&auml;nglich bekannt. Selbst der IWF musste 2013 eingestehen, er habe die produktionswirtschaftlichen Sch&auml;den durch den Abbau von Staatsausgaben zur Senkung der Staatsschulden in Griechenland deutlich untersch&auml;tzt. Deshalb ist ein grundlegender Kurswechsel mit den  Schwerpunkten erforderlich: massiver Schul&shy;denschnitt sowie Finanzhilfen zum Aufbau der Wirtschaft.<\/li>\n<\/ul><p><strong>3. Raus aus dem Grexit<\/strong><\/p><p>Also, empirisch und analytisch ist belegbar: Diese Sanierungspolitik durch Finanz&shy;hilfen zur Rettung der Gl&auml;ubiger griechischer Anleihen zusammen mit sinkenden L&ouml;hnen, schrumpfenden Staatsausgaben und Privatisierungen mussten scheitern. Zu dieser Erkenntnis sind die Rettungsideologen trotz harter Fakten immer noch nicht bereit. Das Schuld-S&uuml;hne-Muster, egal, was es sozial und &ouml;konomisch kostet, soll fortgeschrieben werden.  Da kann nur ein Ignorant von den wachsenden Wi&shy;derst&auml;nden der griechischen Bev&ouml;lkerung gegen diese Diktate &uuml;berrascht werden. Nicht einmal eine Lockerung der Austerit&auml;tspolitik kommt den Geberl&auml;ndern in den Sinn. Erpresserische Drohungen werden durch diejenigen, die &uuml;ber die Finanz&shy;hilfen verf&uuml;gen, eingesetzt. Sollte dieser Widerstand Erfolg haben, dann muss klar sein, dass der Ausschluss Griechenlands aus dem Eurosystem, der Grexit, auf die Tagesordnung gesetzt wird. Es gibt trotz der vielen Dementis ernsthafte Hinweise, dass sich das Bundeskanzleramt mit derartigen Szenarien befasst.<\/p><p>Deshalb ist es eine wichtige Aufgabe gegen&uuml;ber den Vernebelungsaktionen die rechtlichen Schwierigkeiten und bitteren Folgen eines Austritts aus dem Euro&shy;system nicht nur f&uuml;r Griechenland kenntlich zu machen [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>].<\/p><ol>\n<li>Nach der EU-Verfassung ist ein Austritt eines Landes aus dem Eurosystem ei&shy;gentlich nicht m&ouml;glich. Hier wirkt ein Konstruktionsfehler des Ende 1990 ausge&shy;handelten Maastrichter Vertrags nach. &Uuml;ber die Existenzkrise eines Mitgliedslandes sowie m&ouml;gliche Instrumente der Rettung ist nicht nachgedacht worden. Im Gegen&shy;teil, mit dem Verbot der finanziellen Hilfe f&uuml;r ein Notlagenland nach der Nichtbei&shy;stands-Klausel (No-Bailout-Klausel) ist kein Handlungsspielraum vorgezeichnet worden. Wichtig ist auch die &bdquo;unwiderrufliche&ldquo; Fixierung der Wechselkurse, die seit dem 1.1.1999 f&uuml;r die Mitgliedsl&auml;nder gelten. Der Austritt Griechenlands m&uuml;sste die Anerkennung eines in sich stabilen Eurosystems empfindlich belasten. Denn der eiserne Schwur, die Wechselkurse zwischen den Mitgliedsl&auml;ndern w&auml;ren &bdquo;unwiderruflich&ldquo;, w&uuml;rde durch drohende Nachfolgeaustritte widerrufen. Der Aus&shy;tritt Griechenlands w&uuml;rde die Akzeptanz des Eurosystems in seiner Gesamtheit be&shy;lasten. &Uuml;brigens kann verfassungsrechtlich Griechenland nur &uuml;ber den Umweg des EU-Exits den Euroraum verlassen. Auch die Schw&auml;chung der EU w&auml;re un&uuml;berseh&shy;bar. Wer ernsthaft Ja sagt zum Griechenlandaustritt aus dem Eurosystem, der sagt auch ja zum EU-Exit.<\/li>\n<li>Die bisherigen &ouml;ffentlichen Finanzhilfen sowie die Darlehen der Banken und Wirtschaft an Griechenland m&uuml;ssten im Zuge der Einf&uuml;hrung der strukturell schwachen Drachme abgeschrieben werden. Da sich knapp 80% der Gl&auml;ubiger durch die Umschuldungen auf &ouml;ffentlichen Einrichtungen (EU, IWF, ESM) kon&shy;zentrieren, w&auml;ren am Ende die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler betroffen.  Auf die deutschen Banken entfallen ca. 23 Mrd. &euro; an griechischen Anleihen. Abschrei&shy;bungen w&uuml;rden dort zu Gewinneinbu&szlig;en bzw. Verlusten f&uuml;hren.<\/li>\n<\/ol><ul>\n<li>Nachdem die Bundesregierung in fr&uuml;heren Krisenphasen das Argument der Ans&shy;teckungsgefahr und Eurodestabilisierung hoch gehalten hatte, soll dies heute keine Bedeutung mehr haben. Der Hinweis auf das geschaffene Eurorettungssystem so&shy;wie der angek&uuml;ndigte Einsatz der Europ&auml;ischen Zentralbank im Krisenfall rechtfer&shy;tigt diesen Meinungswechsel nicht. Einerseits w&uuml;rden &uuml;ber Grexit angesteckte Kri&shy;senl&auml;nder die Rettungsschirme st&auml;rker in Anspruch nehmen. Andererseits verhin&shy;dert die Auflagenpolitik eine St&auml;rkung der &ouml;konomischen Entwicklung. Deshalb lassen sich die Finanzhilfen nicht einstellen. &Ouml;konomisch ist die Ansteckungsge&shy;fahr etwa in Spanien, Portugal und Italien immer noch gegeben. Vor allem aber k&auml;me es zu einer politischen Abwertung des Eurosystems. Allein die Suggestition eines Griechenlandausstiegs durch die Bundesregierung f&uuml;hrte zu einer Abwertung des Eurowechselkurses. Mitte Januar dieses Jahres ist der Preis an US $ f&uuml;r einen Euro unter den Preis zum Start am 1.1.1999 mit 1,1747  US $ gesunken.<\/li>\n<li>Marktfundamentalistische &Ouml;konomen preisen die Vorteile der Wiedereinf&uuml;hrung der Drachme in Griechenland. Die dabei  unterstellten Wirkungsketten treffen je&shy;doch nicht zu: Wechselkurse werden schon lange nicht mehr nur von Warenstr&ouml;&shy;men, sondern von grenz&uuml;bergreifenden Verm&ouml;gensgesch&auml;ften und vor allem Spe&shy;kulationen getrieben. Aber auch die unterstellten segensreichen Wirkungen einer Abwertung\/ Aufwertung halten einer empirischen &Uuml;berpr&uuml;fung nicht stand. Das zeigt das Szenario der Wiedereinf&uuml;hrung der Drachme: Die Drachme w&uuml;rde massiv bis zu 40% gegen&uuml;ber dem heutigen Euro abwerten. K&ouml;nnten international konkur&shy;renzf&auml;hige Wettbewerbsstrukturen unterstellt werden, w&uuml;rden die griechischen Ex&shy;porteure davon profitieren. So g&auml;be es f&uuml;r die Lieferung nach Deutschland beim Umtausch der Eurobetr&auml;ge  mehr an Drachmen. Den Preisvorteil kann jedoch Grie&shy;chenland kaum nutzen. Die Exportwirtschaft, die es kaum noch gibt, muss erst auf&shy;gebaut werden. Die j&uuml;ngste Entwicklung best&auml;tigt die Argumentation:  Die Lohn&shy;st&uuml;ckkosten (Arbeitskosten pro Stunde bezogen auf die Produktivit&auml;t je Arbeits&shy;stunde) sind in den Jahren 2011 bis 2014 in Griechenland um fast 13 % gesunken. Die Exporte legten jedoch nicht zu, sondern gingen in den letzten Jahren immer noch um 3 Prozent zur&uuml;ck. In Deutschland sind dagegen die Lohnst&uuml;ckkosten im gleichen Zeitraum um fast 9% gewachsen, jedoch wegen der internationalen Wett&shy;bewerbsf&auml;higkeit die Exporte  stark gestiegen. Die schweren Belastungen auf der Importseite durch die Einf&uuml;hrung der Drachme liegen auf der Hand. Die Preise f&uuml;r Importe nach Griechenland steigen. Wegen der hohen Importverflechtung droht eine Hyperinflation, die wiederum die Einkommen real abwertet und zur Schw&auml;&shy;chung der Binnenwirtschaft f&uuml;hren w&uuml;rde.<\/li>\n<\/ul><p>Der grundlegende Denkfehler der naiven Drachme-Protagonisten ist die Erwartung, auf dieser Basis k&ouml;nne sich Griechenland mit ausreichender, sich selbst regulieren&shy;der Eigendynamik aus dem tiefen Krisensumpf ziehen. Das Gegenteil ist der Fall. Die Wiedereinf&uuml;hrung der Drachme w&uuml;rde Griechenland &ouml;konomisch ins Abseits dr&auml;ngen. Eine dauerhafte Armuts&ouml;konomie w&auml;re nicht auszuschlie&szlig;en. Schlie&szlig;lich droht die Gefahr, dass Griechenland als &bdquo;Failed State&ldquo; demokratisch unregierbar wird. Au&szlig;enpolitische Risiken vor allem gegen&uuml;ber der T&uuml;rkei k&ouml;nnten an Bedeu&shy;tung gewinnen. Wenn die EU diese Fehlentwicklung verhindern will, m&uuml;sste sie &uuml;ber ihre Budgets k&uuml;nftig verst&auml;rkt Mittel aus den Strukturfonds zur Verf&uuml;gung stellen. Alle Argumente zeigen, zum Grexit  durch die Wiedereinf&uuml;hrung der Drachme darf es nicht kommen. <\/p><p><strong>4. Elemente einer St&auml;rkung Griechenlands im Eurosystem<\/strong><\/p><p>Die unbestreitbaren Erfahrungen mit den katastrophalen Folgen der bisherigen fi&shy;nanziellen Rettung der Gl&auml;ubiger durch eine umfassende Schrumpfpolitik sowie die absehbaren Belastungen durch einen Grexit erzwingen ein Konzept zur St&auml;rkung der griechischen Wirtschaft und damit auch der demokratischen Strukturen. <\/p><p>Die wichtigsten Elemente sind:<\/p><ul>\n<li>Um Griechenland von den spekulativen Kapitalm&auml;rkten und damit von Zinsaus&shy;gaben und Tilgungsma&szlig;nahmen massiv zu entlasten, wird ein Schuldenerlass um&shy;gesetzt.  Zu knapp 80% w&auml;ren die bisherigen &ouml;ffentlichen Institutionen, die im Zuge der Umschuldung mit den bisherigen Finanzhilfen aktiv geworden sind, be&shy;troffen. John Milios, der Chef&ouml;konom der Syriza-Partei, hat ein Modell, das dem Londoner Schuldenerlass  f&uuml;r Deutschland von 1953 nachgebildet ist,  vorgeschla&shy;gen.<br>\nDamals wurde &ndash;auch  anteilig durch Griechenland &ndash; die H&auml;lfte der deutschen Schulden zur Entlastung Deutschlands erlassen. Die damalige &bdquo;Au&szlig;enhandels-Ein&shy;nahmen-Klausel&ldquo; sollte heute auch f&uuml;r die Teilentschuldung Griechenlands &uuml;ber&shy;nommen werden: Der j&auml;hrliche Schuldendienst darf nicht 3 % der Exporteinnah&shy;men &uuml;berschreiten. Dadurch w&uuml;rde auch ein Anreiz geschaffen, die griechischen Exporte zu st&auml;rken. Vergleichbare Pl&auml;ne zur Abwicklung der Entschuldung sind auf einer Konferenz der europ&auml;ischen Linksparteien Ende letzten Jahres festgeschrie&shy;ben worden. Danach &uuml;bernimmt die EZB jene Schulden, die die H&auml;lfte des Brut&shy;toinlandsprodukts &uuml;bersteigen. Ausgegeben werden extrem lang laufende Nullzins-Anleihen.<\/li>\n<li>Finanzhilfen der EU, des IWF und des Rettungsfonds werden f&uuml;r einen Marshall-Plan zugunsten eines Aufbauprogramms  gezielt eingesetzt.  Sozialstaatlich geh&ouml;&shy;ren dazu die Erh&ouml;hung der Mindestl&ouml;hne, die &ouml;ffentliche &Uuml;bernahme der  medizini&shy;schen Versorgung, Lebensmittelkarten und Kredithilfen f&uuml;r &uuml;berschuldete Privat&shy;haushalte und Unternehmen.<\/li>\n<li>Mit den Finanzhilfen wird der Aufbau einer nachhaltigen Wirtschaftsstruktur und &ouml;ffentlicher Infrastruktur unterst&uuml;tzt. Dabei geht es auch um den Aufbau einer risi&shy;kodiversifizierten Wirtschaftsstruktur mit kleinen und mittleren Betrieben. Alexander Kritikos vom Deutschen Institut f&uuml;r Wirtschaftsforschung hat unl&auml;ngst auf erfolgreiche, wirtschaftsrelevante Forschungseinrichtungen hingewiesen. Daf&uuml;r sollten die Forschungsmittel erh&ouml;ht  und die Forschungszentren vernetzt werden. Auch im Bereich nachhaltiger Energieerzeugung bietet Griechenland Chancen.<\/li>\n<li>Schlie&szlig;lich muss Griechenland einen inneren Beitrag zur &bdquo;good governance&ldquo; , also zum guten Regierungs- und Verwaltungshandeln leisten. Die demokratische Erneuerung im Inneren zielt auf die Bek&auml;mpfung von Vetternwirtschaft, Korrup&shy;tion und Steuerhinterziehung, die &uuml;ber 40 Jahre die politische Regierungspraxis gepr&auml;gt hatte. Allein durch den &Ouml;l-, Benzin.- und Tabakschmuggel werden j&auml;hrlich Steuerausf&auml;lle von &uuml;ber 20 Mrd. &euro; verursacht. Erforderlich ist auch eine gerechte Lastenverteilung &uuml;ber ein zu reformierendes Steuersystem. Die oligarchische Machtwirtschaft muss durch demokratische Strukturen verdr&auml;ngt werden.<\/li>\n<\/ul><p>Parteien, die dieses Aufbauprogramm nach innen und au&szlig;en forcieren, verhindern einerseits die weitere Verarmung und Spaltung der Gesellschaft und andererseits die politisch gef&auml;hrliche Isolierung Griechenlands.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Ausf&uuml;hrliche Analyse; Rudolf Hickel \/ Johann-G. K&ouml;nig, Euro stabilisieren &ndash; EU demokratisieren  &ndash; Aus den Krisen lernen, Bremen 2013<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Entwicklung Griechenlands gleicht einer Trag&ouml;die. Im Zentrum dieser Insze&shy;nierung stehen Schuld und S&uuml;hne. In der modernen Sprache der Fiskalisten hei&szlig;t das Konditionalit&auml;t. 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