{"id":2469,"date":"2007-07-07T15:14:22","date_gmt":"2007-07-07T13:14:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2469"},"modified":"2016-01-01T12:27:40","modified_gmt":"2016-01-01T11:27:40","slug":"wie-funktioniert-geschichtsschreibung-oft-per-nachplappern-der-gaengigen-von-den-medien-gepraegten-vorurteile","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2469","title":{"rendered":"Wie funktioniert Geschichtsschreibung? Oft per Nachplappern der g\u00e4ngigen, von den Medien gepr\u00e4gten Vorurteile."},"content":{"rendered":"<p>Ich habe in den letzten 40 Jahren Politik pers&ouml;nlich miterlebt, ich habe dabei auch intensiv die Meinungsbildungsprozesse in den Medien analysiert und beobachte jetzt schon seit l&auml;ngerem die Geschichtsschreibung zum pers&ouml;nlich erlebten Geschehen. Meine Erfahrung: Die Geschichtsschreibung orientiert sich wesentlich am g&auml;ngigen Denken und zurrt h&auml;ufig nur noch das fest, was diese Geschichtsschreiber an gemachter Meinung und auch an Vorurteilen &uuml;ber politische Vorg&auml;nge und Personen vorfinden. Ein Musterbeispiel daf&uuml;r ist der Beitrag des Historikers Wehler in der &bdquo;Zeit&ldquo;: &bdquo;Aus Weimar lernen&ldquo;. <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2007\/28\/Linke_SPD\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.zeit.de\/2007\/28\/Linke_SPD\">Weiterlesen<\/a><br>\n<!--more--><br>\n<strong>Zun&auml;chst noch zu Musterbeispielen aus der Vergangenheit:<\/strong><br>\nIn den meisten historischen Abhandlungen &uuml;ber Willy Brandt und seine Regierungszeit schl&auml;gt sich nieder, was w&auml;hrend seiner aktiven Zeit medial vermittelt worden war. Er habe sich auf die Au&szlig;enpolitik konzentriert, die innenpolitische, insbesondere die wirtschaftspolitische Bilanz sei mager. Willy Brandt sei ein Au&szlig;enkanzler titelte der &bdquo;Spiegel&ldquo; &ndash; nach meiner Erinnerung &ndash; 1973 und pr&auml;gte damit wesentlich die Urteile und auch die Geschichtsschreibung. &ndash; Richtig ist, dass seine Regierungszeit auch wirtschafts-, gesellschafts- und rechtspolitisch durchaus erfolgreich war. Die Zuwachsraten der Einkommen sowohl der Unternehmen und Unternehmer als auch vor allem der Arbeitnehmer waren au&szlig;erordentlich beachtlich. Mit dem Umweltschutz wurde begonnen usw.. Dennoch wird in vielen historischen Abhandlungen das Gegenteil vermittelt.<\/p><p>Der erfolgreichste SPD-Wahlkampf von 1972 sei mit dem Thema Ostpolitik und der starken Personalisierung mit Willy Brandt gewonnen worden. Beides war wichtig, aber entscheidend f&uuml;r die Mobilisierung der Anh&auml;nger Brandts und der SPD und damit zugleich auch f&uuml;r die einzigartig hohe Wahlbeteiligung von &uuml;ber 91% war eine offensive Auseinandersetzung mit dem Versuch des gro&szlig;en Geldes, die politische Macht mithilfe von viel Geld und anonymen Gruppen zur&uuml;ckzuerobern. In meinem <a href=\"?p=2381\">Buch &uuml;ber den Wahlkampf 1972<\/a> habe ich dies belegt. &ndash; In den historischen Werken kommt diese Realit&auml;t in der Regel nicht vor. Die Fakten richtig zu sehen, w&auml;re aber gerade heute wichtig f&uuml;r die Formulierung einer Strategie der Sozialdemokraten wie der politischen Linken insgesamt.<\/p><p>&Auml;hnlich l&uuml;ckenhaft und verf&auml;lscht ist die Geschichtsschreibung &uuml;ber den R&uuml;cktritt Willy Brandts 1974 und auch zu den Ursachen f&uuml;r das Scheitern Helmut Schmidts im Jahr 1982.<\/p><p><strong>Und jetzt kommt ein Historiker des Wegs, Hans-Ulrich Wehler, und belegt freundlicherweise die These von der Neigung vieler Historiker zur Nachplapperei mit aktuellem Material:<\/strong><\/p><ol>\n<li>&bdquo;Die Sozialdemokraten sind schlecht ger&uuml;stet f&uuml;r den Streit mit der Linkspartei. Sie sollten nicht versuchen, die neue Konkurrenz wie ehedem links zu &uuml;berholen.&ldquo;<br>\nSchon dieser Vorspann enth&auml;lt eine ziemliche Ungenauigkeit. Es ist schon ganz sch&ouml;n tendenti&ouml;s zu behaupten, die SPD habe in Weimar allein deshalb an Gewicht verloren hat, weil sie zu linke Wege gegangen sei.<\/li>\n<li>Wehler gibt zum Abgang Lafontaines im M&auml;rz 1999 das wieder, was damals an Versionen von Schr&ouml;der und Hombach verbreitet und von den Medien wiedergegeben worden ist: &bdquo;Begr&uuml;ndunglos &uuml;ber Nacht&ldquo; habe Lafontaine Amt und Partei verlassen. &ndash; Von einem Historiker sollte man erwarten, dass er zum Beispiel die damals &uuml;ber Gro&szlig;britannien eingespielte Kampagne gegen den &bdquo;gef&auml;hrlichsten Mann Europas&ldquo; und die Differenzen in der Wirtschafts-, Sozial- und Milit&auml;rpolitik wenigstens zur Kenntnis nimmt.<\/li>\n<li>Mit dem Programm der Linken hat sich der Historiker offenbar nicht besch&auml;ftigt. Aber er hat ein festes Urteil, das g&auml;ngige: &bdquo;eine kunterbunte Mischung von Ressentiments, anachronistischen Postulaten, regionalen Eigenarten und jenem b&ouml;sen Erbe, das der Steinzeitmarxismus der PDS bisher gespeichert hat.&ldquo; &ndash; Nebenbei, dass sich die &bdquo;Zeit&ldquo; nicht missbraucht und bl&ouml;d vorkommt, einen solchen Bl&ouml;dsinn zu verbreiten. Zum Beispiel: die regionalen Eigenarten schleppen vermutlich alle Parteien in ihren Programmen mit sich. Wie anders w&auml;re die Unantastbarkeit der Agrarsubventionen (R&uuml;cksicht auf Bayern und Niedersachsen zum Beispiel) oder die Sonderbehandlung der Steinkohle (R&uuml;cksicht auf Nordrhein-Westfalen) oder die F&ouml;rderung von Werften und Schiffen (die Sonderinteressen Hamburgs) zu verstehen?<br>\nWichtiger: Wenn die Linke die Arbeitslosenversicherung und die Rentenversicherung wieder stabilisieren will, dann ist das weder kunterbunt noch anachronistisch. Das gleiche gilt f&uuml;r die Forderung nach R&uuml;ckzug aus Afghanistan. Da soll der Professor Wehler sich doch einmal die anachronistischen Vorstellungen in der SPD-Fraktion zum Afghanistan-Einsatz anschauen. Dass es dort in dieser Frage Widerstreit gibt, finde ich &uuml;brigens ganz und gar nicht ehrenr&uuml;hrig.<\/li>\n<li>Und dann kommt das g&auml;ngige Argument f&uuml;r Schr&ouml;ders Agenda 2010. Es sei sein Verdienst, &bdquo;mit wenn auch f&uuml;nfj&auml;hriger Versp&auml;tung endlich ein l&auml;ngst &uuml;berf&auml;lliges Reformprogramm auf den Weg gebracht zu haben.&ldquo; Und daran schlie&szlig;t sich Kritik an Becks &Auml;u&szlig;erung an, man habe dem W&auml;hler jetzt genug Reformen zugemutet. &ndash; Der Historiker Wehler hat offenbar die gesamte Palette der g&auml;ngigen Vorurteile der neoliberalen Modernisierer drauf. Er glaubt an den Reformstau, obwohl schon seit Beginn der Kanzlerschaft Kohls unentwegt reformiert worden ist. (Davon haben wir in den NachDenkSeiten ausf&uuml;hrlich berichtet; &bdquo;Die Reforml&uuml;ge&ldquo; und &bdquo;Machtwahn&ldquo; sind voll von Belegen). Aber die Wirklichkeit spielt f&uuml;r die Geschichtsschreibung offenbar keine Rolle. Wir k&ouml;nnen mit Sicherheit davon ausgehen, dass in den Geschichtsb&uuml;chern Deutschlands k&uuml;nftig stehen wird, was Wehler im untersuchten Zeitartikel behauptet. &Uuml;brigens taucht in diesem Artikel kein einziges Beispiel zur Untermauerung der Behauptungen auf. <\/li>\n<li>Ein bisschen lustig wirkt sich genau dieser Nachteil der mangelnden Empirie dann an einer anderen Einlassung von Wehler aus. Wehler meint, der &bdquo;Wildwuchs des Turbokapitalismus bed&uuml;rfe der Einhegung&ldquo;. Sch&ouml;n formuliert. Nur passt diese Forderung nun &uuml;berhaupt nicht zum Lob f&uuml;r Schr&ouml;ders Reformpolitik. Eine der ersten Reformtaten von Schr&ouml;der war n&auml;mlich die Steuerbefreiung der Gewinne der Heuschrecken zum 1.1.2002. Und andere Reformtaten wie das &Ouml;PP-Beschleunigungsgesetz erleichtern das Fleddern deutscher Unternehmen und Wohnungsbest&auml;nde durch Turbokapitalisten. Und was hat die Bundesregierung von Schr&ouml;der bis Merkel im Kampf gegen Steueroasen unternommen?\n<\/li>\n<\/ol><p><strong>Dem Historiker f&auml;llt das alles nicht auf, weil ihn die Realit&auml;t gar nicht interessiert. Der Transport von eingerasteten Vorurteilen und g&auml;ngigen Behauptungen in die Geschichtsb&uuml;cher reicht als Lebensleistung.<\/strong><\/p><p>Nachtrag:<\/p><p>Im Kontext Sozialdemokratie und Linkspartei sind noch folgende Hinweise von Interesse:<\/p><p><strong>Koch r&auml;t Sozialdemokraten zu Becks Abwahl<\/strong><br>\nDie SPD und ihr Vorsitzender Kurt Beck geraten von allen Seiten unter Beschuss. Linken-Chef Oskar Lafontaine macht Beck f&uuml;r &ldquo;millionenfache Ausbeutung&rdquo; pers&ouml;nlich verantwortlich. Hessens Ministerpr&auml;sident Roland Koch r&auml;t der SPD gar, sich einen neuen Vorsitzenden zuzulegen.<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/0,1518,493077,00.html\">Spiegel<\/a><\/p><p><strong>Die Linke klaut das Erbe der Gr&uuml;nen <\/strong><br>\nDie Linke ist nicht nur die wahre &Ouml;kopartei sein. Jetzt soll sie auch noch die Nachfolge der gr&uuml;nen B&uuml;rgerrechtspolitik antreten.<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/index.php?id=politik&amp;art=1639&amp;id=442&amp;cHash=caade5d853\">taz<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe in den letzten 40 Jahren Politik pers&ouml;nlich miterlebt, ich habe dabei auch intensiv die Meinungsbildungsprozesse in den Medien analysiert und beobachte jetzt schon seit l&auml;ngerem die Geschichtsschreibung zum pers&ouml;nlich erlebten Geschehen. 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