{"id":24694,"date":"2015-01-22T11:48:33","date_gmt":"2015-01-22T10:48:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24694"},"modified":"2019-03-02T11:16:48","modified_gmt":"2019-03-02T10:16:48","slug":"wieder-einer-der-notwendigen-aufklaerenden-beitraege-von-heiner-flassbeck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24694","title":{"rendered":"Wieder einer der notwendigen, aufkl\u00e4renden Beitr\u00e4ge von Heiner Flassbeck."},"content":{"rendered":"<p>Er besch&auml;ftigt sich mit der aktuellen Politik der EZB und mit der gegen sie in Position gebrachten Kritik. Er beschreibt, wie falsch gerade der deutsche Einfluss auf die Wirtschafts- und Finanzpolitik ist und absehbar weiter sein wird. Wie so oft k&ouml;nnen wir an diesem Text mit vollziehen, dass die deutsche Bundeskanzlerin in der Sache weit daneben liegt und dennoch die begleitenden Medien bestimmt. Albrecht M&uuml;ller<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Die EZB kauft Anleihen, Deutschland warnt &ndash; aber wovor?<\/strong><\/p><p>Heute wird die Europ&auml;ische Zentralbank (EZB) wohl verk&uuml;nden, dass sie in den n&auml;chsten Wochen und Monaten in gro&szlig;em Stil &ndash;die Rede ist von einer Billion oder wenigstens 500 Milliarden Euro &ndash; Staatsanleihen kaufen wird. W&auml;hrend das im Ausland, wo man &auml;hnliche Aktionen der eigenen Notenbanken schon erlebt hat, &uuml;berwiegend als eine konsequente Reaktion auf die Deflation in der Eurozone angesehen wird, ist in Deutschland heftige und grunds&auml;tzliche Kritik aufgekommen.<\/p><p>Eine sch&ouml;ne Sammlung solcher Kritik findet sich etwa <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/ezb-anleihenkaeufe-ernten-kritik-aus-deutschland-a-1013960.html\">bei Spiegel-Online<\/a>, wo zum Beispiel der Zusammenschluss der Deutschen Kreditwirtschaft mit der Aussage zitiert wird, die EZB verschie&szlig;e vorzeitig ihre letzten Patronen. &bdquo;Das Instrument der Staatsanleihek&auml;ufe sollte wirtschaftlichen Notlagen vorbehalten sein&rdquo;. <a href=\"http:\/\/www.ft.com\/intl\/cms\/s\/0\/a4c15eb4-9fd3-11e4-aa89-00144feab7de.html?siteedition=intl\">Die Financial Times brachte diese Woche eine &auml;hnliche Sammlung<\/a>, wo vor allem die Bild-Zeitung hervorsticht, die vor einer weiteren Abwertung des Euro warnt. Das sind erstaunliche Argumente, denn wenn es jetzt keine Notlage gibt, wann dann? Die Arbeitslosigkeit steigt, die Wirtschaft stagniert seit Jahren auf extrem niedrigem Niveau, die Preise fallen &ndash; worauf soll die Notenbank noch warten? Dass ausgerechnet in Deutschland vor einer weiteren Abwertung gewarnt wird, ist ebenfalls unter der Rubrik absurdes Theater zu verbuchen, denn wenn ein Land auf Abwertung setzt, also auf &bdquo;Verbesserung der Wettbewerbsf&auml;higkeit&ldquo;, dann doch wohl Deutschland. Doch dazu sp&auml;ter mehr.<\/p><p>Die zweite Linie der Kritik ist noch dubioser. Der Wirtschaftsweise Lars Feld wird im obigen Spiegel-Online Artikel mit der Aussage zitiert, mit dem Programm nehme die EZB den Druck von Italien und Frankreich, endlich Reformen durchzuf&uuml;hren und zu sparen. &ldquo;Ohne Reformen krebsen Italien und Frankreich weiter herum mit negativen Auswirkungen auf unseren Export dorthin&rdquo;, habe er der Bild-Zeitung gesagt. Noch mehr Druck brauchen also Italien und Frankreich, damit Deutschland noch mehr dorthin exportieren kann. Was ist eigentlich noch mehr Druck als eine jahrelange Rezession, als extrem hohe Arbeitslosigkeit und von Br&uuml;ssel und Berlin verordneter Sparzwang? Warum braucht man noch mehr Druck, um eine Deflation zu bek&auml;mpfen? Diese &Auml;u&szlig;erung kann man vor dem gegenw&auml;rtigen wirtschaftlichen Hintergrund und den politischen Perspektiven nur als vollkommen unsinnig bezeichnen.<\/p><p>Es kommt aber noch besser. Das Feld-Argument wurde von h&ouml;chster deutscher Stelle aufgegriffen und sogar konkretisiert. Die Bundeskanzlerin mahnte bei einem Besuch der B&ouml;rse in Frankfurt <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/wirtschaftspolitik\/merkel-besucht-die-boerse-die-kanzlerin-mahnt-die-ezb-zur-zurueckhaltung-13379831.html\">laut FAZ<\/a> die EZB zur Zur&uuml;ckhaltung und sagte: &bdquo;Es muss verhindert werden, dass durch das Handeln der EZB der Druck auf die Verbesserung der Wettbewerbsf&auml;higkeit nachl&auml;sst.&ldquo; Nun ist es vollends absurd. Denn einer der Kan&auml;le, auf dem die EZB versucht, die Wirtschaft anzuregen, ist die Abwertung des Euro, wodurch sich die Wettbewerbsf&auml;higkeit der Eurozone automatisch verbessert (wir haben das u.a. <a href=\"http:\/\/www.flassbeck-economics.de\/der-schwache-euro-ein-waehrungskrieg-und-die-zuwanderung\/\">hier<\/a> kritisiert). Laut Angela Merkel muss verhindert werden, dass die durch die EZB-Ma&szlig;nahmen (unabsichtlich oder beabsichtigt) bewirkte Abwertung des Euro die Notwendigkeit mindert, die Wettbewerbsf&auml;higkeit zu verbessern. Wie aber soll das verhindert werden, wenn doch die Abwertung selbst quasi automatisch die Wettbewerbsf&auml;higkeit verbessert? Und zwar die aller Euro-Staaten gleicherma&szlig;en. Die problematischen Preisverh&auml;ltnisse zwischen den EWU-Mitgliedsl&auml;ndern untereinander &auml;ndern sich dadurch gar nicht und insoweit auch nicht der interne Druck innerhalb der W&auml;hrungsunion.<\/p><p>Oder will die Bundeskanzlerin zum Ausdruck bringen, dass sie eine Verbesserung der Wettbewerbsf&auml;higkeit einzelner EWU-L&auml;nder bevorzugt, die unter den gegebenen lohnpolitischen Bedingungen in Deutschland nur dann zustande kommen kann, wenn die L&ouml;hne in den Krisenl&auml;ndern absolut sinken, Deflation und Depression herrschen, die Menschen entsprechend leiden und die betreffende L&auml;nder an den Rand des politischen Chaos geraten?<\/p><p>Das muss es wohl sein. Abwertung z&auml;hlt eigentlich auch nicht, die nimmt auch den Druck, den diese verlotterten Gesellschaften rund um Deutschland herum brauchen, um sich endlich wie Deutschland zusammenzurei&szlig;en und Disziplin zu zeigen. Nur wer diszipliniert ist, hat eine Chance, denn, das hat die Bundeskanzlerin ausrechnen lassen, &bdquo;90 Prozent des Wachstums der Weltwirtschaft findet au&szlig;erhalb Europas statt&ldquo;.<\/p><p>Dann aber sagte sie den eigentlich entscheidenden Satz: &bdquo;Letztlich wird Wachstum aber nur durch eine Verbesserung der Wettbewerbsf&auml;higkeit erreicht&ldquo; (zitiert nach <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/wirtschaftspolitik\/merkel-besucht-die-boerse-die-kanzlerin-mahnt-die-ezb-zur-zurueckhaltung-13379831.html\">FAZ<\/a>). Laut <a href=\"http:\/\/www.bundeskanzlerin.de\/Content\/DE\/Rede\/2015\/01\/2015-01-20-merkel-dt-boerse.html\">offiziellem Redetext<\/a> hei&szlig;t der Satz so: &bdquo;Wachstum entsteht nur durch Wettbewerbsf&auml;higkeit; und die Wettbewerbsf&auml;higkeit im Euroraum l&auml;sst in Teilen zu w&uuml;nschen &uuml;brig.&ldquo; Da ist es endlich einmal vollkommen klar gesagt, was die Grundlage der gesamten deutschen Politik ist. Und diese Grundlage ist schlicht und einfach falsch.<\/p><p>Wie entsteht wohl das Wachstum in der Welt als Ganzes? Durch die Verbesserung der Wettbewerbsf&auml;higkeit? Aber gegen&uuml;ber wem? Gegen&uuml;ber dem Mars? Wir haben das schon so oft gefragt! W&uuml;rde Angela Merkel die Steigerung der Investitionen, der Nachfrage oder der Produktivit&auml;t anmahnen &ndash; und zwar in welchen L&auml;ndern auch immer &ndash;, man k&ouml;nnte sofort eine vern&uuml;nftige Diskussion starten, wie das zu bewerkstelligen ist, weil man sich nicht von vornherein etwas logisch Unm&ouml;gliches zum Ziel gesetzt h&auml;tte bzw. etwas, was nicht f&uuml;r alle gut sein kann. Denn bei einer solchen Diskussion ginge es um absolute Gr&ouml;&szlig;en und nicht, wie bei der Wettbewerbsf&auml;higkeit, um eine relative.<\/p><p>Nein, man muss es so hart sagen, es ist &ouml;konomischer Unsinn, den die Bundeskanzlerin verk&uuml;ndet. Es ist eine seit &uuml;ber 200 Jahren f&uuml;r &uuml;berwunden gehaltene Auffassung, die man Merkantilismus nennt, die hier fr&ouml;hliche Urst&auml;nd feiert. Toll ist, dass das alles geschehen kann und in den Zeitungen breit zitiert wird, ohne dass die deutschen &Ouml;konomen in Massen auf die Barrikaden gehen und ihrer Regierungschefin sagen, sie solle sofort alle ihre Berater in die W&uuml;ste schicken und das kleine Einmaleins wichtiger &ouml;konomischer Zusammenh&auml;nge lernen.<\/p><p>Angela Merkel hat aber trotz all der Konfusion noch etwas Richtiges gesagt. Sie sagte (wieder laut offiziellem Redetext): &bdquo;Jacques Delors hat vor der Einf&uuml;hrung des Euro einen umfassenden Bericht abgegeben und damals sehr deutlich zum Ausdruck gebracht: Es geht nicht nur um einen Stabilit&auml;ts- und Wachstumspakt, um gleiche Auffassungen zur Haushaltsf&uuml;hrung unter den Euro-Mitgliedstaaten, sondern es geht genauso um eine wirtschaftspolitische Koordinierung, weil man eine W&auml;hrung nicht auf Dauer stabil halten kann, wenn jeder sein eigenes Verst&auml;ndnis von Wettbewerbsf&auml;higkeit hat.&ldquo;<\/p><p>Das stimmt. Man muss sich in der EWU darauf einigen, was Wettbewerbsf&auml;higkeit ist, und vor allem, wie man sie gegenseitig ausbalanciert. Man kann die W&auml;hrung auf Dauer nur stabil halten, wenn sich alle an die gemeinsam beschlossene Linie halten und das kann nur das gemeinsam beschlossene Inflationsziel sein. Dagegen hat Deutschland mehr als alle anderen versto&szlig;en. Wer das nicht sagt und diesen gro&szlig;en Fehler nicht zu korrigieren bereit ist, ist ma&szlig;geblich Schuld an dem, was in Europa seit Beginn der Eurokrise &ouml;konomisch schief gelaufen ist und noch schieflaufen wird mit allen dramatischen Konsequenzen auf politischer und gesellschaftlicher Ebene.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er besch&auml;ftigt sich mit der aktuellen Politik der EZB und mit der gegen sie in Position gebrachten Kritik. Er beschreibt, wie falsch gerade der deutsche Einfluss auf die Wirtschafts- und Finanzpolitik ist und absehbar weiter sein wird. Wie so oft k&ouml;nnen wir an diesem Text mit vollziehen, dass die deutsche Bundeskanzlerin in der Sache weit<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24694\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[13,135,11,157],"tags":[1187,507,315,312,637,402],"class_list":["post-24694","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-denkfehler-wirtschaftsdebatte","category-finanzpolitik","category-strategien-der-meinungsmache","category-wettbewerbsfaehigkeit","tag-deflation","tag-ezb","tag-merkel-angela","tag-reformpolitik","tag-staatsanleihen","tag-wachstum"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24694","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=24694"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24694\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":49726,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24694\/revisions\/49726"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=24694"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=24694"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=24694"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}