{"id":247,"date":"2005-01-04T12:06:52","date_gmt":"2005-01-04T11:06:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=247"},"modified":"2016-03-21T10:24:37","modified_gmt":"2016-03-21T09:24:37","slug":"denkfehler-7-jetzt-hilft-nur-noch-private-vorsorge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=247","title":{"rendered":"Denkfehler 7: &#8220;Jetzt hilft nur noch private Vorsorge.&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>Auszug aus dem Buch &ldquo;Die Reforml&uuml;ge &ndash; 40 Denkfehler, Mythen und Legenden, mit denen Politik und Wirtschaft Deutschland ruinieren&rdquo;, von Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Variationen zum Thema:<\/strong><\/p><ul>\n<li>&ldquo;Das Umlageverfahren funktioniert nicht mehr.&rdquo;<\/li>\n<li>&ldquo;Beim Kapitaldeckungsverfahren, also der privaten Altersvorsorge, arbeitet das eingezahlte Kapital.&rdquo;<\/li>\n<li>&ldquo;Es wird eben nicht wie beim Umlageverfahren gleich wieder ausgegeben.&rdquo;<\/li>\n<\/ul><p><strong>Eine clevere Strategie &ndash; die Zerst&ouml;rung des Vertrauens in die &ldquo;staatliche Rente&rdquo;<\/strong><\/p><p>Angenommen, Sie h&auml;tten ein Unternehmen mit einem Umsatz von 67 Milliarden Euro &ndash; etwas gro&szlig;, zugegeben, aber es kommt hier nur auf die Relationen an. Und angenommen, Sie h&auml;tten einen noch gr&ouml;&szlig;eren Konkurrenten, der 156 Milliarden Euro umsetzt. Und nun h&auml;tten Sie die Chance, die Umsatzzuw&auml;chse des Konkurrenten und dar&uuml;ber hinaus noch ein paar Milliarden von seiner Substanz auf sich umzulenken; vielleicht f&uuml;rs erste gute 10 Prozent seines Umsatzes. Und alles, was Sie daf&uuml;r tun m&uuml;ssten, um auf Anhieb Ihren Umsatz um 15 Milliarden, also um ein knappes Viertel aufzustocken, ist etwas Eigenwerbung und die Verbreitung des Ger&uuml;chts, der Konkurrent sei ein Auslaufmodell. Das w&auml;re doch was&hellip; Bei einem erwarteten Umsatzplus von 15 Milliarden w&auml;ren die 20, 30 oder auch 100 Millionen, die Sie f&uuml;r Zeitungsanzeigen und eine gro&szlig;angelegte PR-Arbeit unter Wissenschaftlern, Politikern und Journalisten investieren m&uuml;ssten, l&auml;cherlich wenig. Peanuts sozusagen. <\/p><p>Dieses M&auml;rchen ist Wirklichkeit. Nicht f&uuml;r Sie und nicht f&uuml;r mich. Aber f&uuml;r die Lebensversicherungsbranche (deren Einnahmen aus den Versicherungspr&auml;mien betragen ungef&auml;hr 67 Milliarden Euro) und f&uuml;r die Banken, die am Transfer und an der Anlage des Geldes verdienen. Sie tun viel daf&uuml;r, um das M&auml;rchen in klingende M&uuml;nze umzusetzen. Wie die entspechende Werbearbeit aussieht, zeigt ein Zitat aus dem Brief eines Vorstandmitglieds der Dresdner Bank, ver&ouml;ffentlicht per Zeitungsanzeige: <\/p><blockquote><p>Sehr geehrte Damen und Herren,<br>\nangesichts des demographischen Wandels &ndash; immer mehr &auml;lter werdende Menschen stehen immer weniger jungen B&uuml;rgern gegen&uuml;ber &ndash; machen sich viele Sparer Gedanken &uuml;ber ihre finanzielle Sicherheit im Alter. Es zeichnet sich ab, dass die staatliche Rentenversicherung den Versicherten in Zukunft nicht mehr das gewohnte Leistungsniveau bieten kann. Deshalb w&auml;chst der privaten Altersvorsorge eine immer gr&ouml;&szlig;ere Bedeutung zu.&rdquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Und weil das so sei, wirbt die Dresdner Bank im konkreten Fall f&uuml;r Wertpapierfonds. Aber auch &raquo;Ihre deutschen Lebensversicherungen&laquo; werben in einem wahren Bombardement von Briefen, Telefonaten und in teuren Anzeigen f&uuml;r die private Vorsorge durch Abschluss einer Lebensversicherung, w&ouml;rtlich: <\/p><blockquote><p>Was bei der gesetzlichen Rente sp&auml;ter f&uuml;r Sie rausspringt, kann Ihnen keiner sagen (&hellip;) Eine Lebensversicherung h&auml;lt, was sie verspricht. Ein Leben lang.&rdquo;<\/p><\/blockquote><p>Diese Zitate stammen aus dem Jahr 1999. Schon den Bundestagswahlkampf 1998 begleiteten die Lebensversicherer mit einer Flut von ganzseitigen Anzeigen, in denen sie f&uuml;r die private Vorsorge Werbung machten. Das tun sie bis heute, wobei Lebensversicherer und private Krankenkassen an einem Strang ziehen und auch die gleichen Argumente verwenden. Im Juni 2003 hie&szlig; es in einer von vielen ganzseitigen Anzeigen der Privaten Krankenversicherer: <\/p><blockquote><p>Ach du Schreck, alles weg&hellip;<br>\nGesundheitsreform JA. Von der Hand in den Mund NEIN. &ndash; Eine &auml;lter werdende Gesellschaft braucht immer mehr Gesundheitsleistungen. In der Umlagefinanzierung der gesetzlichen Krankenkassen werden die eingezahlten Beitr&auml;ge sofort wieder f&uuml;r Leistungen ausgegeben. Das Ergebnis: leere Kassen und eine Finanzierung, die keine Vorsorge f&uuml;r unsere Zukunft bildet &ndash; eine Belastung, die unsere Kinder sp&auml;ter tragen m&uuml;ssen. Generationengerechtigkeit: Das bessere Konzept hei&szlig;t Kapitaldeckung.&rdquo;<\/p><\/blockquote><p>Die Banken, die Lebensversicherer und die privaten Krankenversicherungen k&ouml;nnen ihre Kampagne zur St&ouml;rung des Vertrauens in die klassische Rentenversicherung und in die gesetzlichen Krankenkassen auf einen breiten Verbund von Stimmungsverst&auml;rkern in Wissenschaft und Politik, in Talkshows, Zeitungen und Zeitschriften st&uuml;tzen. Vor allem in der Regierung Kohl hatten sie eine gro&szlig;e politische Hilfe. Diese hat, gewollt oder ungewollt, nach der Einheit einen gro&szlig;en Teil der Sozialversicherungsleistungen f&uuml;r die Menschen in den neuen Bundesl&auml;ndern den Beitragszahlern aufgeb&uuml;rdet. Das sind die versicherungsfremden [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] Leistungen, die die Beitr&auml;ge um rund 3,5 Prozentpunkte steigerten und so den Erosionsprozess erst richtig in Gang brachten, der das Vertrauen in die staatliche Rente mittlerweile stark besch&auml;digt hat. <\/p><p>Der Spiegel, bei diesem Thema schon lange an vorderer Front, forcierte die Kampagne immer wieder; schon am 30. August 1999 hie&szlig; es in einer Titelgeschichte: <\/p><blockquote><p>Weil Deutschland vergreist, wird die Rentenversicherung unbezahlbar&hellip;&rdquo;<\/p><\/blockquote><p>Und im Oktober 1999 fasste der Spiegel [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] die Kernbotschaft so zusammen: <\/p><blockquote><p>Letztlich geht es in der neu entfachten Debatte um eine Grundsatzfrage. Alle Parteien haben erkannt, dass die staatliche Rente allein k&uuml;nftig nicht mehr ausreichen wird. Das Umlageverfahren, das die Beitr&auml;ge der aktiven Arbeitnehmer direkt an die derzeitige Rentnergeneration weiterreicht, bedarf der Erg&auml;nzung durch eine kapitalgedeckte Altersvorsorge (&hellip;)&rdquo;<\/p><\/blockquote><p>Das klingt schl&uuml;ssig und logisch. Aber logisch ist die Behauptung, unser demographisches Problem &ndash; soweit wir eines haben &ndash; sei dadurch zu l&ouml;sen, dass die gesetzliche Rentenversicherung &ndash; und analog die gesetzliche Krankenversicherung &ndash; durch ein privates Bein erg&auml;nzt beziehungsweise ersetzt wird, allein f&uuml;r die Versicherungswirtschaft, die Banken und die mit ihnen verbundenen Interessen. Sie gewinnen, wenn die soziale Alterssicherung in Richtung Grundsicherung gedr&uuml;ckt und alles Zus&auml;tzliche in Lebensversicherungen oder in Wertpapierfonds gelenkt wird &ndash; oder wenn die privaten Krankenkassen ihre Marktanteile in gro&szlig;en Schritten ausdehnen. <\/p><p><strong>Was ist was: Umlage oder Kapitaldeckung?<\/strong><\/p><p>Die Beitr&auml;ge der Arbeitenden werden beim Umlageverfahren von den Rentenversicherungstr&auml;gern eingesammelt und an die Rentner ausgezahlt. Die Beitragszahlenden erwerben dabei einen Anspruch auf eigene sp&auml;tere Rente. Beim Kapitaldeckungsverfahren sollen die Beitr&auml;ge (Pr&auml;mien) der privat Versicherten als Kapital gesammelt und angelegt werden. Nach F&auml;lligkeit des Versicherungsvertrags werden dann Kapitalstock und Rendite zusammen dem jeweiligen Versicherten als private Rente ausbezahlt.<br>\nWeder f&uuml;r uns B&uuml;rger noch f&uuml;r die Politiker ist die Behauptung schl&uuml;ssig, der Generationenvertrag der Rentenversicherung trage angesichts der demographischen Ver&auml;nderungen nicht mehr, und das Problem sei nur mit Hilfe privater Vorsorge zu l&ouml;sen. Es klingt nur schl&uuml;ssig, und deshalb teilen diesen Glauben viele, die sich mit dem Thema besch&auml;ftigt haben oder einfach nur Opfer der penetranten Werbung sind. In Wahrheit ist die Behauptung aber grundfalsch &ndash; und hat auch schon zu einer Reihe h&ouml;chst problematischer politischer Entscheidungen gef&uuml;hrt. <\/p><p><strong>So oder so &ndash; die Jungen m&uuml;ssen f&uuml;r die Alten aufkommen<\/strong><\/p><p>Die Umstellung des Finanzierungsverfahrens auf das Kapitaldeckungsverfahren &auml;ndert nichts daran, dass die Jungen f&uuml;r die Alten aufkommen m&uuml;ssen. Es sei denn, man unterstellt, durch die Einf&uuml;hrung der &raquo;Riesterrente&laquo; oder anderer Modelle der privaten Vorsorge w&uuml;rden erkennbar mehr Kinder geboren. Theoretisch k&ouml;nnte es ja sein, dass sich V&auml;ter und M&uuml;tter &uuml;ber die versprochene hohe Rendite so freuen, dass sie mehr Kinder zeugen und bekommen. <\/p><p>Im Ernst: Die Hoffnung, die hierzulande mit der Riesterrente und anderen Systemen privater Altersvorsorge verbunden wird, gr&uuml;ndet vor allem darauf, dass der Glaube an die Wirksamkeit dieser Umstellung nun schon seit Jahren in die K&ouml;pfe und Herzen geh&auml;mmert wird &ndash; mit allen denkbaren Methoden und viel Geld. Aber was so schl&uuml;ssig zu sein scheint, hat ein paar Sch&ouml;nheitsfehler: <\/p><ul>\n<li>Die Aussage, beim bisherigen Umlageverfahren w&uuml;rde nichts angespart, die eingezahlten Beitr&auml;ge w&uuml;rden sofort wieder f&uuml;r Leistungen ausgegeben, ist in der Regel sogar richtig. Das ist das logische Prinzip dieses Umlageverfahrens. Allerdings ist der daraus gezogene Schluss, dieses Verfahren gehe zu Lasten unserer Kinder, nicht richtig.<\/li>\n<li>Die Aussage, beim Kapitaldeckungsverfahren k&ouml;nnten die eingezahlten Beitr&auml;ge als Kapital arbeiten, ist ungemein eing&auml;ngig. Aber das stimmt nicht, wenn man genauer hinschaut, und schon gar nicht gilt diese Behauptung, wenn man den gesamtwirtschaftlichen Effekt einbezieht.<\/li>\n<\/ul><p>Was sind nun aber die in diesen beiden Aussagen eingebauten Denkfehler? Um diesen Parolen auf den Grund zu gehen und die wirtschaftlichen Zusammenh&auml;nge und Vorg&auml;nge besser zu verstehen, ist es n&uuml;tzlich, wenn wir die Welt unserer Wirtschaft nicht in Kategorien von Geld- und Finanzstr&ouml;men zu begreifen versuchen, sondern in G&uuml;terstr&ouml;men, den so genannten real terms. Wir stellen fest: Heute haben 100 arbeitsf&auml;hige Personen f&uuml;r 44 &Auml;ltere zu sorgen, im Jahre 2050 werden sie f&uuml;r 78 &Auml;ltere zu sorgen haben. Und wir fragen: &Auml;ndert die Umstellung auf ein anderes Finanzierungsverfahren etwas an dieser realen Relation von jung und alt? Wie soll das gehen? Das ist unwahrscheinlich. Auch bei Anwendung des Kapitaldeckungsverfahrens bleibt es real beim gleichen Verh&auml;ltnis von Arbeitsf&auml;higen zu Rentnern (siehe Denkfehler Nr. 6, S. 115).<br>\nAuch die Qualifikation der dann Arbeitenden und damit ihre Produktivit&auml;t &ndash; ein anderer wichtiger Faktor zur Bew&auml;ltigung der &raquo;Alterslast&laquo; &ndash; ist nicht davon abh&auml;ngig, ob das Umlageverfahren oder das Kapitaldeckungsverfahren angewandt wird.<br>\nUnabh&auml;ngig vom gew&auml;hlten Verfahren geht es immer um Realtransfers unter den jeweils Lebenden. Die Aktiven m&uuml;ssen auf Konsum verzichten. Sie tun das im Umlageverfahren durch Zwangssparen in Form von Beitr&auml;gen und Steuern, im Kapitaldeckungsverfahren durch Sparen und Kauf von Verm&ouml;genswerten.<br>\nDie Erkenntnis, dass sich mit der Umstellung des Finanzierungsverfahrens nichts an der realen Situation und der realen Belastung ver&auml;ndert, nennt man nach dem National&ouml;konomen Gerhard Mackenroth das &raquo;Mackenroth-Theorem&laquo;. Die Bef&uuml;rworter des Kapitaldeckungsverfahrens und der privaten Vorsorge bek&auml;mpfen das Mackenroth-Theorem, als w&auml;re es der Leibhaftige pers&ouml;nlich. Dazu eine kleine Geschichte:<br>\nDer Mannheimer &Ouml;konomieprofessor Axel B&ouml;rsch-Supan, von Haus aus Mathematiker und eigentlich ein intelligenter Zeitgenosse, war mir schon vor mehreren Jahren bei einem Dialog im Rahmen der Evangelischen Akademie der Pfalz durch seine dezidierte und logisch nicht nachvollziehbare Abweisung des Umlageverfahrens aufgefallen. Das R&auml;tsel kl&auml;rte sich, als der Professor in Mannheim &ndash; im Zusammenhang mit der Universit&auml;t &ndash; ein Institut mit Namen MEA eingerichtet bekam (&raquo;Mannheim Research Institute for the Economics of Aging&laquo;, zu Deutsch: Mannheimer Forschungsinstitut &Ouml;konomie und demographischer Wandel), finanziert vom Land Baden-W&uuml;rttemberg und der deutschen Versicherungswirtschaft. Dieses Institut fertigt Gutachten, unter anderem f&uuml;r Versicherungen und Banken. Solche Institute sind lukrative Nebenjobs f&uuml;r unsere Professoren.<br>\nBei der Jahrestagung seines Instituts im November 2003 hielt B&ouml;rsch-Supan die Er&ouml;ffnungsrede, in der er es als &raquo;Hauptbeitrag des MEA&laquo; bezeichnete, &raquo;Denkdisziplin&laquo; in die Debatte zu bringen: &raquo;Denkdisziplin, die zum Beispiel die sogenannte Mackenroth-These in der Form &raquo;es kommt nicht auf die Finanzierungsweise der Sozialversicherung an, da jede aus dem laufenden Bruttosozialprodukt gesch&ouml;pft werden muss&laquo; als falsch entlarvt&laquo;.<br>\nAls ich mich bei MEA nach diesem &raquo;Hauptbeitrag&laquo; erkundigte, bekam ich den Hinweis auf eine in der Sprache der Mathematik verfasste Dissertation von 1988. Damals gab es das Institut noch nicht, und die Entlarvung des Mackenroth-Theorems als &raquo;Hauptbeitrag&laquo; des MEA zur &raquo;Denkdisziplin&laquo; gibt es auch nicht. &Uuml;brigens auch nicht in der Dissertation von 1988, wie mir mathematisch versierte Kollegen versichern.<br>\nAber solange niemand kritisch nachfragt, bleibt die Behauptung wahr, und sie wird immer wahrer, je mehr sie unhinterfragt wiederholt und verbreitet werden kann. So verh&auml;lt es sich mit der Behauptung, das Umlageverfahren funktioniere nicht mehr und das Kapitaldeckungsverfahren sei die L&ouml;sung.<br>\n&ldquo;Und wenn alle anderen die von der Partei verbreitete L&uuml;ge glaubten &ndash; wenn alle Aufzeichnungen gleich lauteten &ndash;, dann ging die L&uuml;ge in die Geschichte ein und wurde Wahrheit.&rdquo; George Orwell: 1984<br>\nDem Fehlschluss, das Kapitaldeckungsverfahren sei die L&ouml;sung, kann man noch mit einer anderen Erw&auml;gung auf die Schliche kommen: Auch die Bef&uuml;rworter des Kapitaldeckungsverfahrens denken und sprechen bei der Darstellung des f&uuml;r sie so gewichtigen Alterungsproblems zun&auml;chst in realen Gr&ouml;&szlig;en. Sie sagen beispielsweise: Die Alterslast w&auml;chst von 44 auf 78, und sie bedienen sich damit einer gesamtwirtschaftlichen Argumentation. Sie denken und sagen, die Last werde f&uuml;r die junge, arbeitende Generation nicht mehr tragbar, und deshalb m&uuml;sste die jetzige Generation zus&auml;tzlich Kapital sammeln &ndash; und auch dies ist eine gesamtwirtschaftliche Argumentation. Dann jedoch springen diese Bef&uuml;rworter der privaten Vorsorge um auf eine einzelwirtschaftliche Betrachtung und noch dazu auf eine sogenannte Partialanalyse, wie wir &Ouml;konomen sagen. Konkret hei&szlig;t das: Sie betrachten einen einzelnen jungen arbeitenden Menschen, der privat vorsorgt und zum Beispiel in die Riesterrente einzahlt, und schlie&szlig;en aus dieser Beobachtung, da werde Kapital angesammelt und dieses arbeite, bringe Zinsen und stehe dann in zwanzig, drei&szlig;ig oder vierzig Jahren noch f&uuml;r die Rente dieses ehedem jungen Menschen zur Verf&uuml;gung.<br>\nWenn wir aber gesamtwirtschaftlich denken und dabei beachten, was sich &auml;ndern k&ouml;nnte, wenn einer beschlie&szlig;t, Geld f&uuml;r die private Vorsorge zu zahlen, und welche Konsequenzen die Entscheidung des jungen Arbeitenden haben k&ouml;nnte, dann kommen wir m&ouml;glicherweise zu einer ganz anderen Bewertung. Das hat verschiedene Gr&uuml;nde: <\/p><ol>\n<li>Woher nimmt der junge Mensch das Geld f&uuml;r die monatlichen Zahlungen? Er k&ouml;nnte mehr sparen, wenn er das Geld f&uuml;r sich und seine Familie nicht braucht &ndash; dann w&uuml;rde er die volkswirtschaftliche Sparquote nach oben zu schieben helfen. Er k&ouml;nnte auf andere Formen des Sparens verzichten, also ein Sparkonto aufl&ouml;sen, Aktien verkaufen, was auch immer. Er k&ouml;nnte auch Schulden machen, um die Riesterrente zu bezahlen.<br>\nNur im ersten Fall ergibt sich ein Kapitalzuwachs. Dieser Fall d&uuml;rfte aber heute selten sein, was man &uuml;brigens schon daran sieht, welche geringen Ergebnisse die Riesterrente zeitigt. Viele Menschen haben einfach kein Geld f&uuml;r Privatvorsorge. <\/li>\n<li>Was machen die Lebensversicherungen und die Pensionsfonds mit dem Geld? Sie &ndash; wie &uuml;brigens auch die privaten Krankenkassen &ndash; geben ganz selbstverst&auml;ndlich einen Teil f&uuml;r die laufenden Auszahlungen aus. Innerhalb ihrer Konzerne praktizieren sie ganz selbstverst&auml;ndlich Elemente des Umlageverfahrens. Gesamtwirtschaftlich betrachtet hat die Umstellung des Finanzierungssystems vom Umlageverfahren auf das Kapitaldeckungsverfahren auch deshalb keine begr&uuml;ndete Auswirkung.<br>\nSelbst wenn die Versicherungskonzerne Kapital ansammeln und investieren, ist das volkswirtschaftlich betrachtet vermutlich kein zus&auml;tzliches Kapital, sondern es wurde, wie zuvor beschrieben, anderswo abgezogen.<br>\nWichtig ist auch hier die volkswirtschaftliche Betrachtung: Die von der Umstellung erwartete Vorsorge f&uuml;r die Zukunft und die damit verbundene Entlastung der jungen Generation treten nur dann ein, wenn die Sparquote unserer Volkswirtschaft und jedes B&uuml;rgers auf diese Weise erh&ouml;ht wird, so dass jetzt Investitionen im voraus gemacht werden, von denen man sp&auml;ter zehren kann. Oder wenn Verm&ouml;gen im Ausland aufgebaut wird, auf das man dann zur&uuml;ckgreifen kann, wenn die angeblich zu vielen Alten versorgt werden m&uuml;ssen.<\/li>\n<\/ol><p>Betrachtet man die einschl&auml;gigen gesamtwirtschaftlichen Werte, so erkennt man, dass nahezu alle Erw&auml;gungen zur Umstellung vom Umlageverfahren auf das Kapitaldeckungsverfahren falsch sind: <\/p><ul>\n<li>Wir haben keine Sparprobleme. Deutschland hat eine hohe Sparquote von &uuml;ber 10 Prozent des verf&uuml;gbaren Einkommens, das hei&szlig;t, wir alle zusammen sorgen ganz sch&ouml;n vor f&uuml;r k&uuml;nftige Generationen.<\/li>\n<li>Wir bauen sogar Verm&ouml;gen gegen&uuml;ber dem Ausland auf &ndash; von 1960 bis 2002 um 231 Milliarden Euro. Gro&szlig;britannien hat im gleichen Zeitraum seine Verm&ouml;gensposition um 331 Milliarden abgebaut, die USA um 2963 Milliarden.<\/li>\n<li>Wir bauen Infrastruktur f&uuml;r die jetzige und die k&uuml;nftigen Generationen (siehe dazu Denkfehler Nr. 10 und 11, S. 157ff). Allerdings haben wir in diesem Bereich, vor allem bei den &ouml;ffentlichen Investitionen, in letzter Zeit nachgelassen &ndash; sinnigerweise ausgerechnet deshalb, weil gespart werden sollte, um der jungen Generation keine allzu gro&szlig;e Schuldenlast zu hinterlassen. Aber dieser Sparversuch ist nach hinten losgegangen (siehe Denkfehler Nr. 31, S. 305ff).<\/li>\n<\/ul><p><strong>Welches Modell arbeitet produktiver?<\/strong><\/p><p>Bei einem gesamtwirtschaftlichen und realen Vergleich der beiden Modelle m&uuml;ssen wir fragen: Welches Modell arbeitet produktiver? <\/p><p>Die Verwaltungskosten des Umlageverfahrens liegen bei etwa 4 Prozent des umgesetzten Betrages an Beitr&auml;gen und Zusch&uuml;ssen einerseits und der ausgezahlten Renten andererseits. Die Verwaltungskosten der privaten Lebensversicherungen liegen &ndash; wie im Falle der Riesterrente &ndash; bei etwa 10 Prozent. Real betrachtet: Auf der einen Seite z&auml;hlen die Angestellten der Bundesversicherungsanstalt und der Landesversicherungsanstalten, ihre Geb&auml;ude und sonstiger Sachaufwand, auf der anderen Seite die Vorst&auml;nde und Angestellten der Versicherungskonzerne, ihr Sachaufwand und ihre unz&auml;hligen Agenturen und Vertretungen und die vielen Menschen und Anlagen, die f&uuml;r die Werbung und das Marketing arbeiten. [<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] Ganzseitige Anzeigen der Landesversicherungsanstalten gibt es bisher nicht oder nur sehr selten. Ebensowenig gibt es Erfolgspr&auml;mien f&uuml;r abgeschlossene Versicherungsvertr&auml;ge.<br>\nDer Anteil von 10 Prozent Verwaltungskosten liegt zwar schon 2,5 mal h&ouml;her als die Kosten des Umlageverfahrens, ist aber vermutlich immer noch zu niedrig gesch&auml;tzt. Das Kapitaldeckungsverfahren wird uns riesige Summen kosten. Im Falle Chiles lagen 1998 die &raquo;Kommissionen&laquo;, die dort auf eingezahlte Gelder zur privaten Vorsorge erhoben werden, bei 18 Prozent. [<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>]<br>\nDie Kosten f&uuml;r Betrieb und Vertrieb des Kapitaldeckungsverfahren &ndash; real ausgedr&uuml;ckt: f&uuml;r die vielen Menschen und Apparate, die f&uuml;r die Verwaltung und den Vertrieb arbeiten &ndash; m&uuml;ssen vom eingezahlten Kapital abgezogen werden. Ganz entgegen den Vorstellungen der Neoliberalen hat der Wettbewerb in Chile eine unproduktive B&uuml;rokratie erzeugt. In Gro&szlig;britannien sind die Verwaltungskosten des privaten Vorsorgesystems sogar noch h&ouml;her als in Chile; bis zu 40 Prozent der eingezahlten Gelder gehen dort f&uuml;r Verwaltung und Vertrieb drauf. Wenn erst einmal 18 oder 40 Prozent weg sind, muss die Rendite schon sehr hoch sein, um diesen Kostenaufwand wieder auszugleichen. <\/p><blockquote><p>Mit der Riesterrente wurde hier eine psychologisch wichtige H&uuml;rde hin zur verst&auml;rkten Eigenvorsorge jeder Generation durch Kapitaldeckung genommen. (&hellip;) Aber die Erg&auml;nzung der gesetzlichen Rentenversicherung durch private Vorsorge muss weiter vorangetrieben werden.&rdquo; <\/p>\n<div class=\"cite_hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div>\n<p class=\"reference\">Deutschland 2020. Ein Memorandum der jungen Abgeordneten<\/p>\n<\/blockquote><blockquote><p>In Deutschland stammen nur 15 Prozent der Alterseinkommen aus der betrieblichen und privaten Altersvorsorge. In anderen L&auml;ndern dagegen ist es oft die H&auml;lfte. Hier muss die staatliche F&ouml;rderung dieser Formen der Altersvorsorge wesentlich verbessert werden.&rdquo;<\/p>\n<div class=\"cite_hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div>\n<p class=\"reference\">CDU: Reform der sozialen Sicherungssysteme, 16.10.2003<\/p>\n<\/blockquote><p>Die Privatvorsorge, die in Deutschland mit der Behauptung propagiert worden ist, sie rentiere sich um vieles mehr als die gesetzliche Rente, wurde zu einer F&ouml;rderrente umgemodelt. Wieso aber braucht eine angeblich so rentable Privatvorsorge, die &uuml;ber 10 Prozent Rendite bringen soll, die Unterst&uuml;tzung des Steuerzahlers? Und das in Zeiten, in denen lautstark der Abbau von Subventionen und Steuerverg&uuml;nstigungen verlangt wird?<br>\nDamit nicht genug, braucht die private Altersvorsorge nach Meinung mancher ihrer Verfechter nun auch noch den Anschlusszwang, die Verpflichtung! Im Klartext: Privatvorsorge als Zwangsversicherung. Das ist eine feine Marktwirtschaft. Man privatisiert die Altersvorsorge und verh&auml;ngt dann einen Zwang?! <\/p><blockquote><p>Die B&uuml;rger sollten lediglich verpflichtet werden, sich privat zu versichern &ndash; Versicherungspflicht statt Zwangskassen.&rdquo;<\/p>\n<div class=\"cite_hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div>\n<p class=\"reference\">Guido Westerwelle, Wirtschaftswoche, 13.11.2003<\/p>\n<\/blockquote><p>Zu einem ehrlichen Vergleich der beiden Systeme geh&ouml;ren noch einige andere Fakten: <\/p><ul>\n<li>Die Behauptung, private Altersvorsorge erbr&auml;chte hohe Renditen, weil ja angeblich Kapital arbeitet, stammt aus der Zeit der Spekulationsblasen auf den Aktienm&auml;rkten. Damals wurden 10,5 und sogar 11,5 Prozent Rendite versprochen. Inzwischen sind die Blasen geplatzt. Die Zeit schrieb im Oktober 2003: &raquo;Mehr als 100 Milliarden Euro haben die Versicherer in den vergangenen drei Jahren an der B&ouml;rse verbrannt.&laquo;1 Experten gehen davon aus, dass die Renditen bis auf die Mindestverzinsung absinken k&ouml;nnten, wenn die Branchenschw&auml;che anh&auml;lt. Diese Mindestverzinsung (Garantiezins) ist von 4 Prozent im Jahr 2000 auf 2,75 Prozent ab 2004 abgesenkt worden.<\/li>\n<li>Zumindest ein Versicherungskonzern in Deutschland ist schon in die Knie gegangen. Die Mannheimer Lebensversicherung hat 2003 das Neugesch&auml;ft eingestellt und wurde zum ersten Fall f&uuml;r die Branchen-Auffanggesellschaft Protektor.<\/li>\n<li>Speziell f&uuml;r die Versicherungswirtschaft wurde zur Erleichterung ihrer Verluste eine steuerliche Verrechnungsm&ouml;glichkeit geschaffen, von der sie sich einen Steuernachlass von 5 Milliarden Euro verspricht.<\/li>\n<li>Das Risiko, dass die Altersversorgung der Menschen Spekulationen an den Finanzm&auml;rkten geopfert wird, ist hoch. Millionen Menschen in S&uuml;damerika und Osteuropa, in den USA und Gro&szlig;britannien haben auf diese Weise schon gro&szlig;e Teile ihrer Altersvorsorge eingeb&uuml;&szlig;t: &raquo;Gerade mit dieser privaten und betrieblichen Vorsorge haben die Briten aber in j&uuml;ngster Zeit einen katastrophalen Einbruch erlebt. Drei Jahre sinkender B&ouml;rsenkurse und niedriger Zinss&auml;tze haben den Wert des nicht-staatlichen Rentenvolumens drastisch gesenkt&laquo;, berichtete die Frankfurter Rundschau am 10. M&auml;rz 2004. In derselben Woche wurde in Berlin eine Rentenreform verabschiedet mit der klaren Zielsetzung, noch mehr Menschen in die private Vorsorge zu dr&auml;ngen. Ein solches System kann nicht im Sinne der B&uuml;rger sein. Das wussten die chilenischen Milit&auml;rs &uuml;brigens schon im Jahre 1981: F&uuml;r das Milit&auml;r und die Polizei blieb es beim alten staatlichen Altersversorgungssystem. Sie mussten und wollten nicht in die so &raquo;lukrative&laquo; Privatvorsorge.<\/li>\n<li>Das Risiko von Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit trifft beide Systeme in &auml;hnlicher Weise. In Argentinien zum Beispiel sind die privaten Vorsorgen durch die Krise entwertet worden. Da grenzt es an Zynismus, wenn die Umstellung auf das Kapitaldeckungsverfahren auch mit der wirtschaftlichen Stagnation begr&uuml;ndet wird.<\/li>\n<li>Das un&uuml;berschaubare Angebot zur privaten Altersvorsorge verunsichert und &uuml;berfordert viele Menschen. Auch das kann man am Misserfolg der Riesterrente schon ablesen. Die Menschen werden zum Spielball von Dr&uuml;ckerkolonnen und Anlageberatern gemacht.<\/li>\n<li>Einkommensschwache Schichten werden nicht mehr versorgt. Die private Vorsorge wirft sie aus dem System raus. Sie werden noch st&auml;rker als heute zu potentiellen Sozialhilfeempf&auml;ngern.<\/li>\n<li>Die propagierte &Auml;nderung des Finanzierungssystems &auml;ndert nichts an der speziellen Last der jungen Generation, die gern gegen das soziale Rentenversicherungssystem in Front gebracht wird. Ihretwegen h&auml;lt man die Beitr&auml;ge unter 20 Prozent fest, angeblich weil mehr nicht zu vermitteln sei. (Wie sinnvoll oder sinnlos das Ziel der Beitragsstabilit&auml;t ist, dazu siehe Denkfehler Nr. 23, S. 251ff.) Gleichzeitig sollen die jungen Menschen aber zus&auml;tzlich bis zu 4 Prozent ihres Einkommens f&uuml;r ihr Alter privat anlegen. Offenbar spekuliert man darauf, die J&uuml;ngeren seien unf&auml;hig, 20 und 4 zusammenzuz&auml;hlen. Diese Spekulation k&ouml;nnte aufgehen. Denn jene J&uuml;ngeren, die gegenw&auml;rtig zus&auml;tzlich zur gesetzlichen Altersvorsorge so eifrig Lebensversicherungen abschlie&szlig;en, haben m&ouml;glicherweise nicht verstanden, dass sie dadurch nicht aus der Verpflichtung des Generationenvertrags entlassen werden: Sie werden weiterhin Beitr&auml;ge oder Steuern f&uuml;r die Versorgung der Rentnergeneration zu zahlen haben.<\/li>\n<\/ul><blockquote><p>Die zweite S&auml;ule der Altersvorsorge ist im Aufbau. Und damit ist die Gerechtigkeit zwischen den Generationen gewahrt.&rdquo;<\/p>\n<div class=\"cite_hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div>\n<p class=\"reference\">Gerhard Schr&ouml;der, 8.11.2002<\/p>\n<\/blockquote><p>Es ist Augenwischerei, zu behaupten, die arbeitende Generation w&uuml;rde durch die private Altersvorsorge entlastet. Entlastungsm&ouml;glichkeiten gibt es vielmehr: <\/p><ol>\n<li>indem man k&uuml;nftig von den 5 bis 7 Millionen Arbeitsf&auml;higen, die heute ohne Arbeit sind, mehr in Arbeit bringt. <\/li>\n<li>indem man die Anspr&uuml;che der Rentner, also das, was f&uuml;r sie vom Sozialprodukt abgezweigt wird, geringer als vorgesehen wachsen l&auml;sst. Aber dar&uuml;ber kann man in Ruhe entscheiden, wenn sich dies als notwendig erweist. Die Hyperaktivit&auml;t, mit der heute f&uuml;r das Jahr 2020 oder gar f&uuml;r das Jahr 2050 &raquo;vorgesorgt&laquo; wird, ist rational nicht zu erkl&auml;ren. Sie ist vermutlich nichts weiter als Werbung f&uuml;r die Versicherungswirtschaft. <\/li>\n<li>indem man alles tut, um die volkswirtschaftliche Produktivit&auml;t zu steigern. Wenn so die Gesamtleistung der Arbeitenden &ndash; das Sozialprodukt &ndash; kr&auml;ftig steigt, tut es ihnen nicht weh, einen fairen Teil davon f&uuml;r die wachsende Zahl der Rentner abzuzweigen. Es bleibt dann immer noch ein Wohlstandzuwachs f&uuml;r die Arbeitenden.<\/li>\n<\/ol><p>&Uuml;ber diese und andere Entlastungsm&ouml;glichkeiten kann man sprechen. Man sollte es unbedingt tun, wenn sich die junge Generation &uuml;bervorteilt f&uuml;hlt. Aber man sollte aufh&ouml;ren, das bisherige System grundlos madig zu machen. <\/p><p><strong>Das Umlageverfahren ist besser als sein Ruf <\/strong><\/p><p>Wenn es das Umlageverfahren nicht schon g&auml;be, m&uuml;sste man es erfinden. Es ist preiswert, es arbeitet einfach, es ist den meisten Menschen zug&auml;nglich und f&uuml;r sie verstehbar. Es w&auml;re das beste f&uuml;r unser Land und f&uuml;r die Mehrheit der Menschen, wenn wir zu diesem Verfahren zur&uuml;ckkehren w&uuml;rden. Das w&auml;re auch gut f&uuml;r unsere Volkswirtschaft, weil wir ihr eine unn&ouml;tige Belastung ersparen &ndash; einen aufgeblasenen, ressourcenverzehrenden Sektor Altersversorgung. In anderen L&auml;ndern wie den USA oder Gro&szlig;britannien tr&auml;gt dieser Sektor &uuml;brigens mit dazu bei, den Dienstleistungssektor aufzublasen. Genau diese Vergr&ouml;&szlig;erung des Dienstleistungsbereiches wollen uns die besonders Schlauen unter den Reformern als modern verkaufen (siehe Denkfehler Nr. 4, S. 97ff). Doch was sie nicht begriffen haben ist, wie unproduktiv ein aufgeblasener Wirtschaftszweig ist.<br>\nWarum die politischen Eliten die Erosion der staatlichen Rente und sogar ihren Ruin zulassen, kann ich nicht verstehen. Es ist sachlich nicht erkl&auml;rbar, dass man in Deutschland nach den ersten Erfahrungen mit der Riesterrente, die 2001 mit dem Versprechen eingef&uuml;hrt worden war, jetzt sei f&uuml;r drei&szlig;ig Jahre Ruhe, auf dem gleichen Weg fortfahren kann. Es ist nicht erkl&auml;rbar, dass die verantwortliche Ministerin vor dem Deutschen Bundestag explizit f&uuml;r private Vorsorge wirbt und sich damit sozusagen als oberste Werbeinstanz f&uuml;r die Versicherungswirtschaft hergibt.<br>\nDie Finanzindustrie will den Durchbruch f&uuml;r ihre Produkte erzielen, indem sie das Vertrauen in die gesetzliche Rente untergr&auml;bt. Millionen Menschen brauchen diese Rente aber noch, sie brauchen auch die Bereitschaft der Beitragszahler, weiterhin ihren Obolus zu entrichten. In diesem Kontext darf ein verantwortlicher Politiker nichts tun und sagen, was das Vertrauen weiter zerst&ouml;rt. Es gibt keinen Grund, das Umlageverfahren und die gesetzliche Rentenversicherung der Erosion preiszugeben, wie das zur Zeit geschieht.<br>\nWarum passiert das dennoch? Warum wird in einer nahezu gleichgeschalteten &Ouml;ffentlichkeit die immer gleiche Botschaft verk&uuml;ndet: &raquo;Jetzt hilft nur noch die private Vorsorge, die staatliche Rente bringt es nicht mehr&laquo;? Die Erkl&auml;rung ist einfach und in der modernen Mediengesellschaft auch schl&uuml;ssig: Den organisierten Wirtschaftsinteressen, der Finanzindustrie, den Banken und Versicherungen ist es gelungen, mit einer professionellen Strategie das Nachdenken &uuml;ber die Frage der besten Altersvorsorge nahezu total zu bestimmen. Das konnte nur gelingen, weil in einer gro&szlig;en PR-Aktion sowohl die entscheidenden Teile der Wissenschaft wie auch der Publizistik &raquo;gekeilt&laquo; wurden. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Versicherungsfremd nennt man diese Belastungen, weil sie &ndash; wie bei den Rentenzahlungen an Aussiedler &ndash; die Folge einer politischen Entscheidung waren und nicht im System der Gesetzlichen Rente angelegt sind. &Auml;hnliches gilt f&uuml;r die Renten der Rentner in den neuen Bundesl&auml;ndern. Sie waren als Beiragszahler ja nicht in diesem System. Es w&auml;re daher logisch gewesen, ihre Rente aus Steuern zu bezahlen.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Spiegel, Nr. 41\/1999 vom 11.10.1999<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Weil die Versicherungswirtschaft diese Ausgaben bei ihrer Berechnung der Kosten nicht einbezieht, kommt sie auf Verwaltungskosten von nur 3,5%.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Christoph Mathys: &raquo;Das chilenische Pensionssystem &ndash; Struktur und Auswirkungen&laquo;, Pressekonferenz Attac, Z&uuml;rich, 20.6.2000<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auszug aus dem Buch &ldquo;Die Reforml&uuml;ge &ndash; 40 Denkfehler, Mythen und Legenden, mit denen Politik und Wirtschaft Deutschland ruinieren&rdquo;, von Albrecht M&uuml;ller. <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[40,11,14],"tags":[300,273,1110],"class_list":["post-247","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-riester-ruerup-taeuschung-privatrente","category-strategien-der-meinungsmache","category-veroffentlichungen-der-herausgeber","tag-mueller-albrecht","tag-privatvorsorge","tag-reformluege"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/247","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=247"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/247\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32353,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/247\/revisions\/32353"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=247"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=247"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=247"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}