{"id":24710,"date":"2015-01-23T14:06:39","date_gmt":"2015-01-23T13:06:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24710"},"modified":"2019-07-05T10:38:22","modified_gmt":"2019-07-05T08:38:22","slug":"der-wahlsieg-ist-der-syriza-nicht-mehr-zu-nehmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24710","title":{"rendered":"Der Wahlsieg ist der Syriza nicht mehr zu nehmen"},"content":{"rendered":"<p>Mit Sicherheit sind die Wahlumfragen der letzten Tage mit hei&szlig;er Nadel gestrickt, aber sie zeigen ein einheitliches Bild. Die Syriza wird klar st&auml;rkste Partei, ihr Vorprung vor der Nea Dimokratia von Regierungschef Samaras ist in der letzten Vorwahlwoche eher noch angewachsen. Damit ist die Chance auf eine Alleinregierung der Linkspartei gr&ouml;&szlig;er geworden, von der Tsipras und die Parteif&uuml;hrung inzwischen &uuml;berzeugt zu sein scheinen. Dennoch sehen die meisten Demoskopen keine absolute Syriza-Mehrheit im Parlament voraus, sondern sch&auml;tzen die Zahl der Sitze auf 140 bis 148 (von 300). Das liegt vor allem daran, dass sich die rechtspopulistische Anel-Partei bei &uuml;ber 3 Prozent stabilisiert hat, so dass auch sie ins Parlament einziehen w&uuml;rde (die komplizierte Sitze-Arithmetik habe ich in meinem letzten Beitrag vom 20. Januar <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24671\">dargestellt<\/a>). Von <strong>Niels Kadritzke<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nAuch die letzte heimliche Hoffnung der Nea Dimokratia wird sich nicht erf&uuml;llen. Samaras hatte darauf gesetzt, dass die Entscheidung der EZB &uuml;ber die Modalit&auml;ten des Kreditaufkaufprogramms (QE wie Quantitative Easing) als Argument gegen eine Syriza-Regierung taugen k&ouml;nnte. In der Tat sind die Bedingungen, die gestern in Frankfurt verk&uuml;ndet wurden, so gestaltet, dass Griechenland nicht sofort mit einer Entlastung aus dem QE-Programm rechnen kann. Aber die Syriza hat die Samaras-Strategie elegant unterlaufen, indem sie die Entscheidung der EZB ausdr&uuml;cklich begr&uuml;&szlig;te und als eine Niederlage der &bdquo;deutschen Fraktion&ldquo; innerhalb der EU darstellte, der sie auch die ND-Pasok-Regierung zurechnet.<\/p><p>&Uuml;ber das Problem, dass griechische Staatspapiere f&uuml;r die EZB-Aufkaufprogramm nur dann in Frage kommen, wenn Athen einer irgendwie gearteten &bdquo;Aufsicht&ldquo; durch EU und IWF unterliegt, geht die Syriza hinweg. &bdquo;Dies ist eine wichtige Entscheidung, die die n&auml;chste griechische Regierung zum Vorteil des Landes nutzen wird&ldquo;, lautete die offizielle Stellungnahme, in der es weiter hei&szlig;t: &bdquo;Mit der heutigen Ank&uuml;ndigung hat Herr Draghi auf die extremen neoliberalen Stimmen reagiert, zu denen leider auch Herr Samaras geh&ouml;rt.&ldquo; Nimmt man diese &Auml;u&szlig;erung beim Wort, w&uuml;rde dies immerhin bedeuten, dass Griechenland, auch im Falle erfolgreicher Verhandlungen mit der Troika &uuml;ber eine Umschuldung, nach wie vor einer gewissen &bdquo;Aufsicht&ldquo; unterliegen w&uuml;rde. Was den Syriza-Stategen im Grunde immer klar war, was sie aber den W&auml;hlern nicht unbedingt auf die Nase binden.<\/p><p>Samaras und die ND haben vergebens gehofft, Draghi und die EZB k&ouml;nnten ihre Regierung noch im letzten Moment, wie die ersehnte Kavallerie im Western, vor der drohenden Wahlniederlage retten. Egal wie hoch der Sieg der Syriza ausf&auml;llt, die Nea Dimokratie und Antonis Samaras pers&ouml;nlich werden die gro&szlig;en Verlierer sein, und &ndash; was schlimmer ist &ndash; keine w&uuml;rdigen Verlierer. Das wird f&uuml;r die Partei fatale Folgen haben, in jedem Fall aber f&uuml;r Samaras, dessen Tage als ND-Vorsitzender gez&auml;hlt sind. <\/p><p><strong>Die Rechtsradikalisierung der Nea Dimokratia<\/strong><\/p><p>Ein aufmerksamer Leser hat mich dankenswerterweise auf einen Freud`schen Tippfehler aufmerksam gemacht, der mir in meinem letzten Bericht  &uuml;ber den griechischen Wahlkampf unterlaufen ist. Da sind mir die Wahlkampfmanager der Regierungspartei Nea Dimokatia unbeabsichtigt zu NS-Strategen (statt ND-Strategen) geworden. Das wurde inzwischen korrigiert und ich entschuldige mich f&uuml;r diesen Fehler, den ich allerdings f&uuml;r ebenso peinlich wie verst&auml;ndlich halte. Denn bei aller gebotenen N&uuml;chternheit finde ich es tats&auml;chlich emp&ouml;rend, wie systematisch Samaras und seine Partei in ihrem Wahlkampf auf fremdenfeindliche bis rassistische Reflexe der griechischen Gesellschaft setzen. <\/p><p>In einem fr&uuml;heren Bericht (vom 8. Januar) habe ich auf die perfide Demagogie hingewiesen, mit der Wahlk&auml;mpfer Samaras das Pariser Attentat auf Hebdo Charlie-Redaktion mit dem Problem der Migranten in Griechenland vermischt hat. Damit hat sich Samaras selbst innerhalb der Gruppe konservativer Regierungschef in Europa isoliert; und sogar im rechtsradikalen Lager hatte nicht  einmal Marin Le Pen die Dreistigkeit, diese beiden Themen miteinander zu verkn&uuml;pfen.<\/p><p>Einen geistigen Bundesgenossen findet Samaras jedoch in Griechenland: Nikos Michaloliakos, Gr&uuml;nder und Chef der Neonazi-Partei Chrysi Avgi, der im Athener Korydallos-Gef&auml;ngnis in Untersuchungshaft sitzt, erkl&auml;rte nach dem Attentat:<\/p><p>&bdquo;Damit Athen nicht Paris wird, brauchen wir eine nationale Politik in der Frage des &sbquo;Menschenschmuggels&lsquo;, und diese Politik garantiert nur die Chrysi Avgi.&ldquo; Zum Vergleich ein Samaras-Zitat aus dem Wahlkampf: &bdquo;In Paris hat ein Gemetzel stattgefunden, und hier wollen welche noch mehr Schmuggelmenschen einladen und ihnen die  Staatsb&uuml;rgerschaft geben. Die Syriza befindet sich in einer anderen Welt, sie will illegale Migranten massenhaft einb&uuml;rgern, ihnen Versicherungsschutz und Krankenversorgung gew&auml;hren&hellip;&ldquo;(beide Zitate nach: Efimerida ton Syntakton, 20. Januar 2015).<\/p><p>Solche Spr&uuml;che auf der propagandistischen Linie der griechischen Neonazis sind offenbar keine Entgleisung, sondern eine Strategie. Die Kathimerini vom 21. Januar brachte einen Bericht &uuml;ber die Planung der letzten Wahlkampfphase der ND: &bdquo;Samaras und sein Team wollen die Anh&auml;nger von Parteien rechts von der ND &ndash; der Unabh&auml;ngigen Griechen (Anel) und der Goldene Morgenr&ouml;te (Chrysi Avgi), auffordern, f&uuml;r die ND zu stimmen, damit auf keinen Fall eine Linksregierung an die Macht kommt.&ldquo;<\/p><p><strong>B&uuml;rgerkriegs-Phantasien<\/strong><\/p><p>Die letzte Runde der ND-Wahlkampfspots setzt diese Direktive ersichtlich um. Dabei greift die gezielte Werbung um die W&auml;hler der rechtspopulistischen Anel und der Neonazi-Partei Chrysi Avgi auf ein Freund-Feind-Schema zur&uuml;ck, das bewusst an die Konfrontation &ndash; und die Ideologie &ndash; des griechischen B&uuml;rgerkriegs (1947-1949) ankn&uuml;pft. An diese milit&auml;rische Konfontation zwischen den griechischen Kommunisten und dem &bdquo;patriotischen&ldquo; Griechenland (unter F&uuml;hrung der erst 1946 wieder begr&uuml;ndeten Monarchie) erinnerte am letzten Sonntag als erster Makis Voridis, einem der engsten Vertrauten von Samaras: &bdquo;Unsere Generation wird das Land nicht der Linken ausliefern. Was die Generation unserer Gro&szlig;v&auml;ter mit den Waffen verteidigt hat, das werden wir am n&auml;chsten Sonntag mit dem Stimmzettel verteidigen.&ldquo; Und dann sprach er von einem Zusammensto&szlig; zweier Welten: &bdquo;&hellip; der Welt der Freiheit und des Vaterlands&ldquo; und &bdquo;der Gleichmacherei, die die Linke repr&auml;sentiert&ldquo;. Und er schloss mit dem Satz &bdquo;Die Linke wird nicht siegen.&ldquo; <\/p><p>Voridis warb also nicht f&uuml;r ein konkretes Aktionsprogramm der eigenen Partei, er putschte auf f&uuml;r den &bdquo;Kampf der Welten&ldquo; gegen die Linke, identifiziert als &bdquo;Kommunismus&ldquo;.  Und um keinen Zweifel zu lassen, in welchem Geist der Feind zu besiegen ist, verwies Voridis auf die &bdquo;Werte&ldquo;, die er und die ND in ihrem &bdquo;Kampf f&uuml;r die Freiheit&ldquo; repr&auml;sentieren: &bdquo;die Werte des Vaterlandes, der Religion und der Familie&ldquo;.  <\/p><p>Dazu muss man wissen, dass die beschworene Dreifaltigkeit (griechisch: &bdquo;patrida- thriskeia- oikojeneia) in der j&uuml;ngeren Geschichte das Feldzeichen des griechischen Faschismus war: also der Diktatur des Generals Metaxas, Mussolini-Verehrer und Begr&uuml;nder des &bdquo;Regimes des 4. August&ldquo; (1936 bis 1941); wie auch der Obristenjunta, die 1967 eine Milit&auml;rdiktatur errichtete und bis 1974 an der Macht blieb. Und diese Formel &bdquo;Vaterland-Religion-Familie&ldquo; ist nat&uuml;rlich auch ein Kampfbegriff der heutigen Neonazis, den ihr &bdquo;F&uuml;hrer&ldquo; Michaloliakos in seinen Reden beschwor, als er noch nicht im Gef&auml;ngnis sa&szlig;. Auf diese Tradition also greift Voridis direkt und bewusst zur&uuml;ck, um den Neonazis der Chrysi Avgi W&auml;hler abzujagen. Eine derart geschichtsbelastete Rhetorik kann ihm unm&ouml;glich spontan unterlaufen sein, es muss sich um eine an h&ouml;chster Stelle beschlossene Strategie handeln.<\/p><p><strong>Ein rechtsradikaler Wolf im ND-Pelz<\/strong><\/p><p>Dass ausgerechnet Voridis das Feuer er&ouml;ffnet hat, ist allerdings kein Zufall. Der heute 50j&auml;hrige Jurist ist seit Juni 2014 Gesundheitsminister, davor war er als Vorsitzener der ND-Parlamentsfraktion eine Schl&uuml;sselfigur im Machtsystem von Samaras. Und das obwohl er erst 2012 in die Partei eingetreten ist &ndash; und zwar auf Einladung von Samaras &ndash; zusamen mit anderen &Uuml;berl&auml;ufern aus der rechtsradikalen Partei Laos. Voridis hatte sich seit seiner Jugend in der rechtsradikalen Partei EPEN engagiert, die 1984 mit dem Segen des ehemaligen Junta-Chefs Papadopoulos gegr&uuml;ndet worden war und die Diktatur der Obristen verherrlicht hatte. In der EPEN-Jugend arbeitete er auch mit dem heutigen Chrysi-Avgi F&uuml;hrer Michaloliakos zusammen. 1994 ging die erfolglose Organisation  in einer neuen, ebenfalls rechtsextremen Partei namens &bdquo;Griechische Front&ldquo; auf. Deren  Gr&uuml;ndungsvorsitzender: Makis Voridis. <\/p><p>Mit seinem Eintritt in die ND schien der Samaras-Vertraute seine Vergangenheit hinter sich gelassen zu haben. Jetzt aber sieht es so aus, als sei der rechtsradikale Kern seiner politischen &Uuml;berzeugungen intakt geblieben, weshalb er die Rolle des patriotischen Kommunistenfressers wieder &uuml;berzeugend ausf&uuml;llen kann. &bdquo;Wir werden das Land nicht an die Linke ausliefern, was immer das erfordert&ldquo;, schreit Voridis im Wahlkampf 2015. Der junge Voridis hatte, als er noch die Junta verherrlichte, seinen Gegnern &ouml;fentlich gedroht: &bdquo;Wer immer uns aufh&auml;lt, den h&auml;ngen wir auf!&ldquo;<\/p><p>Die Geschichte des Makis Voridis h&auml;lt noch eine besondere Pointe bereit: Als Chef der rechtsradikalen &bdquo;Griechischen Front&ldquo; hatte er 1997 einen Kongress der europ&auml;ischen Nationalisten organisiert, an dem auch der belgische Vlaams Blok und die Front National (FN) von Jean-Marie Le Pen teilnahmen. Auch pers&ouml;nlich pflegte Voridis damals enge Kontakte zu den franz&ouml;sischen Rechtsradikalen. <\/p><p><strong>Frau Le Pen und die Syriza<\/strong><\/p><p>Vor drei Tagen hat sich nun die heutige FN-Vorsitzende Marine Le Pen in den griechischen Wahlkampf eingemischt und gegen&uuml;ber &bdquo;Le Monde&ldquo; erkl&auml;rt, dass sie als Griechin die Syriza w&auml;hlen w&uuml;rde. Und zwar aufgrund des gemeinsamen Kampfes &bdquo; gegen den europ&auml;ischen Totalitarismus und seine Komplizen, die Finanzm&auml;rkte&rdquo;. Die Unterst&uuml;tzung von Tsipras mache aus ihr &ldquo;keine Aktivistin der extremen Linken&rdquo;, auch sei sie keinesfalls mit dem Syriza-Programm einverstanden, insbesondere nicht, was die Frage der Migranten betrifft. &bdquo;Aber wir w&uuml;rden uns freuen, wenn sie gewinnen.&ldquo;<\/p><p>Zur Erl&auml;uterung ihrer Haltung wies die gl&uuml;hende Anti-Euurop&auml;erin darauf hin, dass es in Griechenland eben kein Pendant zum ihrem eigenen Front National gebe. Damit machte sie klar, dass sie sich mit ihrer Syriza-Sympathie vor allem von den griechischen Faschisten der Chrysi Avgi distanzieren wollte. Das Bekenntnis der FN-Chefin zeigt aber auch, dass sie die Syriza als Teil einer gemeinsamen Front der Euroskeptiker sieht. Das aber beruht auf einer v&ouml;lligen Fehleinsch&auml;tzung der Position nicht nur von Tsipras und der Syriza, sondern auch der griechischen Bev&ouml;lkerung, die heute mehr denn je in der Eurozone verbleiben will: Nach den j&uuml;ngsten Umfragen sind 80 Prozent der Griechen der Meinung, dass ihr Land, &bdquo;koste es was es wolle&ldquo;, am Euro festhalten muss.<\/p><p>Dennoch glaubte die ND, die in der &bdquo;Migrantenfrage&ldquo; noch rechts von der Front National steht, das Bekenntnis der Mme Le Pen f&uuml;r ihren Wahlkampf ausschlachten zu k&ouml;nnen. &bdquo;Herr Tsipras hat seinen einzigen B&uuml;ndnispartner in Europa in Frau Le Pen gefunden&ldquo;, hie&szlig; es in einer Presserkl&auml;rung. Die w&uuml;nsche sich einen Syriza-Sieg nur, &bdquo;weil das letztlich das Lager der Euroskeptiker st&auml;rken w&uuml;rde&ldquo;.  <\/p><p>Die Syriza entgegnete knapp,  von der &bdquo;Partei des Herrn Voridis&ldquo;m&uuml;sse man sich nicht belehren lassen. Im &Uuml;brigen habe man f&uuml;r die FN-Vorsitzende keinerlei Sympathie &uuml;brig. Deren Sympathie-Erkl&auml;rungf&uuml;r die griechische Linke sei &bdquo;ekelhaft und verlogen&ldquo;, denn das Programm der Syriza stehte dem der Rechtsradikalen frontal entgegen.<\/p><p><strong>Wie steht Europa zur Nea Dimokratia?<\/strong><\/p><p>Die Tatsache, dass die Nea Dimokratia unter Samaras angesichts ihrer drohenden Wahlniederlage einen instinktiven Rechtsschwenk vollzogen hat, sollte den europ&auml;ischen Partnern der ND &ndash; und besonders ihren konservativen Freunden &ndash; zu denken geben. Dabei ist ziemlich egal, ob die rechtsradikalen Reflexe des ND-Vorsitzenden den &bdquo;echten Samaras&ldquo; zum Vorschein bringen,  oder nur einen extremen Wahlopportunismus. Vielleicht w&auml;re die zweite Erkl&auml;rung vielleicht sogar noch schlimmer als die erste.<\/p><p>Mit der Selbstentbl&ouml;&szlig;ung der ND-Spitze stellt sich aber auch eine prinzipiellere Frage: Sollte man im &uuml;brigen Europa nicht eigentlich froh sein, dass sich in Griechenland die W&auml;hler unter dem Eindruck der Krise eher nach links, und nicht &ndash; wie in Frankreich &ndash;  nach rechts orientieren? Der Wahlsieg der Syriza mag sicher mit erheblichen Illusionen verbunden sein, die einer Tsipras-Regierung noch zu schaffen machen werden. Aber das &bdquo;staatspolitische&ldquo; Verdienst der Syriza, dass wir in Griechenland trotz der sozialen Verw&uuml;stung der letzten Jahre weder vor einem rechtsradikalen Tsunami, noch vor der Gefahr eines &bdquo;Milit&auml;rputsches&ldquo; Angst haben m&uuml;ssen, sollte man in Europa endlich anerkennen &ndash; und zwar auch als Verdienst um die europ&auml;ische Zukunft.<\/p><p>Nikos Xydakis, Kolumnist der Zeitung Kathimerini und Parlamentskandidat f&uuml;r die Syriza, hat darauf hingewiesen, dass ein linker Anti-Austerit&auml;ts-Blocks  &ndash; nicht nur in Griechenland, sondern in ganz S&uuml;deuropa &ndash; ein absolut notwendiges Gegengewicht gegen den Aufstieg eines paneurop&auml;ischen Rechtspopulismus darstellt. Angesichts dessen, meint Xydakis, k&ouml;nnten vielleicht selbst Leute wie Frau Merkel eher auf einen Tsipras-Block setzen als auf einen Block rechtspopulistischer Euroskeptiker.&ldquo;<\/p><p>F&uuml;r Griechenland bedeutet ein Wahlsieg der Syriza in den Augen von Xydakis allerdings noch l&auml;ngst nicht das Ende der Krise, sondern erst einmal eine gro&szlig;e Chance: &bdquo;Die Krise hat uns soziale und &ouml;konomische Verheerungen gebracht, mit schmerzhaften Folgen f&uuml;r viele Menschen. Aber vielleicht enth&auml;lt sie auch die Keime eines neuen Denkens, eines neuen Konsenses, der &hellip; allerdings eine Klugheit erfordert, die sich in einer neuen Art der Selbstwahnehmung ausdr&uuml;ckt&hellip;  Aus der Not geboren m&uuml;sste Griechenland seine Identit&auml;t neu definieren, ohne falsche Eitelkeiten und auch ohne Selbsterniedrigung, m&uuml;sste die griechischen St&auml;rken und Begrenzungen ausloten und damit seine eigentlichen M&ouml;glichkeiten (neu) entdecken.&ldquo;<\/p><p>Es ist zu hoffen, dass viele griechische W&auml;hler, die sich f&uuml;r die Syriza entscheiden, diese Chance sehen und ergreifen wollen. Und dass sie m&ouml;glich wenig Illusionen haben &uuml;ber die Schwierigkeiten und die Krisen, die einer Regierung Tsipras bevorstehen, egal ob mit absoluter Mehrheit oder mit einem Koalitionspartner oder einer &bdquo;tolerierten&ldquo; Minderheitsregierung. Diese Regierung wird vor einer Aufgabe stehen, die viel schwerer, aber auch wichtiger ist als der sichere Wahlsieg. Sie muss die plus\/minus 35 Prozent, die ihr am Sonntag einen Handlungssauftrag erteilen, zu einer gesellschaftlichen Mehrheit ausbauen, ohne die der Selbstfindungsprozess, wie ihn Xydakis beschreibt, nicht gelingen wird.<\/p><p><strong>Was machen eigentlich die Neo-Nazis?<\/strong><\/p><p>Die einzige verbliebene Unbekannte in den Wahlprognosen bleibt die Chrysi Avgi (Goldene Morgenr&ouml;te). Der R&uuml;ckhalt f&uuml;r die Neonazis ist auch deshalb schwer einzusch&auml;tzen, weil die Partei einen quasi verdeckten Wahlkampf f&uuml;hren muss. <\/p><p>Das hat mir ihrem rechtlichen Status zu tun. Denn die Partei steht zwar vor einem Prozess, der sie als &bdquo;kriminelle Vereinigung&ldquo; &uuml;berf&uuml;hren soll, ist aber nicht verboten. Fast die gesamte Parteif&uuml;hrung sitzt in Untersuchungshaft, kann also nicht &ouml;ffentlich auftreten (als die sieben einsitzenden Abgeordneten zur Abstimmung in der Pr&auml;sidentenwahl &bdquo;ausgef&uuml;hrt&ldquo; wurden, haben sie das ausgenutzt, um im Parlament kr&auml;ftig zu randalieren.) Die meisten Kundgebungen der Partei werden deshalb mit Reden ihrer F&uuml;hrer bestritten, die aus dem Gef&auml;ngnis &uuml;bertragen werden. Deshalb sind die Kundgebungen meist ungew&ouml;hnlich fr&uuml;h angesetzt, da zum Beispiel Parteif&uuml;hrer Michaloliakos ab 20 Uhr in seiner Zelle eingeschlossen und nicht mehr zug&auml;nglich ist.<\/p><p>Ein weiteres Handicap f&uuml;r die Neonazis ist ihr Geldmangel. Das griechische Parlament hat die (rechtlich umstrittene) Entscheidung gef&auml;llt, die Finanzierung der Chrysi Avgi aus &ouml;ffentlichen Geldern zu stoppen, obwohl die Partei noch nicht f&uuml;r illegal erkl&auml;rt wurde. Falls dies geschehen sollte, hat die Partei bereits ihre Neugr&uuml;ndung unter dem Namen &bdquo;Hellenische Morgenr&ouml;te&ldquo; vorbereitet. Aber in Athen wagt heute niemand zu sagen, wann der Strafprozess gegen die F&uuml;hrungsmitglieder der Partei beginnen, geschweige denn, ob er mit einem Schuldspruch enden wird.<\/p><p>Wir haben in diesem griechischen Wahlkampf also die bizarre Situation, dass eine von der Illegalisierung bedrohte Partei ihre Parolen plakatieren und die ihr zustehenden Sendezeiten in H&ouml;rfung und im Fernsehen nutzen kann. So konnte ich vor drei Tagen (&uuml;ber Internet-Radio) in einen der popul&auml;rsten Privatsender eine volle Stunde lang einen Chrysi Avghi-Kandidaten h&ouml;ren, der sein Parteiprogramm verk&uuml;ndete: von der Forderung , den Staat Mazedonien (auf griechisch Skopje genannt) zwischen Serbien und Griechenland aufzuteilen, bis hin zu rassistischen und antisemitischen Parole, die in Deutschland sofort eine strafrechtliche Verfolgung ausl&ouml;sen w&uuml;rden. Wie viele Griechen die Verk&uuml;nder der Morgenr&ouml;te w&auml;hlen werden, wird sich am Sonntag zeigen. Die Parteif&uuml;hrer verk&uuml;nden heute im Brustton der &Uuml;berzeugung, dass sie drittst&auml;rkste Partei werden. Das w&uuml;rde voraussetzen, dass sie mindestens den Stimmenanteil von knapp 7 Prozent aus den Parlamentswahlen von 2012 erzielen k&ouml;nnen. Wenn sie ihren Erfolg bei den Europawahlen  von 9,3 Prozent wiederholen k&ouml;nnten, w&auml;re das eine kleine Sensation.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit Sicherheit sind die Wahlumfragen der letzten Tage mit hei&szlig;er Nadel gestrickt, aber sie zeigen ein einheitliches Bild. Die Syriza wird klar st&auml;rkste Partei, ihr Vorprung vor der Nea Dimokratia von Regierungschef Samaras ist in der letzten Vorwahlwoche eher noch angewachsen. Damit ist die Chance auf eine Alleinregierung der Linkspartei gr&ouml;&szlig;er geworden, von der Tsipras<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24710\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[173,125,190],"tags":[1272,507,717,907,1224],"class_list":["post-24710","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-griechenland","category-rechte-gefahr","category-wahlen","tag-chrysi-avgi","tag-ezb","tag-nea-dimokratia","tag-samaras-antonis","tag-syriza"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24710","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=24710"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24710\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53064,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24710\/revisions\/53064"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=24710"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=24710"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=24710"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}