{"id":2475,"date":"2007-07-10T09:18:24","date_gmt":"2007-07-10T07:18:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2475"},"modified":"2016-01-01T12:20:57","modified_gmt":"2016-01-01T11:20:57","slug":"sozialstaatsfeindlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2475","title":{"rendered":"Sozialstaatsfeindlich"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;GELD-SCHOCK! Arbeiten wir bald NUR noch f&uuml;r den Staat&ldquo; fragt BILD auf Seite eins, &bdquo;Nur 47% des Einkommens bleiben im Portemonnaie&ldquo; &bdquo;berichtet&ldquo; die Tagesschau, &bdquo;Von jedem Euro bleiben nur noch 47 Cent&ldquo; das ZDF, erst ab dem 13. Juli, 11.40 Uhr arbeiteten wir in diesem Jahr in die eigene Tasche, so die FR und fast alle anderen Medien ebenso plapperten die dummdreiste Milchm&auml;dchenrechnung des selbsternannten &bdquo;Bundes der Steuerzahler&ldquo; nach, der vorrechnete, dass nach Abzug von Steuern und Sozialabgaben von einem Euro nur noch 47 Cent netto in der Tasche der Besch&auml;ftigten blieben. In einer &uuml;blen Stimmungsmache werden die 20 Cent,  die an die gesetzliche Renten-, Kranken-, Pflege und Arbeitslosenversicherung abgef&uuml;hrt werden, dem &bdquo;gefr&auml;&szlig;igen Monster&ldquo; Staat zugeschlagen. W&uuml;rden die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger etwa weniger bezahlen, wenn sie privat versichert w&auml;ren? Wolfgang Lieb.<br>\n<!--more--><br>\n&bdquo;Starve the biest&ldquo; (Hungert das Biest aus) war der Schlachtruf der marktradikalen Reaganomics, mit dem sie nicht nur die Senkung der Steuern (vor allem f&uuml;r Unternehmen und Besserverdienenden) durchsetzten sondern auch ein staatliches Gesundheitssystem in den USA bek&auml;mpften. Mit wenig Erfolg im &Uuml;brigen; in der Amtszeit Ronald Reagens stieg die Staatsverschuldung dort um j&auml;hrlich knapp 14 Prozent um 1.670 Milliarden Dollar auf Zweitausendsechshundert (!) Milliarden Dollar. <\/p><p>Mit dem gleichen Kampfruf ziehen seit Jahren der sich selbst als Interessenvertreter der Steuerzahler aufschwingende &bdquo;Bund der Steuerzahler&ldquo; (BdSt) und dessen pharis&auml;erhafter Vorsitzender Karl Heinz D&auml;ke gegen Steuern und Sozialabgaben zu Felde. Dabei liegt die Staatsquote schon auf einem <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/pdf\/impuls_2007_12_6.pdf\">historischen Tiefstand [PDF &ndash; 92 KB]<\/a>.<\/p><p>In diesem &bdquo;Bund&ldquo; kommen die Steuerzahler zu 60 bis 70 Prozent  aus Unternehmen und dem gewerblichen Mittelstand. Kein Wunder also, dass kein kritisches Wort zur letzten Unternehmenssteuersenkung mit einer Bruttoentlastung von knapp 30 Milliarden zu h&ouml;ren war.<br>\nSein Wortf&uuml;hrer D&auml;ke wird auch nicht m&uuml;de, die Di&auml;ten der Abgeordneten zu attackieren. Dass er selbst im Glashaus sitzt und als Pr&auml;sident des <a href=\"http:\/\/www.wdr.de\/themen\/politik\/deutschland\/steuerzahlerbund\/050323.jhtml\">BdSt drei Geh&auml;lter von mehr als 185.000 Euro pro Jahr kassiert hat und dazu noch f&uuml;r Vortr&auml;ge Betr&auml;ge in f&uuml;nfstelliger H&ouml;he<\/a> einsackt, scheint ihm keineswegs die Schamesr&ouml;te ins Gesicht zu treiben.<\/p><p>Man kann uns von den NachDenkSeiten gewiss nicht vorwerfen, dass wir wegen ihrer konjunktursch&auml;dlichen Wirkung nicht gegen die Erh&ouml;hung der Mehrwertsteuer argumentiert haben, zumal mit dieser Steuererh&ouml;hung vor allem diejenigen Haushalte belastet werden, die den gr&ouml;&szlig;ten Teil ihres Einkommens in ihren allt&auml;glichen Konsum stecken m&uuml;ssen. Wir halten es auch f&uuml;r geradezu skandal&ouml;s, wenn im Gegenzug die Steuern auf Verm&ouml;gen und Kapitalertr&auml;ge gesenkt werden. Wir haben auch die K&uuml;rzung der Pendlerpauschale, der Sparerfreibetr&auml;ge, die Senkung der Sonntags-, Feiertags- und Nachtzuschl&auml;ge oder die Erh&ouml;hung der Versicherungssteuer im Rahmen der &bdquo;Reform&ldquo;-Politik als Griff in die Taschen der Normal- und Geringverdiener oder der ohnehin nicht besonders Betuchten, wie der Rentner, der Studierenden oder der Familien mit Kindern in Ausbildung kritisiert und als absolut untaugliches Mittel zur Schaffung von mehr Arbeitspl&auml;tzen <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1971\">dargestellt<\/a>.<\/p><p>Dem Steuerzahlerbund geht es aber nicht um Steuergerechtigkeit, sonst m&uuml;sste er den Anstieg des Anteils der Einkommensteuer am gesamten Steueraufkommen von 1950 von 18,5% auf &uuml;ber 30% (BMF) schon l&auml;ngst als &bdquo;Marsch in den Lohnsteuerstaat&ldquo; kritisiert haben. Und er d&uuml;rfte vor allem nicht gleichzeitig wohlwollend hinnehmen, dass der Anteil der Gewinn- und Verm&ouml;genssteuern von 1977 auf 2002 von 29% auf 14% gefallen ist (WSI-Info Nr. 3\/2004).<\/p><p>Der BdSt will vor allem den &bdquo;schlanken&ldquo;, um nicht zu sagen den ausgehungerten Staat, er will Privatisieren und ihm w&auml;re am liebsten, wenn statt (sozial gestaffelter) Steuern gleiche Geb&uuml;hren f&uuml;r die verbliebenen Leistungen der Daseinsvorsorge bezahlt werden m&uuml;ssten.<\/p><p>Vor allem aber geht es dem Steuerzahlerbund um die Senkung oder besser gleich Abschaffung der Sozialabgaben, die privat finanziert werden sollen und am besten mit einer f&uuml;r alle gleich hohen Kopfpauschale.<\/p><p>Er bedient sich bei diesen Forderungen des demagogischen Tricks, dass er s&auml;mtliche Sozialversicherungssysteme &bdquo;dem Staat&ldquo; zuschl&auml;gt. Es wird schlicht geleugnet, dass die umlagefinanzierte Rente eine dem Staat ausgegliederte Selbstverwaltungseinrichtung ist, es wird negiert, dass die gesetzlichen Krankenkassen in staatsunabh&auml;ngigen Rechtsformen organisiert sind und es bis zu einer Einkommensgrenze nur eine gesetzliche Versicherungspflicht bei einer der weit &uuml;ber zweihundert Orts-,Betriebs-, Innungs- oder sonstigen Ersatzkassen gibt. Es wird so getan, als ob die von den Beitr&auml;gen der Arbeitnehmer und der Arbeitgeber finanzierte Arbeitslosenversicherung zum Fiskus geh&ouml;re.<br>\nMit der gleichen Argumentation k&ouml;nnte man auch noch die Mieten einer st&auml;dtischen Sozialwohnung oder sogar die Fahrtkosten f&uuml;r die kommunale Stra&szlig;enbahn oder f&uuml;r die (noch) zum Bundesverm&ouml;gen geh&ouml;renden Deutschen Bahn, oder den Besuch im &ouml;ffentlichen Zoo vom Gehalt der Arbeitnehmer abziehen und die Ausgaben daf&uuml;r dem &bdquo;Monster&ldquo; Staat zurechnen.<\/p><p>Wor&uuml;ber bei dieser Argumentation in sozialstaatsfeindlicher Absicht hinweg gelogen wird, das ist die Tatsache, dass wenn die Sozialversicherungssysteme s&auml;mtlich privat organisiert w&auml;ren und dem Gesch&auml;ft der Finanzdienstleister &uuml;berlassen w&uuml;rden, dass dann dem B&uuml;rger noch viel mehr Geld aus der Tasche gezogen w&uuml;rde. Denn nach aller Erfahrung sind die privaten Vorsorgeversicherungen erheblich teuerer. Das ergibt sich schon daraus, dass sie viel h&ouml;here Akquisitions- Overhead- und Werbekosten haben.<br>\nDen B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern blieben also erheblich weniger &bdquo;netto &uuml;brig&ldquo; und manche w&uuml;rden vielleicht sogar bis in den August oder September eines jeden Jahres ausschlie&szlig;lich f&uuml;r Steuern und ihre private Versicherungen mit ihren Kopfpauschalen arbeiten.<\/p><p>Aber auf so einfache und nahe liegende Rechnungen kommen unsere Papagei-Papageien in ihren Redaktionsstuben nicht mehr.<br>\nSie sind f&uuml;r den starken Staat vor allem, wenn es um die innere Sicherheit geht, aber nicht, wenn es um Soziales geht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;GELD-SCHOCK! 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