{"id":24753,"date":"2015-01-26T09:34:34","date_gmt":"2015-01-26T08:34:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24753"},"modified":"2024-09-23T02:11:22","modified_gmt":"2024-09-23T00:11:22","slug":"ukraine-im-visier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24753","title":{"rendered":"Ukraine im Visier"},"content":{"rendered":"<p>Dass in der Ukraine aktuell die <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24124\">Interessen des Westens mit denen Russlands aneinandergeraten<\/a> und hierbei den deutschen Medien eine besonders <a href=\"http:\/\/jensewernicke.wordpress.com\/2014\/11\/19\/demokratisierung-der-offentlich-rechtlichen-jetzt\/\">parteiliche Rolle<\/a> zuteilwird, ist der interessierten &Ouml;ffentlichkeit inzwischen hinl&auml;nglich bekannt. Oft geht die Kritik dabei jedoch von einer &bdquo;deutschen H&ouml;rigkeit&ldquo; gegen&uuml;ber den Vereinigten Staaten aus und versteht das Handeln der hiesigen Eliten beispielsweise als willf&auml;hrige Unterwerfung unter die Gro&szlig;machtbestrebungen des US-amerikanischen Establishments. Im Gespr&auml;ch mit <strong>J&ouml;rg Kronauer<\/strong> hinterfragt <strong>Jens Wernicke<\/strong> die Pr&auml;missen solcher, die Gr&uuml;nde f&uuml;r beispielsweise die Eskalation des Ukraine-Konflikts vor allem im au&szlig;en suchender Kritik.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Herr Kronauer, in Ihrem <a href=\"http:\/\/www.konkret-magazin.de\/konkret-texte\/texte-archiv\/konkret-texte-nr-66.html\">aktuellen Buch<\/a> skizzieren Sie den Konflikt um die Ukraine als &bdquo;Expansionsprojekt des Westens&ldquo;. Wie ist das zu verstehen?<\/strong><\/p><p>Der Konflikt um die Ukraine ist aus dem Versuch der westlichen Staaten entstanden, im Zuge ihrer Machtausdehnung in Richtung Osten die Ukraine so eng wie m&ouml;glich an sich zu binden bzw. in die eigenen B&uuml;ndnisse integrieren &ndash; also in die NATO und die EU. <\/p><p>Die Ukraine hatte bislang in vielerlei Hinsicht eine Art Zwischenstellung zwischen West und Ost inne, die sich aus der Interessenlage ihrer herrschenden Kreise ergeben hat, die aber auch der Situation in der Bev&ouml;lkerung entsprach, von der Teile einen engeren Anschluss an den Westen suchen, w&auml;hrend andere nach Russland orientiert sind. Das ist historisch tief verwurzelt. Kiew hat beispielsweise vor den Majdan-Protesten einerseits die Wirtschaftsbeziehungen zur EU ausgebaut und die Kooperation mit der NATO intensiviert, im Jahr 2003 sogar Soldaten in den Irak entsandt, gleichzeitig aber gute Beziehungen zu Russland unterhalten. <\/p><p>Der Westen verlangte jedoch mehr, entweder einen NATO-Beitritt der Ukraine oder ihre Assoziierung mit der EU nach eigenen Bedingungen und ohne Abstimmung mit Moskau. Dass beides &ndash; auf unterschiedlichen Ebenen &ndash; russische Interessen gravierend verletzen und daher die Ukraine in Konflikte mit Russland st&uuml;rzen w&uuml;rde, war dabei ebenso klar wie die Tatsache, dass erhebliche Teile der ukrainischen Bev&ouml;lkerung eine solche Polarisierung nicht wollen w&uuml;rden. Das hat den Westen aber nicht davon abgehalten, die Ukraine selbst um den Preis eines Umsturzes auf seine Seite zu ziehen bzw. in seine Machtsph&auml;re zu integrieren. Insofern halte ich den aktuellen Konflikt um die Ukraine vor allem f&uuml;r eines: Das Ergebnis eines westlichen Expansionsprojekts.<\/p><p><strong>Meint das auch, dass es sich bei dem, was in der Ukraine gerade geschieht, sozusagen um eine Art &bdquo;Stellvertreterkrieg&ldquo; handelt?<\/strong><\/p><p>Ja. Man kann unm&ouml;glich bestreiten, dass es &ndash; ganz unabh&auml;ngig von &auml;u&szlig;erem Zutun &ndash; in der Ukraine schon lange gr&ouml;&szlig;ere Spannungen gab. Durch die Einmischung des Westens ist es nun allerdings zu einem Stellvertreterkonflikt gekommen.<\/p><p><strong>Gerade von kritischen Beobachtern des Zeitgeschehens wird zurzeit ja oft dargestellt, der Konflikt in der Ukraine sei vor allem deswegen eskaliert, weil dies im Interessen der USA l&auml;ge. Die Rolle Deutschlands sei hierbei vor allem jene eines &bdquo;Vasallen der USA&ldquo;. Wie ist Ihre Einsch&auml;tzung hierzu? Ist Deutschland also sozusagen T&auml;ter, der selbst auch Opfer ist?<\/strong><\/p><p>Das halte ich f&uuml;r eine etwas unhistorische Sichtweise. Unbestritten ist zwar, dass die USA Russland schw&auml;chen wollen &ndash; man kann das beispielsweise in einem Bestseller von Zbigniew Brzezinski nachlesen, in &bdquo;The Grand Chessboard&ldquo;; unbestritten ist auch, dass sie Deutschland dazu dr&auml;ngen, daran mitzuwirken, und dass diejenigen Segmente der deutschen Eliten, die das transatlantische B&uuml;ndnis f&uuml;r singul&auml;r und alternativlos halten, derlei auch unterst&uuml;tzen. <\/p><p>Man kann allerdings <em>gerade<\/em> am Beispiel Ukraine auch sehr gut sehen, dass die Bundesrepublik in ihrer Gesamtheit den Vereinigten Staaten eben nicht bedingungslos folgt, sondern gleichwohl eigene Interessen verfolgt, die nicht minder machtorientiert und zum Teil ebenso konflikteskalierend sind. <\/p><p>Der entscheidende Schritt zum NATO-Beitritt des Landes beispielsweise, den US-Pr&auml;sident George W. Bush erreichen wollte, ist im Jahr 2008 an der deutschen Bundesregierung gescheitert, die den US-Einfluss in Kiew nicht allzu stark werden lassen wollte. Stattdessen hat Deutschland die EU-Assoziierung der Ukraine vorangetrieben; das ist nach der EU-Osterweiterung der geographisch n&auml;chste Schritt eben vor allem deutscher Machtausdehnung gewesen. Und der Konflikt um diese EU-Assoziierung ist dann im November 2013 eskaliert, weil Berlin und Br&uuml;ssel &ndash; und eben nicht Washington! &ndash; hierbei keinerlei Zugest&auml;ndnisse zu machen bereit waren. <\/p><p>Die Majdan-Proteste sind dabei von Witali Klitschko massiv befeuert worden, der in Washington als &bdquo;Mann der Deutschen&ldquo; gilt, weil er von einer deutschen Organisation, der Konrad-Adenauer-Stiftung, gezielt als Oppositionsf&uuml;hrer aufgebaut worden ist. Dass das US-Au&szlig;enministerium ihn &uuml;berhaupt nicht mag, wei&szlig; man dabei aus dem geleakten Telefonat zwischen Victoria Nuland und dem US-Botschafter in Kiew. Deutschland und die EU h&auml;tten es am liebsten gesehen, wenn Klitschko in Kiew an die Macht gekommen w&auml;re und ganz in ihrem Sinne regiert h&auml;tte. Und genau darauf, auf diese Art &bdquo;Umsturz&ldquo; hatten die deutschen und europ&auml;ischen Eliten unabh&auml;ngig von den Interessen der USA offenbar seit Langem gesetzt.<\/p><p>Historisch gesehen ist es dabei &uuml;brigens wirklich nicht neu, dass Berlin im Rahmen seiner Machtausdehnung in Richtung Osten irgendwann mit Moskau und den dortigen Interessen kollidiert. Daran &auml;ndert auch das starke Interesse bestimmter Teile der deutschen Eliten an einer deutsch-russischen Zusammenarbeit nichts. Eine solche Zusammenarbeit hat es immer wieder gegeben, im 19. Jahrhundert beispielsweise und auch zwischen den beiden Weltkriegen. Dass die deutsche Machtausdehnung gen Osten zweimal schlie&szlig;lich zur finalen Kollision f&uuml;hrte, wurde auch damals durch die Bem&uuml;hungen um Kooperation nicht verhindert &ndash; ganz unabh&auml;ngig &uuml;brigens von den USA.<\/p><p><strong>Apropos historische Sichtweise und Einbettung&hellip; In Ihrem Buch skizzieren Sie bereits die &bdquo;Geburt&ldquo; des Nationalstaates Ukraine als auch &bdquo;deutsches Projekt&ldquo;. Inwiefern? Wie ist das zu verstehen?<\/strong><\/p><p>Nun, schon das Deutsche Reich war daran interessiert, Russland, die gro&szlig;e Macht im Osten, zu schw&auml;chen, um selbst freie Bahn f&uuml;r seine Machtentfaltung zu haben. Im Friedensvertrag von Brest-Litowsk Anfang 1918, der den deutschen Interessen voll und ganz entsprach, ist denn auch bereits erstmals ein ukrainischer Nationalstaat anerkannt worden. Deutsche Politiker haben bez&uuml;glich dieser Praxis damals noch ganz offen erkl&auml;rt und zugestanden, dass es darum gehe, Moskaus Einfluss so weit wie m&ouml;glich zur&uuml;ckzudr&auml;ngen. Ohne eine ukrainische Nationalbewegung w&auml;re das nat&uuml;rlich kaum m&ouml;glich gewesen. Der entscheidende Machtfaktor war damals allerdings das Deutsche Reich. Entsprechend konnte sich die Ukraine nach der deutschen Kriegsniederlage auch nicht als eigener Staat halten&hellip;<\/p><p><strong>Und um welche Interessen geht es hier, die zwischen Deutschland und der EU auf der einen und Russland auf der anderen Seite offenbar immer wieder und zurzeit immer mehr eskalieren? Wem geht es hier um was genau?<\/strong><\/p><p>Es geht Berlin ganz explizit um das, was immer bestritten und Russland in die Schuhe geschoben wird: Um die Ausweitung der eigenen Einflusssph&auml;re. <\/p><p>Janukowitsch und die russische Regierung waren im November 2013 bereit, dar&uuml;ber zu verhandeln, wie man das EU-Assoziierungsabkommen f&uuml;r alle Seiten vertr&auml;glich gestalten k&ouml;nne. Berlin und Br&uuml;ssel haben das jedoch zur&uuml;ckgewiesen und darauf bestanden, dass das Abkommen nach ihren Bedingungen umgesetzt werden m&uuml;sse. Moskau d&uuml;rfe sich nicht in EU-Vorhaben einmischen, hie&szlig; es damals allgemein. Anders ausgedr&uuml;ckt: Russische Interessen sollten in der Ukraine nicht z&auml;hlen, EU-Interessen hingegen unbedingt. Das ist klassisches Denken in Einflusszonen, oder nicht?<\/p><p>Und was die EU-Assoziierung der Ukraine machtpolitisch konkret einbringt, kann man dem politischen Teil des Abkommens entnehmen. Darin wird eine enge Zusammenarbeit zum Beispiel in der Fl&uuml;chtlingsabwehr oder beim &bdquo;Anti-Terror-Kampf&ldquo; festgeschrieben. Auch ist eine Kooperation in der Au&szlig;en- und Milit&auml;rpolitik geplant. Es ist die Rede davon, dass die Ukraine &ndash; ich zitiere &ndash; &bdquo;an EU-gef&uuml;hrten zivilen und milit&auml;rischen Krisenmanagement-Operationen sowie an einschl&auml;gigen &Uuml;bungen und Trainingsaktivit&auml;ten&ldquo; teilnehmen solle. Das findet auch schon statt. Die Ukraine hat sich bereits an EU-Battlegroups beteiligt und Anfang 2014 mit einer Fregatte an der EU-Intervention am Horn von Afrika teilgenommen. Sie soll also perspektivisch die EU-Milit&auml;rmacht st&auml;rken und sich den au&szlig;enpolitischen Doktrin der EU unterordnen. Auch das ist doch klassisches Denken in Einflusssph&auml;ren, nicht wahr?<\/p><p>Nebenbei: Als die Fregatte Hetman Sahajdatschny Anfang 2014 zu den EU-Marineeinheiten stie&szlig;, kam sie gerade frisch aus der NATO-Operation &bdquo;Ocean Shield&ldquo;, die ebenfalls am Horn von Afrika stattfindet. In Afghanistan hat man noch gemeinsam unter dem Dach der NATO interveniert, am Horn von Afrika hat die EU sich schon ein eigenes Kommando gesichert, und nun hat sie auch noch begonnen, ukrainische Einheiten der NATO abspenstig zu machen und in ihre eigenen Operationen einzubinden. Das zeigt doch, dass es nicht nur um die Ausweitung der so genannten &bdquo;westlichen&ldquo; Einflusssph&auml;re, sondern explizit auch um die Ausweitung der EU-Einflusssph&auml;re geht und damit, da in der EU Deutschland ja die zentrale Macht ist, letztlich auch um eine Ausweitung der deutschen Einflusssph&auml;re.<\/p><p><strong>Noch ein letztes Wort?<\/strong><\/p><p>Ja. F&uuml;r die hiesige Debatte w&auml;re, finde ich, viel gewonnen, wenn das Machtstreben der westlichen und besonders der deutschen Eliten etwas n&auml;her in den Blick genommen w&uuml;rde. <\/p><p>Die Ukraine- und die Russland-Berichterstattung der Mainstream-Medien werden ja inzwischen weithin kritisiert &ndash; v&ouml;llig zu Recht, wenn man sich anschaut, welch platte, niveaulose Propaganda da &uuml;berwiegend betrieben wird, ganz wenige Korrespondenten ausgenommen, die sich eine vielleicht nicht immer kritische, aber doch wenigstens ehrliche Schilderung des Geschehens in der Ukraine und in Russland nicht nehmen lassen. <\/p><p>Ich denke aber, man m&uuml;sste jetzt weitergehen und sich fragen, warum das so ist, welche expansiven Interessen das deutsche Establishment vertritt und worauf es hinarbeitet. Wie gesagt, auch das <em>deutsche<\/em> Establishment, nicht nur die US-Eliten, deren Aggressionen ja immer wieder einmal kritisiert werden. <\/p><p>Osteuropa ist altes deutsches Einflussgebiet, dort k&auml;mpft Berlin energisch darum, seine eigene Machtpolitik treiben zu k&ouml;nnen. Es mag ungem&uuml;tlich sein, den Herrschaften im eigenen Land genauer auf die Finger zu schauen, aber es scheint mir unerl&auml;sslich, wenn man nicht bei einem allgemeinen Lamento &uuml;ber die miserable Medienberichterstattung stehenbleiben will.<\/p><p><strong>Vielen Dank f&uuml;r das Gespr&auml;ch.<\/strong><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Weiterlesen:<\/strong><\/p><ul>\n<li><a href=\"http:\/\/www.german-foreign-policy.com\/de\/fulltext\/58921\">german-foreign-policy.com: Wie im 19. Jahrhundert<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.german-foreign-policy.com\/de\/fulltext\/59023\">german-foreign-policy.com: Umsturz per Krise<\/a><\/li>\n<\/ul><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>J&ouml;rg Kronauer ist Sozialwissenschaftler und freier Journalist mit den Themenschwerpunkten Neofaschismus und deutsche Au&szlig;enpolitik. 2011 hat er zusammen mit Wolfgang Schneider den konkret texte-Band &bdquo;Despoten-D&auml;mmerung. Der <a href=\"http:\/\/www.konkret-magazin.de\/konkret-texte\/konkret-texte-nr-55.html\">&raquo;Arabische Fr&uuml;hling&laquo;, Israel und die Interessen des Westens<\/a>&ldquo; herausgegeben. Er arbeitet als Redakteur des Nachrichtenportals german-foreign-policy.com und lebt in London.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>Eine automatische E-Mail-Benachrichtigung &uuml;ber neue Texte von Jens Wernicke k&ouml;nnen Sie <a href=\"http:\/\/feedburner.google.com\/fb\/a\/mailverify?uri=JensWernicke&amp;loc=de_DE\">hier<\/a> bestellen.<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/ea9ee13d05c444cb9f758a1e132d5a35\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass in der Ukraine aktuell die <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24124\">Interessen des Westens mit denen Russlands aneinandergeraten<\/a> und hierbei den deutschen Medien eine besonders <a href=\"http:\/\/jensewernicke.wordpress.com\/2014\/11\/19\/demokratisierung-der-offentlich-rechtlichen-jetzt\/\">parteiliche Rolle<\/a> zuteilwird, ist der interessierten &Ouml;ffentlichkeit inzwischen hinl&auml;nglich bekannt. 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