{"id":24762,"date":"2015-01-27T09:24:23","date_gmt":"2015-01-27T08:24:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24762"},"modified":"2019-01-30T10:33:44","modified_gmt":"2019-01-30T09:33:44","slug":"ohne-angst-verschieden-sein-koennen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24762","title":{"rendered":"Ohne Angst verschieden sein k\u00f6nnen"},"content":{"rendered":"<p>Zum 70. Jahrestag an dem <a href=\"http:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/auschwitz-befreiung-103.html#\">Auschwitz von Soldaten der Roten Armee befreit wurde<\/a>.<\/p><p>Solange die w&ouml;chentlichen Pegida-Aufm&auml;rsche stattfinden, m&uuml;ssen wir uns damit auseinandersetzen. Das Verheerendste an der gegenw&auml;rtigen Entwicklung ist aber, dass sich im Schlagschatten von Pegida und weit &uuml;ber diese hinaus eine Diskussion entwickelt, die eine Definition sozialer Zugeh&ouml;rigkeit vornimmt, die festlegt, wer &bdquo;zu uns geh&ouml;rt&ldquo; und wer nicht. Die Lage derer, die aus dem eigenen sozialen und moralischen Bezugssystems ausgeschlossen werden, ist prek&auml;r. Von <strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong>.<br>\n<!--more--><\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Es gibt die Ungeheuer, aber sie sind zu wenig, als dass sie wirklich gef&auml;hrlich werden k&ouml;nnten. Wer gef&auml;hrlicher ist, das sind die normalen Menschen.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>(Primo Levi)<\/p><p>In puncto Rechtsradikalismus, Ausl&auml;nderfeindlichkeit und Minorit&auml;ten-Hass gleichen die Deutschen, wie Heribert Prantl einmal gesagt hat, &bdquo;trockenen Alkoholikern&ldquo;, bei denen bereits beim ersten Glas der R&uuml;ckfall droht und die deswegen zu vollkommener Abstinenz verurteilt sind. Der Umstand, dass die Deutschen die Nachkriegsdemokratie nicht im Aufstand gegen Hitler erk&auml;mpft haben, sondern sie aus den H&auml;nden ihrer &bdquo;Besatzer&ldquo; entgegennahmen, also von oben verabreicht bekamen, hat bis in die Gegenwart sp&uuml;rbare Folgen. Zumal auch die &ouml;konomischen Verh&auml;ltnisse, die den Faschismus hervorgebracht haben, unver&auml;ndert blieben. Mit dem Wiederaufbau der St&auml;dte und Fabrikationsanlagen wurden auch die alten Produktions- und Eigentumsverh&auml;ltnisse wieder hergestellt. Demokratische Verkehrsformen wurden von vielen nur notd&uuml;rftig und oberfl&auml;chlich Entnazifizierten als Teil jener alliierten &bdquo;Umerziehungsma&szlig;nahmen&ldquo; wahrgenommen, die die Deutschen als Quittung des &bdquo;Zusammenbruchs&ldquo; und als Folge ihrer Niederlage &uuml;ber sich ergehen lassen mussten. Leidlich akzeptiert wurden sie erst, als das &bdquo;Wirtschaftswunder&ldquo; ein Arrangement mit ihnen erleichterte und vers&uuml;&szlig;te. Wenn in Zeiten wirtschaftlicher und sozialer Krisen die Pr&auml;mien f&uuml;r angepasstes Verhalten ausbleiben oder sp&auml;rlicher werden, liegen deswegen in Deutschland unter einer d&uuml;nnen Schicht zivilisierter Verhaltensweisen alte Denk-, Gef&uuml;hls- und Vorurteilsgewohnheiten immer bereit. Zeiten allgemeiner Verunsicherung lassen quasi reflexartig das Bed&uuml;rfnis nach S&uuml;ndenb&ouml;cken ins Kraut schie&szlig;en, die man f&uuml;r die eigene Misere verantwortlichen machen kann. <\/p><p>Wenn die Fragen nach nationaler Identit&auml;t und &bdquo;Vaterlandsliebe&ldquo; um sich greifen und sich im <em>Lebensgrundgef&uuml;hl<\/em> gr&ouml;&szlig;erer Bev&ouml;lkerungsgruppen einnisten, muss man Alarm schlagen. Die Betonung der nationalen Identit&auml;t geht stets mit einer strikten Abgrenzung vom Nicht-Identischen und Fremden einher. L&auml;sst man den ersten Schritt in Richtung Ausgrenzung und Entmenschlichung gewisser Bev&ouml;lkerungsgruppen und Minderheiten unwidersprochen geschehen, nimmt die Wahrscheinlichkeit zu, dass man auch den zweiten, dritten und vierten Schritt mit vollzieht. Wenn man schlie&szlig;lich zum Mitl&auml;ufer oder gar zum Handlanger von direkt kriminellen Handlungen gemacht werden soll, kann es zum Widersprechen zu sp&auml;t sein. Die Generation, die in den 60er Jahren politisch aufgestanden ist, war vom  kategorischen Imperativ der <em>Kritischen Theorie<\/em> geleitet, dass wir unser &bdquo;Denken und Handeln so einzurichten haben, dass Auschwitz nicht sich wiederholt&ldquo;. Gerade in einer Woche, in die der siebzigste Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee f&auml;llt, h&auml;tten wir uns an diese Maxime zu erinnern und auf alle Anzeichen, die auf ein Wiederaufleben nazistischer Denkstrukturen und Praktiken hindeuten, schroff und hart zu reagieren. Unertr&auml;glich und besch&auml;mend, dass siebzig Jahre nach der Befreiung von Auschwitz noch immer im Namen der &bdquo;westlichen Wertegemeinschaft&ldquo; gefoltert wird. Dieser Tage erscheint Das <em>Guantanamo-Tagebuch<\/em> von Mohamedou Slahi, in dem er von Schlafentzug, Dauerl&auml;rm und permanente Todesdrohungen berichtet. Unertr&auml;glich und besch&auml;mend, dass 70 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz franz&ouml;sische Juden zu Tausenden die Flucht ergreifen m&uuml;ssen. <\/p><p>Ich hatte, um das Bewusstsein zu charakterisieren, von dem die fremdenfeindlichen Demonstrationen und Aufm&auml;rsche getragen werden, in meinem Text <em>Der Extremismus der Mitte<\/em> einen jungen Mann aus Marzahn zitiert, der Deniz Y&uuml;cel von der taz gegen&uuml;ber gesagt hatte: &bdquo;Ick bin rechts. Aber nich so extrem. Ick sach ma: Judenverfolgung, die muss nich sein.&ldquo; Ein Leser fragt nun: &bdquo;Wenn jemand mit den einfachen Worten eines einfachen Mannes zu Protokoll gibt, ja, rechts sei er schon, aber Judenverfolgung, da sei er dagegen &ndash; ist er dann ein Nazi oder nicht?&ldquo; Jemand, der sagt, er sei &bdquo;rechts, aber Judenverfolgung m&uuml;sse nicht sein&ldquo;, gibt schon durch die Formulierung zu erkennen, dass er die Judenverfolgung lediglich f&uuml;r eine Geschmacksverirrung oder eine &Uuml;bertreibung h&auml;lt. Das, was der junge Mann besch&ouml;nigend &bdquo;Judenverfolgung&ldquo; nennt, (als w&auml;ren sie lediglich &bdquo;verfolgt&ldquo; und nicht systematisch und fabrikm&auml;&szlig;ig ermordet worden) ist keine &uuml;bersch&uuml;ssige Zutat zum Nationalsozialismus, sondern sein Kern. Das sind die gleichen Leute, die nicht m&uuml;de werden darauf hinzuweisen, dass &bdquo;an Hitler nicht alles schlecht war&ldquo;, dass er &bdquo;die Autobahnen gebaut und die Arbeitslosen von der Stra&szlig;e geholt hat&ldquo;. Darf man dar&uuml;ber verst&auml;ndnisvoll hinweggehen? <\/p><p>Es gibt in der Tat so etwas wie ein rechtsradikales Syndrom, zu dem verschiedene &bdquo;Symptome&ldquo; geh&ouml;ren, die ich in einer Passage meines Textes <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24465\">&bdquo;Der Extremismus der Mitte&ldquo;<\/a> aneinandergereiht habe. Der Rechtsradikalismus kann wechselnde Z&uuml;ge annehmen, aber dennoch zeigt sich, dass bestimmte Einzelseiten in seiner Physiognomie regelm&auml;&szlig;ig im Verein mit anderen auftreten. So ist, wer gegen Ausl&auml;nder wettert, in der Regel auch gegen Schwule und f&uuml;r die Pr&uuml;gelstrafe. Es existiert hier eine sozialpsychologische Komplementarit&auml;t, wonach bestimmte gesellschaftliche Affekte sich mit anderen verbinden. Dass ich mit meiner Einsch&auml;tzung der Anf&uuml;hrer von Pegida so falsch nicht lag, zeigen die jetzt bekannt gewordenen &Auml;u&szlig;erungen des inzwischen vom Vorsitz zur&uuml;ckgetretenen Lutz Bachmann, der auf Fotos als Hitler-Double posierte und auf <em>Facebook<\/em> Fl&uuml;chtlinge als &bdquo;Viehzeug&ldquo;, &bdquo;Dreckspack&ldquo; und &bdquo;Gelumpe&ldquo; bezeichnet hat.<\/p><p>Das Verheerendste an der gegenw&auml;rtigen Pegida-Diskussion ist, dass sich im Schlagschatten von Pegida und weit &uuml;ber diese hinaus eine Codierung sozialer Zugeh&ouml;rigkeit herausbildet, die festlegt, wer &bdquo;zu uns geh&ouml;rt&ldquo; und wer nicht. Die im &bdquo;Zugehen auf Pegida&ldquo; und beim Versuch, &bdquo;die Beweggr&uuml;nde der ver&auml;ngstigten B&uuml;rger zu verstehen&ldquo;, getroffene Unterscheidung zwischen &bdquo;guten Fl&uuml;chtlingen&ldquo;, die beruflich gut qualifiziert sind und unseren Fachkr&auml;ftemangel beheben helfen, und &bdquo;b&ouml;sen Fl&uuml;chtlingen&ldquo;, die nur kommen, &bdquo;um Straftaten zu begehen, von unseren Sozialsystemen zu profitieren und uns auszunutzen&ldquo;, hat fatale Folgen. Diese Unterscheidung findet Anschluss an die uralte zwischen &bdquo;ehrlichen&ldquo; und &bdquo;unehrlichen&ldquo; Armen, die tief in der arbeitsgesellschaftlichen Moderne und im kollektiven Ged&auml;chtnis verankert ist. Jenen kann staatliche und kirchliche Hilfe zuteil werden, diesen muss man ihre Faulheit mit purer H&auml;rte austreiben. Solche Codierungen legen fest, wen wir als &bdquo;Unsereiner&ldquo; begreifen und in wen man sich einf&uuml;hlt und wem als &bdquo;nicht zu uns geh&ouml;rend&ldquo; jedes Mitgef&uuml;hl verweigert werden kann. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts lehrt, dass die Lage derer, die als nicht-zugeh&ouml;rig definiert werden, prek&auml;r ist. Sind bestimmte Gruppen von Immigranten erst einmal als unn&uuml;tz, unerw&uuml;nscht, nicht zur  eigenen Gruppe geh&ouml;rig markiert, ist es, wie Harald Welzer gezeigt hat, &bdquo;nur noch eine graduelle, keine prinzipielle Frage mehr, wie mit den Nicht-Zugeh&ouml;rigen zu verfahren sei&ldquo;. Immer wenn sich solche Unterscheidungen gesellschaftlich etablieren, ist &auml;u&szlig;erste Wachsamkeit geboten, weil sich in ihrem Schatten rabiatere Umgangsformen anbahnen. Aus stigmatisierten Fremden werden schnell Gegenmenschen, Feinde, die &bdquo;uns die Luft zum Atmen nehmen&ldquo; und &bdquo;unsere Kultur&ldquo; bedrohen, und die im Namen der Wir-Gruppe beseitigt werden m&uuml;ssen. Diejenigen, die auf &bdquo;die &Auml;ngste der B&uuml;rger&ldquo; eingehen wollen, verhalten sich wie ein Psychotherapeut, der sich anschickt, eine Spinnenphobie durch Ausrottung der Spinnen zu behandeln. Bereits in den fr&uuml;hen 1990er Jahren hat man den damals grassierenden Hass auf Einwanderer und Fl&uuml;chtlinge zum Anlass genommen, die Asylgesetzgebung zu versch&auml;rfen.<\/p><p>Im Kern von Pegida und anderen rechtspopulistischen Bewegungen sto&szlig;en wir auf die Idee der &bdquo;Reinheit der Gesellschaft&ldquo; und der &bdquo;ethnischen Homogenit&auml;t&ldquo;. Das rechte Lager verspricht, Eindeutigkeit und &Uuml;bersichtlichkeit dadurch herzustellen, dass &bdquo;Ausl&auml;nder, linke Zecken, Juden, Verbrecher, Sozialschmarotzer und Behinderte&ldquo; verschwinden. Die dahinter stehende Idee ist die von einer <em>guten, homogenen Gemeinschaft<\/em>, die sich ihrer negativen Teile entledigt, eine Wahnidee, wie sie antidemokratischer nicht sein kann. Demokratie ist, im Gegensatz zu einem weit verbreiteten Missverst&auml;ndnis, keine dumpfe Gesinnungsgemeinschaft, sondern eine Gesellschaftsform, die die Entfaltung von Verschiedenheit und den friedlichen Austrag von Dissens erm&ouml;glicht. Demokratie will und soll eine Gesellschaftsform sein, in der, wie Adorno in seinem Buch <em>Minima Moralia<\/em> schrieb, nicht alle gleich sein m&uuml;ssen, sondern in der man &bdquo;ohne Angst verschieden sein kann&ldquo;.  Sie basiert, sozialpsychologisch betrachtet, auf reifen, dialektischen Ich-Funktionen, zu deren wichtigsten Ambivalenz- und Angsttoleranz geh&ouml;ren. Sie setzen ihre Tr&auml;ger instand, in Widerspr&uuml;chen zu leben und zu denken, diese, wo sie sich nicht aufl&ouml;sen lassen, auszuhalten und pr&uuml;fend in der Schwebe zu belassen. <\/p><p>Demokratie ist nur m&ouml;glich mit demokratischen B&uuml;rgern, die auch in krisenhaften Zeiten erwachsen bleiben und nicht auf primitivere Mechanismen der psychischen Regulation zur&uuml;ckfallen, die angesichts von gesellschaftlichen Turbulenzen und neuartigen Situationen nicht in Panik verfallen. Die F&auml;higkeit, sich in andere einf&uuml;hlen zu k&ouml;nnen, hat in Deutschland nie zu den &ouml;ffentlich gef&ouml;rderten Tugenden geh&ouml;rt. Sie w&auml;re aber das einzig wirksame Gegengift gegen einen R&uuml;ckfall in Barbarei, Rassismus und Xenophobie. <\/p><p>Wenn es stimmt, dass unter einem d&uuml;nnen Firnis von Demokratie und Zivilisation &auml;ltere Reaktionsmuster erhalten geblieben und in Krisenzeiten abrufbar sind, muss eine demokratische Gesellschaft praxisorientierte Modelle entwickeln, um solche Regressionen zu verhindern. Es reicht nicht, wenn man gelernt hat, freundlich und hilfsbereit zu sein, man muss auch wissen, wie man den Gehorsam verweigern kann. Menschen mit autorit&auml;rem Charakter, der die Massenbasis des Faschismus gebildet hat, empfanden Schuldgef&uuml;hle, wenn sie ihre Pflicht nicht erf&uuml;llt oder Zeichen von Ungehorsam gezeigt hatten. Nach den geschichtlichen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts gilt: Wenn schon Schuldgef&uuml;hle, dann sollten jene Menschen sie empfinden, die das, was sie tun oder was ihnen befohlen wird zu tun, zuvor nicht an den Ma&szlig;st&auml;ben von Vernunft und Menschenw&uuml;rde kritisch gepr&uuml;ft haben. Genau an dieser Stelle hatte die antiautorit&auml;re Bewegung der sp&auml;ten 1960er Jahre eine eminent wichtige Funktion. Sie hat das dumpfe Klima des Beschweigens der Nazi-Gr&auml;uel beendet, Ungehorsamsmodelle in die politische Kultur der Bundesrepublik eingef&uuml;hrt und gezeigt, dass man bestimmten Entwicklungen widersprechen kann und zeitig begegnen muss. Wer sein <em>Nein<\/em> gegen&uuml;ber bestimmten Entwicklungen nicht rechtzeitig &auml;u&szlig;ert, wird es irgendwann nicht einmal mehr denken. Au&szlig;erdem unterzog die 68er Bewegung jene Erziehungspraktiken einer radikalen Kritik, die autorit&auml;re, an Gehorsam fixierte Charaktere hervorbringen, die zu den subjektiven Bedingungen der M&ouml;glichkeit des Faschismus geh&ouml;ren. Demokratie ist &ndash; Oskar Negt wird nicht m&uuml;de, darauf hinzuweisen &ndash;  eine Gesellschaftsordnung, die gelernt und einge&uuml;bt werden muss, weil sie auf urteilsf&auml;hige Beteiligung der Menschen angewiesen ist. Demokratie ist eine Lebensform, zu deren Erhaltung es einer politischen Bildung bedarf, die verschiedene Bauelemente wie Orientieren, Wissen, Lernen, Erfahren und kritische Urteilskraft miteinander verkn&uuml;pft.<\/p><p>Pegida ist in dem, was von den B&uuml;hnen verlautbart und in Parolen vom Publikum skandiert wird, von einem solchen Demokratie-Verst&auml;ndnis Lichtjahre entfernt. Man bedient diffuse Sehns&uuml;chte nach ethnischer Homogenit&auml;t, nach &Uuml;bersichtlichkeit und einfachen Erkl&auml;rungen f&uuml;r hochkomplexe Probleme. Die Kurzfassung des Programms lautet: <em>Deutschland soll deutsch sein und deutsch bleiben<\/em>.<\/p><p>Schlie&szlig;lich m&ouml;chte ich noch einmal betonen, dass mein Hauptanliegen war und ist zu zeigen, dass der Nationalsozialismus kein Randgruppenph&auml;nomen gewesen ist, sondern aus der Mitte der Gesellschaft hervorgewachsen ist und dort seine Massenbasis hatte. Primo Levi, der als italienischer Jude eine Jahr in Auschwitz-Monowitz interniert und als Chemiker zur Sklavenarbeit in den Buna-Werken eingeteilt war, hat nach seinem &Uuml;berleben geschrieben: &bdquo;Es gibt die Ungeheuer, aber sie sind zu wenig, als dass sie wirklich gef&auml;hrlich werden k&ouml;nnten. Wer gef&auml;hrlicher ist, das sind die normalen Menschen.&ldquo; Im Zuge der N&uuml;rnberger Kriegsverbrecher-Prozesse hat man die Angeklagten von Psychologen untersuchen lassen. Erwartet hatte man, dass sich Abgr&uuml;nde von Psychopathie auftun w&uuml;rden, dass man eine allen Nazis eigent&uuml;mliche krankhafte Pers&ouml;nlichkeitsstruktur entdecken w&uuml;rde. Das Resultat der gr&uuml;ndlichen Exploration von G&ouml;ring, Hess, Speer, Frank, Streicher und anderen war deshalb f&uuml;r viele erschreckend und verbl&uuml;ffend: Man fand keine krankhaften Besonderheiten, sondern stie&szlig; auf eine kompakte Normalit&auml;t. Der Gerichtspsychologe Douglas Kelley res&uuml;mierte: &bdquo;Aus unseren Befunden m&uuml;ssen wir nicht nur schlie&szlig;en, dass solche Personen weder krank noch einzigartig sind, sondern auch, dass wir sie heute in jedem anderen Land der Erde antreffen w&uuml;rden.&ldquo; 1961 sagte ein Gutachter &uuml;ber Eichmann, dass er normal sei, &bdquo;normaler jedenfalls, als ich es bin, nachdem ich ihn untersucht habe.&ldquo; Die etwa zeitgleich durchgef&uuml;hrten Milgram-Experimente haben diesen Befund best&auml;tigt: Die Testpersonen waren unter bestimmten Bedingungen fast alle zu fast allem f&auml;hig. Arno Gruen hat folgerichtig vom &bdquo;Wahnsinn der Normalit&auml;t&ldquo; und von &bdquo;Normopathen&ldquo; gesprochen. Halten wir fest: B&uuml;rgerliche Normalit&auml;t sch&uuml;tzt vor gar nichts, nicht einmal vor grauenvollsten Verbrechen.<\/p><p>Mit Verboten, wie immer begr&uuml;ndet sie im Augenblick auch sein m&ouml;gen, ist nat&uuml;rlich nichts gewonnen. Das wird eher trotzige Reaktionen beg&uuml;nstigen: &bdquo;Das k&ouml;nnte euch so passen. Jetzt erst recht!&ldquo; Verbote dr&uuml;cken etwas real Existierendes in den gesellschaftlichen Untergrund, wo es ein g&auml;nzlich unkontrollierbares Eigenleben annimmt und irgendwann giftige Blasen wirft. Au&szlig;erdem wohnt solchen Verboten eine Tendenz zur Verallgemeinerung inne. Irgendwann treffen sie auch die Gegenkr&auml;fte, wie man am generellen Demonstrationsverbot in Dresden am vorletzten Montag bereits sehen konnte. An eine Lokomotive mit der Aufschrift <em>islamistischer Terror<\/em> werden gegenw&auml;rtig viele G&uuml;terwaggons angeh&auml;ngt, beladen mit allen m&ouml;glichen neuen Paragraphen und sicherheitspolitischen Vorhaben, die &uuml;berwiegend mit Terrorismusbek&auml;mpfung wenig oder gar nichts zu tun haben, sondern das schier grenzenlose Kontrollbed&uuml;rfnis des Staates befriedigen. Die B&uuml;rger sollen nicht nur an den Anblick von Maschinengewehren im Alltag gew&ouml;hnt werden, sondern es auch widerstandslos hinnehmen, dass man diverse Notstands&uuml;bungen durchf&uuml;hrt und im Namen der Sicherheit ihre Grundrechte einschr&auml;nkt oder au&szlig;er Kraft setzt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum 70. Jahrestag an dem <a href=\"http:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/auschwitz-befreiung-103.html#\">Auschwitz von Soldaten der Roten Armee befreit wurde<\/a>.<\/p>\n<p>Solange die w&ouml;chentlichen Pegida-Aufm&auml;rsche stattfinden, m&uuml;ssen wir uns damit auseinandersetzen. Das Verheerendste an der gegenw&auml;rtigen Entwicklung ist aber, dass sich im Schlagschatten von Pegida und weit &uuml;ber diese hinaus eine Diskussion entwickelt, die eine Definition sozialer Zugeh&ouml;rigkeit vornimmt, die festlegt, wer &bdquo;zu<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24762\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,159,212,125],"tags":[1403,305,416,389,827],"class_list":["post-24762","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-fremdenfeindlichkeit-rassismus","category-gedenktagejahrestage","category-rechte-gefahr","tag-konzentrationslager","tag-menschenrechte","tag-nationalsozialismus","tag-sozialrassismus","tag-stigmatisierung"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24762","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=24762"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24762\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48836,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24762\/revisions\/48836"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=24762"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=24762"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=24762"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}