{"id":24772,"date":"2015-01-28T09:39:44","date_gmt":"2015-01-28T08:39:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24772"},"modified":"2015-05-09T11:52:30","modified_gmt":"2015-05-09T09:52:30","slug":"gauck-es-gibt-keine-deutsche-identitaet-ohne-auschwitz-ein-widerspruch-in-sich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24772","title":{"rendered":"Gauck: &#8220;Es gibt keine deutsche Identit\u00e4t ohne Auschwitz&#8221; \u2013  ein Widerspruch in sich"},"content":{"rendered":"<p>Nach der Nachkriegsdebatte um die deutsche (&bdquo;Kollektiv&ldquo;-) &bdquo;Schuld&ldquo; am Holocaust, die zuerst Bundespr&auml;sident Theodor Heuss in eine &bdquo;Kollektivscham&ldquo; und sp&auml;ter Richard von Weizs&auml;cker in eine &bdquo;Kollektivhaftung&ldquo; umdeuteten, will sich nun Gauck mit dem umstrittenen Begriff der &bdquo;deutschen Identit&auml;t&ldquo; zu der Ausschwitz geh&ouml;re, in die Geschichtsb&uuml;cher eintragen lassen.<br>\n&bdquo;Aus dem Erinnern ergibt sich ein Auftrag&ldquo;, sagt Gauck zum Schluss seiner Gedenkrede. Erinnert er sich denn gar nicht, dass schon der R&uuml;ckgriff auf eine sogenannte &bdquo;nationale Identit&auml;t&ldquo; den Keim der Ab- und der Ausgrenzung in sich tr&auml;gt, die ja der Anfang von Fremdenfeindlichkeit meist verbunden mit Rassismus sind? Wer eine &bdquo;nationale Identit&auml;t&ldquo; postuliert &ndash; und das noch ohne konkrete Definition &ndash; widerspricht sich selbst, wenn er ein paar S&auml;tze sp&auml;ter fordert, dass &bdquo;wir uns jeder Art von Ausgrenzung und Gewalt entgegenstellen&ldquo;. Von <strong>Wolfgang Lieb<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2533\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-24772-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150128_Gaucks_Widerspruch_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150128_Gaucks_Widerspruch_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150128_Gaucks_Widerspruch_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150128_Gaucks_Widerspruch_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=24772-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150128_Gaucks_Widerspruch_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"150128_Gaucks_Widerspruch_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Anmerkungen zur <a href=\"http:\/\/www.bundespraesident.de\/SharedDocs\/Reden\/DE\/Joachim-Gauck\/Reden\/2015\/01\/150127-Bundestag-Gedenken.html\">Rede von Bundespr&auml;sident Gauck im Deutschen Bundestag am 70. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung<\/a>.<\/p><p>Gauck wird nachgesagt, er sei ein guter Redner, warum aber gelingen ihm vor allem auch seine <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23083\">Reden &uuml;ber die Deutschen und den Nationalsozialismus nicht<\/a>? <\/p><p>Misslungen, ja geradezu teilnahmslos ist schon der Einleitungssatz:<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Heute vor 70 Jahren wurde das Konzentrationslager Auschwitz durch Soldaten der Roten Armee befreit.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Warum diese Passivkonstruktion? Will Gauck den Akt und der Befreiung und die Opfer, die dabei von den Befreiern gebracht wurden, als ein passives Geschehen abtun, nur weil es die Rote Armee getan hat? Gauck h&auml;tte in Anerkennung der Befreiungstat sagen m&uuml;ssen: &bdquo;Heute vor 70 Jahren haben Soldaten der Roten Armee das Konzentrationslager Ausschwitz befreit.&ldquo; <\/p><p>Gauck nennt die Dinge nicht beim Namen, wenn er von den &bdquo;sogenannten &acute;<em>Herrenmenschen<\/em>`&ldquo; oder von &bdquo;<em>angeblich &acute;unwertem` Leben<\/em>&ldquo; spricht. Nein, es waren selbsternannte &bdquo;Herrenmenschen&ldquo; und diese haben nicht &bdquo;angeblich&ldquo; unwertes Leben vernichtet, sondern diese &bdquo;Herrenmenschen&ldquo; haben sich angema&szlig;t millionenfach &uuml;ber den Wert eines Lebens zu entscheiden.<\/p><p>Wie oberfl&auml;chlich Gauck die West- und Ostdeutsche Aufarbeitungsgeschichte des Nationalsozialismus sieht, zeigt sich in den folgenden S&auml;tzen: &bdquo;<em>Eine der wichtigsten Lehren aus dem Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit lautet zweifellos, dass Verschweigen offenkundiges Verbrechen und offenkundige Schuld nicht tilgt. Das erlebten West- und Ostdeutsche in einem ganz unterschiedlichen Umfeld, im Kern jedoch auf ganz &auml;hnliche Weise.<\/em>&ldquo;<\/p><p>In Ostdeutschland wurden die Verbrechen und die Schuld doch nicht verschwiegen, sondern der &bdquo;Antifaschismus&ldquo; geh&ouml;rte doch geradezu zum Gr&uuml;ndungsmythos der DDR. Dass der Faschismusvorwurf auch als Ausgrenzungsinstrument und zur Legitimation der Einschr&auml;nkung von Freiheitsrechten instrumentalisiert wurde, steht auf einem anderen Blatt.<\/p><p>Ich empfinde es &ndash; zumal am Jahrestag der Befreiung der Opfer von Ausschwitz &ndash; geradezu als ein Verharmlosung des Holocaust, wenn Gauck Auschwitz mit Kambodscha, Ruanda, Dafur oder gar Srebrenica und schlie&szlig;lich noch in zweideutiger Weise mit Syrien und Irak in einem Atemzug nennt. Bei aller Grausamkeit und Unmenschlichkeit des Pol Pot-Regimes, des Kampfes der Volksgruppen im Sudan und in den Kriegen in Bosnien, in Syrien oder im Irak, eine Linie mit Ausschwitz zu ziehen, grenzt an Geschichtsrevisionismus und Relativierung des Holocaust.<\/p><p>V&ouml;llig ambivalent wird die Rede, wenn Gauck rhetorisch fragt: <\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Sind wir denn bereit und f&auml;hig zur Pr&auml;vention, damit es gar nicht erst zu Massenmorden kommt? Sind wir &uuml;berhaupt imstande, derartige Verbrechen zu beenden und sie zu ahnden? Fehlt manchmal nicht auch der Wille, sich einzusetzen gegen solche Verbrechen gegen die Menschlichkeit?&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Was meint Gauck konkret mit &bdquo;<em>Pr&auml;vention<\/em>&ldquo;? Spricht er damit sein Lieblingsthema der letzten Zeit, n&auml;mlich die &bdquo;&Uuml;bernahme von Verantwortung&ldquo; durch milit&auml;rische Intervention an? Apropos Pr&auml;vention: Sind die Alliierten etwa wegen des Holocausts einmarschiert? H&auml;tten sie doch wenigstens die Eisenbahnlinien zu den Konzentrationslagern bombardiert!<\/p><p>Was soll die Frage nach dem fehlenden Willen, sich gegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit einzusetzen? Das ist doch billige Rhetorik, die es scheut, solche Verbrechen konkret zu benennen und zwar egal, wo sie stattfinden, ob durch die Folterungen durch amerikanische Armee- oder Geheimdienstangeh&ouml;rige oder durch vergewaltigende Freisch&auml;rler in Afrika. <\/p><p>Warum fallen unserem Bundespr&auml;sidenten zur Verh&uuml;tung von Menschenrechtsverletzungen und V&ouml;lkermord nicht Vorschl&auml;ge ein, wie man ohne Milit&auml;r oder Bestrafung Entmenschlichung entgegen wirken k&ouml;nnte, etwa indem man soziale und wirtschaftliche Ursachen von Rassenhass und in dessen Folge die Ausrottung von vermeintlichen S&uuml;ndenb&ouml;cken beseitigt oder auch nur indem man keine Waffen an Diktatoren oder in Krisengebiete liefert. Und wenn der Bundespr&auml;sident schon die Internationalen Strafgerichtsh&ouml;fe lobt, warum setzt er sich nicht daf&uuml;r ein, dass sich alle Staaten &ndash; also auch die USA oder Israel &ndash; der internationalen Strafgerichtsbarkeit unterwerfen?<\/p><p>Schlie&szlig;lich sagt Gauck noch:<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Es gibt keine deutsche Identit&auml;t ohne Auschwitz.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Nach der Nachkriegsdebatte um die deutsche (&bdquo;Kollektiv&ldquo;-) &bdquo;Schuld&ldquo; am Holocaust, die zuerst Bundespr&auml;sident Theodor Heuss in eine &bdquo;Kollektivscham&ldquo; und sp&auml;ter Richard von Weizs&auml;cker in eine &bdquo;Kollektivhaftung&ldquo; umdeuteten, will sich nun Gauck mit dem umstrittenen Begriff der &bdquo;deutschen Identit&auml;t&ldquo; zu der Ausschwitz geh&ouml;re, in die Geschichtsb&uuml;cher eintragen lassen. <\/p><p><em>&bdquo;Aus dem Erinnern ergibt sich ein Auftrag&ldquo;<\/em> sagt Gauck zum Schluss seiner Gedenkrede; erinnert er &ndash; oder sein Umfeld &ndash; sich denn gar nicht, dass schon der Begriff &bdquo;<em>nationale Identit&auml;t<\/em>&ldquo; den Keim der Ab- und der Ausgrenzung in sich tr&auml;gt, die ja der Anfang von Fremdenfeindlichkeit meist verbunden mit Rassismus sind? Wer eine &bdquo;<em>nationale Identit&auml;t<\/em>&ldquo; postuliert und das noch ohne konkrete Definition, widerspricht sich selbst, wenn er ein paar S&auml;tze sp&auml;ter fordert, dass &bdquo;<em>wir uns jeder Art von Ausgrenzung und Gewalt entgegenstellen<\/em>&ldquo;.<\/p><p>Reichen die ersten zwanzig Artikel des Grundgesetzes und ein darauf bezogener Verfassungspatriotismus als Antwort auf das NS-Regime nicht aus? Warum muss Gauck in dem tr&uuml;ben Wasser &bdquo;<em>unserer nationalen Identit&auml;t<\/em>&ldquo; fischen, die doch immer mit der Gefahr eines neu aufkommenden Nationalismus verbunden ist und schon heute von Rechtspopulisten und Rechtsextremen propagandistisch genutzt wird?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach der Nachkriegsdebatte um die deutsche (&bdquo;Kollektiv&ldquo;-) &bdquo;Schuld&ldquo; am Holocaust, die zuerst Bundespr&auml;sident Theodor Heuss in eine &bdquo;Kollektivscham&ldquo; und sp&auml;ter Richard von Weizs&auml;cker in eine &bdquo;Kollektivhaftung&ldquo; umdeuteten, will sich nun Gauck mit dem umstrittenen Begriff der &bdquo;deutschen Identit&auml;t&ldquo; zu der Ausschwitz geh&ouml;re, in die Geschichtsb&uuml;cher eintragen lassen.<br \/> &bdquo;Aus dem Erinnern ergibt sich ein Auftrag&ldquo;, sagt<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24772\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,96,159,212],"tags":[764,1289,1403,835,416],"class_list":["post-24772","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-bundespraesident","category-fremdenfeindlichkeit-rassismus","category-gedenktagejahrestage","tag-gauck-joachim","tag-holocaust","tag-konzentrationslager","tag-nationalismus","tag-nationalsozialismus"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24772","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=24772"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24772\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":24787,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24772\/revisions\/24787"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=24772"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=24772"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=24772"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}