{"id":2479,"date":"2007-07-12T09:32:39","date_gmt":"2007-07-12T07:32:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2479"},"modified":"2016-01-01T12:14:31","modified_gmt":"2016-01-01T11:14:31","slug":"halt-die-presse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2479","title":{"rendered":"Halt die Presse"},"content":{"rendered":"<p>Mit allen Mitteln versuchen Topmanager, ihr Bild in der &Ouml;ffentlichkeit zu manipulieren. Zum Schaden der Pressefreiheit. Und oft auch zum Schaden der Unternehmen selbst. Mit dieser &Uuml;berschrift druckt das wirtschaftsfreundliche <a href=\"http:\/\/www.manager-magazin.de\/magazin\/artikel\/0,2828,484455,00.html\">manager-magazin<\/a> eine hochaktuelle und spannende Analyse von Martin No&eacute; und Ursula Schwarzer ab, die darstellt mit welch dreisten Methoden die Wirtschaft die Medien instrumentalisiert.<br>\nAls wir vor dreineinhalb Jahren mit den NachDenkSeiten ins Netz gingen, haben wir mit unseren Rubriken &bdquo;Manipulation des Monats&ldquo; und &bdquo;Strategien der Meinungsmache&ldquo; manche Kritik ausgel&ouml;st. Wir w&uuml;rden die Beeinflussung der ver&ouml;ffentlichten Meinung durch m&auml;chtige Wirtschaftsgruppen &uuml;bertreiben oder &uuml;bersch&auml;tzen, ja wir w&uuml;rden hinter bestimmten politischen Kampagnen geheime Netzwerke oder gar Verschw&ouml;rungen wittern. Dass wir mit unseren Vorw&uuml;rfen &uuml;ber die g&auml;ngigen Meinungsmanipulationen ziemlich richtig lagen, das belegt diese Analyse, die wir Ihrer Lekt&uuml;re dringend empfehlen. Wolfgang Lieb.<br>\n<!--more--><br>\n&bdquo;Der Machtkampf bei Siemens ist der vorl&auml;ufige H&ouml;hepunkt einer Fehlentwicklung, in der die Medien zur Billardkugel der Topmanager werden. Man spielt &uuml;ber Bande. Und die Wahrheit &ndash; ein gro&szlig;es Wort &ndash; wird zur Quantit&eacute; n&eacute;gligeable. Fl&auml;chendeckend versuchen PR-Strategen, Spezialagenturen und pers&ouml;nliche Berater, die Redaktionen in ihrem Sinne zu beeinflussen. Medienberater sorgen f&uuml;r Desinformationen. Unternehmenschefs lassen bei unbotm&auml;&szlig;igem Verhalten schon mal mit Anzeigenboykott drohen. Und wenn wirtschaftlicher Druck allein nicht hilft, setzen sie Presseanw&auml;lte in Marsch&ldquo;, so beginnt die Analyse.<\/p><p>Es gelinge der Wirtschaft immer h&auml;ufiger, positive Geschichten zu ermauscheln und kritische Analysen zu unterdr&uuml;cken. Viele Verlage und Sender leisteten den modernen Agitprop-Profis kaum mehr Widerstand. Die Medien seien nur bedingt abwehrbereit, wirtschaftlich geschw&auml;cht, personell ausged&uuml;nnt, von purem Kostendenken durchzogen.<\/p><p>Leser, Zuschauer und Zuh&ouml;rer bek&auml;men mehr und mehr Geschichten serviert, die nicht in den Redaktionsh&auml;usern, sondern in Pressestellen entstanden seien. Oder sie l&auml;sen eine Geschichte, die lanciert wurde, um eine kritische Story zu verhindern oder doch wenigstens zu konterkarieren.<br>\nIn anderen F&auml;llen reichte die Einflussnahme noch weiter. Viele Leser erf&uuml;hren erst gar nicht von Recherchen eines Journalisten, weil die Story vom Chefredakteur in vorauseilendem Gehorsam in den Papierkorb bef&ouml;rdert wurde.<br>\nImmerhin 33 Prozent der 2004 von Mainzer Publizistikprofessoren befragten 260 deutschen Tageszeitungsredakteure h&auml;tten angegeben, sie h&auml;tten mindestens ein- bis zweimal erlebt, dass eine wichtige Nachricht gegen ihren Willen zur&uuml;ckgehalten wurde. 23 Prozent meinten, dies sei aus R&uuml;cksicht auf Anzeigenkunden geschehen.<br>\n&Uuml;ppig ausgestatteten PR-Abteilungen st&uuml;nden ausgemergelte Redaktionen gegen&uuml;ber. Und die seien oft auf die Texte aus den Pressestellen angewiesen.<\/p><p>Wer als Journalist Tabus br&auml;che, laufe Gefahr seinen Job zu verlieren.<\/p><p>Das Erfreuliche und zugleich Mutige ist, dass No&eacute; und Schwarzer Ross und Reiter nennen. Man erf&auml;hrt von Anzeigenboykotts der Supermarktkette Lidl als Androhung gegen missliebige Beitr&auml;ge. Die Deutsche Bahn werbe seit Jahren so gut wie gar nicht mehr in &ldquo;Capital&rdquo; und &bdquo;manager magazin&ldquo;, weil Vorsteher Hartmut Mehdorn (64) die kritischen Bahn-Analysen am liebsten unterbinden wolle. Die Boykottandrohungen von &bdquo;Ratiopharm&ldquo; gegen den &ldquo;Stern&rdquo;, der 2005 aufgedeckt hatte, dass &Auml;rzte von Vertretern des Generikaherstellers mit &uuml;ppigen Geschenken bedacht worden waren, werden ebenso genannt, wie die von L&rsquo;Or&eacute;al oder der Deutschen Bank.<br>\nDer Finanzdiensleister Morgan Stanley habe in seinen Werbevertr&auml;gen sogar eine Klausel, dass die Werbeagentur zu benachrichtigen sei, wenn &bdquo;beanstandungsw&uuml;rdige&ldquo; redaktionelle Beitr&auml;ge geplant seien.<\/p><p>Leisteten sich bislang haupts&auml;chlich Frauenzeitschriften und Lifestylemagazine Schleichwerbung, so f&auml;nden sich inzwischen auch in seri&ouml;sen Bl&auml;ttern umfassende Specials, Beilagen und Advertorials, mal mehr, mal weniger deutlich als Werbung gekennzeichnet. Die Grenzen zwischen Anzeigen und Redaktion w&uuml;rden endg&uuml;ltig verwischt &ndash; mit fatalen Folgen f&uuml;r die Glaubw&uuml;rdigkeit des Journalismus.<\/p><p>Besonders toll trieben es die privaten H&ouml;rfunk- und Fernsehstationen. Sie lie&szlig;en sich von Firmen produzierte Portr&auml;ts zuliefern. Oder sie w&uuml;rden die Chefs von Finanzdiensleistern als so genannte Experten einladen, die B&ouml;rsentipps geben.<\/p><p>In Konzernen und bei gro&szlig;en Mittelst&auml;ndlern arbeiteten Heerscharen gut ausgebildeter, &uuml;ber hohe Budgets verf&uuml;gender Kommunikationsspezialisten. So f&auml;nden PR-Inszenierungen immer leichter Eingang in Tageszeitungen und Zeitschriften, TV-Programme und H&ouml;rfunksendungen. Selbst die vermeintlich unabh&auml;ngige Presseagentur DPA greife h&auml;ufig auf PR-Meldungen zur&uuml;ck.<\/p><p>Die Schar der hauptberuflich t&auml;tigen Journalisten habe sich seit den 90er Jahren von ehemals 55.000 auf jetzt rund 48.000 verringert. Gleichzeitig sei die Zahl der PR-Mitarbeiter von 15.000 auf 25.000 gestiegen. (Wenn man die Lobbyisten noch hinzuz&auml;hlt, sind die Journalisten l&auml;ngst in der Minderheit. WL) &Uuml;ppig ausgestatteten PR-Abteilungen st&uuml;nden ausgemergelte Redaktionen gegen&uuml;ber. Und die seien oft auf die Texte aus den Pressestellen angewiesen.<\/p><p>&bdquo;Viele auch ehemals gute Journalisten folgen dem Lockruf des Geldes und wechseln die Seiten. So wie Ex-&ldquo;Wirtschaftswoche&rdquo;-Chefredakteur Stefan Baron (das Angebot sei &ldquo;einfach unwiderstehlich&rdquo; gewesen), der f&uuml;r ein Mehrfaches seines Gehalts als oberster Pressesprecher zur Deutschen Bank ging. Oder der leitende &ldquo;FAZ&rdquo;-Redakteur Folker Dries, der jetzt bei der Kommunikationsagentur Hering Schuppener unterschl&uuml;pft. Sein neuer Arbeitgeber geh&ouml;rt zur kleinen, aber h&ouml;chst einflussreichen Zunft der Finanzkommunikatoren. Die Kapitalmarktspezialisten tauchen auf, wenn Firmen an die B&ouml;rse streben oder wenn sich Unternehmen zusammenschlie&szlig;en&ldquo;, hei&szlig;t es in dem Beitrag weiter.<\/p><p>Egal ob PR-Agenten, Finanzkommunikatoren oder Spin-Doctors &ndash; Jahr f&uuml;r Jahr w&uuml;rden ihre Ums&auml;tze, dem boomenden Kapitalmarkt sei Dank, steigen.<\/p><p>Selbst finanzstarke Verlage gerieten in Bedr&auml;ngnis, wenn die Macher in den Topetagen ihr letztes Gesch&uuml;tz auff&uuml;hren: die Presseanw&auml;lte. In deren Arsenalen lagerten Marterwerkzeuge wie Unterlassung und Gegendarstellung, Richtigstellung und Widerruf, Schmerzensgeld und Schadensersatz.<\/p><p>&bdquo;Hat die vierte Gewalt als Kontrollinstanz also an Einfluss verloren?&ldquo; fragen No&eacute; und Schwarzer am Ende ihres Beitrags. Sie zitieren J&uuml;rgen Habermas, der in  einem Beitrag f&uuml;r die &ldquo;S&uuml;ddeutsche Zeitung&rdquo; unl&auml;ngst fragte, ob nicht der Staat den Qualit&auml;tsjournalismus sch&uuml;tzen m&uuml;sste. Stiftungsmodelle mit &ouml;ffentlicher Beteiligung oder Steuerverg&uuml;nstigungen f&uuml;r Familieneigentum k&ouml;nnten ein gangbarer Weg sein. &ldquo;Argw&ouml;hnische Beobachtung ist geboten&rdquo;, mahnt Habermas, weil sich &ldquo;keine Demokratie ein Marktversagen auf diesem Sektor leisten kann&rdquo;.<\/p><p>Die Autoren kommen zwar zum Fazit, dass vor allem durch die Skandale auch die Manager in den Chefetagen wieder umdenken k&ouml;nnten. Sie sehen wohl auch ihren Beitrag als Beleg daf&uuml;r an, dass zumindest das zum Bertelsmann-Konzern geh&ouml;rende manager-magazin seine Unabh&auml;ngigkeit bewahrt habe.<\/p><p>Doch so sehr wir diesen Beitrag begr&uuml;&szlig;en und unterst&uuml;tzen: Eine Schwalbe macht noch keinen Fr&uuml;hling. (Und wer wei&szlig; welchen Pressionen die Autoren jetzt ausgesetzt sein werden.)<\/p><p>Wir von den NachDenkSeiten freuen uns nat&uuml;rlich dar&uuml;ber, dass wir nun sogar einmal von einem sicherlich nicht wirtschaftskritischen Magazin in unserem Anliegen Unterst&uuml;tzung erfahren, in unserer Kritik an der Meinungsbeeinflussung, ja an der Manipulation der ver&ouml;ffentlichten Meinung durch m&auml;chtige Wirtschaftsinteressen und deren Protagonisten.<br>\nIm Gegensatz zu sonstigen Meldungen des manager-magazins d&uuml;rfte allerdings, diese kritische Analyse, wie auch unsere Beitr&auml;ge zum Thema Meinungsmanipulation keine hohe Nachdruckquote in anderen Medien erfahren. Sonst m&uuml;ssten ja die meisten Verleger und Chefredakteure &uuml;ber die gro&szlig;en dunklen Schatten springen, die sich &uuml;ber die Pressefreiheit in Deutschland gelegt haben.<\/p><p>Die Medien sollen nach dem Verst&auml;ndnis unseres Grundgesetzes Faktor und Tr&auml;ger der &ouml;ffentlichen Meinungsbildung und damit demokratischer Willensbildungsprozesse sein. Wie wir auf den NachDenkSeiten nahezu t&auml;glich belegen (m&uuml;ssen), k&ouml;nnen wir nur &ndash; Al Gore zitierend &ndash; feststellen: &bdquo;Es ist etwas entsetzlich schief gelaufen&ldquo;.<br>\nWir k&ouml;nnen nur hoffen, dass dies immer mehr Leute so sehen und sich mit uns fragen, was da schief gelaufen ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit allen Mitteln versuchen Topmanager, ihr Bild in der &Ouml;ffentlichkeit zu manipulieren. Zum Schaden der Pressefreiheit. Und oft auch zum Schaden der Unternehmen selbst. 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