{"id":24882,"date":"2015-02-05T08:34:15","date_gmt":"2015-02-05T07:34:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24882"},"modified":"2019-10-28T16:00:56","modified_gmt":"2019-10-28T15:00:56","slug":"streikrecht-verteidigen-politischen-streik-erkaempfen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24882","title":{"rendered":"Streikrecht verteidigen \u2013 Politischen Streik erk\u00e4mpfen"},"content":{"rendered":"<p>Der Druck wird st&auml;rker: Das Tarifeinheit-Gesetz r&uuml;ckt n&auml;her. Die Stimmungsmache gegen die Streikenden und deren Recht auf Arbeitsverweigerung wird forciert. Riesige gesundheitliche Folgen und kaum verkraftbare Sch&auml;den werden von Sachverst&auml;ndigen zusammenfantsiert. Da muss jedem einleuchten, dass das mit der Streikerei so nicht weitergehen kann. &ndash; Jetzt bereitet die CSU einen neuen Angriff vor. Zusammengefasst von <strong>Hermann Zoller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nSeit Juli 2013 wirbt die vbw Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V. f&uuml;r eine Beschr&auml;nkung des Streikrechts. Das <a href=\"http:\/\/www.vbw-bayern.de\/vbw\/Aktionsfelder\/Tarif\/Arbeitskampf\/Neue-Methoden-der-Konfliktl%C3%B6sung.jsp\">liest sich auf ihrer Internetseite so<\/a>:<\/p><blockquote><p>\n<strong>Arbeitsk&auml;mpfe f&uuml;hren zu Produktionsunterbrechungen<\/strong><\/p>\n<p><em>Unabh&auml;ngig von der gew&auml;hlten Streiktaktik der Gewerkschaft f&uuml;hrt jede Form des Arbeitskampfes zu Produktionsunterbrechungen, die aufgrund des internationalen Wettbewerbs und der weltweit eng verkn&uuml;pften Lieferbeziehungen nachhaltige Sch&auml;den verursachen. Bereits die Drohung mit einem Streik sowie die Steigerung der Wahrscheinlichkeit eines Streiks mit zunehmender Dauer der Tarifverhandlungen f&uuml;hren zu einer konkreten Bedrohung der Liefer-, Kunden- und Bankbeziehungen. In einer eng verzahnten Wirtschaft mit einer just in time Produktion hat ein Streik f&uuml;r die allermeisten Betriebe schwerwiegende wirtschaftliche Folgen. Diese haben aber nicht nur die Betriebe, sondern auch die Mitarbeiter zu tragen.<\/em><\/p>\n<p><strong>Streik ist nicht mehr zeitgem&auml;&szlig;<\/strong><\/p>\n<p><em>Wir halten Streik und Aussperrung f&uuml;r nicht mehr zeitgem&auml;&szlig;. Im Bereich der M+E Industrie fordert der vbm einen offenen Dialog mit der IG Metall, um neue, f&uuml;r beide Seiten tragbare Wege der Konfliktvermeidung und Konfliktl&ouml;sung zu erkunden. Mediation und zwingende Schlichtungsverhandlung k&ouml;nnten die zun&auml;chst am Verhandlungstisch nicht erreichte Einigung herbeif&uuml;hren und dadurch Arbeitsk&auml;mpfe verhindern. In der Schweiz gilt in einigen wichtigen Wirtschaftszweigen der sogenannte Arbeitsfrieden. Er geht auf ein Friedensabkommen zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverb&auml;nden aus dem Jahr 1937 zur&uuml;ck. Ganz &auml;hnlich ist die Situation in &Ouml;sterreich mit der sogenannten Sozialpartnerschaft. Streiks finden folglich in der Schweiz und in &Ouml;sterreich nur selten statt. Die dortigen Tarifabschl&uuml;sse sind dennoch allseits akzeptiert.<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Diesen Text sollten Gewerkschafter und alle Arbeitnehmer\/innen mehrmals lesen. Denn darin ist alles enthalten, was in seiner logischen Konsequenz vielleicht nicht zu einem direkten, aber verdeckten Streikverbot die Begr&uuml;ndung liefern kann.<\/p><p>Sie wollen nat&uuml;rlich nicht ein Verbot von Streiks fordern. So etwas h&auml;tte keinen verfassungsrechtlichen Bestand. Was sie aber so als ersten Schritt erreichen m&ouml;chten, das ist, die Gewerkschaften und die Arbeitnehmer insgesamt so in Vorschriften einzubinden, dass sie praktisch handlungsunf&auml;hig werden. Gelingt es den Unternehmern dann noch &ndash; wovon auszugehen ist &ndash; die Noten f&uuml;r die mediale Begleitmusik zu schreiben, dann geraten die Gewerkschaften unter einen solchen Druck, dass sie gleich das Licht ausschalten k&ouml;nnen. Gelingt den Unternehmerverb&auml;nden dies, dann brauchen sie kein Streikverbot mehr. Dann ist es real, allerdings in einem demokratischen M&auml;ntelchen sch&ouml;n versteckt.<\/p><p><strong>Die CSU will ein &bdquo;modernes&ldquo; Streikrecht<\/strong><\/p><p>Dass die Wirtschaft ihren Angriff auf das Streikrecht ernst meint, das unterstreicht zum Beispiel <a href=\"http:\/\/www.vbw-bayern.de\/vbw\/Aktionsfelder\/Tarif\/Arbeitskampf\/Positionspapier-Koalitionsfreiheit-und-Arbeitskampfrecht.jsp\">das Positionspapier der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft<\/a>. Und die Wirtschaft hat genug Verb&uuml;ndete in den Parteien, die mit viel Einf&uuml;hlsamkeit Verst&auml;ndnis f&uuml;r ihre modernen Vorstellungen und die Zw&auml;nge des internationalen Wettbewerbs und die sich daraus ergebenden Bedrohungen, haben werden. So hat jetzt die CSU am 26. Januar 2015 im Parteivorstand einen Beschluss gefasst mit dem Titel: &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.csu.de\/common\/csu\/content\/csu\/hauptnavigation\/dokumente\/Streikrecht_Beschluss_komplett_.pdf\">F&uuml;r ein modernes Streikrecht &ndash; Koalitionsfreiheit achten &ndash; Daseinsvorsorge sicherstellen<\/a>&ldquo;.<\/p><p>Und so wurde das Papier f&uuml;r die Presse zusammengefasst:<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Vor dem Hintergrund der j&uuml;ngsten Streikbewegungen in Deutschland hat der CSU-Parteivorstand ein Positionspapier beschlossen, das unter Leitung&nbsp;des stv. Parteivorsitzende Peter Gauweiler&nbsp;entstanden ist. Kern des Papiers: Die CSU fordert, dass k&uuml;nftig obligatorische Schlichtungsverfahren eingeleitet werden, wenn Einrichtungen der &ouml;ffentlichen Daseinsvorsorge bestreikt werden sollen. Der CSU-Parteivorsitzende: &sbquo;Wir wollen obligatorische Schlichtungsverfahren deshalb, weil Streiks im Bereich der &ouml;ffentlichen Daseinsvorsorge &bdquo;ultima ratio&ldquo; sein sollten.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Herausgegriffen sei noch dieser Satz:<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Um nicht gewollte und unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;ige Auswirkungen zu verhindern, ist auch das Streikrecht in Bezug auf die Daseinsvorsorge den Anforderungen einer vernetzten Lebenswirklichkeit anzupassen.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Diese &bdquo;vernetzte Lebenswirklichkeit&ldquo; hat es in sich, dazu muss man eigentlich den ganzen Beschluss lesen. Verbunden mit Vorschriften f&uuml;r eine Zwangsschlichtung, einer Ank&uuml;ndigungsfrist von vier Tagen, die Sicherstellung der Daseinsvorsorge &bdquo;<em>zuallererst<\/em>&ldquo; f&uuml;r die &bdquo;<em>B&uuml;rger &ndash; und gerade die sozial Schwachen<\/em>&ldquo; (!) und dem Insistieren auf Sicherstellungsgesetze entsteht eben jene Menge von Ausnahmen und Verpflichtungen, die die Gewerkschaften zu einem kaum zu bew&auml;ltigenden H&uuml;rdenlauf zwingen. <\/p><p>Ein Hinweis auf die Entwicklung, die unter dem Schlagwort &bdquo;Industrie 4.0&ldquo; bereits l&auml;uft. Man stelle sich diese neue &bdquo;vernetzte Lebenswirklichkeit&ldquo;, in der dann alles mit allem vernetzt ist, vor: Ist da noch Platz f&uuml;r Streiks? &ndash; Nur mal so provozierend gefragt.<br>\nBeachtung verdient in dem Beschluss auch diese Passage:<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Wir sprechen uns daf&uuml;r aus, dass Tarifparteien vor einem Tarifkonflikt eine Notdienstvereinbarung treffen und einen konkreten Streikfahrplan vorlegen. Darin sollen Art und Umfang der im Rahmen eines Arbeitskampfs erforderlichen Notdienstarbeiten schriftlich festgelegt werden.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Mal abgesehen davon, dass die Gewerkschaften schon immer Notdienstregeln vereinbart haben, wo dies aus ihrer Sicht erforderlich war. Dies zu einem Zwang zu machen mit der Bedingung einen &bdquo;konkreten Streikfahrplan&ldquo; vorlegen zu m&uuml;ssen, bremst im Einzelfall die Wirksamkeit eines Streiks schon ganz erheblich.<br>\nNicht weniger wichtig ist der n&auml;chste Absatz des Papiers:<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Der Staat ist verpflichtet, Leistungen der Daseinsvorsorge zu gew&auml;hrleisten. Dieser Verpflichtung kommt der Staat mit einer Reihe von Sicherstellungsgesetzen, vom Arbeitssicherstellungsgesetz bis zum Telekommunikationssicherstellungsgesetz und nicht zuletzt durch Strafvorschriften zum Schutz &ouml;ffentlichkeitswichtiger Betriebe, nach. Im Streikrecht indes klafft diesbez&uuml;glich eine L&uuml;cke. Diese L&uuml;cke muss geschlossen werden.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Was kann das Schlie&szlig;en dieser &bdquo;L&uuml;cke&ldquo; wohl bedeuten? Abgesehen, dass es sich hier nicht um eine &bdquo;L&uuml;cke&ldquo; handelt, sondern um die Beachtung des Streikrechts: Das Schlie&szlig;en dieser &bdquo;L&uuml;cke&ldquo; w&auml;re letztlich ein Dammbruch, der das Wegsp&uuml;len des Streikrechts beschleunigen w&uuml;rde.<br>\nGro&szlig;z&uuml;giger Weise will die CSU die <em>&bdquo;Anpassungen im Schlichtungs- und Arbeitskampfrecht&ldquo;<\/em> im <em>&bdquo;konstruktiven Dialog mit den Gewerkschaften und nicht gegen die Gewerkschaften vornehmen&ldquo;<\/em>.<\/p><p>Dieser letzte Absatz in dem CSU-Beschluss ist aber wohl weniger als technischer Verfahrenshinweis, eher schon als Wink mit dem Zaunpfahl zu verstehen:<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Das Schlichtungsrecht wie auch das Arbeitskampfrecht fallen in den Bereich der konkurrierenden Gesetzgebung. Sie k&ouml;nnen daher durch Bundesgesetz geregelt werden, bei Nichtregelung seitens des Bundes auch durch Landesgesetz. Welche Sektoren zur Daseinsvorsorge und zu den kritischen Infrastrukturen geh&ouml;ren, ist im Wesentlichen unstreitig und bereits durch das Bundesministerium des Innern, das Bundesamt f&uuml;r Sicherheit in der Informationstechnik und das Bundesamt f&uuml;r Bev&ouml;lkerungsschutz und Katastrophenhilfe definiert.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Verteidigungs-Strategie der Gewerkschaften<\/strong><\/p><p>Man kann nur hoffen, dass die Gewerkschaften wach genug sind, sich nicht nur auf eine argumentative Verteidigungslinie zur&uuml;ckziehen, sondern auch durch ihr Handeln unterstreichen, dass sie das Streikrecht uneingeschr&auml;nkt in Anspruch nehmen. <\/p><p>Je mehr der Staat die Arbeitsbedingungen und das Sozialsystem gestaltet und ganz erheblich die Koordinaten zugunsten der Unternehmen, der Reichen und der Spekulanten verschiebt, desto dringender wird, dass sich die Gewerkschaften eine Strategie ausdenken, die die grundlegenden Rechte der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer verteidigen. Das beginnt mit dem selbstbewussten Gebrauch der Rechte, mit dem Aufkl&auml;ren dar&uuml;ber, dass ein Streikrecht, das den Namen verdient, zu den wichtigsten St&uuml;tzpfeilern einer auf soziale Ausgewogenheit angelegte Demokratie z&auml;hlt &ndash; dass es ohne Streikrecht keine Demokratie gibt. Je mehr diese Grundlagen in Zweifel gezogen, untergraben, erheblich besch&auml;digt, gar unbenutzbar gemacht werden, desto dringender wird, dass sich die deutschen Gewerkschaften das erk&auml;mpfen, was in den meisten L&auml;ndern der EU eine selbstverst&auml;ndliche Option ist: der politische Streik. Das k&ouml;nnte auch ein Element f&uuml;r die Vereinheitlichung der Sozialstandards in der EU sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Druck wird st&auml;rker: Das Tarifeinheit-Gesetz r&uuml;ckt n&auml;her. Die Stimmungsmache gegen die Streikenden und deren Recht auf Arbeitsverweigerung wird forciert. Riesige gesundheitliche Folgen und kaum verkraftbare Sch&auml;den werden von Sachverst&auml;ndigen zusammenfantsiert. Da muss jedem einleuchten, dass das mit der Streikerei so nicht weitergehen kann. &ndash; Jetzt bereitet die CSU einen neuen Angriff vor. Zusammengefasst von<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24882\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,126,109,11],"tags":[1302,1176,324],"class_list":["post-24882","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-erosion-der-demokratie","category-gewerkschaften","category-strategien-der-meinungsmache","tag-daseinsvorsorge","tag-streik","tag-tarifvertraege"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24882","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=24882"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24882\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":55945,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24882\/revisions\/55945"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=24882"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=24882"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=24882"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}