{"id":2489,"date":"2007-07-16T09:52:02","date_gmt":"2007-07-16T07:52:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2489"},"modified":"2016-01-01T11:26:20","modified_gmt":"2016-01-01T10:26:20","slug":"das-sommermaerchen-des-bundespraesidenten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2489","title":{"rendered":"Das Sommerm\u00e4rchen des Bundespr\u00e4sidenten"},"content":{"rendered":"<p>Ein Bundespr&auml;sident darf und soll auch seine politischen &Uuml;berzeugungen vertreten, er darf sogar einer wirtschaftspolitischen Ideologie anh&auml;ngen, was man aber vom obersten Repr&auml;sentanten unseres Staates und seiner B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger erwarten darf und muss, das ist, dass er wenigstens die Meinungen, ja noch mehr die Sorgen der Mehrheit der Menschen zur Kenntnis nimmt und sich damit auseinandersetzt.<br>\nK&ouml;hler redet <a href=\"http:\/\/www.zdf.de\/ZDFde\/inhalt\/4\/0,1872,5567620,00.html\">im Sommerinterview  des ZDF<\/a> zwar dar&uuml;ber, &bdquo;dass sich jeder Gedanken machen sollte, wie wir dieser Entfremdung zwischen Politik und B&uuml;rgern etwas entgegensetzen&ldquo;, er spricht davon, dass sich die Leute danach &bdquo;sehnen&ldquo;, &bdquo;dass sie ernst genommen werden&ldquo;, er fordert sogar, die &bdquo;Politiker sollten den B&uuml;rgern zuh&ouml;ren&ldquo;, doch er tut genau das Gegenteil. Er &uuml;bernimmt die Rolle des rigorosesten Propagandisten der &bdquo;Reform&ldquo;-Politik und plappert fast wortw&ouml;rtlich die Apologetik des Neoliberalismus der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft nach. Wolfgang Lieb.<br>\n<!--more--><br>\nGleich dreimal verk&uuml;ndet K&ouml;hler in dem Interview auf Usedom den &bdquo;Erfolg der Reformen&ldquo;:<\/p><blockquote><p>1. Das Wichtigste ist, dass die Bundesagentur f&uuml;r Arbeit jetzt in der Lage ist, weniger Arbeitslosengeld auszuzahlen, weil die Besch&auml;ftigung zunimmt und die Arbeitslosigkeit abnimmt. Das ist der Erfolg nicht nur der guten Wirtschaftskonjunktur, sondern auch der Reformen.<\/p><\/blockquote><p>Hat K&ouml;hler nie davon geh&ouml;rt, dass unter den westeurop&auml;ischen L&auml;ndern Deutschland vor Griechenland den vorletzten Platz bei den Langzeitarbeitslosen einnimmt? Ignoriert er einfach, dass die Zahl der von ALG II Betroffenen im Juni erstmals seit Monaten wieder angestiegen ist und dass jeder zweite Bezieher von Arbeitslosengeld in der Statistik zum Nichtarbeitslosen eingestuft wurde? Interessiert ihn nicht, dass es &uuml;ber 3,2 Millionen &bdquo;Aufstocker&ldquo; gibt, also Arbeitnehmer, die so wenig verdienen, dass sie Leistungen aus dem Arbeitslosengeld beanspruchen m&uuml;ssen?<br>\nF&uuml;r K&ouml;hler gilt offenbar die Devise: &bdquo;Arbeit, egal zu welchem Preis&ldquo;? Sonst m&uuml;sste er wenigstens anmerken, dass die H&auml;lfte aller aus der Arbeitslosenstatistik Gefallenen, als Minijobber oder in einer Arbeitsgelegenheit oder in eines der inzwischen auf 600.000 hochgeschnellten Leiharbeitsverh&auml;ltnissen gelandet ist.<br>\nSind ihm die Zahlen aus dem Finanzministerium eigentlich nicht bekannt, wonach die Ausgaben f&uuml;r das Alg II &uuml;ber 7 Milliarden &uuml;ber der Finanzplanung liegen? Hat der Bundespr&auml;sident nie etwas von der Kritik geh&ouml;rt, dass die Bundesagentur ihre &Uuml;bersch&uuml;sse damit erzielt, dass sie die Alg II-Bezieher vernachl&auml;ssigt und in den Bundeshaushalt verschiebt und sich vor allem um die leichter vermittelbaren Alg I- Empf&auml;nger k&uuml;mmert? Ist ihm nicht bekannt, dass die BA einen weiteren erheblichen Teil der &Uuml;bersch&uuml;sse durch eine ziemlich radikale Einsparung bei den sog. arbeitsmarktpolitischen Instrumenten erwirtschaftet?<br>\nUnd vor allem: Hat K&ouml;hler auch nur ein einziges nur einigerma&szlig;en plausibles Argument f&uuml;r einen Zusammenhang zwischen den Arbeitsmarkt-&bdquo;Reformen&ldquo; und einer Zunahme der Besch&auml;ftigung genannt?<br>\nNiemand in der Regierung, weder Merkel, M&uuml;ntefering oder Glos, noch irgendjemand in den Regierungsparteien hat es bisher gewagt, in so plumper Weise die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt &bdquo;den Reformen&ldquo; zuzuschreiben. Denn alle wissen, dass es letztlich vor allem an der konjunkturellen Entwicklung lag, an der wiederum die Politik den geringsten Anteil hatte. Im Gegenteil: Gerade in Deutschland wurde im Vergleich zu anderen L&auml;ndern der Aufschwung eher abgebremst, indem nahezu alle politische Energie auf die Verwaltung der Arbeitslosigkeit, statt auf eine wachstumsf&ouml;rdernde Wirtschaftspolitik gelenkt wurde.<\/p><blockquote><p>2. Ich denke auch, wenn die Regierung weniger &ouml;ffentlich streiten w&uuml;rde, dann w&uuml;rde der Erfolg, den wir in der wirtschaftlichen Entwicklung und am Arbeitsmarkt sehen und damit auch im Erfolg der Reformen, dann w&uuml;rden das die Leute auch mehr sch&auml;tzen und sich weniger an den Streitigkeiten aufhalten. Die Regierung vergibt die eigenen M&ouml;glichkeiten, den Erfolg zu ihren Gunsten zu reklamieren.<\/p><\/blockquote><p>F&uuml;r K&ouml;hler ist es also der Streit innerhalb der Regierung, der den &bdquo;Erfolg der Reformen&ldquo; verdeckt. Da redet der Bundespr&auml;sident davon, dass die Politiker den B&uuml;rgern zuh&ouml;ren sollen, dass sie ernst genommen werden wollen. Welchen B&uuml;rgern h&ouml;rt K&ouml;hler eigentlich zu?<br>\nHat er noch nie jemand aus der &uuml;bergro&szlig;en Mehrheit der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger zugeh&ouml;rt, die gegen die Rente mit 67, gegen die Mehrwertsteuererh&ouml;hung, gegen die Senkung der Pendlerpauschale, gegen die K&uuml;rzung des Sparerfreibetrags, gegen die Einschnitte bei den Sonntags-, Feiertags- und Nachtzuschl&auml;gen, gegen die Besteuerung der Renten usw. usf. ist. W&uuml;rde er die B&uuml;rger wirklich ernst nehmen, dann m&uuml;sste er ihnen eine Erkl&auml;rung liefern, warum die Reformen vor allem in die Taschen der Niedrig- und Normaleinkommensbezieher greifen und was dieser Griff in die Taschen etwas mit dem Erfolg in der wirtschaftlichen Entwicklung und am Arbeitsmarkt zu tun haben soll.<br>\nAn diese Diskrepanz zwischen Reformgerede und den negativen Auswirkungen f&uuml;r die B&uuml;rger denkt K&ouml;hler nat&uuml;rlich nicht, wenn er &uuml;ber die &bdquo;Entfremdung zwischen Politik und B&uuml;rgern&ldquo; lamentiert.<\/p><blockquote><p>3. Wir sind weitergekommen mit dem Reformweg, den, das muss ich fairerweise sagen, Gerhard Schr&ouml;der eingeschlagen hat. Der Reformweg zahlt sich jetzt aus. Ganz wichtig ist, dass man darauf hinweist, dass sich Reformen eben auszahlen.<\/p><\/blockquote><p>(Lassen wir mal au&szlig;en vor, was K&ouml;hler damit meint, wenn er einf&uuml;gt, man m&uuml;sse &bdquo;fairerweise&ldquo; Gerhard Schr&ouml;der f&uuml;r den eingeschlagenen Reformweg loben. Das h&ouml;rt sich so ganz nach einem notgedrungenen Lob an einen politischen Gegner an.)<\/p><p>Dieses Loblied auf die sich auszahlenden Reformen ist geradezu zynisch: F&uuml;r wen hat sich denn der Reformweg ausgezahlt?<br>\nDie Anteile der Arbeitseinkommen am Bruttoinlandsprodukt sind in den letzten Jahren mit minus f&uuml;nf Prozent in Deutschland im Verh&auml;ltnis zu allen westeurop&auml;ischen Staaten am weitesten zur&uuml;ckgegangen. Der Anteil der Arbeitnehmerentgelte am gesamtwirtschaftlichen Einkommen, der im Jahr 2006 noch bei 66,2 % lag ist seit dem Jahr 2000 r&uuml;ckl&auml;ufig (wie selbst die CDU eingesteht). In den Jahren von 2001 bis 2006 sind die Unternehmens- und Verm&ouml;genseinkommen um 32,5 Prozent gestiegen, w&auml;hrend die Arbeitnehmereinkommen nur einen Zuwachs von 2,1 Prozent verzeichneten. Auf dem Reformweg ging es f&uuml;r die &Auml;rmeren abw&auml;rts und f&uuml;r die Reicheren aufw&auml;rts.<br>\nAngesichts dieser Fakten ist es geradezu grotesk, wenn K&ouml;hler zu den sich auszahlenden Reformen hinzuf&uuml;gt:<br>\n&bdquo;Wenn das noch mehr wahrgenommen wird, hat man eine wichtige Voraussetzung geschaffen, dass die B&uuml;rger weiter mitmachen, es sogar wollen, dass wir jetzt nicht auf halber Strecke stehen bleiben. Denn es gibt noch viele unerledigte Aufgaben.&ldquo;<br>\nEine solche Scharfmacherei zur Erh&ouml;hung der Reformdosis h&ouml;rt man eigentlich nur noch aus der Ecke der Arbeitgeberverb&auml;nde.<br>\nWer die Menschen f&uuml;r so realit&auml;tsblind h&auml;lt, dass sich nicht mehr nachhalten k&ouml;nnten, dass  die Mehrzahl unter ihnen zu den Verlierern dieser &bdquo;Reformen&ldquo; z&auml;hlt, beantwortet die Frage von selbst, &bdquo;wieso&hellip;  das Vertrauen der B&uuml;rger in die Politik und in das demokratische System so wenig ausgepr&auml;gt&ldquo; ist.<\/p><p>Da stellt der &ndash; wie &uuml;blich &ndash; unterw&uuml;rfige Hofberichterstatter Peter Hahne dann mal eine kecke Frage: &bdquo;Das Etikett K&ouml;hler ist neoliberal. Stecken Sie das weg?&ldquo;<br>\nSo als h&auml;tte der Bundespr&auml;sident, die Kampagne der INSM auswendig gelernt, versucht er das inzwischen zunehmend an den negativen Erfahrungen der Mehrheit gescheiterte wirtschaftspolitische Credo wie die Arbeitgeber-PR-Agentur <a href=\"http:\/\/www.insm.de\/INSM_Interaktiv\/Inhalte\/Machen_Sie_den_Test__Wie_neoliberal_sind_Sie_.html;jsessionid=79DBEEBB646CE539E7770CE3D66438F2%20\">INSM offensiv zu wenden<\/a> und den Begriff &bdquo;neoliberal&ldquo; mit historischen Reminiszenzen positiv zu besetzen.<br>\nPlatter kann man eigentlich seine ideologische N&auml;he zu dieser neoliberalen Propaganda nicht preisgeben.<\/p><p>Typisch f&uuml;r K&ouml;hlers neoliberales Credo ist auch, dass es in seiner Vorstellung einer &bdquo;dynamischen&ldquo; &Ouml;konomie ausschlie&szlig;lich auf die &bdquo;Investitionen&ldquo; und auf die &bdquo;Rahmenbedingungen f&uuml;r die Wirtschaft&ldquo; ankommt. Es geht also nur um die Angebotsseite, die Nachfrageseite ist f&uuml;r ihn vernachl&auml;ssigbar, ja sogar eher eine Belastung f&uuml;r die Zukunft:<br>\n&bdquo;Wir m&uuml;ssen investieren. Wir konsumieren (Das ZDF schreibt pikanterweise &bdquo;konsolidieren&ldquo;) heute immer noch zu viel im Vergleich zu dem, was wir f&uuml;r eine gute Zukunft unserer Kinder und Enkelkinder brauchen. Investieren hei&szlig;t vor allem: Arbeit schaffen und die Rahmenbedingungen f&uuml;r die Wirtschaft weiter verbessern, so dass die Investitionsquote steigt.&ldquo;<br>\nEin &Ouml;konom, f&uuml;r den sich ja K&ouml;hler h&auml;lt, m&uuml;sste doch neben den geringen Anlageinvestitionen doch wenigstens auch zur Kenntnis nehmen, dass der private Konsum in Deutschland mit etwa 0,4 Prozent nur einen ganz geringen Beitrag zum Anstieg des Bruttoinlandproduktes im Vergleich zu seinen westeurop&auml;ischen Nachbarn beitr&auml;gt. Der Zuwachs des privaten Verbrauchs ist r&uuml;ckl&auml;ufig und jedenfalls geringer als fast &uuml;berall in Westeuropa.<br>\nDen privaten Verbrauch kann K&ouml;hler also wohl kaum gemeint haben, wenn er beklagt, dass &bdquo;wir&ldquo; immer noch zu viel konsumieren.<br>\nSollte unser marktliberaler Pr&auml;sident dabei aber an die Staatsquote gedacht haben, so sollte er wenigstens zur Kenntnis nehmen, dass in der Eurozone nur noch Irland, Spanien und Luxemburg <a href=\"?p=2410\">niedrigere Quoten haben<\/a><br>\nDie Staatsquote ist mit 45,6 auf den niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung gesunken.<br>\nPeter Hahne r&uuml;hmte den Bundespr&auml;sidenten: &bdquo;Auf den Tag genau vor 17 Jahren konnte man hier im Osten mit der D-Mark 1:1 bezahlen. Sie haben mit Theo Waigel die W&auml;hrungsunion auf den Weg gebracht.&ldquo;<br>\nOh h&auml;tte er dem heutigen Bundespr&auml;sidenten doch dazu die Frage gestellt, warum gerade mit seiner damaligen Amtszeit die Staatsquote so stark angestiegen ist und warum gerade durch die falsche Finanzierung der Einheit die Sozialsysteme &uuml;berfordert worden sind.<br>\nAber solch kritische Fragen w&auml;ren f&uuml;r Peter Hahne und das ZDF wohl eine Majest&auml;tsbeleidigung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Bundespr&auml;sident darf und soll auch seine politischen &Uuml;berzeugungen vertreten, er darf sogar einer wirtschaftspolitischen Ideologie anh&auml;ngen, was man aber vom obersten Repr&auml;sentanten unseres Staates und seiner B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger erwarten darf und muss, das ist, dass er wenigstens die Meinungen, ja noch mehr die Sorgen der Mehrheit der Menschen zur Kenntnis nimmt und sich<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2489\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[147,96,11],"tags":[1700,531,233,288,479,1349,291,1540],"class_list":["post-2489","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitslosgigkeit","category-bundespraesident","category-strategien-der-meinungsmache","tag-hahne-peter","tag-koehler-horst","tag-marktliberalismus","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-reservearmee","tag-sommerinterview","tag-verteilungsgerechtigkeit","tag-zdf"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2489","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2489"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2489\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29820,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2489\/revisions\/29820"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2489"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2489"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2489"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}