{"id":24981,"date":"2015-02-11T12:47:14","date_gmt":"2015-02-11T11:47:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24981"},"modified":"2015-02-11T15:36:15","modified_gmt":"2015-02-11T14:36:15","slug":"nochmals-drittmittel-korrumpieren-mehr-und-mehr-die-idee-der-universitaet-dazu-schreibt-s-t","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24981","title":{"rendered":"Nochmals \u201eDrittmittel korrumpieren mehr und mehr die Idee der Universit\u00e4t\u201c. Dazu schreibt S.T.:"},"content":{"rendered":"<p>Vielen Dank f&uuml;r Ihren Beitrag vom 11.02.2015 <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24970\">&bdquo;Drittmittel korrumpieren mehr und mehr die Idee der Universit&auml;t&ldquo;<\/a>. Sie dort illustrieren die Lage der universit&auml;ren Forschung treffend. Dennoch m&ouml;chte ich mir noch erg&auml;nzende Kommentierungen erlauben.<br>\n<!--more--><\/p><ol>\n<li>Am Anfang des Textes zitieren Sie das Statistische Bundesamt und schreiben: &bdquo;Laut einer Mitteilung des Statistischen Bundesamt von Ende November 2014 warb im Jahre 2012 ein\/e Professor\/in [&hellip;] im Durchschnitt Drittmittel von 243.700 Euro ein.&ldquo;\n<p>Mich st&ouml;rt dort die Behauptung, dass Professor(inn)en die Drittmittel einwerben (diese Kritik richtet sich nicht an Sie, sondern an die Formulierung des Statistischen Bundesamts). Bei Summen von durchschnittlich 243.700 Euro pro Antrag handelt es sich um gr&ouml;&szlig;ere Projekte, deren Antr&auml;ge mit doch recht gro&szlig;er Wahrscheinlichkeit nicht allein von nur einem Professor oder einer Professorin geschrieben werden. Meist sind es genau die, die dann &uuml;ber die Drittmittel finanziert werden (unterhalb der Professur), die den Gro&szlig;teil der Arbeit &uuml;bernehmen. Der Professor(inn)en-Titel ist schlicht eine formelle Notwendigkeit, die mit der aktiven Einwerbung nicht gleichgesetzt werden sollte: Denn Forschungsprojekte m&uuml;ssen in aller Regel an Universit&auml;ten &ndash; und das hei&szlig;t: an einem Lehrstuhl &ndash; angebunden sein. Wer dem Lehrstuhl vorsteht ist klar: ein(e) Professor(in).<\/p>\n<p>Im &Uuml;brigen zeigt das auch, wie selektiv die Drittmittelgeschichte ist: Die Forschung au&szlig;erhalb der Universit&auml;ten hat (abgesehen von einzelnen Forschungsinstituten) schlechtere Karten, um an Forschungsmittel zu gelangen.<\/p>\n<p>Interessant w&auml;re au&szlig;erdem, zu wissen, wie viele Wissenschaftler(innen) z. B. bei der DFG ihre eigene Stelle beantragt haben. Stipendien z. B. f&uuml;r Promovierende und (obwohl heute eher selten) Habilitierende m&uuml;ssten eigentlich auch als Drittmittel betrachtet werden.<\/p><\/li>\n<li>Sie schreiben ferner: &bdquo;Etwa jeder dritte Euro der Drittmitteleinnahmen kam von der (staatlich finanzierten) Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).&ldquo;\n<p>Interessanterweise ist es die DFG selbst, die sich kritisch hinsichtlich der Drittmittel zeigt. Im Grunde wird dort genau auch das gesehen, was Sie beschreiben:<\/p>\n<blockquote><p>\n<em>&bdquo;Vor allem die Knappheit der Grundmittel erh&ouml;ht den Druck zur Einwerbung von Drittmitteln und versch&auml;rft die Konkurrenz um F&ouml;rdergelder. Das hat erhebliche Auswirkungen auf die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), ihre Rolle und auch auf ihre t&auml;gliche F&ouml;rderarbeit.<\/em><\/p>\n<p><em>Die DFG wird faktisch immer weiter in die Rolle eines Grundfinanziers von Forschung gedr&auml;ngt. Sichtbarster Ausdruck: Die Zahl der F&ouml;rderantr&auml;ge und die H&ouml;he der beantragten F&ouml;rdermittel, insbesondere in der Einzelf&ouml;rderung, steigen noch schneller als das F&ouml;rderbudget &ndash; die Bewilligungsquoten sinken dementsprechend. Immer &ouml;fter m&uuml;ssen daher selbst wissenschaftlich sehr &uuml;berzeugende Antr&auml;ge abgelehnt werden.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote>\n<p>(<a href=\"http:\/\/dfg.de\/service\/presse\/pressemitteilungen\/2013\/pressemitteilung_nr_45\/index.html\">DFG Pressemitteilung 45, 30.10.2013<\/a>)<\/p>\n<p>Drittmittel werden dort auch als &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.dfg.de\/dfg_magazin\/querschnitt\/archiv\/dossier_drittmitteldruck\/\">sekund&auml;re W&auml;hrung<\/a>&ldquo; bezeichnet.<\/p><\/li>\n<li>Sie schreiben:<br>\n<blockquote><p>\n<em>&bdquo;Interesse an einer Steigerung der Drittmittel haben nat&uuml;rlich in erster Linie die Hochschulforscher, sie erweitern damit ihre Forschungsbudgets &uuml;ber die Grundfinanzierung hinaus, k&ouml;nnen zus&auml;tzliches wissenschaftliches Personal (auf Zeit) einstellen und steigern damit ihr Forschungsrenommee.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Das ist richtig, allerdings klingt mir das etwas zu sehr nach einer Schuldzuweisung, die in Teilen berechtigt ist, aber in Teilen leider einen Aspekt &uuml;bersieht: Wenn die Grundfinanzierung fehlt, ist die &bdquo;Produktion&ldquo; von wissenschaftlichem Nachwuchs &ndash; konkret: die Betreuung von Habilitanden &ndash; faktisch nur noch &uuml;ber Drittmittel m&ouml;glich. Das hat enorme Auswirkungen auf die Vielfalt der Wissenschaft. Selbst dann, wenn kritische K&ouml;pfe in eine Professur gelangen, bleiben diese ohne ordentliche personelle Ausstattung &ndash; sei es auch &uuml;ber Drittmittel &ndash; Eintagsfliegen. Wer sich als wissenschaftlicher Nachwuchs wissenschaftlich &bdquo;Karriere&ldquo; machen m&ouml;chte, wird sehr wahrscheinlich auf Professorinnen und Professoren angewiesen sein, die &ndash; mit ihnen zusammen &ndash; Drittmittel einwerben.<\/p>\n<p>In diesem Kontext haben Sie allerdings aus einem anderen Grund heraus auch Recht: Wer mehr Drittmittel akquiriert bzw. akquirieren l&auml;sst, kann seine wissenschaftliche Position wesentlich besser ausbauen.<\/p><\/li>\n<li>Sie schreiben:<br>\n<blockquote><p>\n<em>&bdquo;Es besteht die Gefahr, dass das Individualrecht der Wissenschaftsfreiheit, das jedem Hochschulwissenschaftler vom Grundgesetz garantiert wird, ausgeh&ouml;hlt wird und das individuelle Erkenntnisinteresse und damit auch die Forschungsentwicklung insgesamt vom Wettbewerb um die Einwerbung von Drittmitteln gesteuert wird.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Es besteht nicht nur die Gefahr, sondern das ist doch schon l&auml;ngst der Fall. Wer Drittmittel braucht, wird sich auch nach den Interessen der Drittmittelgeber richten. Das engt schon einmal grunds&auml;tzlich die Wissenschaftsfreiheit ein. Zudem werden aber bestimmte Themen au&szlig;en vor gehalten. Das &bdquo;Sch&ouml;ngeistige&ldquo;, kritische gesellschaftspolitische Fragen, alles abseits des &bdquo;Mainstreams&ldquo; und der konkreten kommerziellen Verwertbarkeit hat dann auf einmal nur noch schwer Chancen, &uuml;berhaupt gef&ouml;rdert zu werden. Die Wahrheit ist, dass die fehlende solide Finanzierung die Wissenschaftsfreiheit schon l&auml;ngst ausgeh&ouml;hlt hat.<\/p>\n<p>Ein weiterer Sargnagel der Wissenschaftsfreiheit ist auch die Konzentration auf Professuren. In unserem Hochschulsystem gibt es das Individualrecht auf Wissenschaftsfreiheit unterhalb der Professur nur auf dem Papier. Faktisch bestehen durch die Konzentration auf die Professuren und dem Mangel eines breiter aufgestellten &ndash; zur eigenst&auml;ndigen Wissenschaft f&auml;higen &ndash; Mittelbaus immer Abh&auml;ngigkeiten, die der Wissenschaftsfreiheit im Wege stehen. Wissenschaftsfreiheit, die gilt heute praktisch nur f&uuml;r Professor(inn)en.<\/p><\/li>\n<li>\n<blockquote><p>\n<em>&bdquo;Was bei der einseitigen Betonung der &sbquo;Wettbewerbsf&auml;higkeit&lsquo; auf dem Feld der Einwerbung von Drittmitteln dar&uuml;ber hinaus &uuml;bersehen und vernachl&auml;ssigt wird, ist die Tatsache, dass die Lehre gegen&uuml;ber der Forschung an Boden verliert.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Meine Beobachtung ist aber auch die, dass Forschung und Lehre zunehmend entkoppelt werden, was Sie mit dem Hinweis auf die Reduzierung des Lehrdeputats eigentlich auch implizieren. Ich beobachte zunehmend, dass Lehrkr&auml;fte f&uuml;r besondere Aufgaben die Lehre &uuml;bernehmen, zum Teil auch Gastdozenten (eigene Erfahrung) &ndash; allesamt f&uuml;r das, was sie leisten, obsz&ouml;n schlecht bezahlt.<\/p>\n<p>Das Problem ist dabei auch, dass die schlechte Grundfinanzierung zu einer tats&auml;chlichen &Uuml;berlastung der Professor(inn)en gef&uuml;hrt hat (ganz zu schweigen von dem Wust an Verwaltung, der immer st&auml;rker um sich greift). Die Reduktion der Lehre zu Gunsten der Forschung muss also nicht zwangsl&auml;ufig bedeuten, dass die Lehre geringesch&auml;tzt wird, sondern kann Ausdruck dessen sein, die Lehre auf ein zu bew&auml;ltigendes Ma&szlig; zu reduzieren.<\/p>\n<p>Gleichwohl stimme ich Ihnen auch zu: Ich beobachte auch, dass sich Professor(inn)en von der Lehre freikaufen, indem sie z. B. zus&auml;tzliche Mitarbeiter fordern, die dann ihre Lehre &uuml;bernehmen.<\/p>\n<p>Der eigentliche Skandal ist f&uuml;r mich aber vor allem, dass im Universit&auml;tssystem alle sehr schnell bei der Hand sind, Personen ohne Habilitation eine Lehrerlaubnis zu erteilen, um damit Kosten zu sparen. Bei der Einstellung f&uuml;r jene Posten, in denen eigentlich gelehrt werden soll, spielt die Habilitation auf einmal aber wieder eine Rolle. Das ist ein unertr&auml;glicher Doppelstandard.<\/p><\/li>\n<li>\n<blockquote><p>\n<em>&bdquo;Bei der Vergabe von &ouml;ffentlichen Forschungsdrittmitteln etwa durch die DFG, bei der immerhin noch Wissenschaftler &uuml;ber die eingereichten Forschungsantr&auml;ge entscheiden, besteht die Gefahr, dass sozusagen ein Old-Boys-Network, also etablierte Professoren vor allem die Mainstream-Forschung f&ouml;rdern und innovative Ans&auml;tze vernachl&auml;ssigt werden.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Diese Tendenz kann ich Ihnen mit Blick auf die Wirtschaftswissenschaften best&auml;tigen. Kritische Wissenschaftler kommen dort so gut wie nie zum Zuge und m&uuml;ssen faktisch auf andere Drittmittelgeber (Hans-B&ouml;ckler-Stiftung, VW-Stiftung) ausweichen.<\/p>\n<p>In gewisser Weise m&uuml;sste hier auch gefragt werden, ob die DFG die Aufgabe hat, auch f&uuml;r wissenschaftliche Vielfalt zu sorgen und wie sie in dem Falle ihre Aufgabe erf&uuml;llt. Meine Vermutung ist, dass sie dabei in bestimmten Disziplinen recht schlecht wegkommt. Problematisch hier vor allem, dass es offenbar keine funktionierenden Kontrollmechanismen und -pflichten gibt.<\/p><\/li>\n<li>Die Abh&auml;ngigkeit von den Geldgebern macht sich nicht nur an der von Ihnen kritisierten Intransparenz und &bdquo;Auftragsforschung&ldquo; bemerkbar, sondern auch an der mehr oder weniger eint&ouml;nigen Forschung, die betrieben wird. Drittmittelgeber wollen verwertbare Ergebnisse. Grundlagenforschung, auch und vor allem im sozial- und geisteswissenschaftlichen Bereich, hat dort selten gute Karten.<\/li>\n<li>Was Sie zur Stiftungsprofessur schreiben sehe ich &auml;hnlich und ich sehe auch die Problematik in der Stiftungsprofessur als Instrument. Nur frage ich mich, warum gesellschaftliche Organisationen (Gewerkschaften usw.) so selten dieses Instrument nutzen. Warum muss die Stiftungsprofessur immer von der &bdquo;privaten Wirtschaft&ldquo; finanziert werden?<\/li>\n<\/ol><p>Abschlie&szlig;end m&ouml;chte ich mir noch einen Einwand erlauben. Es wird zwar viel von Unterfinanzierung geschrieben und die tagt&auml;gliche Praxis an den Universit&auml;ten scheint dem auch Recht zu geben. &bdquo;Scheint&ldquo; schreibe ich hier bewusst deshalb, weil mein Eindruck auch der ist, dass durchaus auch viel Geld im System steckt, aber die Verwendung zum Teil intransparent und sprichw&ouml;rtlich sinnlos ist. Ich selbst habe es mehr oder minder an meiner damaligen Universit&auml;t (Leipzig) erlebt, dass mit Hilfe von Bundesmitteln zur Qualit&auml;t der Lehre auf einmal der ganze Verwaltungsapparat umstrukturiert wurde: Curricula- Manager wurden eingesetzt, Mentor(inn)en-Stellen geschaffen, zum Teil auch wieder mit Aufgaben, die einstmals z. B. im Pr&uuml;fungsamt u. &auml;. angesiedelt waren. Als Sahneh&auml;ubchen obendrauf ein elektronisches Verwaltungssystem f&uuml;r die Kurse und Studierenden, das nur in wenigen F&auml;llen funktioniert, so dass die Lehrenden praktisch parallel dazu selbst &bdquo;Buch f&uuml;hren&ldquo; m&uuml;ssen &uuml;ber ihre Veranstaltungen. Statt b&uuml;rokratische Erleichterung nun verschiedene Stellen, die ein und dieselbe Information &bdquo;ben&ouml;tigen&ldquo; und oftmals den Email-Weg der kurzen Kommunikation mit dem Zimmer nebenan oder dr&uuml;ber vorziehen. Statt Entlastung geht der Ausbau der Verwaltung h&auml;ufig mit einer st&auml;rkeren Belastung mit B&uuml;rokratie einher.<\/p><p>Wer Misswirtschaft erleben will, muss dann einfach nur mal in die &bdquo;unternehmerischen&ldquo; Universit&auml;ten schauen.<\/p><p>Verstehen Sie mich nicht falsch, aber m. E. muss auch die Verwendung der bereits vorhandenen Mittel auf den Pr&uuml;fstand.<\/p><p>Nochmals vielen Dank f&uuml;r Ihren informativen Beitrag. Machen Sie weiter so!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vielen Dank f&uuml;r Ihren Beitrag vom 11.02.2015 <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24970\">&bdquo;Drittmittel korrumpieren mehr und mehr die Idee der Universit&auml;t&ldquo;<\/a>. Sie dort illustrieren die Lage der universit&auml;ren Forschung treffend. 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