{"id":24986,"date":"2015-02-11T14:54:29","date_gmt":"2015-02-11T13:54:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24986"},"modified":"2019-04-10T11:46:09","modified_gmt":"2019-04-10T09:46:09","slug":"achtung-mythen-um-die-ukraine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24986","title":{"rendered":"Achtung \u2013 Mythen um die Ukraine"},"content":{"rendered":"<p>Kaum ein Jahr ist seit dem politischen Umsturz in Kiew vergangen und schon verwandeln sich die damaligen Vorg&auml;nge und ihre Folgen in Mythen, die das Zeug haben, Geschichte zu erkl&auml;ren, bevor sie stattgefunden hat. Die wichtigsten sollen hier aufgezeigt werden. Von <strong>Kai Ehlers<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24986#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>].<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Mythos eins: Russland f&uuml;hrt Krieg gegen die Ukraine:<\/strong><\/p><p>Diese Behauptung f&uuml;hrt konsequent dahin, dass Angela Merkel und Fran&ccedil;ois  Hollande heute vor aller Welt in der Pose von Schlichtern auftreten k&ouml;nnen, die Wladimir Putin und Petro Poroschenko  dahin bringen m&uuml;ssten, den Krieg, den Russland angeblich gegen die Ukraine f&uuml;hrt, im Dialog miteinander zu beenden. Das ist eine famose Position f&uuml;r Angela Merkel, nachdem sie als Kanzlerin Deutschlands und als die zur Zeit f&uuml;hrende Stimme der Europ&auml;ischen Union zuvor an der Entstehung des Maidan-Aufruhrs und dem daraus folgenden Sturz des gew&auml;hlten Pr&auml;sidenten Viktor Janukowych und allen daraus hervorgehenden Folgen aktiv gewirkt hat. Perverser, und man muss gestehen, wirkungsvoller kann die Verdrehung von Ursache und Wirkung in diesem ukrainischen Drama nicht mehr inszeniert werden. In dieser Rolle kann sich sogar Barak Obama wohlf&uuml;hlen.  Nicht verwunderlich, dass er &bdquo;Angela&ldquo; daf&uuml;r in h&ouml;chsten T&ouml;nen lobt.<\/p><p>Tatsache ist allerdings, dass nicht Russland und die Ukraine im Krieg miteinander liegen, sondern die Kiewer F&uuml;hrung mit Teilen ihrer eigenen Bev&ouml;lkerung. Nicht Russland hat die Ukraine &uuml;berfallen und nicht Russland bombardiert ukrainische St&auml;dte, sondern die Kiewer Regierung hat der Bev&ouml;lkerung des Ostens, nachdem sie diese zu Terroristen erkl&auml;rt hat, den Krieg erkl&auml;rt und bombardiert St&auml;dte des eigenen Landes &ndash; mit der Begr&uuml;ndung, dass diese untrennbarer, nicht aufzugebender Teil der Ukraine seien. Hat man etwas davon geh&ouml;rt, dass die &bdquo;Terroristen&ldquo; in vergleichbarer Weise Kiew bombardierten oder mit gezieltem Terror heimsuchten? Wie wahnsinnig muss eine F&uuml;hrung sein,  die ihr eigenes Land zusammenschie&szlig;en l&auml;sst, statt mit ihren Landsleuten in den Dialog um die von ihnen geforderten politischen Vorstellungen um mehr Autonomie zu gehen.  <\/p><p>Dass Russland keinen Krieg gegen die Ukraine f&uuml;hrt, gilt auch dann, wenn man sieht, dass in diesem B&uuml;rgerkrieg fremde M&auml;chte mitmischen, dass hier die USA\/EU, dort Russland politisch, logistisch und mehr oder weniger undercover sogar mit Mannst&auml;rke involviert sind, die einen auf dieser, die anderen auf der anderen Seite. Genau genommen ist es ihr Krieg, der hier stellvertretend auf ukrainischem Feld in verdeckter Form ausgetragen wird. Allerdings gilt es auch hier wieder vom Ursprung der Vorg&auml;nge her zu denken. Und der Ursprung dieses Krieges liegt eindeutig nicht in Russland, wenn man nicht die blo&szlig;e Tatsache, dass Russland die Eurasische Union nicht nur mit Kasachstan, Wei&szlig;russland, sondern auch unter Beteiligung der Ukraine entwickeln wollte, bereits als  Kriegsgrund betrachtet. <\/p><p><strong>Mythos zwei: Russland hat die Krim annektiert:<\/strong><\/p><p>Mit einer gewaltsamen, das bestehende V&ouml;lkerrecht verletzenden Annexion der Krim habe Russland die Europ&auml;ische Friedensordnung gebrochen, die Souver&auml;nit&auml;t der Ukraine verletzt und damit eine globale Kriegsgefahr heraufbeschworen. Der Frieden k&ouml;nne nur gesichert werden, wenn Russland von diesem Schritt zur&uuml;cktrete. <\/p><p>Tatsache ist, dass der &Uuml;bergang der Krim in die russische F&ouml;deration nicht Ursache des Umsturzes in der Ukraine war, sondern Folge. Tatsache ist auch, dass Russland die Krim nicht gewaltsam erobert hat, sondern einen Antrag seitens der Bev&ouml;lkerung der Krim angenommen hat, die sich angesichts des Kiewer Umsturzes und der damit auf sie zukommenden Gefahr der &bdquo;Ukrainisierung&ldquo; zuvor aus der Ukraine in einem Referendum gel&ouml;st hatte. Generell gesagt, nicht Russland hat in der Ukraine interveniert, nicht Russland hat den Maidan zur offenen Revolte ermutigt; Putin soll Janukowytsch im Gegenteil sogar, was ihm von westlicher Seite vorgehalten wird, zur polizeilichen Niederschlagung der Proteste geraten haben. Es waren die atlantischen M&auml;chte, allen voran die USA, die seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion den Plan verfolgten, die Ukraine aus dem russischen Einflussbereich herauszul&ouml;sen, um die Wiederentstehung Russlands als m&ouml;glichen Rivalen f&uuml;r alle Zeit zu unterbinden. <\/p><p>Die Elemente dieser Strategie sind schwarz auf wei&szlig; nachzulesen bei Sbigniew Brzezinski. Praktisch nachzuverfolgen sind sie in der schrittweisen Ost-Erweiterung von NATO und EU seit 1991, einschlie&szlig;lich der bunten Revolutionen in den Jahren 2003\/4\/5, Georgien, Ukraine, Kirgisien, der Stationierung von Abfang-Raketen direkt an den Grenzen Russlands u.a.m. Dies alles wurde schon vielfach dokumentiert, muss aber offenbar immer wieder aus der Vergessenheit herausgeholt werden, so wie es der russische Au&szlig;enminister Sergej Lawrow auf der M&uuml;nchner Sicherheitskonferenz vor ein paar Tagen tat. Nachzulesen auf der Internetplattform von <a href=\"http:\/\/www.russland.ru\">www.russland.ru<\/a>.<\/p><p><strong>Mythos drei. Das Recht zur Selbstverteidigung:<\/strong><\/p><p>Tr&auml;nentreibend ins Bild gesetzt  wird vom Ukrainischen Pr&auml;sidenten Poroschenko f&uuml;r die Ukraine der Eindruck eines bedr&auml;ngten, bemitleidenswerten David erzeugt, der doch das Recht haben m&uuml;sse sich gegen einen brutalen Goliath zur Wehr zu setzen. Na, klar, wer will da nicht solidarisch sein! <\/p><p>Aber Tatsache ist: &Uuml;ber das hinaus, was weiter oben bereits dazu gesagt wurde, dass diesem Bild die Falsche Behauptung unterliegt, Russland f&uuml;hre Krieg gegen die Ukraine, stellt diese Pose selbst noch die Realit&auml;ten des inner-ukrainischen B&uuml;rgerkriegs glatt auf den Kopf: Es war die &Uuml;bergangsregierung, die, nach dem Umsturz kaum an der Macht, die Sprachautonomie von Minderheiten unter dem Motto der &bdquo;Ukrainisierung der Ukraine&ldquo; aufhob, diesen Akt zwar nach internationalem Protest zur&uuml;cknahm, ihre einmal eingeschlagene Linie der zwangsweisen Ukrainisierung, statt eines Dialoges mit anders denkenden  Teilen der Bev&ouml;lkerung jedoch konsequent und aggressiv fortsetzte &ndash; von der Illegalisierung des Referendums f&uuml;r einen Autonomiestatus in den &ouml;stlichen Bezirken bis hin zur politischen und milit&auml;rischen Mobilisierung gegen die zu Terroristen erkl&auml;rten Parteig&auml;nger autonomer und f&ouml;deraler Neugliederung des Landes und die von ihnen gebildeten Volksrepubliken  Donezk und Lugansk. Der Pose des David stehen die immer wieder erneuerten Brandreden der Kiewer F&uuml;hrung gegen&uuml;ber, die bis zum heutigen Tag zu keinem Dialog  mit den &bdquo;Terroristen&ldquo; bereit ist, sondern deren milit&auml;rische Unterwerfung anstrebt. Dass aus dieser Politik eine Eskalationsspirale hervorgegangen ist, in der auch die &ouml;stliche Seite aufger&uuml;stet hat, liegt auf der Hand, kann unter diesen Bedingungen gar nicht anders sein. Bedauerlicher Weise. Nur darf man auch hier nicht Ursache und Wirkung verwechseln. Statt sich als David &ouml;ffentlich bedauern zu lassen und um &bdquo;t&ouml;dliche Defensivwaffen&ldquo; f&uuml;r eine Intensivierung der Offensive zu werben, k&ouml;nnte die Kiewer F&uuml;hrung dem ganzen Spuk ein Ende bereiten, wenn sie in den direkten Dialog mit den &bdquo;Volksrepubliken&ldquo; ginge. <\/p><p><strong>Mythos vier: In der Ukraine wird die Westliche Wertegemeinschaft verteidigt:<\/strong><\/p><p>Tatsache ist, dass der nationalistische Furor, der sich aus dem Westen kommend, &uuml;ber das Land verbreitet,  verbunden mit einer gnadenlosen Austerit&auml;tsdiktatur dem, was als westliche Wertegemeinschaft propagiert wird, direkt und offen ins Gesicht schl&auml;gt: Schlimmere Korruption als zuvor, jetzt durch Privatisierungsprogramme legitimiert, best&uuml;rzender Abbau sozialer Standards, Einschr&auml;nkung der Informationsfreiheit auf &bdquo;national n&uuml;tzliche&ldquo; Informationen durch das neu gebildete Informationsministerium, Diskriminierung von nicht-national-ukrainischen Minderheiten, marodierende faschistische Banden, die die Regierung zu st&uuml;rzen drohen, wenn sie die &bdquo;nationale Revolution&ldquo; zu verrate. Man kann sich nur noch wundern, mit welcher Schamlosigkeit, vielleicht auch genauer, mit welchem Zynismus diese Entwicklung von der Mehrheit unserer politischen Klasse geleugnet wird &ndash; wenn es nicht &uuml;berhaupt interessengeleitete Dummheit ist. <\/p><p>Im Osten des Landes w&auml;chst die Abkehr von den so gewendeten Werten des Westens jedenfalls mit jedem Tag, an dem weitere Menschen mitten in ihren St&auml;dten aus ihren Wohnungen gebombt und auf den  Stra&szlig;en zerfetzt werden. <\/p><p><strong>Mythos f&uuml;nf:<\/strong> In der Solidarit&auml;t mit der Ukraine festige sich die westliche Allianz, versichern zurzeit Vertreter und Vertreterinnen aller westlichen Lager unisono. Angela Merkel ist auf dem besten Wege zum globalen Friedensengel zu avancieren. Was f&uuml;r ein Prestigegewinn f&uuml;r die Deutschen, wie es scheint! <\/p><p>Tatsache ist allerdings, dass der Vorsto&szlig; der USA eindeutig auf Schw&auml;chung  der Europ&auml;ischen Union, insbesondere auch auf eine St&ouml;rung der Beziehungen zwischen Deutschland und Russland zielt. EU und insbesondere Deutschland bluten sich in der Unterst&uuml;tzung der bankrotten Ukraine, unter dem Druck der von ihnen selbst beschlossenen Sanktionen und durch die Zerst&ouml;rung ihrer Beziehungen zu Russland aus, statt mit Russland gemeinsam einen autarken Eurasischen Raum aufzubauen, der dem Hegemonialanspruch einer einzigen Supermacht widerstehen k&ouml;nnte.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>B&uuml;cher von zum Thema:<\/strong><\/p><ul>\n<li>Peter Strutynski (Hg.), Ein Spiel mit dem Feuer. Die Ukraine, Russland und der Westen, Papyrossa.<\/li>\n<li>Ronald Thoden, Sabine Schiffer (Hg.), Ukraine m Visier, Russlands Nachbar als Zielscheibe geostrategischer Interessen, Selbrund Vlg.<\/li>\n<li>Kai Ehlers, Russland &ndash; Herzschlag einer Weltmacht, Pforte<\/li>\n<\/ul><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Kai Ehlers ist Journalist, Publizist und Schriftsteller. Sein Spezialgebiet ist die politische, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung des post-sowjetischen Raumes. Viele seiner Artikel sind auf der Seite <a href=\"http:\/\/www.kai-ehlers.de\">Kai-Ehlers.de<\/a> nachzulesen.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kaum ein Jahr ist seit dem politischen Umsturz in Kiew vergangen und schon verwandeln sich die damaligen Vorg&auml;nge und ihre Folgen in Mythen, die das Zeug haben, Geschichte zu erkl&auml;ren, bevor sie stattgefunden hat. 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