{"id":250,"date":"2005-03-01T12:45:03","date_gmt":"2005-03-01T11:45:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=250"},"modified":"2016-03-18T11:52:36","modified_gmt":"2016-03-18T10:52:36","slug":"wann-endlich-kehrt-die-vernunft-zuruck-in-die-deutsche-wirtschaftspolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=250","title":{"rendered":"Wann endlich kehrt die Vernunft zur\u00fcck in die deutsche Wirtschaftspolitik?!"},"content":{"rendered":"<p>M&auml;rzheft con &ldquo;Metall&rdquo;, erster von zwei Beitr&auml;gen zur Rubrik &ldquo;Der Monats&ouml;konom&rdquo;.<br>\n<!--more--><br>\nAnfang Februar wurden &uuml;ber f&uuml;nf Millionen registrierte Arbeitslose gemeldet. Die deutsche Wirtschaft stagniert; sie leidet nachweisbar unter der Schw&auml;che der sogenannten Binnennachfrage, die wesentlich aus der schwachen Lohnentwicklung folgt. Seit 1980 sind die Netto-Real-Einkommen je Arbeitnehmer, also das, was zum Einkauf bleibt, um insgesamt nur 1,8% (!) gestiegen. <\/p><p>Das ist die Diagnose. Und was ist die Antwort des zust&auml;ndigen Ministers auf den Anstieg der Arbeitslosigkeit? Bei Sabine Christiansen meinte Wirtschaftsminister Wolfgang Clement, um den Standort wettbewerbsf&auml;hig zu halten, sollten wir die Unternehmensbesteuerung absenken. Also noch eine Reform, und wieder einmal zugunsten der oberen Einkommen. Wirkt die Medizin nicht, dann wird die Erh&ouml;hung der Dosis verlangt. Mit der Logik wirtschaftlicher Wirkungszusammenh&auml;nge hat dies nichts zu tun. Es ist einfach die Fortsetzung der schon bisher nicht zu begreifenden Politik der Steuergeschenke f&uuml;r die Bessergestellten und die gro&szlig;en Kapitalgesellschaften, die mehr und mehr den Staat und dabei vor allem die Gemeinden handlungsunf&auml;hig macht. <\/p><p>Die Tabelle zeigt eine Auswahl der Steuergeschenke von Kohl bis Schr&ouml;der. Sie waren immer schon mit der Erwartung &bdquo;verkauft&ldquo; worden: wenn die Steuern gesenkt w&uuml;rden, dann springe Produktion und Investition an. Nichts davon ist eingetreten. <\/p><p><strong>Tabelle: Gravierende Steuerreformen in den letzten 20 Jahren<\/strong><\/p><table>\n<tr class=\"even\">\n<td>1.<\/td>\n<td>Streichung der Verm&ouml;genssteuer<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"odd\">\n<td>2.<\/td>\n<td>Streichung der Gewerbekapitalsteuer<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"even\">\n<td>3.<\/td>\n<td>K&uuml;rzung der K&ouml;rperschaftssteuer<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"odd\">\n<td>4.<\/td>\n<td>Erlass der Besteuerung der Gewinne bei Verkauf von Unternehmensteilen<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"even\">\n<td>5.<\/td>\n<td>Senkung des Spitzensteuersatzes auf 42%<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"odd\">\n<td>6.<\/td>\n<td>Amnestie f&uuml;r Steuers&uuml;nder<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"even\">\n<td>7.<\/td>\n<td>Korrektur des Halbeink&uuml;nfteverfahrens zugunsten der Versicherungswirtschaft. = rund 5 Mrd. Euro Steuererlass<\/td>\n<\/tr>\n<\/table><p><strong>Nach neoliberaler Theorie m&uuml;ssten die Investitionen &bdquo;brummen&ldquo;.<br>\nWo sind die Erfolge geblieben?<\/strong> <\/p><p>Warum sollten Unternehmen investieren und mehr produzieren, wenn sie nicht mehr Umsatz erwarten k&ouml;nnen? Selbst solche einfachen Regeln der &Ouml;konomie begreifen unsere Spitzenpolitiker partei&uuml;bergreifend nicht. Sie glauben oder geben vor zu glauben: Wenn die Unternehmer weniger Steuern auf ihre Gewinne zahlen m&uuml;ssen, dann investieren sie und produzieren mehr. Fachleute au&szlig;erhalb unseres Landes wundern sich &uuml;ber die hier erkennbare Unf&auml;higkeit der in Deutschland Verantwortlichen, die Konjunktur pragmatisch und erfolgreich zu steuern. &bdquo;Die deutsche Wirtschaft schw&auml;chelt nun schon seit einer Dekade. Wenn ich ein Manager w&auml;re, w&uuml;rde ich meine Produktion auch nicht ausweiten, solange die M&auml;rkte nicht erkennbar expandieren,&ldquo; meinte der Nobelpreistr&auml;ger f&uuml;r &Ouml;konomie Robert Solow in einem Interview mit der &bdquo;Wirtschaftswoche&ldquo;. Makropolitik &ndash; das ist die Politik zur Steuerung der Konjunktur &ndash; beherrsche vermutlich niemand perfekt. &bdquo;Aber mir scheint offensichtlich: in Deutschland k&ouml;nnte man sie wesentlich besser machen.&ldquo;<\/p><p>Man k&ouml;nnte sie besser machen. Das hie&szlig;e konkret: der Staat muss in der jetzigen Konjunkturkrise gegensteuern, er muss die Binnennachfrage mit eigenen Programmen anregen, statt sie mit weiteren Sparma&szlig;nahmen noch mehr abzuw&uuml;rgen; er muss in der jetzigen Situation zu besseren L&ouml;hnen ermuntern statt die Lohndr&uuml;ckerei mitzumachen und zu st&uuml;tzen, die zur Zeit in Deutschland bittere Mode geworden ist. Wer ein bisschen Ahnung hat von Wirtschaftskonjunkturen, wei&szlig;, dass die H&auml;lfte Psychologie ist. Er muss also Mut machen zum Geldausgeben. Er muss aufh&ouml;ren, den Standort Deutschland und seine Strukturen schlecht zu reden. <\/p><p>Genau dies aber tun die sogenannten Reformer unentwegt. So auch jetzt wieder, wenn ihnen bei der Nachricht &uuml;ber die Rekordarbeitslosigkeit nur einf&auml;llt, die Steuerbelastung der Unternehmen in Deutschland sei mit 38% zu hoch. Das ist die nominelle Steuerbelastung; die tats&auml;chliche Belastung, also nach Ber&uuml;cksichtigung verschiedener Abzugsm&ouml;glichkeiten, liegt bei rund 22% und damit unter der des Durchschnitts der 15 alten EU-L&auml;nder (29,8%), und z.B. von Frankreich (39,1%) und Gro&szlig;britannien (35,1%). Sie reden nicht &uuml;ber die Qualit&auml;ten und Vorteile unseres Landes. Sie &uuml;berzeichnen stattdessen Belastungen und angebliche Nachteile wie im konkreten Fall die nominell hohe Unternehmenssteuerbelastung. <\/p><p>W&uuml;rden sie unserem Land Gutes tun wollen, dann m&uuml;ssten sie seine Qualit&auml;ten preisen. Sie m&uuml;ssten z.B. vom vergleichsweise hohen Ausbildungstand und von der guten Infrastruktur, die ja die Gegenleistung f&uuml;r die Steuern darstellt, reden. Auch der deutsche Wirtschaftsminister m&uuml;sste wissen, dass die Steuerbelastung noch nicht sehr viel sagt &uuml;ber die wirtschaftliche Qualit&auml;t und den Erfolg eines Landes. Auch ihm m&uuml;sste das Beispiel Schweden zu denken geben. Dort liegt die Steuerbelastung weit &uuml;ber der unseren. Schwedens reales Wirtschaftswachstum liegt dennoch seit 10 Jahren weit &uuml;ber dem EU-Durchschnitt, im Jahre 2004 bei 4%. Schwedens Finanzminister will die Steuern sogar noch erh&ouml;hen, um &ouml;ffentliche Dienstleistungen zu verbessern. Das Wirtschaftswachstum in Deutschland stagniert dagegen seit Jahren und erreichte im letzten Jahr gerade mal 1,6% und im Durchschnitt aller Jahre seit 1992 gerade mal 1,3% &ndash; und das trotz der beschriebenen massiven Steuersenkungen f&uuml;r Unternehmen und die Bessergestellten. Offenbar ist diese Politik nicht nur ungerecht; sie ist auch unvern&uuml;nftig, weil sie uns nicht aus der wirtschaftlichen Krise hilft.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>M&auml;rzheft con &ldquo;Metall&rdquo;, erster von zwei Beitr&auml;gen zur Rubrik &ldquo;Der Monats&ouml;konom&rdquo;.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[147,137,14,157,30],"tags":[290,661,319,413,278,1207],"class_list":["post-250","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitslosgigkeit","category-steuern-und-abgaben","category-veroffentlichungen-der-herausgeber","category-wettbewerbsfaehigkeit","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-binnennachfrage","tag-clement-wolfgang","tag-lohnentwicklung","tag-schlanker-staat","tag-steuersenkungen","tag-unternehmenssteuer"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/250","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=250"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/250\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32257,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/250\/revisions\/32257"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=250"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=250"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=250"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}