{"id":25046,"date":"2015-02-16T09:25:09","date_gmt":"2015-02-16T08:25:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25046"},"modified":"2015-02-16T10:36:40","modified_gmt":"2015-02-16T09:36:40","slug":"unsere-kampfpresse-laesst-das-mausen-nicht-strategien-zur-meinungsmache-in-sachen-ukraine-und-konjunkturlokomotive","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25046","title":{"rendered":"Unsere Kampfpresse l\u00e4sst das Mausen nicht: Strategien zur Meinungsmache in Sachen Ukraine und Konjunkturlokomotive"},"content":{"rendered":"<p>Wir loben unsere Medien, wir weisen auch heute wieder auf ihre guten journalistischen Leistungen hin. Siehe die Hinweise des Tages. Aber oft gelingt das beim besten Willen nicht. So stolperte ich am Samstag gleich &uuml;ber mehrere Manipulationsversuche und wirkliche F&auml;lle der Selbstgleichschaltung. Ein Erlebnisbericht von einer &bdquo;Medienreise&ldquo; von K&ouml;ln nach Pleisweiler. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAm Bahnhofskiosk von K&ouml;ln-S&uuml;d springt mich ein Leitartikel von Bernd Ulrich in der &bdquo;Zeit&ldquo; an: <\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Bangen um die Ukraine. Merkel, geh voran! In der Front gegen Putin dominieren nicht mehr die USA, sondern die Europ&auml;er. Diese neue Aufgabe erfordert Mut&ldquo;.<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Im Text hei&szlig;t es dann weiter, dieser Konflikt mit Russland werde nicht von den Amerikanern gef&uuml;hrt, sondern von Europ&auml;ern und von Angela Merkel. Und ansonsten wird wie so oft in unseren Medien personalisiert: &bdquo;Front gegen Putin&ldquo;.<\/p><p>Da ich f&uuml;r diese erkennbare Tendenzberichterstattung keine 4,50 &euro; ausgeben will, gehe ich im Zug ins Netz und finde prompt eine geballte Ladung von Zeit-Artikeln mit einseitiger Schuldzuweisung an Russland und Putin. <\/p><p>Auch im Leitartikel von Bernd Ulrich geht es nicht um die Aufforderung an Angela Merkel, mit der De-eskalation voranzugehen. Ulrich lobt die Kanzlerin &uuml;ber den gr&uuml;nen Klee, weil sie angeblich mit der notwendigen Eskalation der Sanktionen den Hebel an der richtigen Stelle, n&auml;mlich an der schwachen Stelle Putins ansetze: bei der &Ouml;konomie. Die USA setzten, so der Leitartikler, mit der Drohung mit Waffenlieferungen an der falschen Stelle an.<\/p><p>Die eigentliche Botschaft dieses Artikels ist die Behauptung, die USA spiele jetzt bei der Auseinandersetzung um die Ukraine kaum mehr eine Rolle. Jetzt sei Europa am Zug.<\/p><p><strong>Die S&uuml;ddeutsche Zeitung bl&auml;st ins gleiche Horn<\/strong><\/p><p>Ich war noch im Zug, als eine unserer Leserinnen, die uns t&auml;glich Hinweise auf interessante und bemerkenswerte Medienprodukte schicken, auf einen Kommentar von Kurt Kister  in der <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/deutschlands-rolle-in-der-ukraine-krise-merkel-zeigt-wie-fuehrung-geht-1.2349512\">S&uuml;ddeutschen Zeitung vom 14. Februar<\/a>, also vom gleichen Samstag, aufmerksam machte. Dort hei&szlig;t es neben einem Foto mit der Bildunterschrift &bdquo;Angela Merkel im Zentrum der Macht&ldquo;:<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Deutschlands Rolle in der Ukraine-Krise<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Merkel zeigt, wie F&uuml;hrung geht<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Niemand hat sich im Ukraine-Konflikt so intensiv um Russlands Pr&auml;sident Putin bem&uuml;ht wie Kanzlerin Merkel. Der Krieg im Donbass macht klar, wie gering der Einfluss der USA auf Europa geworden ist.<\/em><\/p>\n<p><em>Im ukrainischen Krieg w&auml;re schon eine wirkliche Waffenruhe ein gro&szlig;er Erfolg. Ob sie eintreten wird, ist ungewiss, sogar unwahrscheinlich. Wie das Schicksal des zweiten Minsker Abkommens auch aussehen wird, es w&auml;re ohne die Bundeskanzlerin nicht zustande gekommen. Dies h&auml;ngt mit Angela Merkel als Person zusammen, aber auch damit, dass Wladimir Putin ohne die aktive Vermittlung aus Berlin und Paris an keinen Verhandlungstisch kommen w&uuml;rde. Noch vor nicht allzu langer Zeit w&auml;re ein solcher Prozess ohne die USA undenkbar gewesen. Heute spielen die Amerikaner dabei &ndash; und auch sonst in Europa &ndash; kaum mehr eine Rolle.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>In beiden Artikeln, in der &bdquo;Zeit&ldquo; und in der &bdquo;S&uuml;ddeutschen Zeitung&ldquo;, wird also der Versuch gemacht, zu streuen, die USA spielten kaum mehr eine Rolle in Europa. <\/p><p>Einen solchen Unsinn zu streuen kann nur eine Auftragsarbeit sein. Hier soll vergessen gemacht werden, dass der Konflikt in der Ukraine vor allem eine Folge der geostrategischen &Uuml;berlegungen einflussreicher Kr&auml;fte in den USA ist und die USA in die Destabilisierung und die Trennung der Ukraine aus den engen Bindungen zu Russland &uuml;ber viele Jahre investiert haben. Ihre Rolle beim unr&uuml;hmlichen Ende und der Perversion des Maidan, ihr entscheidender Einfluss bei der Auswahl des Pr&auml;sidenten und Ministerpr&auml;sidenten der Ukraine soll vergessen werden, die entscheidende Rolle der USA bei der Intensivierung der Sanktionen und bei den verschiedenen Ma&szlig;nahmen des &ouml;konomischen Kampfes gegen Russland, mit &Ouml;lpreissenkungen und der Beeinflussung der Kapitalm&auml;rkte, soll verdr&auml;ngt werden. Es soll zuget&uuml;ncht werden, dass das getrennte Vorgehen und der Streit um die Waffenlieferungen ein abgekartetes Spiel sein kann, wie es auf den <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24965\">NachDenkSeiten am 10. Februar<\/a> vermutet und begr&uuml;ndet wurde.<\/p><p>Auch die Behauptung von der Einheit und einheitlichen Handlungsf&auml;higkeit Europas ist ja mehr als abenteuerlich. Sowohl in den Regierungen der verschiedenen europ&auml;ischen L&auml;nder als auch in den V&ouml;lkern selbst gibt es gravierende Meinungsverschiedenheiten zum Umgang mit Russland und zur entscheidenden Frage, ob Europa einschlie&szlig;lich Russlands einig oder getrennt sein sollen, ob man eskalieren oder entspannen und sich vers&ouml;hnen soll, ob den Frieden und die Zusammenarbeit man zum Kalten Krieg zur&uuml;ckkehren will oder endlich gemeinsam nutzen soll. <\/p><p>Es gab und gibt in Europa auch deutlich verschiedene Stimmen zur milit&auml;rischen Konfrontation. Man muss nur an die Raketen in Polen denken. Oder an die Stimmen im Baltikum und in Polen f&uuml;r Waffenlieferungen und an die faktischen Aktivit&auml;ten zur Befriedigung des Wunsches nach Waffenlieferungen. Und es gibt Milit&auml;rberater der USA in der Ukraine. &ndash; Alles zusammen sind sichere Anzeichen daf&uuml;r, dass die USA in Europa und den Konflikten mit Russland keine Rolle spielen! Dieses Ammenm&auml;rchen ist zum Totlachen, aber Realit&auml;t in deutschen &bdquo;Qualit&auml;tszeitungen&ldquo;.<\/p><p><strong>Kontrapunkt Obdachlosen-Zeitung fiftyfifty<\/strong><\/p><p>Bei der Reiseunterbrechung in Bonn erwarb ich die neueste Ausgabe von fiftyfifty, einer in D&uuml;sseldorf erscheinenden Obdachlosen-Zeitung. Der Titel: ein Interview mit Udo Lindenberg. Im Innern viel Interessantes. Und auf Seite vier und f&uuml;nf der Appell zum Dialog mit Russland von &uuml;ber 60 Pers&ouml;nlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Medien: &bdquo;Wieder Krieg in Europa? Nicht in unserem Namen!&ldquo;. (Wir waren auf die <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24196\">Reaktion der Medien und den Aufruf eingegangen<\/a>) <\/p><p>Im Aufruf hei&szlig;t es:<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;<strong>Wir appellieren an die Medien,<\/strong> ihrer Pflicht zur vorurteilsfreien Berichterstattung &uuml;berzeugender nachzukommen als bisher. Leitartikler und Kommentatoren d&auml;monisieren ganze V&ouml;lker, ohne deren Geschichte ausreichend zu w&uuml;rdigen. Jeder au&szlig;enpolitisch versierte Journalist wird die Furcht der Russen verstehen, seit NATO-Mitglieder 2008 Georgien und die Ukraine einluden, Mitglieder im B&uuml;ndnis zu werden. Es geht nicht um Putin. Staatenlenker kommen und gehen. Es geht um Europa. Es geht darum, den Menschen wieder die Angst vor Krieg zu nehmen. Dazu kann eine verantwortungsvolle, auf soliden Recherchen basierende Berichterstattung eine Menge beitragen.<\/em><\/p>\n<p><em>Das Sicherheitsbed&uuml;rfnis der Russen ist so legitim und ausgepr&auml;gt wie das der Deutschen, der Polen, der Balten und der Ukrainer.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>&Uuml;brigens: Der Aufruf war zun&auml;chst bei &bdquo;zeit online&ldquo; erschienen. Das bleibt zur Ehrenrettung der Tante &bdquo;Zeit&ldquo; anzumerken. Aber ihre Gesamttendenz ist so, dass man Reste ihrer fr&uuml;heren guten Rolle als mediale Begleiterin der Entspannungspolitik in Europa nur noch mit der Lupe findet. <\/p><p><strong>&bdquo;Deutschland schiebt Europa an&ldquo;<\/strong><\/p><p>So lautete die Schlagzeile des Hauptartikels im Wirtschaftsteil des K&ouml;lner Stadtanzeigers, die ich dann bei der Weiterfahrt zwischen Bonn und Koblenz vorfand. Das stolze Organ der stolzen Domstadt K&ouml;ln ist so d&uuml;nn, dass der Vorg&auml;nger auf meinem Sitzplatz das Blatt zwischen K&ouml;ln und Bonn (20 Minuten mit dem IC) schon ausgelesen und achtlos zur&uuml;ckgelassen hatte. <\/p><p>In der Unterzeile zum Titel hie&szlig; es: &bdquo;Wirtschaftsleistung &ndash; &Uuml;berraschend gute Konjunkturdaten &ndash; Prognosen f&uuml;r 2015 erh&ouml;ht&ldquo;. Im Text konnte man dann lesen, dass das Bruttoinlandsprodukt nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in den drei Monaten Oktober, November und Dezember 2014 um 0,7 % gestiegen war. &bdquo;Gerechnet hatten Experten mit 0,5 %. Auch das w&auml;re schon ein guter Wert gewesen. Dank des Endspurts korrigierten die Statistiker ihre Angaben zum Wachstum im Gesamtjahr 2014 leicht von 1,5 % auf 1,6 % nach oben.&ldquo;<\/p><p>In einer Extraspalte hie&szlig; ist dann unter der &Uuml;berschrift &bdquo;Ungleiches Wachstum&ldquo;, die Wirtschaftsleistung der 19 L&auml;nder mit der Euro W&auml;hrung sei zum Jahresende &bdquo;st&auml;rker als erwartet&ldquo; gewachsen: um 0,3 % zum Vorquartal. &bdquo;Bankvolkswirte hatten 0,2 % erwartet.&ldquo;<\/p><p>Weil das Wachstum im Euro Raum insgesamt bei 0,3 % im letzten Quartal des Jahres 2014 lag und bei uns in Deutschland bei 0,7 %, schlie&szlig;t ein Blatt wie der K&ouml;lner Stadtanzeiger, Deutschland schiebe Europa an.<\/p><p><strong>Merken Sie, f&uuml;r wie dumm man Sie h&auml;lt?<\/strong><\/p><ul>\n<li>Die Wirtschaftsleistung steigt mit 0,3 % st&auml;rker als erwartet, weil Bankvolkswirte nur 0,2 % erwartet hatten. &ndash; Mal abgesehen von dem immer wieder gleichen Spiel, dass Erwartungen von irgendwelchen Bankvolkswirten zitiert werden, um ein Ergebnis zu sch&ouml;nen: die verglichenen Werte liegen innerhalb von Fehlertoleranzen!<\/li>\n<li>Deutschland soll Europa anschieben, weil in einem Quartal der Wert mit 0,7 % so extrem h&ouml;her liegt als im Durchschnitt mit 0,3 %. Mit 0,7 % die anderen anschieben, diese Vorstellung ist so l&auml;cherlich, dass man fragen muss, ob diese Journalisten sich noch trauen, in den Spiegel zu schauen<\/li>\n<\/ul><p>Der Wahnsinn solcher Berichte und Kommentierungen ist nicht mehr zu fassen. Aber er hat eine Funktion: die Hauptbotschaft, die mit diesen manipulierenden Botschaften, nennen wir sie B, transportiert werden soll, ist die Botschaft A: &bdquo;Uns geht es gut. Wir haben keine wirtschaftlichen Probleme.&ldquo; Damit soll auch &uuml;bert&uuml;ncht werden, dass Menschen in Deutschland oft &uuml;ber 100 Bewerbungen schreiben m&uuml;ssen, dass sie mit Minil&ouml;hnen abgespeist werden und mit ungesicherten Arbeitsverh&auml;ltnissen usw.<\/p><p><strong>Selbstgleichschaltung?<\/strong><\/p><p>F&uuml;r alle, die glauben, meine Bemerkung zur Selbstgleichschaltung sei wieder eine typische &Uuml;bertreibung, muss ich noch vom Ende meiner Heimreise berichten. Zuhause fand ich meine Regionalzeitung von eben jenem Samstag, dem 14. Februar. Dort stand, nicht im Wirtschaftsteil, sondern auf dem Titel auf der ersten Seite zu lesen:<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Aufschwung in Deutschland belebt Europa&ldquo;. <\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Und dann hie&szlig; es im Vortext: <\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Im letzten Viertel des Jahres 2014 ist die deutsche Wirtschaft mit 0,7 % st&auml;rker gewachsen als erwartet.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Und im Aufmacher des Wirtschaftsteils hie&szlig; es dann: <\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Deutsche Konjunktur brummt&ldquo;.<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Vermutlich lauteten die &Uuml;berschriften und Texte in Ihren Regional- und Lokalbl&auml;ttern &auml;hnlich. Die Medien &uuml;bernehmen einfach, was die Agenturen melden und diese wiederum zitieren kritiklos das, was ihnen das Statistische Bundesamt serviert. Und das ganze passt in das Schema: Die neoliberale Ideologie soll best&auml;tigt werden, die Regierung Merkel und Angela Merkel pers&ouml;nlich werden &uuml;ber den gr&uuml;nen Klee gelobt. Bei der Kommentierung der wirtschaftlichen Entwicklung genauso wie beim Umgang mit dem Konflikt um die Ukraine.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir loben unsere Medien, wir weisen auch heute wieder auf ihre guten journalistischen Leistungen hin. Siehe die Hinweise des Tages. Aber oft gelingt das beim besten Willen nicht. So stolperte ich am Samstag gleich &uuml;ber mehrere Manipulationsversuche und wirkliche F&auml;lle der Selbstgleichschaltung. 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