{"id":25072,"date":"2015-02-17T13:04:56","date_gmt":"2015-02-17T12:04:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25072"},"modified":"2015-02-17T15:41:51","modified_gmt":"2015-02-17T14:41:51","slug":"sprechen-wir-doch-mal-ueber-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25072","title":{"rendered":"Sprechen wir doch mal \u00fcber Deutschland!"},"content":{"rendered":"<p>Ich kann mich gut an die Zeit erinnern, als in Griechenland die ersten Proteste gegen die aufgezwungene Austerit&auml;tspolitik begannen. Damals erschien ein Foto von einer alten Frau mit einem Plakat von Angela Merkel samt einem Hitler-Schnurrbart auf der Oberlippe der Kanzlerin. Ich war damals entt&auml;uscht von diesem Klischee, das einfach nicht gerechtfertigt schien. Es gibt sicherlich viel an Frau Merkel zu kritisieren, aber ein Vergleich mit Hitler geh&ouml;rt einfach nicht dazu. Die Tatsache, dass diese alte Frau wahrscheinlich die deutsche Besatzung und Gr&auml;ueltaten deutscher Soldaten gegen die griechische Zivilbev&ouml;lkerung erlebt hat, diente als m&ouml;gliche Erkl&auml;rung. F&uuml;nf Jahre sp&auml;ter bef&uuml;rchte ich, dass ich zu oberfl&auml;chlich mit dem Foto umging und die Botschaft nicht hinterfragte. Von <strong>Mathew D. Rose<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25072#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>].<br>\n<!--more--><br>\nDas Plakat war wahrscheinlich kein Kommentar &uuml;ber Frau Merkel, sondern &uuml;ber die wachsende Hegemonie Deutschlands in der EU und vor allem in Griechenland. Wenn das die Botschaft des Plakates war, dann lag die alte Frau damals goldrichtig. Griechenland hat in den vergangenen f&uuml;nf Jahren leider die Konsequenzen dieser politischen Entwicklung am eigenen Leib erleben m&uuml;ssen. Die humanit&auml;re Katastrophe dort hat in der Zwischenzeit  unertr&auml;gliche Dimensionen erreicht. <\/p><p>Was gegenw&auml;rtig in Griechenland geschieht ist wahrhaftig eine Revolution, auch wenn die Medien diesen Begriff peinlichst vermeiden. In Griechenland fand ein politischer und sozialer Umsturz statt. Die alte politische Kaste wurde aus dem Amt geworfen und die neue griechische Regierung wird von einer Partei mit einem wahren linken Programm gef&uuml;hrt &ndash; zum ersten Mal in der Geschichte der EU. Die neue Regierung will nun nicht nur gegen die m&auml;chtige Klasse der  Oligarchen und ihre politischen Handlangern, sondern auch gegen das aufgezwungene Austerit&auml;tsprogramm und die neoliberalistischen Kr&auml;fte, die das Land bestimmen, vorgehen. Wir beobachten vor allem auch Revolution gegen die deutsche Hegemonie und Deutschlands reaktion&auml;re Politik gegen linke Parteien in Europa. Auch wenn gerne versucht wird, der Troika, der Euro-Gruppe oder kleineren EU-Staaten die Verantwortung in die Schuhe zu schieben, kann es keinen Zweifel daran geben, dass dies ein frontaler Angriff auf Deutschlands Rolle in Europa ist.<\/p><p>Das wird sicherlich viele Deutsche &uuml;berraschen, die glauben, dass &ldquo;wir die Guten sind&rdquo; und &uuml;berall Demokratie und Gerechtigkeit f&ouml;rdern. Es gibt aber einen wachsenden Groll in vielen EU-L&auml;ndern, die unter den Konsequenzen der deutschen Politik der Austerit&auml;t leiden; eine Politik, die au&szlig;erhalb Deutschlands als diskreditiert gilt und als pathologische Besessenheit der Deutschen angesehen wird. <\/p><p>Auff&auml;llig ist die Tatsache, dass das, was urspr&uuml;nglich ein &ouml;konomischer Konflikt war, zunehmend ein nationalistischer Konflikt wird. Dass die Eurokrise nicht durch verschwenderische Regierungen, sondern durch die Rettung und Rekapitalisierung von Privatbanken verursacht wurde, wird im Diskurs der politischen Klasse der EU einfach ignoriert. Die Verluste der irischen und spanischen Privatbanken wurden einfach dem Staat &uuml;bertragen &ndash; unter Zwang. Die Gl&auml;ubiger dieser Banken waren haupts&auml;chlich Banken aus Deutschland, Frankreich und Gro&szlig;britannien. Ohne diesen Bailouts seitens der irl&auml;ndischen und spanischen Regierungen w&auml;ren diese Banken wie Lehmann Brothers davor bankrottgegangen. Das hei&szlig;t, dass Iren und Spanier nun die Zeche daf&uuml;r zahlen m&uuml;ssen, dass Banken der EU- Gro&szlig;m&auml;chte, die sich verzockt hatten, gerettet werden mussten. Damit wurden  Deutschland, Frankreich und Gro&szlig;britannien vor einer schweren finanziellen Krise gerettet. Irland und Spanien wurden jedoch Schulden aufgeb&uuml;rdet, die sie nie zur&uuml;ckzahlen k&ouml;nnen. <\/p><p>Griechenlands Problem waren nicht ihre Banken, sondern die Schulden, die das Land aufgenommen hatte. Diese Darlehen hat Griechenland von fahrl&auml;ssigen Banken erhalten, die dort eine viel h&ouml;here Rendite bekamen als zum Beispiel in Deutschland, allerdings aus Gier das Risiko ignorierten. Wesentliche Gl&auml;ubiger des griechischen Staates vor der gro&szlig;en &bdquo;Rettung&ldquo; waren deutsche und franz&ouml;sische Banken. Diese Forderungen sind nun von den Privatbanken &uuml;ber Griechenland auf die Staaten der Eurozone &uuml;bergegangen.<\/p><p>Es war wohl vor 2009 kein Geheimnis, dass Griechenlands politische Klasse die finanziellen Strukturdaten manipulierte. Doch das Land war ein guter Kunde f&uuml;r deutsche Exporte, besonders Waffen &ndash; ein Gesch&auml;ft, das, wie wir heute wissen, mit Bestechungsgeldern beg&uuml;nstigt wurde. Deswegen schaute die deutsche Regierung gerne weg &ndash; bis die Finanzkrise kam.<\/p><p>Der Mythos, dass Griechenland von der EU &bdquo;gerettet&ldquo; wurde, ist genau das: Ein Mythos. Das meiste Geld kam nie in Athen an, sondern floss an deutsche und franz&ouml;sische Banken, deren Existenz durch ihr Griechenland-Abenteuer bedroht war. Sie wurden gerettet. Das einzige, was die Griechen erhielten, waren neue Schulden.<\/p><p>So ist es auch geblieben. Die deutsche, franz&ouml;sische und britische Regierung entschieden sich, die Vormachtstellung ihre Banken zu sch&uuml;tzen und die Rechnung daf&uuml;r vergesellschaftet. Dies war wahrscheinlich eine der gr&ouml;&szlig;ten Umverteilungen in der Geschichte Europas. Die Kehrseite ist die humanit&auml;re Katastrophe f&uuml;r Millionen von EU-B&uuml;rgern.<\/p><p>Deutschland will diesen Diskurs jedoch nicht f&uuml;hren. Hier werden die Banken zumindest von der Politik mit Ehrfurcht wahrgenommen und die Regierungspolitik wird zum gr&ouml;&szlig;ten Teil durch die Wirtschaft diktiert. Auf der anderen Seite erheben die Deutschen jedoch auch einen sehr hohen moralischen Anspruch an sich selbst und andere. Doch was hat  die politische Klasse Deutschlands getan? Assistiert von den Medien, griff sie auf wohlbekannte Hilfsmitteln zur&uuml;ck: Nationalismus und Rassismus. Es ging nicht mehr um gierige, fahrl&auml;ssige, l&uuml;gende, korrupte Banken, sondern gierige, fahrl&auml;ssige, l&uuml;gende, korrupte S&uuml;deurop&auml;er. Man vergisst zu gern die Tatsache, dass, als die Krise begann, das Verh&auml;ltnis Nettoschulden zum BIP in Irland bei 12 Prozent, in Spanien bei 26 Prozent und in Deutschland bei 50 Prozent lag.<\/p><p>Tragisch ist, wie erfolgreich diese populistische Strategie in allen Klassen der deutschen Gesellschaft ist. Dass Deutschland der gro&szlig;e Profiteur dieser Krise ist, will in Deutschland niemand sehen. Laut der Bundesbank hat die Bundesregierung dank der niedrigen Zinsen f&uuml;r Staatsschulden bis Ende 2014 152,4 Milliarden Euro an Zinszahlungen gespart. Diese niedrigen Zinsen sind eine direkte Folge der Krise. Der schwache Kurs des Euros durch die Krise nutzt vor allem Deutschlands exportorientierter Wirtschaft. Kein Land hat so von dieser Krise profitiert wie Deutschland, dass durch die Krise zum Hegemon der EU katapultiert wurde.<\/p><p>Leider, Nationalismus f&ouml;rdert Nationalismus, was nun zu einem wesentlichen politischen Problem werden k&ouml;nnte. Bisher waren die EU-B&uuml;rokraten und die Banken f&uuml;r viele Europ&auml;er nicht gerade greifbare Schuldige f&uuml;r diese Fehlpolitik &ndash; Deutschland nun schon. Die gegenw&auml;rtige Kompromisslosigkeit der deutschen Regierung gegen&uuml;ber Griechenland best&auml;tigt diese Wahrnehmung von der Arroganz und Gier Deutschlands. Diese Tendenz entwickelt sich rapide.<\/p><p>Die griechische Regierung hat bisher auf der politischen B&uuml;hne brillant agiert. Sie hat ein klares humanit&auml;res Programm pr&auml;sentiert, verbunden mit dem Ziel, Korruption und Steuerfreiheit f&uuml;r die Reichen anzugehen. Dadurch hat sie nat&uuml;rlich auch den moralischen Vorteil gewonnen. Die neue griechische Regierung hat auch klare Schritte zur Umsetzung vorgestellt und gewisse Kompromisse angeboten. Kurz, sie hat den Geist der EU ans Licht gebracht. Bisher hat die Euro-Gruppe, auff&auml;llig gef&uuml;hrt von Deutschland, ausschlie&szlig;lich dasselbe gefordert: Griechenland muss die alten Bedingungen der Austerit&auml;tspolitik akzeptieren. Mit anderen Worten: Kapitulation oder Niedergang.<\/p><p>Doch Syriza ist keine sozial-demokratische Partei, die keine Skrupel hat, ihre W&auml;hler zu verraten. Syriza vertritt ein Programm von Demokratie und Reformen &ndash; allerdings mit der gegens&auml;tzlichen Konnotation von dem, was die reaktion&auml;re deutsche Regierung darunter versteht. Die deutschen Vorstellungen konnte man in den vergangenen f&uuml;nf Jahren in Griechenland sehen.  <\/p><p>Diese Entwicklung k&ouml;nnte eine wesentliche Rolle in den kommenden Wochen spielen. Sollte Deutschland seine Position nicht aufweichen und Griechenland in die Insolvenz und aus dem Euro treiben, wird dies allen Anti-Austerit&auml;ts-Parteien, links wie rechts, Aufwind geben. Diese Parteien werden, wie es Deutschland schon vorgemacht hat, einen &ouml;konomischen Konflikt zu einem nationalistischen Konflikt umwandeln, blo&szlig; mit dem anderen Blickwinkel: Die repressiven, geld- und machtgierigen Deutschen, die, wie vor 75 Jahren, Europa auspl&uuml;ndern. Da die Anti-Austerit&auml;ts-Bewegung in Spanien, Frankreich und Italien ohnehin auf dem Vormarsch ist, kann dies diese Tendenz nur verst&auml;rken. Bald k&ouml;nnten es Deutschland und seine Paladinen in der EU vielleicht nicht mehr nur mit einem rebellierenden Griechenland zu tun haben.<\/p><p>Die Entscheidung von Griechenlands neu eingef&uuml;hrtem Premierminister, Alexis Tsipras, in seiner ersten Amtshandlung Rosen auf dem Denkmal eines ehemaligen Konzentrationslagers niederzulegen, in dem die Deutschen 1944 200 griechische Kommunisten erschossen hatten, war subtil, vielleicht jedoch auch wegweisend wohin dieser Konflikt f&uuml;hren wird.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] <strong>Mathew D. Rose<\/strong> arbeitet seit fast einem Vierteljahrhundert als investigativer Journalist f&uuml;r Organisierte Politische Kriminalit&auml;t in Deutschland. Er schreibt ebenfalls &uuml;ber Politik, Wirtschaft und Finanzen.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich kann mich gut an die Zeit erinnern, als in Griechenland die ersten Proteste gegen die aufgezwungene Austerit&auml;tspolitik begannen. Damals erschien ein Foto von einer alten Frau mit einem Plakat von Angela Merkel samt einem Hitler-Schnurrbart auf der Oberlippe der Kanzlerin. Ich war damals entt&auml;uscht von diesem Klischee, das einfach nicht gerechtfertigt schien. Es gibt<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25072\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[136,139,181],"tags":[423,241,380,1555,325,1224],"class_list":["post-25072","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-banken-boerse-spekulation","category-euro-und-eurokrise","category-europapolitik","tag-austeritaetspolitik","tag-bankenrettung","tag-export","tag-griechenland","tag-staatsschulden","tag-syriza"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/25072","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=25072"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/25072\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":25074,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/25072\/revisions\/25074"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=25072"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=25072"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=25072"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}