{"id":251,"date":"2005-03-16T12:55:15","date_gmt":"2005-03-16T11:55:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=251"},"modified":"2016-03-18T08:53:11","modified_gmt":"2016-03-18T07:53:11","slug":"rede-von-albrecht-muller-thema-der-reform-irrtum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=251","title":{"rendered":"Rede von Albrecht M\u00fcller, Thema: Der Reform-Irrtum."},"content":{"rendered":"<p>Deutscher Automobil Industrie Gipfel 2005 &ndash; Stuttgart 15.3.2005<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Thema: Der Reform-Irrtum. Warum der Standort Deutschland besser ist als sein Image &ndash; und die Reformen in die falsche Richtung gehen. <\/strong><\/p><ol>\n<li>Sie h&auml;tten mir kein aktuelleres Thema stellen k&ouml;nnen. Denn hinter uns liegt ein von Reformreden erf&uuml;lltes Wochenende, und vor uns liegt der Reformgipfel von Regierung und Opposition &ndash; und alles dreht sich immer um das gleiche Thema: um die angeblichen Insuffizienzen unseren Landes, um den Reformstau und den daraus folgenden Bedarf an grundlegenden Reformen.<br>\nWenn diese Runde vorbei ist, dann hat sich vermutlich das Rad der gro&szlig;en &ouml;konomischen und mentalen Depression wieder ein paar Runden weiter gedreht. &ndash;<br>\nWann endlich h&ouml;ren wir damit auf? Wann endlich machen wir uns ans Werk, mit dem zu arbeiten und zu leben, was wir haben, und was sich weitgehend bew&auml;hrt hat? Wann endlich finden wir gut, was hierzulande gut ist und bauen darauf auf? Wann endlich besinnen wir uns &ndash; in den Worten von Josef Ackermann &ndash; auf &bdquo;f&uuml;nfzig erfolgreiche Jahre Bundesrepublik&ldquo;?<\/li>\n<li>Wer so etwas selbstverst&auml;ndliches sagt, gilt hierzulande als Exot. Einer dieser Exoten kommt aus Ihren Reihen. Er trat vor gut sechs Wochen, am 28. Januar, vor seine Hauptversammlung und sagte Ungew&ouml;hnliches zur &ouml;ffentlichen Debatte in Deutschland. Ich zitiere den Porsche Chef Wendelin Wiedeking: &ldquo;Was es nicht braucht sind Politiker, Wirtschaftsf&uuml;hrer und Verbandsfunktion&auml;re, die st&auml;ndig dar&uuml;ber reden, was man tun m&uuml;sste, wenn man tun k&ouml;nnte, wor&uuml;ber man gerade redet &ndash; und die damit nur noch eine gnadenlose und weltweit nicht mehr vergleichbare Miesmacherei an den Tag legen. Die Suche nach dem, was in Deutschland angeblich schief l&auml;uft, ist in gewissen Kreisen geradezu zum Volkssport geworden. &hellip;. Es gibt nicht eine einzige &ldquo;Talkshow&rdquo;, die uns Mut machen k&ouml;nnte. Es findet nur Kritik statt, reine Systemkritik &ndash; und ausgerechnet von den politischen und wirtschaftlichen Eliten des Landes. Was hier kaputt geredet wird , was hier vor allem die Glaubw&uuml;rdigkeit unserer politischen und wirtschaftlichen Grundlagen untergr&auml;bt, ist gef&auml;hrlicher als die Systemkritik der Achtundsechziger.&ldquo; Und Wiedeking weiter: &ldquo;Da bedarf es ausgerechnet ausl&auml;ndischer Eliten, die uns die Vorteile unseres Standorts wieder in Erinnerung rufen &ndash; so wie General Electric, die ihr internationales Forschungszentrum nicht in den USA errichten, sondern in M&uuml;nchen, so wie der Schweizer Unternehmensberater Fredmund Malik, der uns wieder sagen muss, dass &ldquo;die Deutschen allen Grund haben, stolz auf ihre Leistung zu sein&rdquo; und der offen beim neudeutschen Gesellschaftsspiel, bei dem der eine den anderen in der Miesmacherei &uuml;bertreffen will, gegen h&auml;lt.&rdquo;<\/li>\n<li>Ich bin froh, dass es Wendelin Wiedekings Stimme der Vernunft in den Reihen der deutschen Automobilindustrie gibt. Dies zu wissen befreit mich ein bisschen vom Dauerstress einer Konfrontation mit dem g&auml;ngigen Denken und Reden, das aus meiner Sicht schon Orwellsche Z&uuml;ge tr&auml;gt. Wir sind Opfer gezielten Brainwashings. In meinem Buch &bdquo;Die Reforml&uuml;ge&ldquo; habe ich diesen Eindruck eingehend begr&uuml;ndet.<\/li>\n<li>Aus Herrn Wiedekings Sprache leuchtet ein ger&uuml;ttelt Ma&szlig; an Zorn auf die g&auml;ngigen Redensarten. Ich kann ihn sehr gut verstehen. Die selbstkasteiende Kritik geht inzwischen an den Nerv unserer wirtschaftlichen Entwicklung. Die Miesmache versch&auml;rft die vorhandenen strukturellen und konjunkturellen Probleme. Inzwischen ist es partout nicht mehr leicht, aus der Rezession herauszukommen. Wenn ernst genommen w&uuml;rde, was der Anlass der eingangs erw&auml;hnten neuerlichen Reformdebatte ist &ndash; die hohe Arbeitslosigkeit von weit &uuml;ber 5 Millionen Menschen und die hohe Zahl von Insolvenzen, dann m&uuml;sste man alle Kraft zusammennehmen, und eine pragmatische expansive Politik betreiben.<\/li>\n<li>Das wichtige Fundament daf&uuml;r w&auml;re eine gute Aufbruchsstimmung. Die bekomme ich aber nicht, wenn ich den Leuten immer wieder erz&auml;hle, dass bei uns alles nicht stimmt, dass wir &uuml;ber unsere Verh&auml;ltnisse leben, dass wir nicht mehr aus dem Vollen sch&ouml;pfen k&ouml;nnen und dass sie sich bescheiden m&uuml;ssten, dass die Zeiten des Wachstums vorbei sind und die Arbeitnehmer hierzulande ohnehin zu viel verdienen, dass wir vor v&ouml;llig neuen Herausforderungen stehen und dass wir alles zur Disposition stellen m&uuml;ssen.<\/li>\n<li>Das sind die g&auml;ngigen Spr&uuml;che. Wer so redet, hat keine Ahnung von der Psyche der Menschen. Und keine Ahnung von Konjunkturpolitik. Als ich 1968 bei Bundeswirtschaftsminister Karl Schiller als Ghostwriter anheuerte und der Finanzminister Franz-Josef Strau&szlig; unser politischer Konkurrent aber Partner im Aufschwung war, da kannten die Wirtschaftspolitiker noch die Seele der Menschen. Die Richtung stimmt, lie&szlig;en sie plakatieren. Und die Pferde m&uuml;ssen wieder saufen. &ndash; Aber, will ich gleich anmerken: mir geht es nicht um Nostalgie sondern um ein bisschen mehr Vernunft. Das f&auml;ngt beim Umgang mit dem eigenen Land an.<\/li>\n<li>Wer von drau&szlig;en in unser Land hinein horcht, muss den Eindruck bekommen, hier sei alles marode. Die Meinungsf&uuml;hrer hierzulande &uuml;bertreiben und dramatisieren und manipulieren, dass sich die Balken biegen. Ich will konkret werden:\n<ul>\n<li>Da reist ein Professor aus M&uuml;nchen durch die deutschen Talkshows und verk&uuml;ndet, was er vermeintlich in Ingolstadt gelernt hat: aus der Tatsache, dass Audi Motoren im Ausland baut und in Ingolstadt einbaut, schlie&szlig;t er, dass in Deutschland nur noch sogenannte Basar-&Ouml;konomie stattfinde; die Wertsch&ouml;pfung finde drau&szlig;en statt, hier werde zusammengesteckt. &ndash; Hier nimmt jemand, der sich Wissenschaftler nennt, pars pro toto. Hier wird der Anstieg der internationalen Arbeitsteilung zum Anschw&auml;rzen unserer Volkwirtschaft benutzt. Wenn Sinn&rsquo;s Behauptungen stimmen w&uuml;rden, dann ginge es wegen der Auslagerung mit der Besch&auml;ftigung auch in der Automobilindustrie insgesamt rapide bergab. Das ist allenfalls ein Teilbild. So sieht es &uuml;brigens auch der Pr&auml;sident des Verbandes der Automobilindustrie Prof. Gottschalk. (Pressedienst des VDA vom 27.1.2004).\n<p>Aber dennoch verfangen diese pessimistischen Thesen: Als ich &uuml;ber dieses mediendominante Problem mit einem Vertreter der IHK meiner Region, der S&uuml;dpfalz mit dem gr&ouml;&szlig;ten LKW-Werk unseres Landes, sprach, bekam ich bezogen auf den Mercedes-LKW Actros zu h&ouml;ren, er werde in Deutschland nur noch zusammenmontiert.<br>\nEin Anruf gen&uuml;gt, um dieses Gerede zu widerlegen: der Motor kommt aus Mannheim, die Getriebe aus Gaggenau, die Achsen aus Kassel und Gaggenau, alle wichtigen Komponenten kommen aus Deutschland. Im s&uuml;dpf&auml;lzischen W&ouml;rth selbst wurden in der letzten Zeit 1000 neue Mitarbeiter eingestellt. Wenn Wertsch&ouml;pfung hierzulande nicht mehr stattf&auml;nde, w&uuml;rden nicht mehr, sondern weniger Leute besch&auml;ftigt.<\/p><\/li>\n<li>Der gleiche Professor behauptet in seinem Buch, Deutschland werde von den USA, deren Weltmarktanteil von 15 auf 19% angestiegen sei, &bdquo;von den Weltm&auml;rkten verdr&auml;ngt&ldquo;. Die Tatsachen: 2003 eroberte Deutschland mit 10,2% Welthandelsanteil den ersten Platz vor den USA mit 9,9%. Der Professor hatte Export und Import verwechselt und musste das entsprechende Diagramm von der 1. Auflage zu den n&auml;chsten austauschen. Die Meinungsf&uuml;hrer glauben ihm trotzdem. Was ist los in diesem unserem Land, wenn Wissenschaftler und die tonangebenden Kr&auml;fte den Fakten widersprechend die Lage schlechter malen als sie ist?<\/li>\n<li>Die Verlagerung ist ein Problem, mit dem wir fertig werden m&uuml;ssen. Es verlangt betriebliche Flexibilit&auml;t und f&uuml;hrt zu strukturellen Verschiebungen im Gef&uuml;ge unsere Volkswirtschaft, die wir abfedern m&uuml;ssen. Aber glauben wir, dieses Problem mit &Uuml;bertreibungen zu bew&auml;ltigen? Wenn der Ministerpr&auml;sident eines sch&ouml;nen Bundeslandes in einer Talkshow behauptet, es w&uuml;rden 50.000 Arbeitspl&auml;tze im Monat und 600.000 im Jahr abwandern, tats&auml;chlich aber die Zust&auml;ndigen einschlie&szlig;lich seiner Staatskanzlei nichts Genaues wissen, und der DIHK auf Anfrage 50.000 pro Jahr sch&auml;tzt, dann muss man feststellen: Solche leichtfertigen Behauptungen schaden dem Image unserer Volkswirtschaft, sie verst&auml;rken den Trend und f&uuml;hren bei manchen Unternehmern &uuml;brigens zu modisch determinierten Fehlentscheidungen pro Verlagerung.<\/li>\n<li>Das Image unseres Landes wird auch von noch ganz anderen Seiten unter Stress gesetzt. Und wiederum unn&ouml;tigerweise. Wenn Sie die Reden unserer F&uuml;hrungsspitzen &ndash; wieder partei&uuml;bergreifend &ndash; Revue passieren lassen, dann werden Sie immer die gleichen Begr&uuml;ndungen f&uuml;r Strukturreformen finden: Wir st&uuml;nden vor v&ouml;llig neuen Herausforderungen, vor der g&auml;nzlich neuen Globalisierung und vor dem neuen und bedr&uuml;ckenden Problem der demographischen Entwicklung, des Wenigerwerdens und des &Auml;lterwerdens.\n<p>Wenn ich ein junger Mensch im Ausland oder ein ausl&auml;ndischer Investor w&auml;re und w&uuml;rde den dramatischen Geschichten des Mitherausgebers der FAZ, Schirrmacher, glauben, ich ginge nicht nach Deutschland. Ich ginge nicht in ein Land, dessen Eliten aus Wissenschaft und Wirtschaft, aus Politik und Publizistik jeden Tag erz&auml;hlen, die Alten lebten auf Kosten der Jungen und die arbeitende Generation habe k&uuml;nftig eine unertr&auml;gliche Alterslast zu tragen. In einen solchen schrumpfenden Markt zu investieren. Schrecklich! Die erdr&uuml;ckende Last der arbeitenden, jungen Generation vor Augen! Noch schrecklicher! <\/p>\n<p>Aber: Schrecklich ist allein das Niveau unserer Eliten. Auch die demographische Entwicklung wird n&auml;mlich ma&szlig;los &uuml;bertrieben. Schirrmacher z.B. behauptet wahrheitswidrig, die Weichen f&uuml;r Deutschlands Bev&ouml;lkerungsr&uuml;ckgang von 82 Millionen auf 67 Millionen in 2050 seien &bdquo;unumkehrbar&ldquo; gestellt. Er unterschl&auml;gt, dass die Prognosen sehr unsicher sind und dass die mittlere Variante der Modellrechung der Demographen f&uuml;r 2050 bei 75 und nicht bei 67 Millionen liegt, wie er schreibt. 1950 &uuml;brigens waren es mit 68,7 Mio. weit weniger. &ndash; Andere entlastende Faktoren wie die Entwicklung der Arbeitsproduktivit&auml;t werden einfach weggelassen.<\/p><\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<li>&Uuml;brigens: Selbst wenn unsere Standortbedingungen wirklich so schlecht w&auml;ren, wie sie dargestellt werden, h&auml;tten unsere Politiker verdammt noch mal die Pflicht, gut &uuml;ber unser Land zu reden. Denn ein Land mit einem schlechten Image verkauft sich schlecht. Und auch wir verkaufen uns dann unter Wert &ndash; unsere Assets, unsere Waren, unsere Dienste und Ansiedlungsstandorte werden durch die Stimmungsmache entwertet.<\/li>\n<li>Die &ouml;ffentliche Meinung ist in den H&auml;nden von Meinungsf&uuml;hrern, die das System ver&auml;ndern wollen. Das hat Wendelin Wiedeking treffend formuliert. Um ihre Forderung nach Strukturreformen als schl&uuml;ssig erscheinen zu lassen, m&uuml;ssen sie das Vorhandene als schlecht und &uuml;berholt darstellen. Andernfalls sind die geforderten Reformen an Haupt und Gliedern nicht einleuchtend. Das treibt inzwischen obskure Bl&uuml;ten &ndash; von rechts bis links: Der Managerkreis der Friedrich-Ebert-Stiftung verlangt &bdquo;Langfristreformen in Permanenz&ldquo;. Da wird die andauernde &Auml;nderung der Rahmenbedingungen zur Tugend erkl&auml;rt. Eine groteske, b&uuml;rokratief&ouml;rdernde Vorstellung. Aber mit Applaus versehen. Und der ehemalige BDI-Pr&auml;sident Rogowski antwortet auf die Flops von Hartz I-IV: &ldquo;Wenn Sie fragen: Wo sind die Jobs, und wie kriegen wir die Jobs, dann w&uuml;rde ich empfehlen: Hartz V bis VIII.&ldquo;\n<p>Das ist schon nicht mehr lustig. Die Reformer sind wie Drogenabh&auml;ngige. Statt nachzudenken legen sie nach.<\/p><\/li>\n<li>Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung berichtete am 6.3. unter der &Uuml;berschrift &bdquo;Magere Bilanz&ldquo; von der Erfolglosigkeit der Reformen von Hartz I-III. DER SPIEGEL titelt am 7.3., dass die Arbeitsplatzversprechungen des Bundeskanzlers nicht eingehalten werden. Trotz permanenter Reformbem&uuml;hungen. Mich wundert, dass sich die Autoren wundern. Denn dass die Reformen uns nicht aus der wirtschaftlichen Krise helfen, konnte man schon lange wissen. Seit gut 20 Jahren wird in Deutschland im neoliberalen Sinne reformiert. Sieben gravierende Steuerreformen haben wir hinter uns. Ohne Erfolg.<\/li>\n<li>Das Land schlittert dabei immer tiefer in die Wirtschaftskrise &ndash; seit 1991 mit nur noch 1,3% realem BIP-Wachstum im Durchschnitt aller Jahre. Die Vorstellung, das sei die Folge eines Reformstaus und Strukturreformen h&uuml;lfen uns aus der Krise, ist eine fixe Idee, ein kollektiver Wahn.<br>\nIhre &bdquo;Glaubw&uuml;rdigkeit&ldquo; gr&uuml;ndet nur darauf, dass die Meinungsf&uuml;hrer in Politik und Wirtschaft, in Publizistik und Wissenschaft immer und immer wieder das Gleiche sagen.<\/li>\n<li>Tats&auml;chlich leiden wir nicht unter Reformstau, sondern unter wirtschaftspolitischer Inkompetenz unserer Eliten. Das beste Beispiel ist die neue Steuersenkungsdebatte. Wir leiden eindeutig unter einer gro&szlig;en Schw&auml;che der Binnennachfrage und wollen die Steuern jener senken, die viel sparen. Und m&ouml;glicherweise jene Steuer erh&ouml;hen, die den Konsum beeintr&auml;chtigt &ndash; die Mehrwertsteuer. Der Chef&ouml;konom von Goldman Sachs, Jim O&rsquo;Neill, hat sich &uuml;ber diesen speziellen Dogmatismus der deutschen &Ouml;konomen und Politiker schon im August letzten Jahren gewundert.\n<p>Uns mangelt es an einer pragmatischen und undogmatischen Wirtschaftspolitik. So sehen es auch andere ausl&auml;ndische Fachleute, z.B. der US-amerikanische Nobelpreistr&auml;ger Robert Solow. Er hat drei geradezu klassische S&auml;tze gesagt: &bdquo;Die deutsche Wirtschaft schw&auml;chelt nun schon seit einer Dekade. Wenn ich ein Manager w&auml;re, w&uuml;rde ich meine Produktion auch nicht ausweiten, solange die M&auml;rkte nicht erkennbar expandieren. Klar, Makropolitik beherrscht vermutlich niemand perfekt, aber mir scheint offensichtlich: in Deutschland k&ouml;nnte man sie wesentlich besser machen.&ldquo; <\/p>\n<p>Sie alle empfehlen massive Impulse auf dem Binnenmarkt. Das w&auml;re auch f&uuml;r die Autoindustrie wichtig.<\/p><\/li>\n<li>Aber in Deutschland selbst ist man taub gegen&uuml;ber solchen Empfehlungen. Hier werden Etiketten verteilt. Auch ich werde Keynesianer genannt, obwohl ich zeit meines Berufslebens f&uuml;r eine optimale Kombination aller Instrumente eintrete, der keynesianischen und der angebots&ouml;konomischen, der F&ouml;rderung der Produktivit&auml;t und Wettbewerbsf&auml;higkeit n&auml;mlich.<\/li>\n<li>Die Dogmatiker spielen ein gef&auml;hrliches Spiel. Denn es droht uns immer noch zum einen die Gefahr, dass mit einem sinkenden Dollar das verbliebene Bein der Konjunktur, der Export, wegbricht, und zum zweiten die Gefahr, dass wir mit unserer Austerity-Politik auch jene Volkswirtschaften, die eng mit uns verwoben sind, nach unten ziehen und dann auch diese unsere Export-M&auml;rkte schrumpfen. In Frankreich z.B. sorgt man sich &uuml;ber die aus Deutschland abstrahlenden Gefahren.<\/li>\n<li>Was w&auml;re n&ouml;tig? Die erw&auml;hnte pragmatische Kombination von sogenannten keynesianischen Methoden, um die Konjunktur anzuschieben, mit angebots&ouml;konomischen Instrumenten, um das Land und die hier Arbeitenden weiter fit zu machen und zu halten. Diese optimierende Kombination aller m&ouml;glichen Instrumente ist vermutlich auch das beste Mittel gegen Abwanderung.<\/li>\n<li>Stellen Sie sich vor, die Oppositionsf&uuml;hrerin Angela Merkel und Bundeskanzler Gerhard Schr&ouml;der tr&auml;ten am Donnerstag nach dem Spitzengespr&auml;ch vor die Medien und w&uuml;rden etwa Folgendes sagen:\n<p>Wir leben in einem lebenswerten Land. Wir haben in 55 Jahren Bundesrepublik Regeln des Zusammenlebens entwickelt, die man mit Fug und Recht ein Modell nennen kann: <\/p>\n<ul>\n<li>Der soziale Friede war bisher einzigartig. Wir werden alles tun, um ihn zu erhalten. <\/li>\n<li>Unser Ausbildungs- und Bildungssystem ist um vieles besser als heute behauptet wird. Anders ist die Konkurrenzf&auml;higkeit unserer Betriebe auf den Weltm&auml;rkten nicht zu erkl&auml;ren. Wo Schw&auml;chen sichtbar sind, werden Bund und L&auml;nder gemeinsam nachbessern: f&uuml;r eine bessere Ausstattung der Universit&auml;ten, f&uuml;r mehr Kontrolle und Motivation der Lehrenden, f&uuml;r neue Unterrichtsmethoden in den Schulen, und die systematische Suche nach guten Schulleitungen, f&uuml;r eine bessere Lehrer-Sch&uuml;ler-Relation, mehr Ganztagsschulen, mehr Musikunterricht, weniger Fernsehen &hellip; und weniger Gewalt auf dem Bildschirm. Das w&auml;ren Reformen, die wir wirklich brauchen.<\/li>\n<li>Wir haben eine vergleichsweise gute Infrastruktur. Sie war und ist wichtig f&uuml;r die Qualit&auml;t des Standorts Deutschland. Wo sie unter der Finanzschw&auml;che des Staates, vor allem der Gemeinden, leidet, wollen wir aktiv werden.<\/li>\n<li>Menschen, die sich sicher f&uuml;hlen, sind produktiver als solche in Not und in ungesicherten Arbeitsverh&auml;ltnissen. Jeder vern&uuml;nftige Arbeitgeber wei&szlig; das. Deshalb haben wir uns darauf verst&auml;ndigt, dass wir den vermeintlichen Trend zu ungesicherten Arbeitsverh&auml;ltnissen umkehren wollen. Das braucht Zeit, aber es ist unser gemeinsames Ziel.<\/li>\n<li>Wichtig f&uuml;r die Attraktivit&auml;t unseres Landes sind auch die sogenannten weichen Standortfaktoren: Wir wollen unsere einzigartige kulturelle Vielfalt erhalten. Wir wollen ein sicheres Land bleiben. Wir werden gemeinsam Korruption bek&auml;mpfen und damit werben. Wir wollen damit werben, dass man sich hierzulande frei bewegen kann, ohne Angst um Leib und Leben.\n<p>Wir haben gemeinsam eine gro&szlig;e Sorge: unser Land leidet nun schon seit mehr als einem Jahrzehnt unter einer konjunkturellen Krise. Weder die Regierung Kohl noch die jetzige Regierung haben darauf angemessen geantwortet. Es ist inzwischen eine gef&auml;hrliche Rezession, unter der die Arbeitslosen, die Arbeitnehmer und viele auf den Binnenmarkt konzentrierte Unternehmer massiv zu leiden haben. Deshalb werden wir gemeinsam eine gro&szlig;e Anstrengung zur Belebung der Konjunktur unternehmen. Es wird ein vielf&auml;ltiges Programm sein. Im Kern steht ein Zukunftsinvestitionsprogramm. <\/p>\n<p>Mit diesen Aktivit&auml;ten zur Belebung der Konjunktur werden wir die Schulden nicht vermehren; schon in kurzer Frist werden sich die Fr&uuml;chte zeigen. Wir werden aus Arbeitslosengeldbeziehern Arbeitslosenbeitrags- und Steuerzahler machen. Wie in anderen L&auml;ndern auch ist die &Uuml;berwindung der Rezession die Voraussetzung f&uuml;r den Abbau der Schulden des Staates und die Erf&uuml;llung der Maastrichtkriterien. <\/p>\n<p>Das Wichtigste: wir haben uns darauf verst&auml;ndigt, unser Land und die deutsche Volkswirtschaft k&uuml;nftig realistisch darzustellen. Das meint, gut &uuml;ber die Strukturen des Landes und &uuml;ber die Qualit&auml;t der Menschen, die hier arbeiten, zu reden. Das kostet kein Geld, dazu bedarf es keiner besonderen Phantasie, es bedarf nur eines wohlwollenden Sinns f&uuml;r die Realit&auml;t. Auf geht&rsquo;s. Die Richtung stimmt.<\/p><\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<\/ol><p>So k&ouml;nnten die Erkl&auml;rungen am Donnerstag lauten. Es w&auml;re so einfach. Aber die R&uuml;ckkehr zur Vernunft ist vermutlich nur ein Traum.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutscher Automobil Industrie Gipfel 2005 &ndash; Stuttgart 15.3.2005 <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[11,211,30],"tags":[1565,290,300,312,424,629],"class_list":["post-251","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-strategien-der-meinungsmache","category-veranstaltungshinweiseveranstaltungen","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-automobilindustrie","tag-binnennachfrage","tag-mueller-albrecht","tag-reformpolitik","tag-sinn-hans-werner","tag-wiedeking-wendelin"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/251","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=251"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/251\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32232,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/251\/revisions\/32232"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=251"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=251"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=251"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}