{"id":25141,"date":"2015-02-23T07:28:06","date_gmt":"2015-02-23T06:28:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25141"},"modified":"2019-05-19T13:01:17","modified_gmt":"2019-05-19T11:01:17","slug":"grenzen-der-freiheit-auch-der-satire-offen-bleibe-die-frage-ob-satire-grenzenlos-frei-sein-darf-meint-mohssen-massarrat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25141","title":{"rendered":"Grenzen der Freiheit, auch der Satire. Offen bleibe die Frage, ob Satire grenzenlos frei sein darf, meint Mohssen Massarrat"},"content":{"rendered":"<p>Die Diskussion um die Morde von Paris ist durch die Anschl&auml;ge in D&auml;nemark neu aktualisiert. <strong>Mohssen Massarrat<\/strong> h&auml;lt es f&uuml;r wichtig, &uuml;ber die Grenzen der Freiheit, auch der Satire, neu und anders nachzudenken. Wir geben seinen Beitrag als Denkansto&szlig; weiter. <strong>Wolfgang Lieb<\/strong> hat dazu am Ende dieses Textes eine kommentierende Anmerkung gemacht. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong><br>\n<!--more--><br>\n<strong>Grenzen der Freiheit, auch der Satire. Von Mohssen Massarrat<\/strong><\/p><p>Die neun Redaktionsmitglieder von Charlie Hebdo haben f&uuml;r die Pressefreiheit einen hohen, nein einen viel zu hohen Preis bezahlt. Allgemein werden sie als Vork&auml;mpfer der Pressefreiheit gegen religi&ouml;se Intoleranz in die Geschichte eingehen. Die &uuml;berw&auml;ltigende Solidarit&auml;t mit ihnen spricht f&uuml;r sich.<\/p><p>Offen bleibt allerdings weiterhin die Frage, ob Satire grenzenlos frei sein darf. Satiriker selbst beanspruchen beinahe ausnahmslos f&uuml;r sich eine solche Freiheit, Satire und Zensur seien schlie&szlig;lich wie Feuer und Wasser. Papst Franziskus gibt sich jedoch mit einer Satire, die keine Grenzen kennt, nicht zufrieden. Auf seinem Flug nach Manila Mitte Januar d. J. sagte er laut katholischer Nachrichten-Agentur &bdquo;Viele Personen reden schlecht von den Religionen, machen sich lustig &uuml;ber sie, machen die Religionen der anderen zum Spielzeug, sie provozieren [&hellip;]. Es gibt eine Grenze. Jede Religion hat W&uuml;rde, jede Religion, die das menschliche Leben achtet. Ich kann mich dar&uuml;ber nicht lustig machen. Und das ist eine Grenze.&ldquo; Auch liberale Moslems in Europa und in der islamischen Welt haben ein sehr ernsthaftes Problem mit der neuen Charlie Hebdo Mohammed-Karikatur, sie tun es jedoch als &bdquo;geschmacklos&ldquo; oder als eine &bdquo;Provokation gegen den Islam&ldquo; ab. Haben die Religionsvertreter nicht doch Recht und machen sie uns mit ihrem Unbehagen nicht auf einen wichtigen Punkt aufmerksam? Von einem in sich schl&uuml;ssigen Demokratieverst&auml;ndnis ausgehend, kann auch ich mir das Freiheitsverst&auml;ndnis einer Berufsgruppe nicht einfach zu eigen machen. In der Tat haben Satiriker unbestreitbar ein Eigeninteresse daran, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen. Denn dieses Bed&uuml;rfnis f&ouml;rdert ja die Kreativit&auml;t jedes K&uuml;nstlers. K&ouml;nnte es aber nicht sein, dass der K&uuml;nstler durch den Gebrauch seiner grenzenlosen Freiheit, vielleicht sogar unbewusst, die Gef&uuml;hle und die W&uuml;rde anderer verletzt? Und ist es nicht vorstellbar, dass ideologisch motivierte Kr&auml;fte diesen privilegierten Status des v&ouml;llig freien K&uuml;nstlers f&uuml;r andere Zwecke instrumentalisieren? Allein diese Fragen lassen Zweifel aufkommen, ob die Reklamierung einer grenzenlosen Freiheit &uuml;berhaupt demokratiekonform ist. <\/p><p>Eine lebendige und voll funktionsf&auml;hige Demokratie ist zweifelsohne die beste Form, Konflikte zu entsch&auml;rfen und ein friedliches Zusammenleben der Kulturen zu erm&ouml;glichen. Freiheit der Presse und auch der Satire geh&ouml;rt ebenso zu den fundamentalen Grundlagen einer solchen Demokratie, wie der Respekt vor der Freiheit der Andersdenkenden. Genau in dieser Vielschichtigkeit des Freiheitsbegriffs liegen auch die Grenzen der Freiheit begr&uuml;ndet. Diese Grenzen sind dort zu setzen, wo die Freiheit von anderen beeintr&auml;chtigt wird. Religi&ouml;se &Uuml;berzeugungen und Symbole verlangen Respekt. Kein &uuml;berzeugter Demokrat kann sich &uuml;ber sie lustig machen und dadurch die W&uuml;rde von religi&ouml;sen Menschen verletzen. In diesem Sinne argumentiert Papst Franziskus, im Gegensatz zu manchen Atheisten, ganz und gar demokratiekonform. In der Demokratie kann es im &ouml;ffentlichen Raum f&uuml;r niemanden und f&uuml;r keine Handlungen, weder f&uuml;r die Satire noch &uuml;berhaupt f&uuml;r die Kunst im allgemeinen, eine wie auch immer geartete Exklusivit&auml;t geben, weil dadurch die Freiheit anderer und somit demokratische Grundprinzipien ausgehebelt w&uuml;rden.<\/p><p>Soweit die Theorie. Wie sieht aber die Realit&auml;t aus und haben wir im Westen &uuml;berhaupt eine lebendige und voll funktionsf&auml;hige Demokratie? Tatsache ist, dass westliche Demokratien immer noch unter der Last historischer Konflikte und Feindbilder, allen voran dem Feindbild Islam, leiden. Durch die Einwanderung der Moslems nach Europa ist dieses Feindbild lebendiger und folgenreicher geworden. Seit Huntingtons &bdquo;Krieg der Kulturen&ldquo; hat der antiislamische Kulturkampf, begleitet durch die Medien, einen noch nie da gewesenen H&ouml;hepunkt erreicht. Nicht zu vergessen sind die Kriege, die George W. Bush seit 2001, zun&auml;chst in Afghanistan, dann im Irak, gegen die islamischen Staaten angezettelt hat, die einige hunderttausend tote Moslems hinterlie&szlig;en. Nicht zu vergessen sind auch die Dem&uuml;tigungen, die irakische Gefangene in Abu Ghraib haben &uuml;ber sich ergehen lassen m&uuml;ssen. Nicht zu vergessen ist auch die Doppelmoral und das Schweigen des Westens &uuml;ber die grauenhaften Folgen zahlreicher Kriegsverbrechen im Mittleren und Nahen Osten. Lie&szlig;e sich ausgerechnet unter diesen Kriegsbedingungen die Karikatur von Mohammed mit einer Bombe unter dem Turban, die der d&auml;nische Karikaturist Kurt Westergaard im Jahr 2004 gezeichnet hat, wirklich als &bdquo;Freiheit der Satire&ldquo; rechtfertigen? Oder ist es vielmehr richtiger, diese Karikatur historisch als einen Bestandteil des westlichen Kulturkrieges gegen die islamische Welt und als eine antidemokratische Handlung einzuordnen? Unbestreitbar ist jedenfalls, dass dieses Werk das Fass des gegenseitigen Hasses und der gegenseitigen kulturellen Feindschaft zum &Uuml;berlaufen gebracht hat. Die Spuren dieser Feindschaft sind sowohl in dem schrecklichen Terrorakt des norwegischen Islamhassers Anders Breivik, wie auch bei den islamistischen Terroristen in Paris, die mit ihrer Schandtat den Propheten r&auml;chen wollten, zu finden.<\/p><p>Nein, es gibt keine grenzenlose Freiheit der Presse, der Satire und der Kunst im Allgemeinen, erst Recht nicht in Demokratien, die gegen Propaganda und Desinformation nicht hinreichend gefeit sind. Zudem vertr&auml;gt eine reife Demokratie keine Exklusivit&auml;t f&uuml;r Gruppen und Handlungen, da dadurch die Grundlagen der Demokratie selbst ausgehebelt w&uuml;rden. Insofern ist die Forderung nach einer grenzenlosen Freiheit ihrem Wesen nach antidemokratisch. Diese Grenzen k&ouml;nnen allerdings nicht juristisch gesetzt bzw. eingefordert werden. Dazu ist der Tatbestand &bdquo;Verletzung religi&ouml;ser &Uuml;berzeugungen und Symbole&ldquo; viel zu unbestimmt.<\/p><p>Praktikabler scheint dagegen ein gesellschaftlicher Konsens &uuml;ber die Grundlagen der Demokratie zu sein, der jedoch immer wieder diskursiv hergestellt werden muss. Der Respekt gegen&uuml;ber anderen Individuen, anderen Parteien, Weltanschauungen, Kulturen und Religionen steht m. E. in der Demokratie an erster Stelle. Mit der Missachtung dieses Grundsatzes w&uuml;rde auch der Niedergang einer lebendigen Demokratie beginnen. Der Konsens &uuml;ber die Fundamente einer demokratischen Gesellschaft entsteht dadurch, dass alle an der Demokratiegestaltung Beteiligten, insbesondere die Minderheiten, ihre Vorstellungen von Freiheit zur Diskussion stellen. Nur so k&ouml;nnen auch die Grenzen der Freiheit in einer komplexen modernen Gesellschaft f&uuml;r alle f&uuml;hl- und erfahrbar gemacht werden. <\/p><p>Der hegemonialpolitisch angezettelte &bdquo;Krieg der Kulturen&ldquo; hat die westlichen Demokratien allerdings der Sensibilit&auml;t f&uuml;r den Respekt gegen&uuml;ber den Moslems und ihrer Religion beraubt. Er hat auch ihre kulturellen, politischen und psychologischen Sensoren, ohne die ein friedliches Zusammenleben von Kulturen und damit eine lebendige Demokratie nicht m&ouml;glich ist, massiv besch&auml;digt. Satiriker, auch von Charlie Hebdo, haben ihren Beitrag dazu geleistet. Der abstrakte Begriff von den &bdquo;j&uuml;disch-christlichenTraditionen&ldquo;, den Angela Merkel viel zu oft zur kulturellen Abgrenzung gebetsm&uuml;hlenartig verwendet, ist ein Kampfbegriff aus der Mottenkiste des &bdquo;Kriegs der Kulturen&ldquo; und sollte in einer Demokratie keinen Platz haben. Die westlichen Demokratien stehen heute vor der Herausforderung, sich vom Krebsgeschw&uuml;r des Kulturkrieges zu befreien. Ein ehrlicher Diskurs &uuml;ber die Grenzen der Freiheit k&ouml;nnte diesen Emanzipationsprozess f&ouml;rdern.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Anmerkung WL:<\/strong><\/p><p>Ich halte nicht viel von einer &bdquo;gesellschaftlichen Konsensentscheidung&ldquo; &uuml;ber die Freiheit von Kunst und Presse.<\/p><p>Wie schnell g&auml;be es (wieder) einen gesellschaftlichen Konsens gegen entartete Kunst. Alles Neue und Revolution&auml;re entspricht eben nicht der Konvention und damit dem vorhandenen gesellschaftlichen Konsens. Der Expressionismus, der Impressionismus, der Kubismus etc. die Zw&ouml;lftonmusik usw. all das entsprach eben nicht dem gesellschaftlichen Konsens &uuml;ber Kunst. Was w&auml;re, wenn wir pl&ouml;tzlich wieder einen religi&ouml;sen, ideologisch bornierten oder wie auch immer gearteten irrationalen Konsens h&auml;tten, an dem Freiheitsrechte ihre Grenzen f&auml;nden.<\/p><p>Gerade eine lebendige Demokratie braucht Grenz&uuml;berschreitungen. Und eine lebendige Demokratie braucht gerade keine &bdquo;Volksgemeinschafts&ldquo;-Konsensherstellung, sondern die Freiheit des Individuums, die durch das Recht (die Verfassung) garantiert ist.<\/p><p>Man stelle sich nur f&uuml;r einen Augenblick vor, die NachDenkSeiten d&uuml;rften nur noch schreiben, was &ldquo;gesellschaftlicher Konsens&ldquo; ist.<\/p><p>Die mir ansonsten sympathische Stimme von Professor Massarrat w&uuml;rde gegenw&auml;rtig beim diskursiv hergestellten gesellschaftlichen Konsens gleichfalls wohl kaum eine Chance haben, durchzudringen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Diskussion um die Morde von Paris ist durch die Anschl&auml;ge in D&auml;nemark neu aktualisiert. <strong>Mohssen Massarrat<\/strong> h&auml;lt es f&uuml;r wichtig, &uuml;ber die Grenzen der Freiheit, auch der Satire, neu und anders nachzudenken. 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