{"id":2515,"date":"2007-07-30T09:23:51","date_gmt":"2007-07-30T07:23:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2515"},"modified":"2016-01-01T10:42:41","modified_gmt":"2016-01-01T09:42:41","slug":"zur-aktualitaet-der-kritik-an-axiomen-der-neoklassischen-theorie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2515","title":{"rendered":"Zur Aktualit\u00e4t der Kritik an Axiomen der neoklassischen Theorie"},"content":{"rendered":"<p>Der neoliberale Umbau der Gesellschaft ist langfristig angelegt, wird mit dem Anspruch objektiver Notwendigkeit durchgesetzt und vor allem ordnungspolitisch begr&uuml;ndet. Kritik an der daran ausgerichteten Politik gen&uuml;gt daher nicht. Ebenso wichtig ist es, das marktgl&auml;ubige, &ouml;konomische Weltbild kritisch zu hinterfragen und als Legitimation zu entwerten. Hans-Peter B&uuml;ttner hat dazu im Blog &bdquo;Oeffinger Freidenker&ldquo; einen Beitrag geleistet. Mit seinem Text &bdquo;Die Nutzlosigkeit der neoklassischen Nutzenlehre &ndash; eine Kritik der Grundlagen der <a href=\"http:\/\/oeffingerfreidenker.blogspot.com\/2007\/05\/ein-gastbeitrag-von-hans-peter-bttner.html\">subjektiven Werttheorie&ldquo;<\/a> stellt er ein zentrales Element neoklassischer Ideologie in Frage. Der Wert dieser Kritik f&uuml;r tagesaktuelle Diskussionen kann anhand von konkreten Beispielen verdeutlicht werden. Kai Ruhsert<br>\n<!--more--><br>\n<strong>B&uuml;ttners Ausgangspunkt sind die Gossenschen Gesetze:<\/strong><\/p><p>&bdquo;Das Erste Gossensche Gesetz (auch Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen oder S&auml;ttigungsgesetz) besagt, dass der Konsum eines Gutes mit zunehmender Menge einen immer geringeren Zusatznutzen (Grenznutzen) stiftet.&ldquo;<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Erstes_gossensches_Gesetz\">Wikipedia<\/a><\/p><p>(Beispiel: das erste Glas Wasser mag gut schmecken, jedes weitere bereitet stets weniger Genuss).<\/p><p>Daran interessiert uns zun&auml;chst nur der Begriff des Grenznutzens, der von gro&szlig;er Bedeutung f&uuml;r das Zweite Gossensche Gesetz ist: &bdquo;Ein (privater) Haushalt befindet sich demnach in einem Haushaltsoptimum, wenn seine Grenznutzen f&uuml;r alle G&uuml;ter, jeweils geteilt durch den Preis des Gutes, &uuml;bereinstimmen. Andernfalls k&ouml;nnte er seinen Nutzen steigern, da sich eine Umstrukturierung des Konsums so vornehmen lie&szlig;e, dass eine Ausgabenreduzierung bei einem Gut weniger Nutzeneinbu&szlig;e als eine entsprechende Ausgabenerh&ouml;hung bei einem anderen Gut Nutzenzuwachs bedeutet.&ldquo; (Quelle dito)<\/p><p>Aus diesen Axiomen werden theoretisch fragw&uuml;rdige und empirisch nicht abgesicherte Postulate und Modelle abgeleitet, um den so genannten &bdquo;Strukturreformen&ldquo; den Anschein objektiver Notwendigkeit zu verleihen. Dazu zwei Beispiele:<\/p><p><strong>Die Politik bek&auml;mpft nicht die Arbeitslosigkeit, sondern die Arbeitslosen, und begr&uuml;ndet dies mit Annahmen, die aus der Nutzentheorie abgeleitet sind<\/strong><\/p><p>Die Mehrheit der deutschen &Ouml;konomen fordert eine umfassende und tiefgehende  Deregulierung des Arbeitsmarkts. Arbeitslosigkeit in gr&ouml;&szlig;erem Umfang wird gedeutet als Ergebnis der St&ouml;rung von Marktkr&auml;ften: &bdquo;Am Arbeitsmarkt wird ein Anbieter unterstellt, der sich in der komfortablen Situation befindet, auf der Basis seines eigenen Kosten-Nutzen-Kalk&uuml;ls zu entscheiden, in welchem Ausma&szlig; er Arbeit anbietet. &hellip; Der Anbieter der Ware Arbeit kann sich also den Luxus leisten, im wahrsten Sinne des Wortes die Lust an der Arbeit zu verlieren. Demnach liegt die Entscheidungssouver&auml;nit&auml;t f&uuml;r das Ausma&szlig; der Arbeit (bzw. der Arbeitslosigkeit, KR) ausschlie&szlig;lich beim Anbieter der Arbeit.&ldquo; [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*1<\/a>]<br>\nUnter der Voraussetzung unbehinderter Marktkr&auml;fte habe der Arbeitsuchende die freie Wahl zur Maximierung des pers&ouml;nlichen Nutzens: Er k&ouml;nne auf einem hohen Lohn bestehen und entscheiden, dass ihm Freizeit wichtiger als Erwerbsarbeit f&uuml;r weniger Geld sei. Wolle er jedoch unbedingt arbeiten, dann brauche er die Freiheit, seinen Lohnanspruch so weit zu verringern, bis er einen Arbeitgeber finde. Kollektive Lohnvereinbarungen (z.B. Mindestl&ouml;hne oder Tarifvertr&auml;ge) behinderten den Arbeitsuchenden bei der Maximierung seines Nutzens. Mehr noch: &bdquo;Weil &hellip;Arbeitslosigkeit freiwillig gew&auml;hlt worden ist, sind auch sozialstaatliche Leistungen oder gar eine Besch&auml;ftigungspolitik v&ouml;llig sinnlos.&ldquo; [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*1<\/a>]<\/p><p>Grundlage dieser Politikberatung ist eine &bdquo;Ideologie, die sich bei der Deutung der Ursachen der Arbeitslosigkeit nur auf die Suche nach marktinkomformem Fehlverhalten der Besch&auml;ftigten sowie der Arbeitslosen begibt.&ldquo; [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*1<\/a>] Doch die &bdquo;Fiktion (von der freien Entscheidung der Arbeitsuchenden zur Maximierung ihres pers&ouml;nlichen Nutzens, KR) steht im Widerspruch zu realen Lage der Besch&auml;ftigten in der Arbeitswelt. (&hellip;) Die harte Wirklichkeit ist: Die existenziell von der Erwerbsarbeit Abh&auml;ngigen bieten ihre Arbeit zu jedem Lohnsatz an. Die Nachfrage nach Arbeit ist gegen&uuml;ber Lohnver&auml;nderungen unelastisch.&ldquo; [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*1<\/a>]<br>\nDer Arbeitsmarkt unterscheidet sich grunds&auml;tzlich von G&uuml;ter- und Kapitalm&auml;rkten: &bdquo;Es ist ein Grundirrtum der Neoklassik, zu unterstellen, &uuml;ber die H&ouml;he der Besch&auml;ftigung und spiegelbildlich der Arbeitslosigkeit w&uuml;rde auf den von allen anderen M&auml;rkten separierten Arbeitsm&auml;rkten entschieden. Sind die Gewinnerwartungen auf den G&uuml;term&auml;rkten und Kapitalm&auml;rkten mangels Nachfrage schwach, oder lassen sich auf den internationalen Kapitalm&auml;rkten h&ouml;here Renditen als durch die Produktion erzielen, dann k&ouml;nnen die L&ouml;hne noch so sehr sinken: Eine Zunahme der Besch&auml;ftigung ist nicht zu erwarten. Der Arbeitsmarkt spielt keine Rolle, vielmehr wird auf den G&uuml;ter- und Kapitalm&auml;rkten der Bedarf an Arbeitskr&auml;ften definiert. &hellip; Wird unter dieser Konstellation getreu der neoklassischen Doktrin der Lohn gesenkt, dann kann wegen des R&uuml;ckgangs konsumtiver Nachfrage auf den G&uuml;term&auml;rkten die Nachfrage nach Arbeit zur&uuml;ckgehen.&ldquo; [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*1<\/a>]<\/p><p>Das trifft zumindest f&uuml;r L&auml;nder wie Deutschland zu, in denen die von der Binnennachfrage abh&auml;ngige Wirtschaft den weitaus gr&ouml;&szlig;ten Teil der Arbeitspl&auml;tze stellt. Dass der eingeschlagene Weg nicht zum behaupteten Ziel, der Senkung der Arbeitslosigkeit, f&uuml;hren wird, scheint den Handelnden bewusst zu sein: &bdquo;Es gibt kein durchgerechnetes neoliberales Modell, in welchem Ausma&szlig; die L&ouml;hne sinken m&uuml;ssten, damit diese Arbeitslosigkeit verschwindet.&ldquo; [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*1<\/a>]<\/p><p>Ein soziales Sicherungssystem (die Arbeitslosenversicherung) wird ohne schl&uuml;ssige, makro&ouml;konomische Begr&uuml;ndung zerst&ouml;rt: &bdquo;Nicht die Arbeitslosigkeit wird bek&auml;mpft, sondern der Arbeitslose, der einen bitteren Preis f&uuml;r den Verlust seines fr&uuml;heren Arbeitsplatzes zahlen muss. Mit Hartz IV ist eine kurze Leiter des sozialen Abstiegs aufgestellt worden. Die hoch motivierte und engagierte Bankfachfrau zum Beispiel, die ihren Job bei einer Gro&szlig;bank gegen ihren Willen verloren hat und ein Jahr erfolglos Bewerbungen schreibt, muss am Ende damit rechnen, als Servicekraft im Niedriglohnsektor zu landen &ndash; ohne Chance, diesem irgendwann wieder zu entkommen. (&hellip;) Mit einem &auml;u&szlig;erst weiten Begriff von Zumutbarkeit wurde der Marsch vormals hoch qualifizierter Arbeitskr&auml;fte in den Niedriglohnsektor erzwungen. (&hellip;) Die Politik konzentriert sich darauf, deren Vermittlungswillen auch unter der Bedingung von Billigarbeit zu erzwingen.&ldquo; [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*1<\/a>]<br>\nDie Nutzentheorie hilft, diese Politik zu legitimieren.<\/p><p><strong><br>\nDie Durchsetzung des prinzipiellen Vorrangs f&uuml;r den Markt<\/strong><\/p><p>Nicht nur die neoklassischen Vorstellungen &uuml;ber die Entscheidungsspielr&auml;ume von Arbeitsuchenden und den Einfluss der Lohnh&ouml;he auf die Zahl von Arbeitspl&auml;tzen kollidieren mit der Realit&auml;t. Auch das theoretische Modell des Homo oeconomicus (Quelle: <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Homo_oeconomicus\">Wikipedia<\/a>), das eine zentrale Rolle f&uuml;r die ordnungspolitischen Vorstellungen der Mehrheit der &Ouml;konomen spielt, ist fragw&uuml;rdig. Rogall charakterisiert dieses Modell  u.a. durch die folgenden Punkte:<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.holger-rogall.de\/dokumente\/VWL-03-Neoklassik-2007-01.ppt\">Holger Rogall [PPT &ndash; 852 KB]<\/a><\/p><ul>\n<li>Alle Wirtschaftsakteure (Konsumenten und Produzenten) verhalten sich eigennutzstrebend (nutzen- und gewinnmaximierend). Sie bewerten alle Alternativen an Hand des eigenen kurzfristigen Nutzens (also &ouml;konomisch zweckrational).<\/li>\n<li>Alle Wirtschaftsakteure haben die gleichen Ausgangsbedingungen (F&auml;higkeiten, Bildung, Macht usw.) und verf&uuml;gen &uuml;ber alle notwendigen Informationen (Wissen), um die richtigen Entscheidungen zu treffen.<\/li>\n<li>Die gesellschaftliche Wohlfahrt wird ausschlie&szlig;lich aus den Pr&auml;ferenzen der Akteure abgeleitet (&bdquo;denn nur jeder einzelne kann wissen, was f&uuml;r ihn am besten ist&ldquo;). <\/li>\n<\/ul><p>Daraus werden weit reichende Schlussfolgerungen gezogen:<\/p><ul>\n<li>Gesellschaftliche Ziele jenseits der Interessen der einzelnen Gesellschaftsmitglieder existieren nicht.<\/li>\n<li>Eine reine Marktwirtschaft (ohne Staatseingriffe) f&uuml;hrt zum Gesamtwohl. Forderungen nach einem Sozialstaat sind abzuwehren.<\/li>\n<li>Staatliche Einflussnahme ist &uuml;berfl&uuml;ssig. <\/li>\n<\/ul><p>(Der oben angegebene Link enth&auml;lt auch eine Zusammenfassung der Kritik an diesem Modell sowie eine kurze Liste mit weiterf&uuml;hrender Literatur.)<\/p><p>Der Homo oeconomicus liefert somit den ideologischen Hintergrund f&uuml;r<\/p><ul>\n<li>den zuweilen blinden Eifer, Marktkr&auml;fte zu entfesseln &ndash; auch dort, wo diese sich makro&ouml;konomisch und gesamtgesellschaftlich fatal auswirken<\/li>\n<li>die Weigerung, grunds&auml;tzliches Marktversagen wahrzunehmen<\/li>\n<li>die Verdr&auml;ngung des Staates aus immer mehr Bereichen des &ouml;ffentlichen Lebens (z.B. die Demontage des Sozialstaats, die Kampagnen zur Privatisierung &ouml;ffentlichen Eigentums oder die Propagierung makro&ouml;konomischer Unt&auml;tigkeit). <\/li>\n<\/ul><p>Nur das gedankliche Konstrukt der Nutzentheorie erm&ouml;glicht es, dem Homo oeconomicus ein &ouml;konomisch-zweckrationales Verhalten zu unterstellen. Durch ihre Widerlegung wird ein in der praktischen Politik wirkungsm&auml;chtiges, neoklassisches Modell obsolet. <\/p><p><a href=\"http:\/\/oeffingerfreidenker.blogspot.com\/2007\/05\/ein-gastbeitrag-von-hans-peter-bttner.html%20\">&bdquo;Die Nutzlosigkeit der neoklassischen Nutzenlehre&ldquo;<\/a><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p><a name=\"foot_1\">[*1]<\/a> Kassensturz, Rudolf Hickel, ISBN 13: 978 3 498 02982 1<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der neoliberale Umbau der Gesellschaft ist langfristig angelegt, wird mit dem Anspruch objektiver Notwendigkeit durchgesetzt und vor allem ordnungspolitisch begr&uuml;ndet. Kritik an der daran ausgerichteten Politik gen&uuml;gt daher nicht. Ebenso wichtig ist es, das marktgl&auml;ubige, &ouml;konomische Weltbild kritisch zu hinterfragen und als Legitimation zu entwerten. Hans-Peter B&uuml;ttner hat dazu im Blog &bdquo;Oeffinger Freidenker&ldquo; einen Beitrag<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2515\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,205,30],"tags":[290,284,317,1048,288,324],"class_list":["post-2515","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-neoliberalismus-und-monetarismus","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-binnennachfrage","tag-deregulierung","tag-mindestlohn","tag-neoklassische-wirtschaftstheorie","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-tarifvertraege"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2515","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2515"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2515\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29805,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2515\/revisions\/29805"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2515"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2515"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2515"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}