{"id":25153,"date":"2015-02-23T10:28:12","date_gmt":"2015-02-23T09:28:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25153"},"modified":"2024-09-23T02:07:14","modified_gmt":"2024-09-23T00:07:14","slug":"kann-nur-deutschland-kann-den-euro-retten-fragen-an-heiner-flassbeck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25153","title":{"rendered":"Kann nur Deutschland den Euro retten? Fragen an Heiner Flassbeck"},"content":{"rendered":"<p><strong>Heiner Flassbeck<\/strong> hat wieder ein sehr lehrreiches Buch geschrieben. Letzte Woche erschien sein neustes Werk mit dem Titel <a href=\"http:\/\/www.westendverlag.de\/buecher-themen\/programm\/nur-deutschland-kann-den-euro-retten-heiner-flassbeck-costas-lapavitsas.html#.VOrnrltuqaE\">&bdquo;Nur Deutschland kann den Euro retten. Der letzte Akt beginnt&ldquo;<\/a>, das er zusammen mit dem griechischen &Ouml;konomen Costas Lapavitsas verfasst hat, in den Buchhandlungen. Die NachDenkSeiten haben diese gute Gelegenheit genutzt, um ihm ein paar Fragen zur aktuellen Entwicklung der Eurozone und nat&uuml;rlich auch seinem neuen Buch zu stellen. Von <strong>Jens Berger<\/strong><br>\n<!--more--><\/p><div style=\"float:right;margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Cover_Nur_Deutschland_kann_den_Euro_retten.gif\" alt=\"Nur Deutschland kann den Euro retten\" title=\"Nur Deutschland kann den Euro retten\"><\/div><p><strong>Herr Flassbeck, Sie haben gerade zusammen mit Costas Lapavitsas ein Buch ver&ouml;ffentlicht, in dem Sie erneut und ausf&uuml;hrlich die Rolle Deutschlands im Zusammenhang mit der sogenannten &bdquo;Eurokrise&ldquo; darlegen. Sie kennen die handelnden Personen der neuen griechischen Regierung, die Sie im Vorfeld der Wahl auch beraten haben. Tsipras und seine Mitstreiter zeigen nun offensiv und konsequent einen anderen Politikstil. Wie bewerten Sie den aktuellen Verhandlungsansatz der neuen griechischen Regierung?<\/strong><\/p><p>Der ist nat&uuml;rlich weniger revolution&auml;r als in den ersten Tagen dieser Regierung, aber immer noch vern&uuml;nftig. Was hei&szlig;t, ganz andere Konditionen f&uuml;r neue Kredite als vorher.<\/p><p><strong>Der ehemalige Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen sagte einmal, man m&uuml;sse die Schlinge um den Hals der Schuldner stets so locker lassen, dass man sie nicht stranguliert. Diese zynische Lektion scheinen die Verhandlungsf&uuml;hrer der Troika vergessen zu haben. Momentan scheint es eher so, dass die griechischen Angebote in Br&uuml;ssel, Frankfurt und vor allem in Berlin auf eine Mauer der Ignoranz sto&szlig;en. Halten Sie dies f&uuml;r eine Verhandlungstaktik oder trauen Sie der Troika tats&auml;chlich zu, an Griechenland ein weiteres Exempel zu statuieren &hellip; als Botschaft an die W&auml;hler anderer L&auml;nder, dass es sich nicht lohnt, Parteien zu w&auml;hlen, die sich nicht dem Diktat der Troika unterwerfen?<\/strong><\/p><p>Letzteres ist durchaus m&ouml;glich. Zutrauen tue ich es den meisten der dort handelnden Personen auf jeden Fall. Es ist die Frage, ob bei einigen anderen die Vernunft Einzug h&auml;lt, vor allem bei Frankreich und Italien. Die m&uuml;ssten ja langsam mal kapieren, was Sache ist. Die Frage von Schuld und Schuldner ist zwischen L&auml;ndern noch viel komplizierter als zwischen Privatpersonen. Wenn bei denen schon die Herrhausen-Regel gilt, dann darf man zwischen L&auml;ndern nicht einmal in den Kategorien von Schuld und S&uuml;hne denken.<\/p><p><strong>In diesem Zusammenhang argumentieren die Vertreter der Troika ja stets, jeder Schritt, den man den Griechen entgegenk&auml;me, w&uuml;rde den Druck auf die anderen L&auml;nder, die unter der Austerit&auml;tsknute der Troika &auml;chzen, untergraben. Der konservative spanische Ministerpr&auml;sident Rajoy z&auml;hlt ebenfalls zu den sch&auml;rfsten Kritikern jeglicher Kompromisse gegen&uuml;ber Griechenland, f&uuml;rchtet er doch, dass jeder noch so kleine Erfolg von Syriza von seinem politischen Konkurrenten, der spanischen Linkspartei Podemos, ausgeschlachtet werden k&ouml;nnte. Hat die Eurokrise nun endg&uuml;ltig einen Punkt erreicht, an dem volkswirtschaftliche Fragen ideologischen Konflikten und parteipolitischen Erw&auml;gungen geopfert werden?<\/strong><\/p><p>Es war immer klar, ich habe das seit vielem Jahren gesagt, dass am Ende die Belastungsf&auml;higkeit unserer Demokratien &uuml;ber das Schicksal des Euro entscheidet. Wir werden noch viel schlimmere K&auml;mpfe in Frankreich und Italien sehen. So weit h&auml;tte es nicht kommen d&uuml;rfen. Die Dummheit der Leute, die die europ&auml;ische Politik dahin gefahren haben, ist mit H&auml;nden zu greifen, aber gerade in Deutschland ist das intellektuelle Niveau der parteipolitischen Debatte auf einem historischen Tiefpunkt.  <\/p><p><strong>Kommen wir nun noch einmal zu ihrem neuen Buch zur&uuml;ck. Der Titel hei&szlig;t &bdquo;Nur Deutschland kann den Euro retten&ldquo;. Wie meinen Sie das?<\/strong><\/p><p>Nur eine fundamentale Kehrtwende der Wirtschaftspolitik in Deutschland kann die europ&auml;ische Wirtschaft wieder auf einen vern&uuml;nftigen Kurs bringen. Das Gl&auml;ubiger-Schuldnermodell, das in riesigen deutschen Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;ssen seinen sichtbaren Ausdruck findet, hat endg&uuml;ltig ausgedient. Deutschland muss sich schon selbst verschulden, sonst geht es nicht. <\/p><p><strong>Ein Kernkritikpunkt von Ihnen ist ja auch die viel zu schlechte Lohnentwicklung in Deutschland. Diese Entwicklung soll ja revidiert werden. Aber wie soll Deutschland die Lohnentwicklung pushen? Die Lohnfindung ist doch die origin&auml;re Aufgabe der Tarifpartner und der Staat hat da kaum einen Hebel, wenn man einmal von flankierenden Ma&szlig;nahmen absieht.<\/strong><\/p><p>Das staatliche Lohndr&uuml;cken zu Anfang der 2000er Jahre hat ja auch funktioniert trotz Tarifautonomie. Die deutschen Gewerkschaften muss man ja inzwischen zum Jagen tragen, da kann ohnehin nur eine kompetente Regierung durch Druck auf die Arbeitgeber daf&uuml;r sorgen, dass tief ver&auml;ngstigte Gewerkschaftsf&uuml;hrer wieder Mut fassen. <\/p><p><strong>L&auml;nder wie Griechenland konkurrieren auf den internationalen M&auml;rkten aber doch gar nicht direkt mit Deutschland. Deutschland baut &ndash; lassen Sie mich es ein wenig zugespitzt formulieren &ndash; Autos und Maschinen, Griechenland erzielt seine Au&szlig;enhandels&uuml;bersch&uuml;sse in den Bereichen Schifffahrt und Tourismus. Wie hilft es der griechischen Volkswirtschaft weiter, wenn Deutschland seine Wettbewerbsvorteile in Sektoren abbaut, in denen gar kein Wettbewerb mit Griechenland besteht?<\/strong><\/p><p>Ob direkt oder indirekt ist nicht entscheidend. Wenn Die italienische Wirtschaft gegen&uuml;ber Deutschland wettbewerbsf&auml;higer wird, entstehen vielleicht dort Produktionen, von denen griechische Hersteller profitieren ohne dass wir das heute vorhersehen k&ouml;nnten. Es geht ja prim&auml;r nicht um Griechenland, sondern um Deutschland im Verh&auml;ltnis zu Frankreich und Italien. Wir m&uuml;ssen aber &uuml;ber all f&uuml;r einen Ausgleich der globalen Wettbewerbspositionen sorgen, weil sonst auch die gesamte Idee des Freihandels grandioser Mumpitz ist.  <\/p><p><strong>James Galbraith sagte mir mal, dass in Deutschland niemand auf die Idee k&auml;me, die Wettbewerbsf&auml;higkeit von Mecklenburg-Vorpommern und Baden-W&uuml;rttemberg f&uuml;r die chemische Industrie oder den Automobilbau zu vergleichen und dann zu dem Schluss zu kommen, in Mecklenburg-Vorpommern m&uuml;sse die Wettbewerbsf&auml;higkeit durch niedrigere L&ouml;hne und sinkende Sozialleistungen herzustellen. In diesem Sinne w&auml;re Griechenland dann wohl das europ&auml;ische Mecklenburg-Vorpommern. Sollten wir uns nicht endlich von dem Gedanken verabschieden, jede Land oder jede Region m&uuml;sse ausgerechnet in den Sektoren um Wettbewerbsf&auml;higkeit wetteifern, die in Deutschland als Kernsektoren der Industrie gelten?<\/strong><\/p><p>Ich sch&auml;tze James sehr und ich glaube, das ist nicht die Schlussfolgerung aus seiner Analyse. Es geht nicht darum, f&uuml;r jede Region etwas auszusuchen und dann zu sagen, dabei bleibt es jetzt, passt euch gef&auml;lligst an. Dann hat Deutschland mit Sektoren mit hoher Industriedichte einfach Gl&uuml;ck gehabt und die anderen Pech. Nein, ein internationales System kann nur funktionieren, wenn der sogenannte reale Wechselkurs zwischen den L&auml;ndern gleich bleibt, also die gesamtwirtschaftlich gemessene Wettbewerbsf&auml;higkeit. Darunter muss es dann Austauschprozesse geben k&ouml;nnen, wo der eine gewinnt und der andere verliert, aus welchen Gr&uuml;nden auch immer. Wenn aber wie im Euroraum die erste Voraussetzung schon nicht geblieben ist, ist alles andere sinnlos. <\/p><p><strong>Wenn man den Titel ihres Buches w&ouml;rtlich nimmt, dann kann ja nur Deutschland den Euro retten. Hat die griechische Regierung dann &uuml;berhaupt eine Chance, unilateral eine andere, eine bessere Politik umzusetzen?<\/strong> <\/p><p>Nein.<\/p><p><strong>Also nutz schlussendlich alles nichts, wenn Deutschland sich nicht neu erfindet und seine bisherige Politik in die Schublade f&uuml;r ausgemusterte Ideologien steckt?<\/strong><\/p><p>So ist es!<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/038f38c00b144147b04483ff8e257f12\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Heiner Flassbeck<\/strong> hat wieder ein sehr lehrreiches Buch geschrieben. Letzte Woche erschien sein neustes Werk mit dem Titel <a href=\"http:\/\/www.westendverlag.de\/buecher-themen\/programm\/nur-deutschland-kann-den-euro-retten-heiner-flassbeck-costas-lapavitsas.html#.VOrnrltuqaE\">&bdquo;Nur Deutschland kann den Euro retten. 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