{"id":25160,"date":"2015-02-24T09:11:15","date_gmt":"2015-02-24T08:11:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25160"},"modified":"2019-04-29T12:35:59","modified_gmt":"2019-04-29T10:35:59","slug":"flexible-arbeitsmaerkte-senken-die-produktivitaet-und-verhindern-arbeitsplaetze","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25160","title":{"rendered":"Flexible Arbeitsm\u00e4rkte senken die Produktivit\u00e4t und verhindern Arbeitspl\u00e4tze"},"content":{"rendered":"<p>Angef&uuml;hrt von der deutschen Bundesregierung aus CDU\/CSU und SPD hat die Eurogruppe auf ihrer Position beharrt, auch die neue griechische Regierung unter Alexis Tsipras (SYRIZA) m&uuml;sse sich zu &ldquo;Strukturreformen&rdquo; bekennen und diese weiterf&uuml;hren. Zu solchen &ldquo;Reformen&rdquo; geh&ouml;rt regelm&auml;&szlig;ig auch die Flexibilisierung des Arbeitsmarkts. Die d&uuml;mmlich-neoliberale Halsstarrigkeit von Sch&auml;uble und Co. ist deshalb Anlass genug, auf einen wesentlichen Zusammenhang hinzuweisen: Die Flexibilisierung des Arbeitsmarkts erh&ouml;ht nicht die Produktivit&auml;t (und damit die wirtschaftliche Leistungsf&auml;higkeit) von Unternehmen und Volkswirtschaften, sondern senkt sie sogar. Und sie verhindert die Schaffung von Arbeitspl&auml;tzen. Von <strong>Patrick Schreiner<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAuf den ersten Blick mag es einleuchtend erscheinen: Die Flexibilisierung des Arbeitsmarkts, so die neoliberale Erz&auml;hlung, senke die Arbeitslosigkeit. Daf&uuml;r werden regelm&auml;&szlig;ig verschiedene Gr&uuml;nde angef&uuml;hrt, die wohl wichtigsten sind:<\/p><ul>\n<li>Eine Senkung der L&ouml;hne mache Arbeit billiger &ndash; Unternehmen k&ouml;nnten sich dann entweder mehr ArbeitnehmerInnen f&uuml;r die gleiche Gehaltssumme &ldquo;leisten&rdquo;, oder aber sie k&ouml;nnten ihre (dank geringerer Lohnkosten) billigeren Produkte besser verkaufen. Beides f&uuml;hre zu mehr Arbeitspl&auml;tzen.<\/li>\n<li>Auch eine flexiblere Anpassung der Arbeitszeit an Arbeitsbedarfe senke die Kosten; zudem verhindere sie, dass teure Arbeitskraft ungenutzt bleibt.<\/li>\n<li>Ein Abbau des K&uuml;ndigungsschutzes mache es leichter, Besch&auml;ftigte wieder loszuwerden &ndash; was es Arbeitgebern erleichtere, sie &uuml;berhaupt einzustellen.<\/li>\n<li>Umgekehrt hemme ein &ldquo;starrer&rdquo; und teurer K&uuml;ndigungsschutz Investitionen in arbeitssparende Technologie, f&uuml;hre also mittelbar zu geringerer Produktivit&auml;t.<\/li>\n<li>Zudem hemme ein &ldquo;starrer&rdquo;, weniger flexibler Arbeitsmarkt die notwendige Verschiebung von Arbeit aus alten, weniger produktiven in neue, produktivere Wirtschaftssektoren &ndash; gleichfalls mit dem Effekt einer geringeren Produktivit&auml;t.<\/li>\n<\/ul><p>Kurzum: Neoliberale Strukturreformen sollen Arbeit billiger und flexibler machen und hierdurch dazu f&uuml;hren, dass Unternehmen investieren und neue Arbeitspl&auml;tze schaffen. Allerdings: Mit der Realit&auml;t haben diese Erz&auml;hlungen aus dem neoliberalen Elfenbeinturm nichts zu tun. Zahlen und Daten sprechen eine andere Sprache. Daf&uuml;r zwei Beispiele:<\/p><p>(1) Schon 2013 hat der italienische Wirtschaftswissenschaftler Paolo Pini <a href=\"http:\/\/keynesblog.com\/2013\/03\/20\/produttivita-e-regimi-di-protezione-del-lavoro\/\">darauf hingewiesen<\/a>, dass eine h&ouml;here Flexibilit&auml;t des Arbeitsmarkts zu einer geringeren Produktivit&auml;t und damit zu einer geringeren wirtschaftlichen Leistungsf&auml;higkeit einer Volkswirtschaft f&uuml;hrt. Pini hat Kennziffern zur Messung der Regulierung\/Rigidit&auml;t von Arbeitsm&auml;rkten in verschiedenen L&auml;ndern und L&auml;ndergruppen, wie sie die (flexibilisierungsfreundliche) OECD als &ldquo;Employment Protection Legislation Index&rdquo; zur Verf&uuml;gung stellt, mit der Stundenproduktivit&auml;t der gleichen L&auml;nder\/L&auml;ndergruppen in Beziehung gesetzt. Seine Ergebnisse sind eindeutig und f&uuml;r fast alle L&auml;nder, L&auml;ndergruppen und Zeitr&auml;ume nachweisbar: Je gr&ouml;&szlig;er die Flexibilit&auml;t der Arbeitsm&auml;rkte, desto geringer f&auml;llt die Produktivit&auml;t aus. Das gleiche gilt auch f&uuml;r die jeweilige j&auml;hrliche Wachstumsrate der Produktivit&auml;t, sodass anzunehmen ist, dass ein flexiblerer Arbeitsmarkt sich auch auf die Investitionst&auml;tigkeit in einer Volkswirtschaft negativ auswirkt. Pini:<\/p><blockquote><p>\nEine negative Beziehung zwischen der Entwicklung der Kennziffer f&uuml;r die Regulierung des Arbeitsmarktes und die Dynamik der Arbeitsproduktivit&auml;t l&auml;sst sich nicht best&auml;tigen &ndash; weshalb ein Abbau von Schutzregelungen am Arbeitsmarkt auch nicht mit einem Wachstum der Produktivit&auml;t einhergeht. Der Zusammenhang scheint sogar umgekehrt zu sein: Die L&auml;nder, die in besonders gro&szlig;em Umfang Schutzregelungen am Arbeitsmarkt abgebaut haben, sind zugleich die L&auml;nder, deren Dynamik der Produktivit&auml;t weniger g&uuml;nstig ausf&auml;llt. Zu diesen geh&ouml;ren insbesondere auch die europ&auml;ischen L&auml;nder, die im letzten Jahrzehnt und auch zuvor Politiken der Flexibilisierung des Arbeitsmarkts umgesetzt haben &ndash; mit weniger stabilen Arbeitsvertr&auml;gen am Beginn eines Arbeitsverh&auml;ltnisses sowie leichteren und kosteng&uuml;nstigeren Entlassungen an seinem Ende.\n<\/p><\/blockquote><p>(2) Auf &auml;hnliche Zusammenh&auml;nge hat ebenfalls 2013 der niederl&auml;ndische Wirtschaftswissenschaftler Alfred Kleinknecht mit einigen Kollegen <a href=\"http:\/\/media.boeckler.de\/Sites\/A\/Online-Archiv\/11659\">hingewiesen<\/a>. Sie zeigten &uuml;berdies, dass die Arbeitslosigkeit in L&auml;ndern mit h&ouml;herer Flexibilit&auml;t des Arbeitsmarkts h&ouml;her ist und die Arbeitgeber weniger in die Kompetenzen ihrer MitarbeiterInnen investieren. Die Gr&uuml;nde, die sie f&uuml;r den positiven Zusammenhang zwischen einer hohen Arbeitsmarkt-Regulierung und Investitionen sowie der Schaffung von Arbeitspl&auml;tzen nennen, sind vielf&auml;ltig &ndash; sie widersprechen allesamt dem oben skizzierten, simplifizierenden neoliberalen Arbeitsmarktmodell.<\/p><ul>\n<li>Die Erh&ouml;hung von L&ouml;hnen erh&ouml;he den Anreiz f&uuml;r Unternehmen, in arbeitssparende Technologie zu investieren und auf diese Weise die Produktivit&auml;t zu erh&ouml;hen.<\/li>\n<li>Dezentral verhandelte, nach unten flexible L&ouml;hne erm&ouml;glichten es weniger produktiven und weniger innovativen Unternehmen, l&auml;nger am Markt zu bleiben, als es in der Konkurrenz mit produktiveren und innovativeren Unternehmen eigentlich erwartbar und sinnvoll w&auml;re.<\/li>\n<li>Eine gr&ouml;&szlig;ere Flexibilit&auml;t am Arbeitsmarkt erlaube es den Unternehmen, veraltete Technologie l&auml;nger profitabel zu nutzen.<\/li>\n<li>Flexiblere Arbeitsm&auml;rkte f&uuml;hrten zu k&uuml;rzeren Arbeitsverh&auml;ltnissen, was den Anreiz f&uuml;r Unternehmen senke, in die Qualifizierung ihrer MitarbeiterInnen zu investieren.<\/li>\n<li>Langfristigere Arbeitsbeziehungen und ein besserer K&uuml;ndigungsschutz f&uuml;hrten zu gr&ouml;&szlig;erer Loyalit&auml;t, mehr Vertrauen und h&ouml;herer Motivation auf Seiten der ArbeitnehmerInnen.<\/li>\n<\/ul><p>Wer die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt in Griechenland durch neoliberale &ldquo;Strukturreformen&rdquo; wieder in Schwung bringen m&ouml;chte, geht vor diesem Hintergrund ganz offensichtlich fehl. Investitionen und Arbeit schafft man auf diese Weise nicht. Da erscheint es geradezu makaber und ironisch, wenn ausgerechnet der Unions-Fraktionschef im Bundestag, Volker Kauder, auf die Einigung zwischen Griechenland und der Eurogruppe <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/politik\/deutschland\/article137690908\/SPD-sieht-Sieg-der-Vernunft-in-Griechenland.html\">mit den Worten reagierte<\/a>:<\/p><blockquote><p>\nGriechenland hat endlich eingesehen, dass es nicht l&auml;nger die Augen vor der Wirklichkeit verschlie&szlig;en kann.\n<\/p><\/blockquote><p>Das Zitat belegt einmal mehr beispielhaft: Die deutschen und die europ&auml;ischen Eliten galoppieren weiter in die gleiche, altbekannte Richtung. Wer dabei &uuml;brigens glaubt, nur konservative Neoliberale wie der deutsche Finanzminister Wolfgang Sch&auml;uble, der Unions-Fraktionschef Kauder und ihre Parteien CDU und CSU pochten auf neoliberale &ldquo;Strukturreformen&rdquo;, sieht sich get&auml;uscht. So wird der Fraktionschef der SPD im Bundestag, Thomas Oppermann, <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/politik\/deutschland\/article137690908\/SPD-sieht-Sieg-der-Vernunft-in-Griechenland.html\">mit den Worten zitiert<\/a>:<\/p><blockquote><p>\nDie Vernunft hat sich durchgesetzt. Es ist gut, dass Griechenland jetzt doch zu Strukturreformen bereit ist.\n<\/p><\/blockquote><p>Es w&auml;re zu w&uuml;nschen, dass durch den Regierungswechsel in Griechenland nicht nur eine Debatte &uuml;ber die K&uuml;rzungs- und Austerit&auml;tspolitik in Europa, sondern auch &uuml;ber die angeblich so notwendigen &bdquo;Strukturreformen&ldquo; angesto&szlig;en wird. Denn zum Kernbestand dieser &bdquo;Strukturreformen&ldquo; geh&ouml;rt eben auch die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes. Eine solche Debatte w&auml;re ein echter Beitrag zum &Ouml;ffnen der Augen vor der Wirklichkeit. Allerdings steht zu bef&uuml;rchten, dass die neoliberalen Betonk&ouml;pfe in Br&uuml;ssel und Berlin bei den Verhandlungen mit der SYRIZA-Regierung auch in diesem Punkt den demokratisch erkl&auml;rten Willen des griechischen Volkes ignorieren werden.<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/47f8ed45dcc84760a115bf2c3cff1be3\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Angef&uuml;hrt von der deutschen Bundesregierung aus CDU\/CSU und SPD hat die Eurogruppe auf ihrer Position beharrt, auch die neue griechische Regierung unter Alexis Tsipras (SYRIZA) m&uuml;sse sich zu &ldquo;Strukturreformen&rdquo; bekennen und diese weiterf&uuml;hren. Zu solchen &ldquo;Reformen&rdquo; geh&ouml;rt regelm&auml;&szlig;ig auch die Flexibilisierung des Arbeitsmarkts. 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