{"id":25168,"date":"2015-02-24T10:50:19","date_gmt":"2015-02-24T09:50:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25168"},"modified":"2024-09-23T02:06:20","modified_gmt":"2024-09-23T00:06:20","slug":"die-hartz-iv-ideologie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25168","title":{"rendered":"Die Hartz-IV-Ideologie"},"content":{"rendered":"<p>Hartz IV hat Geburtstag, doch zu feiern gibt es nichts. F&uuml;r die Kritiker ist dieser &bdquo;Jahrestag&ldquo; vor allem Symbol f&uuml;r das zehnj&auml;hrige Bestehen einer neuen Art von <a href=\"http:\/\/le-bohemien.net\/2015\/01\/05\/hartz-iv-zehn-jahre-untertanenstaat\/\">Untertanenstaat<\/a>, welcher f&uuml;r die gegenw&auml;rtige Zunahme autorit&auml;rer, rechtsextremer und antidemokratischer Tendenzen ma&szlig;geblich mitverantwortlich und zudem per se <a href=\"http:\/\/www.nrhz.de\/flyer\/beitrag.php?id=19389\">menschenfeindlich<\/a> organisiert ist. Doch warum gibt es so wenig Widerstand? Warum lassen sich die Betroffenen &bdquo;so viel&ldquo; gefallen? Wie wirkt und organisiert sich die neoliberale Ideologie, auf dass sie sich als &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.kritische-psychologie.de\/files\/tg2000a.pdf\">Denkgift<\/a>&ldquo; in den K&ouml;pfen und Herzen der Menschen realisiert? Zu diesen Fragen sprach <strong>Jens Wernicke<\/strong> mit <strong>Manfred Bartl<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Herr Bartl, Sie sind nicht nur Initiator des <a href=\"https:\/\/denknachmainz.wordpress.com\/\">NachDenkSeiten-Gespr&auml;chskreises in Mainz<\/a>, sondern auch profilierter Kritiker der Agenda 2010. Anfang Januar hat Katja Kipping im ARD-Morgenmagazin die &bdquo;Ideologie von Hartz IV&ldquo; <a href=\"http:\/\/so-zi-al.myblog.de\/so-zi-al\/art\/8564292\/Katja-Kipping-beim-ARD-Morgenmagazin-zum-sozialpolitischen-Neustart-nach-10-Jahren-Hartz-IV\">kritisiert<\/a> &ndash; und auch Sie nehmen diesen Begriff in den Mund&hellip; Was meinen Sie damit? Inwiefern geht es bei Hartz IV um &bdquo;Ideologie&ldquo;?<\/strong><\/p><p>Die Ideologie von Hartz IV macht sich vor allem am ganzen Gerede vom vermeintlichen &bdquo;F&ouml;rdern und Fordern&ldquo; fest und wird als solche erkennbar anhand der Schizophrenie, dass man auf der einen Seite behauptet, gegen die &bdquo;Hilfebed&uuml;rftigkeit&ldquo;, also <em>f&uuml;r<\/em> die Betroffenen zu agieren, auf der anderen Seite aber dringend notwendige F&ouml;rdermittel immer mehr zusammenstreicht und zugleich mit der Etablierung eines &bdquo;der besten Niedriglohnsektoren (&hellip;), den es in Europa gibt&ldquo;, <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/Hartz_I-IV_Einfuehrung_groesster_EU-Niedriglohnsektor.pdf\">prahlt<\/a> und also offen gegen die Betroffenen und deren Interessen agiert. Tats&auml;chlich geht es gar nicht um die Betroffenen oder die &Uuml;berwindung deren realer Not&hellip; <\/p><p><strong>Arno Gruen hat das, denke ich, in seinem Buch &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.dtv.de\/buecher\/der_wahnsinn_der_normalitaet_35002.html\">Der Wahnsinn der Normalit&auml;t<\/a>&ldquo;, gut veranschaulicht: Hinter der Maske der Menschlichkeit agiert faktisch die Unmenschlichkeit, die jedoch schwer als solche erkennbar ist, wenn man sich die L&uuml;gen und Verdrehungen der allt&auml;glichen Propaganda erst einmal zu eigen gemacht hat&hellip; Aber wie ist das mit dem &bdquo;F&ouml;rdern und Fordern&ldquo; denn genau, was meinen Sie?<\/strong><\/p><p>Nun, ich sagte ja schon: Mit der vermeintlichen &bdquo;Hilfe&ldquo; f&uuml;r die Betroffenen ist <em>keineswegs<\/em> wirkliche Hilfe beabsichtigt; vielmehr geht es um die &bdquo;Unterwerfung&ldquo; der Betroffenen unter &auml;u&szlig;ere Zw&auml;nge, die diese jedoch als Hilfe verstehen sollen.<\/p><p>Im &Uuml;brigen kann ich das Gerede vom vermeintlichen &bdquo;F&ouml;rdern und Fordern&ldquo; schon gar nicht mehr h&ouml;ren! Grauenhaft, dass sich dieser Gehirnw&auml;sche-Slogan inzwischen sogar bis in unsere Schulen und Lehrpl&auml;ne hinein ausgebreitet hat. Wenn diejenigen &ndash; Schulleiter, Lehrer und Eltern &ndash;, die ihn so oft gedankenlos in ihrem Alltag wiederholen, damit wenigstens &bdquo;<em>Unterst&uuml;tzen und Herausfordern<\/em>&ldquo; meinen w&uuml;rden, h&auml;tte ich ja nicht einmal was dagegen. Sie verwenden ihn jedoch sehr wohl, das ist zumindest mein Erleben, in aller Regel in der Bedeutung seiner wahren Intention und meinen &bdquo;<em>K&ouml;dern und Qu&auml;len<\/em>&ldquo; damit. Und dabei blicken sie eben &bdquo;auf unsereins&ldquo; hinab und schlie&szlig;en sich der vorherrschenden Ideologie, Hartz IV-Empf&auml;nger seien faul, ungepflegt, m&uuml;ssten erzogen werden etc. an, assoziieren sich sozusagen mit der Unterdr&uuml;ckung durch das System und schreiben diese hierdurch mit und fort!<\/p><p><strong>W&auml;re denn ein &bdquo;Unterst&uuml;tzen und Herausfordern&ldquo; besser f&uuml;r Sie? Und inwiefern?<\/strong><\/p><p>Ja, &bdquo;Unterst&uuml;tzen und Herausfordern&ldquo; w&auml;re bestimmt besser als &bdquo;K&ouml;dern und Qu&auml;len&ldquo;, aber ich w&uuml;rde es maximal f&uuml;r schadlos und also noch lange nicht f&uuml;r hilfreich halten. Denn das Problem an der Massenerwerbslosigkeit das sind doch eben <em>nicht<\/em> die Erwerbslosen, die es nur zu &ldquo;verbessern&ldquo; g&ouml;lte, wie das Hartz IV-Regime dies immer wieder kolportiert, sondern das ist der immer menschenverachtender agierende &bdquo;Arbeitsmarkt&ldquo; auf der einen und das Sozialgesetzbuch II, das diese regelrecht drau&szlig;en h&auml;lt, auf der anderen Seite!<\/p><p><strong>Hartz IV h&auml;lt Langzeiterwerbslose &ldquo;drau&szlig;en&ldquo;&hellip;? Das verstehe ich nicht. Ich dachte, es ginge darum, die Leute in so gro&szlig;e Verzweiflung zu bringen, dass sie schlie&szlig;lich bereit sind, mehr oder minder alles zu tun, um aus Hartz IV zu entkommen&hellip;<\/strong><\/p><p>Ja <em>und<\/em> nein. Beides ist sozusagen gleichzeitig wahr. Was ich meine, ist, dass Hartz IV mit aller Kraft die Betroffenen klein macht, klein h&auml;lt, auf die geringstm&ouml;glichen Anspr&uuml;che an Leben und sozialer Teilhabe trimmt und darauf konditioniert, sich mit einem &bdquo;Leben in Hartz IV&ldquo; und sp&auml;ter in Altersarmut abzufinden, weil man ja selbst schuld an seiner Situation sei&hellip; <\/p><p>Und viele glauben das eben, identifizieren sich mit diesem sozial gewollten und die zunehmende Ungleichheit im Land ideologisch flankierenden &bdquo;Wahn&ldquo;&hellip; Und eben <em>dadurch<\/em>, hiermit &bdquo;h&auml;lt&ldquo; man die Menschen auch klein und mittels dieser &bdquo;Schuldfalle&ldquo; eben auch &bdquo;fern&ldquo;&hellip;<\/p><p><strong>Und wie schaffen die Jobcenter das?<\/strong><\/p><p><em>Sehr gut, danke<\/em>! &ndash; aber nein, Spa&szlig; beiseite&hellip; Es ging ja gerade durch die Presse, dass nach <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/news\/2014-12\/25\/deutschland-dgb-berechnung-etwa-15-millionen-menschen-haben-hartz-iv-erfahrung-25102405\">DGB-Berechnungen<\/a> seit Einf&uuml;hrung von Hartz IV bereits 15 Millionen verschiedene Menschen zumindest zeitweilig Arbeitslosengeld II bezogen haben &ndash; bei immer noch mehr als sechs Millionen Menschen, die aktuell auf Hilfe angewiesen sind. Nimmt man noch die Information dazu, dass der Niedriglohnsektor mit 24,3 Prozent der Besch&auml;ftigten in Deutschland heute so gro&szlig; ist wie in keinem anderen hochentwickelten europ&auml;ischen Land, zeigt das, dass und wie gut die Masche funktioniert. <\/p><p>Aber zur&uuml;ck zur Frage: Das <em>ideologische Haupt-Instrument<\/em> der Jobcenter, den Langzeiterwerbslosen die Schuld an ihrer Erwerbslosigkeit in die Schuhe zu schieben, ist wohl die Behauptung so genannter &bdquo;Vermittlungshemmnisse&ldquo;, also von in den Personen der Langzeiterwerbslosen oder deren Lebensumst&auml;nden liegenden &bdquo;M&auml;ngeln&ldquo;, welche &ndash; und das ist der Witz schlechthin! &ndash; deren Vermittlung hemmen w&uuml;rden. Hier offenbart sich die ganze Ideologie im Kleinen, denn so etwas wie Vermittlung findet im Sinne des Wortes ja &uuml;berhaupt nicht statt.. <\/p><p><strong>Wie meinen Sie das?<\/strong><\/p><p>Nun, den Langzeiterwerbslosen wird doch kein Kontakt vermittelt, der ihnen eine realistische Chance er&ouml;ffnen w&uuml;rde, dass sie ihre Arbeitskraft <em>wirklich<\/em> so einsetzen k&ouml;nnten, wie es Paragraph 2, Absatz 2, Satz 2 des SGB II fordert: &bdquo;Erwerbsf&auml;hige Leistungsberechtigte <em>m&uuml;ssen<\/em> ihre Arbeitskraft zur Beschaffung des Lebensunterhalts f&uuml;r sich und die mit ihnen in einer Bedarfsgemeinschaft lebenden Personen einsetzen.&ldquo;<\/p><p>Sie bekommen doch nur mehr oder minder passgenaue Stellen<em>informationen<\/em> zugestellt und sollen sich &ndash; in immenser Konkurrenz zu vielen anderen &ndash; durch Bewerbungen um die betreffenden Stellen <em>bem&uuml;hen<\/em>. Im Wesentlichen entsprechen diese Stellen<em>informationen<\/em> dabei zwar den Stellen<em>anzeigen<\/em>, die man in Zeitungen, Online-Jobb&ouml;rsen und an Schwarzen Brettern findet. Aber ganz so einfach ist es eben nicht. Denn eine Stelleninformation ist eben <em>keine<\/em> blo&szlig; unverbindliche Stellenanzeige!<\/p><p><strong>Inwiefern?<\/strong><\/p><p>Tja, eine <em>verbindliche<\/em> und &uuml;berdies mit <em>Rechtsbehelfsbelehrungen<\/em> ausgestattete so genannte &bdquo;Stelleninformation&ldquo; ist faktisch eben nichts anderes als eine vorl&auml;ufig noch nicht vollzogene Sanktion.<\/p><p>Aber ich hole etwas weiter aus: Der ideale Jobvermittler h&auml;tte doch ein Interesse, den vor ihm sitzenden Langzeiterwerbslosen auf die optimal passende, von ihm h&ouml;chstpers&ouml;nlich identifizierte freie Stelle zu vermitteln, ihn also anzupreisen, Vorschl&auml;ge zur Passgenauigkeit seitens des Bewerbers zu machen, unterst&uuml;tzende Ma&szlig;nahmen wie etwa Tipps zum Schreiben der perfekten Bewerbung und alle n&ouml;tigen Finanzierungsm&ouml;glichkeiten bereitzustellen und sich abschlie&szlig;end dar&uuml;ber zu freuen, wenn freie Stelle und Bewerber zusammengefunden haben. <\/p><p>Das ist aber gar nicht das Anliegen des Jobvermittlers &ndash; zumindest nicht in systemischer Hinsicht. Denn was geschieht nach der unausgesprochenen Sanktionsdrohung durch die &bdquo;Stelleninformation&ldquo; als n&auml;chstes? Bewirbt sich der Langzeiterwerbslose ohne wichtigen Grund nicht oder nicht rechtzeitig auf die Stelle, auf die man ihn ohne reale Gelingensaussicht zu zwingen versucht, tritt umgehend eine eine K&uuml;rzung des <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24380\">ohnehin zu niedrigen Arbeitslosengeldes II<\/a>.<\/p><p>Dieses System ist deshalb so perfide, weil ein und dieselbe Stelleninformation bestimmt mehreren, unter Umst&auml;nden sogar sehr vielen Erwerbslosen im ganzen Bundesgebiet zugewiesen wird. So kann eine <em>einzige<\/em> Sanktions<em>androhung<\/em> in Gestalt <em>vieler<\/em> Stelleninformationen wom&ouml;glich <em>mehrere Sanktionen<\/em> generieren, also Einsparerfolge realisieren, wenn es f&uuml;r die Controller der Jobcenter &bdquo;gut l&auml;uft&ldquo;. <\/p><p>Im Sinne derselben &bdquo;gute Kunden&ldquo; sind also solche Langzeiterwerbslosen, die auf nicht hundertprozentig passgenaue Stelleninformationen mit Unlust reagieren, werbetr&auml;chtige Formulierungen beim Versuch, sich selbst anzupreisen, nicht so gekonnt draufhaben oder mit Trotz oder gar Alkoholmissbrauch reagieren, wenn sie &ndash; salopp gesagt &ndash; mit der Gesamtsituation unzufrieden bzw. unzufrieden gemacht worden sind. <\/p><p>Das Wichtigste an &bdquo;Vermittlungshemmnissen&ldquo; dieser Art ist daher auch gar nicht, dass sie irgendwann beseitigt werden. Die werden einfach nur behauptet &ndash; und dadurch wird ein immenses gesellschaftliches Problem gekonnt &bdquo;personalisiert&ldquo;&hellip;<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><div class=\"external-2click\" data-provider=\"Youtube\" data-provider-slug=\"youtube\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Videos werden Daten an Youtube &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von Youtube zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><iframe loading=\"lazy\" width=\"500\" height=\"315\" src=\"\" frameborder=\"0\" allowfullscreen class=\"external-2click-target \" data-src=\"\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/_-KJ4ks35Nk\"><\/iframe><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"youtube\">Inhalte von Youtube nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><\/p><p style=\"text-align: center\"><strong>3sat: Die Arbeitslosen von Marienthal<\/strong><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Ich habe es noch nicht ganz verstanden: Wenn jemand also sanktioniert wird, weil er sinnlose und w&uuml;rdeverletzende Schein-Vermittlungsspielchen nicht mitspielt, dann wird er zum einen sanktioniert und zum anderen alsdann als &bdquo;mit Vermittlungshemmnissen behaftet&ldquo; testiert? <\/strong><\/p><p>Auch das, aber eigentlich werden &bdquo;Vermittlungshemmnisse&ldquo; vor allem <em>vorab<\/em> identifiziert und wirken sich somit w&auml;hrend der gesamten &bdquo;Verfolgungs-Betreuung&ldquo; auf die Seele der Betroffenen aus.<\/p><p>Der Jobvermittler wird n&auml;mlich in der Regel nicht erst darauf warten, dass sich anhand konkret gescheiterter Bewerbungsbem&uuml;hungen vermeintlich genau aufkl&auml;ren l&auml;sst, woran der Misserfolg nun gelegen habe. Derselbe wird stattdessen gleich aus dem ersten Profiling bei der Arbeitsuchend-Meldung als Vermutung &bdquo;ermittelt&ldquo; und hiernach in alle k&uuml;nftigen Bewerbungsaussichten hineinprojiziert. <\/p><p>Die daraus resultierenden <em>ber&uuml;chtigten<\/em> Bewerbertrainings &ndash; ich w&auml;hle bewusst die Mehrzahl, denn viele machen mehrere dieser Trainings hintereinander! &ndash; dienen dabei auch nicht der Aussicht, dass man irgendwann perfekte Bewerbungen produzieren k&ouml;nne, sondern sind dazu da, von vornherein klarzustellen, dass das Scheitern einer Bewerbung an einem selbst gelegen habe &ndash; an in deiner Person oder in deinen Lebensverh&auml;ltnissen begr&uuml;ndeten &bdquo;Defiziten&ldquo;, den &bdquo;Vermittlungshemmnissen&ldquo; also, weil man so das blo&szlig;e R&uuml;tteln und Sieben der Jobvermittler an der gro&szlig;en Jobb&ouml;rse als &bdquo;Vermittlungst&auml;tigkeit&ldquo; qualifizieren kann.<\/p><p>Sie merken es, nehme ich an: Es geht an keinem Punkt wirklich um &bdquo;den Menschen&ldquo;, sondern darum, diesen entweder zu brechen und\/oder zur Identifikation mit seiner fortdauernden Unterdr&uuml;ckung zu bringen. Wo das aber gelingt, wehrt sich niemand mehr gegen dieses Regime, denn dann glauben es alle: Ich bin offenbar selbst schuld, habe es inzwischen ja oft genug am eigenen Leibe erfahren und erlebt&hellip;<\/p><p>&Uuml;brigens: Das krasseste Vermittlungshemmnis wird von der Gesellschaft &uuml;brigens vollkommen vernachl&auml;ssigt, weil es so fest im System verankert ist, dass man es quasi &uuml;bersehen <em>muss<\/em>: Vor zehn Jahren hie&szlig; es neben den ganzen anderen Versprechungen auch, dass man &bdquo;Verschiebebahnh&ouml;fe&ldquo; abschaffen und eine &bdquo;Betreuung aus einer Hand&ldquo; anstreben w&uuml;rde. Aber wer &ndash; in der Regel &ndash; zw&ouml;lf Monate erwerbslos war und dann von der Agentur f&uuml;r Arbeit zum Jobcenter hin&uuml;ber wechselt, dem wird umgehend als erstes &bdquo;Vermittlungshemmnis&ldquo; seine &bdquo;Langzeiterwerbslosigkeit&ldquo; testiert &ndash; und das war&lsquo;s dann eigentlich auch schon, denn dieses &bdquo;Vermittlungshemmnis&ldquo; wird man nicht wieder los &ndash; zumindest nicht ohne existenzsichernden Job, der einen aber auch <em>komplett<\/em> aus der Erwerbslosigkeit herausholte dann.<\/p><p><strong>Und wie wehrt man sich dagegen, gegen derlei &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.kritische-psychologie.de\/files\/tg2000a.pdf\">Denkgifte<\/a>&ldquo; und Unterdr&uuml;ckungsmechanismen? Haben Sie eine Idee? Wie leben und &uuml;berleben Sie selbst &bdquo;in Hartz IV&ldquo;?<\/strong><\/p><p>Das Problem ist nat&uuml;rlich, dass die meisten Umst&auml;nde, die den Betroffenen als in ihnen selbst angelegte Ursachen ihrer Erwerbslosigkeit verkauft werden, durchaus real sind: Alleinerziehende <em>haben<\/em> schlicht Kinder, deren Betreuung m&ouml;glicherweise nicht ideal &ndash; zumindest nicht so ideal wie beispielsweise bei der siebenfachen Mutter Ursula von der Leyen, der fr&uuml;heren Bundesministerin f&uuml;r Arbeit und Soziales &ndash;  gew&auml;hrleistet ist. Und auch <em>Schulden<\/em> sind real und dr&uuml;cken so lange, bis eine Schuldnerberatung vielleicht einen Weg zur L&ouml;sung der Probleme gefunden hat. Und auch manche Qualifikation h&auml;tte man halt <em>wirklich<\/em> gerne, wenn man sich erst einmal in eine bestimmte Richtung orientiert hat.<\/p><p>Aber warum wird der Mutter oder dem Vater weisgemacht, sie w&uuml;rden keine Stelle finden, weil sie ein &bdquo;Problem&ldquo; mitbr&auml;chten? Umgekehrt wird doch ein Schuh daraus! <em>S&auml;mtliche<\/em> Arbeitgeber sind nicht willens oder in der Lage, ihr oder ihm einen passenden Arbeitsplatz anzubieten, um hierdurch den Lebensunterhalt von sich und den Kindern zu erwirtschaften. Und warum m&uuml;ssen Schulden eigentlich dr&uuml;cken, die aller Wahrscheinlichkeit nach bereits auf eine Erwerbslosigkeit oder eben prek&auml;re Besch&auml;ftigung zur&uuml;ckzuf&uuml;hren sind, also <em>ebenfalls<\/em> aufs Konto der Arbeitsgeber und der gesellschaftlichen Verh&auml;ltnisse gehen? Und warum finanziert nicht der <em>Arbeitgeber<\/em>, bei dem man letztlich eingestellt werden soll, die Qualifikation, die notwendig ist, um Mitarbeiter f&uuml;r die Arbeit in eben diesem Unternehmen auch &ldquo;passgenau&ldquo; auszubilden? Dass &uuml;ber diesen &bdquo;Wahnsinn der Normalit&auml;t&ldquo; hinaus die Arbeitgeber dann auch noch andauernd ihr M&auml;rchen vom &bdquo;Fachkr&auml;ftemangel&ldquo; abjammern, bringt mich regelrecht zur Wei&szlig;glut!<\/p><p><strong>&hellip;was also tun?<\/strong><\/p><p>Also, ich denke, unsere Gegenstrategie muss individuelle und gewerkschaftliche Aufkl&auml;rung sowie die Entwicklung eines Arneitnehmer<em>selbst<\/em>bewusstseins oder besser gleich Klassenbewusstseins forcieren! <\/p><p>Dabei geh&ouml;rt auch die Einbeziehung des vorhin schon angesprochenen Paragraphen 2, Absatz 2, Satz 2, SGB II mit seiner <em>Muss<\/em>-Vorschrift zum Einsatz der Arbeitskraft in den Fokus unserer Kritik. Und zwar im Sinne eines Lebensunterhaltes nach <em>eigenem<\/em> Anspruch, um das gleich klarzustellen.<\/p><p>Und dazu geh&ouml;rt bei uns in Rheinland-Pfalz auch das Insistieren auf den Artikel 56 der Landesverfassung, der bestimmt, dass das Arbeitsentgelt zum Lebensbedarf f&uuml;r den Arbeitenden <em>und seine Familie<\/em> ausreichen und diesen die Teilnahme an den allgemeinen Kulturg&uuml;tern erm&ouml;glichen muss. <\/p><p>Und es geh&ouml;rt der gewerkschaftlich koordinierte Kampf um Arbeitszeitverk&uuml;rzung auf die von Attac europaweit geforderte <a href=\"http:\/\/www.sowi.hu-berlin.de\/lehrbereiche\/sag\/pdf\/flyer-30-std.-woche-fur-europa-_attac.pdf\">30-Stunden-Woche bei vollem Lohn- <em>und<\/em> Personalausgleich<\/a> dazu. Die Lohnausgleichforderung ist ja bekannt; sie verhindert Lohneinbu&szlig;en im Zuge einer Arbeitszeitverk&uuml;rzung. Die zus&auml;tzliche Forderung auch nach einem <em>Personalausgleich<\/em> ist eine der Lehren aus der Einf&uuml;hrung der 35-Stunden-Woche und soll rein profitwahrungsorientierte Gegenma&szlig;nahmen der Arbeitgeber wie Rationalisierungen und Arbeitsverdichtung im Zuge der Arbeitszeitverk&uuml;rzung verhindern. <\/p><p>Ich selbst drehe den Spie&szlig; &uuml;brigens einfach um und mache nach dem Motto &bdquo;<em>Kompensation f&uuml;r die Hartz IV-Deprivation<\/em>&ldquo; im Rahmen meiner M&ouml;glichkeiten allen Beteiligten immer wieder klar, dass meine Lohnanspr&uuml;che an zuk&uuml;nftige Arbeitgeber mit jedem Jahr unter den Bedingungen von Hartz IV weiter steigen. Dieses die Technokraten der Hartz-Kommission persiflierende Motto bedeutet dabei schlicht, dass ich f&uuml;r die unter Hartz IV-Bedingungen erlittenen M&auml;ngel auch einen angemessenen Schadenersatz verlange. &Uuml;ber Stellenangebote mit einer Bezahlung zum gerade eingef&uuml;hrten gesetzlichen Mindestlohn &ndash; oder gar darunter &ndash; kann ich dabei nur lachen&hellip; <\/p><p><strong>Noch ein letztes Wort?<\/strong><\/p><p>Ja, denn es gibt noch eine Steigerung der Perfidie der &bdquo;Vermittlungshemmnisse&ldquo;. Nachdem man den &bdquo;Kunden&ldquo; des Jobcenters n&auml;mlich vermittelt hat, dass sie an ihrer Erwerbslosigkeit selbst schuld seien, verkauft man es ihnen anschlie&szlig;end auch noch als besondere Chance, wenn sie <em>mehr<\/em> als ein spezifisches &bdquo;Vermittlungshemmnis&ldquo; aufweisen.<\/p><p>Wer n&auml;mlich &bdquo;<em>multiple<\/em> Vermittlungshemmnisse&ldquo; aufweist, kann einen leichteren Zugang zu F&ouml;rderma&szlig;nahmen erlangen. F&uuml;r eine &Uuml;bernahme ins so genannte Fallmanagement, also die intensivere und gegebenenfalls nachsichtigere, im Gl&uuml;cksfall vielleicht sogar etwas gro&szlig;z&uuml;gigere Betreuung, gilt das Vorhandensein von drei voneinander abgrenzbaren, schwerwiegenden Vermittlungshemmnissen als notwendiges Kriterium. <\/p><p>Mit <em>einem<\/em> &bdquo;Vermittlungshemmnis&ldquo; bekommt man die Schuld an der Erwerbslosigkeit aufgeladen, mit <em>drei<\/em> &bdquo;Vermittlungshemmnisen&ldquo; wird einem dann aber &ndash; vermeintlich &ndash; die Himmelspforte zur Gl&uuml;ckseligkeit aufgesto&szlig;en! Umso <em>mehr<\/em> man sich also identifiziert und unterwirft, umso mehr Pseudohilfe wird einem auch zuteil&hellip; <\/p><p><strong>Ich bedanke mich f&uuml;r das Gespr&auml;ch.<\/strong><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Manfred Bartl<\/strong> ist (beinahe promovierter) Diplom-Chemiker und Technischer Redakteur, der bis zum Ende der Dotcom-Blase beim mittlerweile filetierten Bertelsmann-Unternehmen Lycos Europe als Chat Manager und hiernach als Datenbank-Entwickler und Dozent in einem der Arbeitsverwaltung zuarbeitenden Ma&szlig;nahmeprojekt des Caritasverbandes Mainz gearbeitet hat. 2002\/2003 h&ouml;rte er auf, GR&Uuml;NEN-W&auml;hler zu sein, trat 2005 als unabh&auml;ngiger Bundestagskandidat f&uuml;r Mainz an und hat den Bereich der Politik seitdem nicht nur nicht mehr verlassen, sondern sein Leben umfassend auf den politischen Kampf eingestellt. Er organisiert den NachDenkSeiten-Gespr&auml;chskreis Mainz, ist aktiv in der Mainzer Initiative gegen Hartz IV, dem Hartz IV-Netzwerk Rheinland-Pfalz, in ver.di, bei attac, der Linkspartei sowie Linksw&auml;rts e.V. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Weiterlesen:<\/strong><\/p><p>Thomas Gerlach: <a href=\"http:\/\/www.kritische-psychologie.de\/files\/tg2000a.pdf\">Denkgifte. Psychologischer Gehalt neoliberaler Wirtschaftstheorie und gesellschaftspolitischer Diskurse<\/a><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>Eine automatische E-Mail-Benachrichtigung &uuml;ber <strong>neue Texte von Jens Wernicke<\/strong> k&ouml;nnen Sie <a href=\"http:\/\/feedburner.google.com\/fb\/a\/mailverify?uri=JensWernicke&amp;loc=de_DE%20bestellen\">hier<\/a>.<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/b4556b5742c64205a600e85cc4c89d0d\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hartz IV hat Geburtstag, doch zu feiern gibt es nichts. 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