{"id":2517,"date":"2007-07-30T15:19:21","date_gmt":"2007-07-30T13:19:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2517"},"modified":"2016-01-01T10:39:06","modified_gmt":"2016-01-01T09:39:06","slug":"dringend-gesucht-ein-noch-selbst-denkendes-buergertum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2517","title":{"rendered":"\u201eDringend gesucht &#8211; ein noch selbst denkendes B\u00fcrgertum.\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Das ist der Titel einer Rede, die ich zur 50-Jahr-Feier des Lions-Club in Pforzheim gehalten habe. (In anderem Kontext war schon die Rede davon.) Die Reaktion in Pforzheim zeigte, dass auch in b&uuml;rgerlichen Kreisen, bei Unternehmern und Managern kritische Fragen zur herrschenden Lehre gestellt werden. Bei weitem nicht alle sind im Einflussbereich der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, der Bertelsmann Stiftung oder anderer Kaderschmieden. Viele durchschauen die Borniertheit der herrschenden Ideologen &ndash; wie zum Beispiel des heute in einem Beitrag von Wolfgang Lieb aufgespie&szlig;ten Professors Raffelh&uuml;schen. Und viele sehen inzwischen, wie sehr sie als wertsch&ouml;pfende Unternehmer und Manager von den Meinungsf&uuml;hrern in Politik, Wissenschaft und Wirtschaft vor den Karren der Interessen von international t&auml;tigen Spekulanten gespannt werden.<br>\nIch stelle meine Pforzheimer Rede zu Ihrer Verf&uuml;gung. Vielleicht k&ouml;nnen Sie damit Personen in Ihrem Umfeld ansprechen. Das ist wichtig f&uuml;r den Aufbau einer rationaleren Gegen&ouml;ffentlichkeit. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong><\/p><p><strong>Festrede zur Feier 50 Jahre Lions-Club Pforzheim<\/strong> [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]<br>\nam 12.5.2007 im Reuchlinhaus Pforzheim<\/p><p><strong>Thema: Dringend gesucht &ndash; ein noch selbst denkendes B&uuml;rgertum.<\/strong><\/p><ol>\n<li>Dass Sie mich eingeladen haben, die Festrede zu Ihrem Jubil&auml;um zu halten, ehrt mich, dass Sie sich darauf verst&auml;ndigt haben, das in der Einladung formulierte Thema dieses Festvortrages auszusuchen, ehrt Sie:\n<p>&bdquo;Dringend gesucht &ndash; ein noch selbst denkendes B&uuml;rgertum.&ldquo; <\/p>\n<p>Das ist ein au&szlig;ergew&ouml;hnliches Thema. Das klingt nicht gerade nach betulicher Festrede. Ehrlich gesagt h&auml;tte ich dies auch nicht leisten k&ouml;nnen. Statt dessen w&uuml;rde ich mit Ihnen gerne ein paar Gedanken &ndash; sagen wir &bdquo;zur Lage der Nation&ldquo; &ndash; austauschen: Unser liebenswertes Land und unsere bisher im Kern gute und lebenswerte Gesellschaftsordnung sind in Erosion geraten &ndash; korrekter Weise m&uuml;sste ich sagen: der Erosion preisgegeben &ndash; und dies auch noch unn&ouml;tigerweise. Wir haben mit unserer geltenden Gesellschaftsordnung 50 Jahre lang gute Erfahrungen gemacht. Sogar Josef Ackermann sieht das &auml;hnlich, nur zieht er andere, von mir nicht nachvollziehbare Schl&uuml;sse. Bei einem Neujahrsempfang der Stadt Frankfurt meinte er:<\/p>\n<p>&bdquo;W&auml;re es nicht an der Zeit, nach 50 erfolgreichen Jahren Bundesrepublik die Strukturen neu zu entwerfen?&ldquo;<\/p>\n<p>Verstehen Sie das? In diesem Satz ist die Unvernunft der gesellschaftspolitischen Entwicklung geb&uuml;ndelt.<br>\nWarum neu entwerfen, wenn man mit der Grundstruktur gute Erfahrungen gemacht hat? Wo ist da die Logik?<br>\nUnser Land wird seit fast zwei Jahrzehnten schlecht geredet und zum schlechteren ver&auml;ndert. Bew&auml;hrte Einrichtungen wie die gesetzliche Rente und Regelungen wie die erprobte Balance von &ouml;ffentlicher und privater T&auml;tigkeit werden zerst&ouml;rt. Und es besteht die Gefahr der Beschleunigung dieses Prozesses.<\/p>\n<p>Ich m&ouml;chte Sie heute zum Gebrauch Ihrer b&uuml;rgerlichen Freiheit ermuntern, ich m&ouml;chte sie ermuntern, sich von den &uuml;blicherweise angebotenen Denkmustern zu befreien; ich m&ouml;chte Sie ermuntern, hinter die Kulissen zu schauen und wieder zweifeln zu lernen. Ich will es volkst&uuml;mlich sagen: Unser Land braucht dringend ein Salz in seiner Suppe &ndash; ein waches, kritisches B&uuml;rgertum.<\/p><\/li>\n<li>Beim Lions Club Pforzheim m&uuml;sste ich mit diesem Grundgedanken eigentlich gut landen k&ouml;nnen. Ich habe mir die Ziele und Grunds&auml;tze, die Sie f&uuml;r Ihren Club verabschiedet haben, angesehen. Dort trifft man auf sehr gute Gedanken:\n<p><strong>Die &bdquo;Ziele von LIONS&ldquo; sind, so hei&szlig;t es:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>&bdquo;Die Grunds&auml;tze eines guten Staatswesens und guten B&uuml;rgersinns zu f&ouml;rdern.&ldquo; &ndash; Schon das ist sehr aktuell: Sie wollen nicht die landl&auml;ufig geforderte Entstaatlichung, sondern einen optimal arbeitenden Staat. Das ist gut. Wir m&uuml;ssen optimieren, nicht zerst&ouml;ren. Weiter hei&szlig;t es:<\/li>\n<li>&bdquo;Aktiv f&uuml;r die b&uuml;rgerliche, kulturelle, soziale und allgemeine Entwicklung der Gesellschaft einzutreten&ldquo; &ndash; Demnach glauben Sie, dass Egoismus alleine zur Organisation einer Gesellschaft nicht reicht. Eine wichtige Positionsbestimmung.<\/li>\n<li>&bdquo;Ein Forum f&uuml;r die offene Diskussion aller Angelegenheiten von &ouml;ffentlichem Interesse zu bilden&ldquo; &ndash; Das ist dringend in Zeiten grassierender Entpolitisierung. <\/li>\n<li>&bdquo;Einsatzfreudige Menschen zu bewegen, der Gemeinschaft zu dienen, ohne daraus pers&ouml;nlich materiellen Nutzen zu ziehen&ldquo; &ndash; Wenn das gilt, dann w&uuml;rde heute die Aufnahme von einer Reihe von hochm&ouml;genden Pers&ouml;nlichkeiten, von Managern und Politikern, Medienmachern und Wissenschaftlern in den Lions-Club Pforzheim scheitern m&uuml;ssen: Gerhard Schr&ouml;der und Helmut Kohl, Werner M&uuml;ller und J&uuml;rgen Schrempp, Wolfgang Clement und Friedrich Merz, auch Wissenschaftler wie die Professoren Raffelh&uuml;schen und R&uuml;rup z.B., die in der so genannten R&uuml;rup-Kommission jene Gesetzes&auml;nderungen vorbereitet haben, die sie heute als Berater der Finanzwirtschaft f&uuml;r diese und f&uuml;r sich nutzen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Dann werfe ich noch einen Blick auf<\/p>\n<p><strong>&ldquo;Die ethischen Grunds&auml;tze von Lions Club International<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Daran zu denken, dass es zum Aufbau meiner Existenz nicht notwendig ist, diejenige eines anderen zu zerst&ouml;ren&ldquo; &hellip; &ndash; Das ist zwar nicht sehr marktwirtschaftlich gedacht, aber die erkennbare Differenziertheit und Humanit&auml;t zeichnet die Autoren aus.<\/li>\n<li>&bdquo;Mir stets meiner Verpflichtungen als B&uuml;rger gegen&uuml;ber meiner Nation, meinem Lande und meiner Gemeinde bewusst zu bleiben und ihnen in Wort, Haltung und Tat meine unersch&uuml;tterliche Treue zu halten. Ihnen meine Zeit, meine Leistungsf&auml;higkeit und meine M&ouml;glichkeiten gro&szlig;z&uuml;gig zur Verf&uuml;gung zu stellen.&ldquo;<br>\nAuch das ist hervorragend. Wenn ich so etwas sage, dann werde ich als Traditionalist gebrandmarkt, und ich denke dass unsere F&uuml;hrungseliten von einem Text wie dem Ihren &Auml;hnliches halten. Die Lions w&uuml;rden als so genannte Gutmenschen etikettiert und damit diffamiert. Heute steht nicht die Pflichterf&uuml;llung gegen&uuml;ber der Nation, dem Lande und der Gemeinde auf dem Plan. Jetzt erzielt besondere Renditen, wer von dort nimmt!. Nicht geben, nehmen ist modern. &ndash; Sie k&ouml;nnen zum Beispiel viele Privatisierungen &ouml;ffentlicher Einrichtungen und Unternehmen gar nicht mehr verstehen, wenn Sie nicht fragen: Wer verdient daran?<br>\nDie n&auml;chste massive Verletzung Ihres hier zitierten Grundsatzes geschieht demn&auml;chst: mit dem B&ouml;rsengang der Deutschen Bahn. Das wird &ndash; geht man nach dem vorliegenden Gesetzentwurf &ndash; eine gigantische Umverteilung von der Nation weg und hin zu einigen gro&szlig;en Interessen, auch ausl&auml;ndischen Interessen. Umverteilung ist noch ein harmloser Begriff. Tats&auml;chlich findet eine Art von Fledderei statt. Was &uuml;ber Jahrzehnte aufgebaut und vom Steuerzahler gro&szlig;enteils bezahlt worden ist, wird jetzt in Umkehrung Ihrer Forderung &bdquo;gro&szlig;z&uuml;gig zur Verf&uuml;gung gestellt&ldquo; &ndash; nicht der Gemeinschaft, sondern von der Gemeinschaft f&uuml;r einzelne &ndash; f&uuml;r Hedgefonds, Pensionsfonds, etc..<\/li>\n<p>Weiter zitiere ich:<\/p>\n<li>&bdquo;Meinen Mitmenschen zu helfen, indem ich den Ungl&uuml;cklichen mit Trost, den Schwachen mit Tatkraft, den Bed&uuml;rftigen mit meiner Habe beistehe.  <\/li>\n<li>Behutsam zu sein mit meiner Kritik und freigebig mit meinem Lob, aufzubauen und nicht zu zerst&ouml;ren.&ldquo; &ndash; Aufbauen statt zu zerst&ouml;ren &ndash; so h&auml;tte die Unterzeile meines Vortragsthemas lauten k&ouml;nnen. Ein Votum gegen Zerst&ouml;rung! Wo gibt es das sonst noch hierzulande? Sie m&uuml;ssen das laut sagen. Das t&auml;te uns gut. Denn die Zerst&ouml;rung greift um sich.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Ihre Ziele und ethischen Grunds&auml;tze vorzulesen, zu kommentieren und fortzuspinnen, h&auml;tte schon allein eine Festrede f&uuml;llen k&ouml;nnen, so gelungen und wegweisend sind sie. Dass sie auch relevant sind f&uuml;r die Praxis, ist mein mit dem Jubil&auml;um verbundener Gl&uuml;ckwunsch.<\/p><\/li>\n<li>Auf eine mehrmals wiederkehrende inhaltliche Aussage Ihrer Grunds&auml;tze und Ziele m&ouml;chte ich zur&uuml;ckkommen: die Einsicht, dass ein Volk einen Zusammenhalt und ein St&uuml;ck Solidarit&auml;t zwischen den Menschen braucht, auch zwischen oben und unten.\n<p>Was sich da ver&auml;ndert, m&ouml;chte ich mit einer kurzen Geschichte illustrieren: Ich war einmal Ghostwriter von Prof. Karl Schiller, dem damaligen Bundeswirtschaftsminister in der ersten Gro&szlig;en Koalition. In der Regel begleitete ich den Minister zu seinen Redeterminen. So auch im Fr&uuml;hjahr 1969 zur Er&ouml;ffnung einer Messe in D&uuml;sseldorf. Ebenfalls angemeldet war der Bundeskanzler, damals Kurt Georg Kiesinger. Wir fuhren an der Messehalle vor, Karl Schiller wurde von einem Empfangskomitee empfangen. Er ging erhobenen Professoren-Hauptes, mit leichten Verneigungen links und rechts vorbei an den Portiers und Sicherheitsleuten in die Empfangshalle und mit seinen Begleitern &uuml;ber eine Rolltreppe in den Veranstaltungssaal. Ich blieb wie h&auml;ufig zum Beobachten beiseite stehen. Dann kam Kanzler Kiesinger. Er wurde ebenfalls von einem Empfangskomitee empfangen, begr&uuml;&szlig;te den ersten Portier mit Handschlag, und dann den zweiten, und an der Rolltreppe noch einen.<\/p>\n<p>Ich erz&auml;hle das nicht, um den Sozialdemokraten Schiller bei Ihnen anzuschw&auml;rzen. Und den Christdemokraten Kiesinger zu loben. Mir kommt es auf die Selbstverst&auml;ndlichkeit an, mit der ein Bundeskanzler damals die Pf&ouml;rtner eines Veranstalters wie der D&uuml;sseldorfer Messe als Teil unserer Gesellschaft betrachtete, als Mitmenschen, die die Anerkennung einer grunds&auml;tzlichen Gleichwertigkeit verdienen. Und ich bin ganz sicher, dass selbst der Konservative Kiesinger es damals nicht &ndash; wie &uuml;brigens auch Karl Schiller nicht &ndash; als ein wirtschaftspolitisches Ziel betrachtet h&auml;tte, die L&ouml;hne dieser Menschen zu dr&uuml;cken und sie in einen so genannten Niedriglohnsektor abzudr&auml;ngen. <\/p>\n<p>Wir k&ouml;nnen davon ausgehen, dass die damaligen Pf&ouml;rtner bei der Messegesellschaft angestellt waren. Heute h&auml;tten es Wirtschaftsminister und Bundeskanzler vermutlich mit &auml;u&szlig;erst schlecht bezahlten Leiharbeitern zu tun, die sich h&auml;ufig schon au&szlig;erhalb unserer Gesellschaft gestellt sehen. Und die Beiden k&ouml;nnten sich heute bei der Begegnung am Halleneingang daran erinnern, dass ihre und ihre Vorg&auml;ngerregierung daran mitgearbeitet haben, die Einkommenslage und die soziale Sicherheit dieser Menschen und vieler &auml;hnlicher Gruppen nachhaltig verschlechtert zu haben. Nat&uuml;rlich um hehrer Ziele willen &ndash; wegen unserer Wettbewerbsf&auml;higkeit, wegen des Bestehens in der globalisierten Welt, und was man sonst noch alles anzuf&uuml;hren wei&szlig;.<\/p>\n<p>Aber diese Ver&auml;nderungen sind kein hinreichender Grund daf&uuml;r, dass gro&szlig;e Teile der Eliten heute zu aller erst ihren eigenen Vorteil sehen und irgend eine soziale Verantwortung nicht akzeptieren. Letzthin gab es in der S&uuml;ddeutschen Zeitung eine Reportage mit &Auml;u&szlig;erungen der besonders reichen Bewohner des Westufers des Starnberger Sees. Es konnte einem kalt den R&uuml;cken runterlaufen.<br>\nDass eine Gesellschaft zusammengeh&ouml;rt, dass es Gut- und Schlechtverdiener gibt, dass es aber abwegig ist, den Schlechter-gestellten eine Verschlechterung ihrer Lage zu w&uuml;nschen, ist so verbreitet nicht mehr. Da hat sich etwas ge&auml;ndert. <\/p>\n<p>Es tut auf Dauer nicht gut, wenn die Eliten vor allem im eigenen Interesse handeln. Dann zerbricht der Zusammenhalt. Diese Einsicht spricht auch aus den zitierten Zielen und Grunds&auml;tzen Ihres Clubs.<br>\nDiese Feststellung ist aktuell und ein Politikum: Denn mit dieser Grundhaltung ist der Haupt-Glaubenssatz der heute herrschenden Ideologie nicht vereinbar. &bdquo;Jeder ist seines Gl&uuml;ckes Schmied.&ldquo;  Das steht im Widerstreit zur Einsicht, dass ohne solidarische Elemente auch moderne Gesellschaften nicht gut und human funktionieren. Der neoliberale Glaubenssatz &bdquo;Jeder ist seines Gl&uuml;ckes Schmied&ldquo; reicht als Grundphilosophie einer modernen Gesellschaft, jedenfalls unserer europ&auml;ischen Gesellschaftsordnung, nicht aus.<br>\nGesucht wird ein B&uuml;rgertum, das diese Erkenntnis wieder hervorholt, statt die heute g&auml;ngigen Glaubenss&auml;tze nachzusprechen.<\/p><\/li>\n<li>Sie k&ouml;nnten nun einwenden, es sei doch selbstverst&auml;ndlich, dass unsere F&uuml;hrungselite dazu da sei, auch den weniger mit Geld und F&auml;higkeiten Ausgestatteten Gutes zu tun und deshalb sei mein Gedanke so aktuell ja nicht. Da muss ich widersprechen. Es geh&ouml;rt inzwischen zum guten Ton unter unseren Eliten, damit zu prahlen, bereit und f&auml;hig zu sein, dem Volk &bdquo;reinzuschneiden&ldquo;, weh zu tun und zu verunsichern. Ich habe die wiederholten Empfehlungen an Bundeskanzler Schr&ouml;der noch im Ohr, endlich eine Blut-, Schwei&szlig;- und Tr&auml;nenrede zu halten. Es wurde und wird geradezu zum Bef&auml;higungsnachweis von Eliten in Politik und Wirtschaft hochstilisiert, den Menschen auf den unteren Sprossen der Leiter Geld und Sicherheit zu nehmen. Einige Professoren wie Professor Sinn aus M&uuml;nchen haben sich darauf spezialisiert, t&auml;glich vorzurechnen, dass die L&ouml;hne noch weiter sinken m&uuml;ssten, obwohl sie schon seit 1993 real nicht gestiegen sondern gesunken sind. Und in den oberen Kreisen, auch in solchen, die wie Bundesbankdirektoren zum Beispiel mit &uuml;ppigen Beamtenpensionen ausgestattet sind, wird beklagt, die anderen gen&ouml;ssen eine zu gro&szlig;e soziale Sicherheit. Einem selbst soll es gut gehen, den anderen aber soll es schlechter gehen, damit unsere Volkswirtschaft wettbewerbsf&auml;higer wird und reussieren kann. Ein seltsames Gehabe.\n<p>Gesucht wird ein B&uuml;rgertum, das aufgrund eigener Erfahrungen denkt, und weiterdenkt und das Ende der sich abzeichnenden Entwicklung bedenkt.\n<\/p><\/li>\n<li>Mit meinen Mitarbeitern in der Planungsabteilung des Bundeskanzleramtes habe ich 1975 einen Begriff entwickelt, der 1976 von Helmut Schmidt in die &ouml;ffentliche Debatte eingef&uuml;hrt wurde: &bdquo;Modell Deutschland&ldquo;. Das sollte signalisieren: hohe Leistungsf&auml;higkeit und Liberalit&auml;t im innern, gute Gewinne und gute L&ouml;hne, starkes soziales Netz und innerer Friede, Dialog mit anderen V&ouml;lkern. &ndash;\n<p>Das Begriffspaar war ein Signal daf&uuml;r, das eigene Land und die eigenen Einrichtungen gut zu finden.<\/p>\n<p>Heute ziehen unsere Eliten &uuml;ber unser Land und seine Einrichtungen und Regeln her. Es ist in den oberen Kreisen &uuml;blich geworden, hierzulande alles schlecht zu finden, von der Sozialversicherung bis zum Ladenschluss, von der Arbeitslosenversicherung bis zum festen unbefristeten Arbeitsvertrag, vom Schulsystem bis zu den Universit&auml;ten, von der starken Verantwortung der Kommunen f&uuml;r die Daseinsvorsorge bis zu unserem vergleichsweise immer noch sehr guten Schienenverkehrssystem. Alles ist schlecht, vor allem der Staat. Gerade unser F&uuml;hrungspersonal, von Henkel bis Herzog, von Berger bis Clement, zieht &uuml;ber unser Land her, oft auch so, als h&auml;tten sie mit diesen vermeintlichen Zust&auml;nden nichts zu tun. &bdquo;Deutschland ist ein Sanierungsfall&ldquo;, meinte unsere Bundeskanzlerin vor einem knappen Jahr vor der Hauptversammlung des BDI. <\/p>\n<p>Wer ein Land mies macht, zerst&ouml;rt das Vertrauen der Menschen in dieses Land und seine Einrichtungen. Auf diesem Weg hat man es hierzulande schon weit gebracht: die Mehrheit der Menschen f&uuml;hlt sich sehr unsicher, sie sp&uuml;ren ihre Ohnmacht und daraus folgt Wut, und sie fl&uuml;chten in die politische Enthaltung &ndash; mit dem Ergebnis einer Wahlbeteiligung von unter 40%.<\/p>\n<p>Gesucht ist ein B&uuml;rgertum, dass diese Stimmungsmache gegen unsre gesellschaftlichen Einrichtungen nicht mehr weiter mitmacht. Gesucht ist ein B&uuml;rgertum, das seine eigenen Erfahrungen zurate zieht und daran seine Analyse und eine m&ouml;glichen Therapie ausrichtet.<br>\nHaben Sie mit Mitarbeitern, die feste Arbeitsvertr&auml;ge haben, vor allem schlechte Erfahrungen gemacht? Ist der Eindruck falsch, dass soziale Sicherung auch der Nicht-Verm&ouml;genden eine wichtige Grundlage ihrer Leistungsf&auml;higkeit und Kreativit&auml;t ist? Helmut Schmidt hat gelegentlich gesagt: die soziale Sicherheit sei das Verm&ouml;gen der kleinen Leute. Macht es wirklich Sinn, ihnen dieses kleine Verm&ouml;gen zu nehmen, wie wir das mit Hartz IV in Bezug auf die Arbeitslosenversicherung und mit einer F&uuml;lle von Entscheidungen, die die Leistungsf&auml;higkeit der gesetzlichen Rente beschneiden, getan haben? Ist Ihre Erfahrung mit dem Staat so schlecht, wie das &uuml;blicherweise erz&auml;hlt wird? Auch ich sehe die Schattenseiten der B&uuml;rokratie, aber sind diese so viel dunkler als beispielsweise bei Siemens oder bei Daimler? Ich habe es offenbar mit einem anderen Staat zu tun, mit einem sehr unb&uuml;rokratischen Einwohnermeldeamt, mit einem Landkreis, der sich um die Unternehmen k&uuml;mmert, und ich genie&szlig;e in der S&uuml;dpfalz wie auch Sie in Pforzheim ein von einem staatlichen Verkehrsunternehmen betriebenes, leistungsf&auml;higes Nahverkehrssystem. <\/p><\/li>\n<li><strong>Eurobarometer<\/strong><br>\nDie Stimmungsmache l&auml;uft diesen Erfahrungen zuwider. Und die Stimmungsmache ist wirksam. Die Mehrheit der Menschen in Deutschland ist verunsichert und sauer auf diesen Staat. Das wird jetzt auch durch das Ergebnis einer europ&auml;ischen Umfrage belegt, des so genannten Eurobarometer vom November und Dezember letzten Jahres:<br>\nIn keinem Land Europas ist danach das Vertrauen der Menschen in die Zukunft der n&auml;chsten Generation, in die Renten und Sozialsysteme so ruiniert wie in Deutschland. Nirgendwo in Europa hat sich die Angst vor Langzeitarbeitslosigkeit so verfestigt. &Uuml;berdurchschnittlich viele erwarten vom weiteren Leben eine Verschlechterung ihrer Verh&auml;ltnisse. Jahrelanges Wehklagen &uuml;ber das angebliche Absteigerland ohne Chancen im internationalen Wettbewerb haben &Auml;ngste und Pessimismus verst&auml;rkt. &Uuml;brigens total contra zu den gerade wieder best&auml;tigten Erfolgen auf dem Weltmarkt.<br>\nW&auml;hrend in D&auml;nemark zwei Drittel das gut ausgebaute Sozialsystem f&uuml;r nicht zu teuer halten, glauben in Deutschland immer mehr Menschen, dass man sich das Sozialsystem nicht mehr leisten k&ouml;nne.<\/li>\n<li>Mit der Realit&auml;t hat das wenig zu tun. Es ist das Ergebnis einer Stimmungsmache gegen das Modell Deutschland, gegen das System. Warum redet man von Blockade, von Reformstau und von Sanierungsfall? Weil man die Strukturen ver&auml;ndern will.\n<p>Aus meiner Sicht ist das eine dramatische Situation. Wir stehen vor der Gefahr, das Zerst&ouml;rungswerk fortzusetzen.<br>\nUnd dies nicht, weil &auml;u&szlig;ere Umst&auml;nde wie die oft genannte Globalisierung oder der demographische Wandel uns dazu zw&auml;ngen.<br>\nUnd auch nicht weil die Strukturen dieses Modell grunds&auml;tzlich falsch seien.<br>\nWir zerst&ouml;ren, weil eine Ideologie und gro&szlig;e Interessen meinen, die Zerst&ouml;rung sei notwendig, das sei gut, und weil sich unsere Eliten diese Linie haben einreden lassen, statt sich ein eigenes Bild von der Lage zu machen. Nebenbei: Wie unsere F&uuml;hrungseliten aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft &uuml;ber unser eigenes Land im Ausland geredet haben, ist einmalig.<\/p><\/li>\n<li>Ich setze dagegen: nicht die Umst&auml;nde sind schlecht. Diese sind schwierig aber zu bew&auml;ltigen. Viel schlechter ist unser F&uuml;hrungspersonal. &bdquo;Wie eine mittelm&auml;&szlig;ige F&uuml;hrungselite uns zugrunde richtet&ldquo;, lautet deshalb der Untertitel meines Buches &bdquo;Machtwahn&ldquo;. Ich erl&auml;uterte dort, dass dieses Mittelma&szlig; vor allem davon gepr&auml;gt ist, dass auch viele unser Spitzenkr&auml;fte nicht mehr ausreichend und differenziert zu denken verm&ouml;gen, sich an Glaubenss&auml;tze anlehnen, Analysen und Rezepte &uuml;bernehmen, wo eigene Analyse und eigene Therapievorstellungen gebraucht w&uuml;rden, sich treiben lassen vom g&auml;ngigen Denken, von den Vorurteilen, den Mythen und Legenden, und auch den L&uuml;gen\n<p>Wie entscheidend die Stimmungsmache ist, k&ouml;nnen Sie beispielhaft daran erkennen, dass wir bei einem internationalen Ranking, von dem SpiegelOnline vorgestern berichtet hat, innerhalb eines Jahres von Platz 25 auf Platz 16 gesprungen sind &ndash; ohne dass sich in der Zwischenzeit an den Strukturen Grundlegendes ge&auml;ndert haben k&ouml;nnte. Das Ranking ist vor allem ein Ergebnis von Stimmungsmache und nicht ein Spiegelbild der Realit&auml;t. Und das wird gedruckt, gesendet und geglaubt.<\/p><\/li>\n<li><strong>Wie kommen wir wieder zu besseren gesellschaftlichen und politischen Entscheidungen? <\/strong>\n<p>Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen der Qualit&auml;t der politischen Entscheidungen und der Qualit&auml;t der &ouml;ffentlichen Meinungsbildung. Eine unaufgekl&auml;rte, von Vorurteilen gepr&auml;gte &ouml;ffentliche Meinungsbildung f&uuml;hrt zu vorurteilsbeladenen und irrationalen Entscheidungen.<\/p>\n<p>Zum Beleg nenne ich vier aktuelle Beispiele:<\/p>\n<p><strong>Erstes Beispiel:<\/strong> Wenn immer und immer wieder behauptet wird, &bdquo;Keynes sei out&ldquo; und Konjunkturprogramme seien Strohfeuer, dann glauben am Ende nahezu alle diese Legende und dies macht uns unf&auml;hig zu einer pragmatischen, alle m&ouml;glichen Instrumente nutzenden Konjunkturpolitik, anders ausgedr&uuml;ckt: Makropolitik. Diese Dauerberieselung hat uns davon abgehalten, parallel zur Wettbewerbsf&auml;higkeit im Export die Binnennachfrage zu st&auml;rken. Mit Recht vermerkt der amerikanische Nobelpreistr&auml;ger Robert Solow, dass man die durchaus nicht einfache Makropolitik jedenfalls besser machen k&ouml;nne als in Deutschland.<\/p>\n<p><strong>Zweites Beispiel:<\/strong> Wenn immer wieder und immer wieder wahrheitswidrig erz&auml;hlt wird, Akademikerinnen seien zu 40 oder gar 43% kinderlos, dann wird damit eine politische Entscheidung vorbereitet und dann auch praktisch f&auml;llig, dann wird, wie geschehen, den gut verdienenden Eltern das Kind mit 1800 &euro; pro Monat verg&uuml;tet, den Niedrigverdienern mit 300 &euro;.<\/p>\n<p><strong>Drittes Beispiel:<\/strong> Wenn auf allen Kan&auml;len erz&auml;hlt wird, ein vom Staat gezahltes bedingungsloses Grundeinkommen oder ein B&uuml;rgergeld, wie andere sagen, von 800, 1200 oder gar 1400 &euro; sei die L&ouml;sung unseres Problems und finanzierbar, dann w&auml;chst der Glaube daran &ndash; auch wenn weder die Finanzierbarkeit gekl&auml;rt ist noch die Frage, wie geregelt wird, wer dann noch arbeiten soll. <\/p>\n<p><strong>Viertes Beispiel:<\/strong> Wenn immer wieder gesagt und gesagt und gesagt wird, unsere staatlichen Hochschulen seien &uuml;berholt und nicht leistungsf&auml;hig, dann subventionieren wir private Universit&auml;ten wie in Bruchsal, Bremen oder in Stuttgart &ndash; auch weil wir bei dem ganzen Gerede vergessen, welche gro&szlig;en Leistungen zum Beispiel die staatliche Hochschule Pforzheim oder die Fachhochschule in Karlsruhe erbringen.<br>\nUnter dem Trommelfeuer von gleichgerichteten &Auml;u&szlig;erungen sind wir nicht mehr zu einem differenzierten Vergleich zum Beispiel der Bildungssysteme der USA und unseres Landes f&auml;hig. Wenn uns immer wieder mit gl&auml;nzenden Augen verk&uuml;ndet wird, wie &uuml;berragend die Eliteuniversit&auml;ten in den USA sind, dann vergessen wir zu fragen, wie die Gesamtstruktur und das Gesamtergebnis der Hochschulen dort und hier aussehen. Und dann folgt auf der Basis dieser geliehenen Gedanken die politische Entscheidung: dann wird in Eliteuniversit&auml;ten investiert, dann wird der Bachelor und  der Master eingef&uuml;hrt, obwohl viele Fachleute davor warnen. Die breit gemachte &ouml;ffentliche Meinung ist erdr&uuml;ckend. Und f&uuml;hrt dann zur h&ouml;chst fragw&uuml;rdigen politischen Entscheidung. Manchmal wissen die Entscheider am Ende nicht mehr, warum das geschieht. Sie sind Vollzugsorgane einer gemachten &ouml;ffentlichen Meinung. Hamster im Laufrad.<\/p>\n<p>Sie sollten mich nicht falsch verstehen. Ich wende mich nicht gegen Neues, auch nicht gegen neue Strukturen, ich wende mich dagegen, dass die Analysen gedankenlos nachgesagt werden, und auch dagegen, dass man Therapien, konkret Reformen, propagiert und propagiert und propagiert, ohne wirklich zu analysieren und nachzudenken. Nachsagen ersetzt das nachdenken; das gen&uuml;gt nicht.<\/p><\/li>\n<li>Ich hatte dem Sinne nach gesagt, in einer einigerma&szlig;en demokratisch organisierten Gesellschaft w&uuml;rden die politischen Entscheidungen wesentlich von der &ouml;ffentlichen Meinung bestimmt, und damit sei die Qualit&auml;t der politischen Entscheidungsfindung und die Qualit&auml;t der &ouml;ffentlichen Meinungsbildung eng verklammert.<br>\nDas wissen nun auch jene, die auf politische Entscheidungen Einfluss nehmen wollen &ndash; aus welchen Gr&uuml;nden auch immer, aus ideologischen oder aus pekuni&auml;ren. Die &ouml;ffentliche Meinungsbildung ist das Einfallstor f&uuml;r ihren politischen Einfluss.\n<p>Seit gut 40 Jahren beobachte ich die Meinungsbildungsprozesse in Deutschland. In dieser Zeit hat sich eine deutliche Verschiebung gezeigt, die ich in einer Studie mit dem Titel &bdquo;Von der Parteien- zur Mediendemokratie&ldquo; beschrieben habe. Die Substanz meiner Analyse: das Volk und auch die Mitglieder von Parteien haben bei der Meinungsbildung nicht mehr viel zu sagen. Im Kern wird sie bestimmt von einer Koalition aus F&uuml;hrungseliten in Politik und Wirtschaft und Medien. Und sie wird dabei deutlich gepr&auml;gt von gro&szlig;en Interessen. Sie konnten das bei der Erh&ouml;hung der Mehrwertsteuer studieren: der auf den inneren Markt orientierte und auf die St&auml;rkung der Binnennachfrage angewiesene Mittelstand hatte in der &ouml;ffentlichen Meinungsbildung wenig zu sagen. Wer hingegen &uuml;ber gro&szlig;e finanzielle Mittel und &uuml;ber publizistische Macht verf&uuml;gt, der kann die &ouml;ffentliche Meinung und damit auch die politischen Entscheidungen sp&uuml;rbar bestimmen. Anders als der auf den Binnenmarkt orientierte Mittelstand profitiert die Exportwirtschaft von einer Mehrwertsteuererh&ouml;hung. Sie bekommt sie erstattet und wird somit tendenziell entlastet, wenn die Konsumenten und der auf den heimischen Markt orientierte Mittelstand mehr bezahlen m&uuml;ssen.<\/p>\n<p>Eine weitere Beobachtung ist im Kontext &bdquo;&ouml;ffentliche Meinungsbildung&ldquo; wichtig: wenn man &uuml;ber gro&szlig;e finanzielle und publizistische M&ouml;glichkeiten verf&uuml;gt, dann kann man heute aus einem X ein U machen, und &ndash; volkst&uuml;mlich ausgedr&uuml;ckt &ndash; aus Mist Marmelade. Die Meinungsbildung zu einer Sache kann sich &uuml;ber weite Strecken von der Realit&auml;t und von den Fakten l&ouml;sen. <\/p><\/li>\n<li>Ich kann das auch weniger vornehm ausdr&uuml;cken: Man kann, wenn man &uuml;ber die n&ouml;tigen Mittel verf&uuml;gt, die Menschen &uuml;ber weite Strecken manipulieren. Wenn man immer wieder die gleiche Botschaft platziert und diese von verschiedenen Absendern ausgesandt wird, dann bleibt dem normalen Zeitgenossen gar nichts anderes &uuml;brig, als zu glauben, was permanent gesagt wird. Was George Orwell in seinem Buch &bdquo;1984&ldquo; schon Ende der vierziger Jahre ver&ouml;ffentlichte, ist zumindest in Ans&auml;tzen bittere Realit&auml;t. Ich zitiere aus 1984:\n<p>&bdquo;Und wenn alle anderen die von der Partei verbreitete L&uuml;ge glaubten &ndash; wenn alle Aufzeichnungen gleich lauteten -, dann ging die L&uuml;ge in die Geschichte ein und wurde Wahrheit.&ldquo;<\/p>\n<p>Wenn alle Aufzeichnungen gleich lauten, und wenn sie aus verschiedenen Ecken kommen, und wenn sie immer wiederholt werden, dann werden selbst L&uuml;gen zur Wahrheit, und gehen in die Geschichte ein: die Globalisierung ist ein v&ouml;llig neues Ph&auml;nomen, wir leiden unter einer Blockade, wir brauchen die permanente Reform, wir leben in einer Wissensgesellschaft, wir leben &uuml;ber unsere Verh&auml;ltnisse, die Produktivit&auml;t ist zu hoch, wir sind nicht mehr wettbewerbsf&auml;hig, wir sterben aus. Und so weiter. Das sind einige der g&auml;ngigen Parolen.<\/p>\n<p>Sie werden geglaubt, obwohl ganz vieles daran nicht stimmt. Und weil es nicht stimmt, werden dann so viele falschen Entscheidungen getroffen.<\/p>\n<p>Gesucht ist ein kritisches B&uuml;rgertum, das diese Parolen nicht mehr glaubt, jedenfalls zweifelt und die eigenen Erfahrungen zur Pr&uuml;fung einbringt.<\/p><\/li>\n<li>Auch widerspr&uuml;chliche Behauptungen werden offenbar nicht zur&uuml;ckgewiesen und bei entsprechender Penetration eher geglaubt. Vor 10 Monaten waren wir ein Sanierungsfall. Und heute haben wir einen Boom, und den auch wegen der Reformen. Wegen welcher und so schnell?<br>\nHaben diese zwischen der Erkl&auml;rung zum Sanierungsfall im Juli 2006 und der Wahrnehmung eines leichten Wirtschaftsaufschwungs im Mai 2007 stattgefunden? Obwohl wir das eigentlich nicht glauben k&ouml;nnen, glauben es viele.<br>\nDie Medien nehmen solche Widerspr&uuml;che schon gar nicht mehr wahr. Viele von ihnen befinden sich im Tross des g&auml;ngigen Denkens.<br>\nImmer wieder erleben wir, wie fast schon spa&szlig;haft die F&uuml;hrungseliten mit der Meinung der Menschen umspringen.<br>\nAber die Frage sei erlaubt: Wo bleibt das mitdenkende kritische B&uuml;rgertum? Wo ist das Salz in der Suppe?<\/li>\n<li>Opfer der Manipulation sind nicht nur die einfachen Leute. Opfer sind zusehends auch gut Ausgebildete, Menschen mit viel Lebenserfahrung, gestandene Leute, Selbstst&auml;ndige, Freiberufler, Studierte, Intellektuelle, Journalisten sowieso.\n<p>Opfer von Manipulationen sind nicht nur die Leser der Bild-Zeitung. Heute gilt das in gleicher Weise f&uuml;r die Leser der FAZ und der Zeit und vor allem des Spiegel. Der Spiegel heizt zum Beispiel die Kampagne zum sterbenden Volk an. &bdquo;Der letzte Deutsche&ldquo; knallte von einem Spiegel-Titel. Da ging es im Heft um die Vorhersage f&uuml;r 2050 mit 75 Millionen. 75 Millionen &bdquo;letzte&ldquo; Deutsche. Eine andere Geschichte war &uuml;berschrieben mit: &bdquo;Raum ohne Volk&ldquo;. Das f&uuml;r 2050 prognostizierte Volk war dabei gr&ouml;&szlig;er als 1939. Damals hie&szlig; die Parole &bdquo;Volk ohne Raum&ldquo;.<br>\nManipulation kennt keine zeitlichen Grenzen.<\/p>\n<p>Als Kontrollinstanz fallen nicht nur wichtige Medien weg, es f&auml;llt auch das kritische B&uuml;rgertum weitgehend aus. Die besser gebildeten Mitb&uuml;rgerinnen und Mitb&uuml;rger lassen sich vermutlich in ihrem eigenen Beruf und in ihren Familien nicht viel vormachen. Im &ouml;ffentlichen Bereich jedoch bedienen sie sich &ndash; wahrscheinlich auch aus Gr&uuml;nden der Arbeits&ouml;konomie &ndash; geliehener Gedanken. Sie greifen auf, was alle sagen, oder was ihnen eine einflussreiche Lobby zu denken und zu glauben empfiehlt.<\/p><\/li>\n<li><strong>Ich m&ouml;chte Sie zum Abschluss auf drei Entwicklungen aufmerksam machen, an denen sichtbar wird, dass es im Interesse des Ganzen und aber auch im Interesse des B&uuml;rgertums selbst ist, wenn es sich mehr als bisher von den Vorgaben der &ouml;ffentlichen Meinung befreit und kritisch hinterfragt.<\/strong>\n<ul>\n<li><strong>Generationenkonflikt<\/strong><br>\nUnser Volk wird seit Jahren wegen des demographischen Wandels verr&uuml;ckt gemacht. In typischer Nutzung der Orwellschen Erkenntnisse wird uns aus den verschiedensten Ecken erz&auml;hlt, das sei eine der ganz gro&szlig;en Herausforderungen. Es wird uns Angst gemacht, wir w&uuml;rden zu Wenige, wir h&auml;tten die niedrigste Geburtenrate auf der Welt und die niedrigste seit 1945, wir vergreisten, wir w&uuml;rden immer &auml;lter und deshalb trage der Generationenvertrag nicht mehr &ndash; jetzt helfe nur noch Privatvorsorge.<br>\nDas meiste daran stimmt nicht: In 10 anderen L&auml;ndern der Europ&auml;ischen Union ist die Geburtenrate noch niedriger oder gleich. Am niedrigsten war sie 1985, nicht heute. Wir sind ein dicht besiedeltes Land, mit 231 Menschen pro qkm weit mehr als doppelt so dicht wie Frankreich mit seinen 111 p. qkm. Unser eigentliches Problem auch im Blick auf die Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme ist nicht der demographische Wandel sondern die hohe Arbeitslosigkeit und der Niedergang der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverh&auml;ltnisse. Heute gibt es in Deutschland fast 53 Millionen Menschen im arbeitsf&auml;higen Alter bis 65 Jahre und es gibt 15 Millionen &uuml;ber 65 Jahren. Das ist eine gl&auml;nzende Relation von Arbeitsf&auml;higen zu Rentnern. Aber wir haben eben nur rund 26,5 Millionen sozialversicherungspflichtige Arbeitsverh&auml;ltnisse und diese Zahl hat seit 1990 von damals 30 Millionen auf die heutigen 26,5 Millionen abgenommen.\n<p>Die Gefahren der demographischen Ver&auml;nderung werden systematisch &uuml;berzeichnet. Bei einer einigerma&szlig;en vern&uuml;nftigen Entwicklung der Arbeitsproduktivit&auml;t kann auch auf Jahrzehnte hinaus jede Gruppe, die Alten, die Kinder und Jugendlichen und die arbeitsf&auml;hige Generation genauso gut und besser leben als heute. <\/p>\n<p>Bei unserem Volk ist aber aufgrund der Stimmungsmache eine ganz andere Botschaft angekommen. Diese lautet: Die Alten leben auf Kosten der Jungen.<br>\nHier wird ein Generationenkonflikt angezettelt, der gef&auml;hrlich ist und den ich auch f&uuml;r ungerecht halte &ndash;  wer hat denn die Tr&uuml;mmer unserer St&auml;dte aufger&auml;umt und f&uuml;r die gute Ausbildung der heute Arbeitenden gesorgt? Die Stimmungsmache gegen die Alten spaltet die Generationen, er weckt Missmut und Neid, und er kann am Ende dazu f&uuml;hren, dass das Vertrauen in unsere solidarische Rentenversorgung, die gesetzliche Rente, v&ouml;llig schwindet. Wenn das eintritt, wenn die Jungen so aufgehetzt sind, dass sie nicht mehr bereit sind, die Anwartschaften der Alten zu bedienen, weder mit Beitr&auml;gen noch mit Steuern, dann wird die Altersarmut weiter wachsen, und die Jungen werden &uuml;brigens auch nicht besser dran sein.<\/p>\n<p>Gesucht ist dringend ein B&uuml;rgertum, das noch verstanden hat, wie unsinnig und unmenschlich das Sch&uuml;ren eines Konfliktes zwischen den Generationen ist. <\/p>\n<p>Ich komme zu einem zweiten Beispiel einer sehr kritischen Entwicklung:<\/p><\/li>\n<li><strong>Die Dominanz der Finanzwirtschaft. Oder: Kapitaltransferunternehmer versus Wertsch&ouml;pfungsunternehmer.<\/strong>\n<p>Die Deutsche Bank meldete in den letzten Tagen einen gewaltigen Gewinnsprung und eine Kapitalrendite von &uuml;ber 40%. Von einem Fondsverwalter in den USA h&ouml;rten wir, er habe sich ein Jahresgehalt von &uuml;ber einer Milliarde ausgesch&uuml;ttet. Die Investmentbanker Londons kassieren hunderte von Millionen. Das sind Dimensionen nicht nur jenseits jener, die ein Arbeitnehmer begreifen kann; die Dimensionen &uuml;berschreiten h&auml;ufig auch das Vorstellungsverm&ouml;gen von hart arbeitenden Unternehmern und Freiberuflern. Ich nenne diese die &bdquo;Wertsch&ouml;pfungs-Unternehmer&ldquo; &ndash; wozu ich auch die normale Bank oder Sparkasse z&auml;hle, die die notwendige Kredittransformation zwischen Sparern und den Krediten f&uuml;r Unternehmen und Private betreibt.<\/p>\n<p>Bei diesen Unternehmen werden manchmal auch ganz gute Renditen erzielt. Die hohen Gewinne jedoch werden heute beim Transfer von Verm&ouml;genswerten erreicht, beim Verkauf und Kauf von Unternehmen, bei Fusionen und &Uuml;bernahmen, beim in weitem Ma&szlig;e spekulativen Gesch&auml;ft auf den Kapitalm&auml;rkten. Sie setzen inzwischen die Ma&szlig;st&auml;be, sie bestimmen im &uuml;brigen auch weitgehend schon die Wirtschaftsteile unserer Zeitungen. Letzthin habe ich in einer einzigen Ausgabe 12 gr&ouml;&szlig;ere Artikel und Meldungen &uuml;ber Unternehmensverk&auml;ufe, &Uuml;bernahmen, B&ouml;rseng&auml;nge und dergleichen gelesen, das waren mehr Meldungen als &uuml;ber das Geschehen in den Betrieben, &uuml;ber besondere Innovationen oder organisatorische Ver&auml;nderungen im Wertsch&ouml;pfungsbereich.<br>\nAus meiner Sicht haben Kapitalm&auml;rkte eine dienende Funktion in einer Volkswirtschaft wie zum Beispiel auch das Transportgewerbe. In meinungspr&auml;genden Wirtschaftskreisen jedoch und bei Politikern wird dieses Segment unserer &Ouml;konomie inzwischen zu einem g&ouml;ttlichem Wundert&auml;ter hochgespielt. Weil in Londons Investmentbankerstuben besonders viel verdient wird, meinen deutsche Politiker offenbar, dieser Sektor sei volkswirtschaftlich betrachtet besonders wichtig. Hier wird eine Stimmung f&uuml;r einen Wirtschaftszweig gemacht, der seiner Bedeutung im Vergleich zu den normalen wertsch&ouml;pfenden Unternehmen unserer Volkswirtschaft nicht entspricht. <\/p>\n<p>Und viele B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger schauen auch schon mit Bewunderung auf die Kapitalm&auml;rkte und die dortigen Akteure. Sie sind dabei in guter Gesellschaft. Wir hatten ja einmal einen Bundeskanzler, Gerhard Schr&ouml;der, der wirklich meinte, wenn die Aktienkurse an der B&ouml;rse steigen, dann w&uuml;rden Werte geschaffen, und wenn sie sinken, dann w&uuml;rden Werte vernichtet.<\/p>\n<p>Die seltsam verquere Sicht unserer Politiker hatte und hat politische Konsequenzen: die scheinbar Gewinn bringenden Verm&ouml;genstransfers werden in vielf&auml;ltiger Weise beg&uuml;nstigt. So sind die Ver&auml;u&szlig;erungsgewinne bei Unternehmenstransfers seit 1.1.2002 steuerfrei. Kanzler Schr&ouml;der hat das damit begr&uuml;ndet, es sei vorteilhaft, die so genannte Deutschland AG aufzul&ouml;sen. Damit konnte &ndash; wie Capital am 17.11.2006 berichtete &ndash; zum Beispiel die Allianz AG im Jahr 2003 ihren 40-prozentigen Beiersdorf-Anteil f&uuml;r 4,4 Milliarden Euro an Tchibo und die Stadt Hamburg verkaufen, ohne Steuern auf den realisierten Gewinn zahlen zu m&uuml;ssen. Und Sie, meine Damen und Herren, zahlen brav und bieder weiter Steuern auf Gewinne, Einkommen und Geh&auml;lter.<\/p>\n<p>Was an der Aufl&ouml;sung der Deutschland AG f&ouml;rderungsw&uuml;rdig sein soll, habe ich &ndash; anders als die Mehrheit der ver&ouml;ffentlichten Meinung &ndash; nie begriffen. Zumindest ein anderer auch nicht. Der Vorstandsvorsitzende von Porsche, Wendelin Wiedeking hat sich bei der Einf&uuml;hrung der Steuerbefreiung auch dar&uuml;ber gewundert, was unsere Volkswirtschaft gewinnen soll, wenn <strong>ein<\/strong> Investor ein Unternehmen an einen anderen Investor verkauft. Sind die Anteile an Beiersdorf oder die Anteile an Grohe in den neuen H&auml;nden produktiver, volkswirtschaftlich produktiver? Das kann so sein. Das muss nicht so sein. Es kann das Gegenteil eintreten. <\/p>\n<p>Die fr&uuml;here rot-gr&uuml;ne Bundesregierung hat mit Unterst&uuml;tzung der damaligen Opposition und heutigen Kanzlerpartei diesen Ausverkauf politisch gef&ouml;rdert und steuerlich beg&uuml;nstigt, weil sie und die heutige Kanzlerpartei ganz wesentlich in ihrer Meinungsbildung beeinflusst sind von jenem Teil der Finanzwirtschaft, die an diesen Gesch&auml;ften verdient.<\/p>\n<p>Ich f&uuml;rchte, dass hier Strukturen zerst&ouml;rt werden, ohne &uuml;berhaupt nur erahnt zu haben, ob die neuen Strukturen besser sind. Das ist eine &auml;hnliche Konstellation wie bei der Zerst&ouml;rung des Vertrauens in die gesetzliche Rente.<br>\nAufl&ouml;sung der Deutschland AG klingt ja auch ganz gut, weil da Seilschaften von Vorstands- und Aufsichtsratsmitgliedern gekappt werden k&ouml;nnten. Man muss sich aber mal anschauen, wo entscheidende Personen inzwischen gelandet sind oder schon immer gelandet waren. Es ist ja nicht so, dass diese Art der Aufl&ouml;sung fester Strukturen zwangsl&auml;ufig zu freieren Strukturen und mehr Wettbewerb f&uuml;hren w&uuml;rden. Das durchaus kritisierenswerte Geflecht von Vorst&auml;nden und Aufsichtsr&auml;ten der fr&uuml;heren Deutschland AG ist inzwischen aber abgel&ouml;st durch eine nicht mehr kontrollierbare Seilschaft &ndash; &uuml;brigens bestehend teilweise aus den gleichen Personen. Die Seilschaften sind etwas aufgemischt, das ist h&auml;ufig alles. <\/p>\n<p>Inzwischen arbeiten die neuen Netzwerke, die das Kapitaleigentum in gro&szlig;en Unternehmen kontrollieren, mit erstaunlicher Affinit&auml;t und Verankerung mit ausl&auml;ndischen Investmentfonds, Hedgefonds und Privateequity. Sie arbeiten f&uuml;r ausl&auml;ndische Investoren und Pseudoinvestoren. Typisch daf&uuml;r: Ron Sommer f&uuml;r Blackstone, Klaus Luft, fr&uuml;her Nixdorf, f&uuml;r Goldman Sachs, desgleichen der fr&uuml;here Chefvolkswirt der Europ&auml;ischen Zentralbank Otmar Issing, J&uuml;rgen Schrempp und Kanzleramtsminister a.D. Hans Martin Bury f&uuml;r Lehmann Brothers, der ehemalige Daimler Vorstand Eckhard Cordes beim schwedischen Finanzinvestor EQT, Wolfgang Clement f&uuml;r die Citigroup, Friedrich Merz als Anwalt f&uuml;r den Hedge-Fonds TCI, Karl Otto P&ouml;hl und so weiter.<\/p>\n<p>&Uuml;brigens muss man offenbar keinen Leistungsnachweis erbringen, um zu dieser neuen Seilschaft zu geh&ouml;ren. Ich denke da an J&uuml;rgen Schrempp oder an Ron Sommer.<\/p>\n<p>Sie alle machen mit beim Versuch, die &Uuml;bernahme deutscher Unternehmen einzuf&auml;deln. Das ist das aktuelle und zukunftsweisende Gesch&auml;ft dieser ToppEliten.<br>\nUnd wo bleibt die kritische Begleitung durch den davon betroffenen Mittelstand? Auch die Medien und die Intellektuellen versagen hier nahezu vollst&auml;ndig.<\/p>\n<p>Wo sind die Zwischenrufe des wertsch&ouml;pfenden Mittelstands, wenn wieder einmal traumhafte Kapital- und Umsatzrenditen verk&uuml;ndet werden und quasi zum Ma&szlig;stab f&uuml;r die gesamte &Ouml;konomie erhoben werden. Ich vermisse den Zwischenruf von erfahrenen Unternehmern: &bdquo;Mit Wertsch&ouml;pfung k&ouml;nnen diese traumhaften Renditen nicht erwirtschaftet werden!&ldquo;<\/p>\n<p>Es ist an der Zeit, sich &uuml;ber diese Entwicklung eigene Gedanken zu machen. Andernfalls verschieben sich die Ma&szlig;st&auml;be in unertr&auml;glicher Weise, die Missachtung der unternehmerischen Wertsch&ouml;pfung im Vergleich zur Arbeit auf dem Kapitalm&auml;rkten tut unserem Land nicht gut, zumal eine solche Entwicklung noch dazu f&uuml;hrt, dass die besten K&ouml;pfe in diesem, wie ich finde, ziemlich unproduktiven Wirtschaftssektoren verschwinden; au&szlig;erdem kommt ein Unternehmen nach dem andern unter den Hammer.<\/p>\n<p>Gesucht wird auch hier dringlich ein kritisch und selbstst&auml;ndig denkendes unternehmerisches B&uuml;rgertum.<\/p><\/li>\n<li><strong>Die Folgen der Kommerzialisierung rechtzeitig bedenken und abwenden. <\/strong><br>\nVor kurzem traf ich den Verleger Hubert Burda, den ich aus Studienzeiten kenne, zu einem Gespr&auml;ch f&uuml;r die FAZ. Ich warb wie heute bei Ihnen f&uuml;r das Modell Deutschland, also die bisherige solidarische Komponente in unserer Gesellschaftsordnung und ihre gro&szlig;en Vorteile f&uuml;r uns alle. Wir waren uns nicht &uuml;berall einig, in einem aber schon: dass der fr&uuml;her gepflegte soziale Friede und Ausgleich in unserer Gesellschaft es immerhin erleichtert hat, dass man sich auch heute in den Stra&szlig;en und Pl&auml;tzen der meisten unserer St&auml;dte frei bewegen kann, ohne Opfer von Gewalt zu werden, und dass wir uns hier von anderen L&auml;ndern, vor allem von den USA wohltuend unterscheiden. Das ist ein nicht zu untersch&auml;tzender Faktor von hoher Lebensqualit&auml;t. Wenn man &ouml;konomisch denken will: es ist auch ein Standortvorteil, mit dem man werben k&ouml;nnte, wenn man wollte.\n<p>Gesucht ist ein kritisches B&uuml;rgertum, das diese Qualit&auml;t unseres Landes und unserer Ordnung und die Gefahren f&uuml;r diesen Vorteil erkennt, bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist.<\/p>\n<p>Zur Zeit sind leider eine Reihe von Weichen gestellt, die diese beachtliche Qualit&auml;t an innerer Sicherheit und Lebensqualit&auml;t gef&auml;hrden k&ouml;nnten. Dazu geh&ouml;rt zum einen die hohe Gleichg&uuml;ltigkeit der Politik gegen&uuml;ber dem Mangel an Ausbildungs- und Berufschancen unserer Jugend und zum anderen die durch Kommerzialisierung der Medien betriebene Verwahrlosung, Gewaltbereitschaft und Verdummung junger Menschen, aber nicht nur der jungen. <\/p>\n<p>Was die Kommerzialisierung unserer elektronischen Medien und die Kommerzialisierung vieler anderer Lebensbereiche anrichtet, konnte man auch schon 1982 wissen, als die Kommerzialisierung des Fernsehens entschieden und forciert wurde. Bundeskanzler Helmut Schmidt hatte bis zum Ende seiner Regierungszeit im September 1982 auf diese Gefahren hingewiesen.<\/p>\n<p>Jetzt ist das Kind in den Brunnen gefallen. Aber damit ist nicht ausgeschlossen, dass man sich auf besseres besinnt. Eine Bewegung gegen die weitere Kommerzialisierung und Verwahrlosung wird wegen der gro&szlig;en involvierten Interessen allerdings nur in Gang kommen, wenn sich das B&uuml;rgertum bis weit hinein ins konservative Lager daf&uuml;r engagiert. <\/p>\n<p>Gesucht ist ein B&uuml;rgertum, das sich aus engem kommerziellen Denken befreit und die Breite der Folgen solcher Entwicklungen bedenkt. Es w&auml;re ein wirklich bemerkenswerter Akt der Generationengerechtigkeit, wenn wir auch unseren Nachkommen und Nach-Nachkommen die Lebensqualit&auml;t erhielten, sich frei in unserem sch&ouml;nen Land bewegen zu k&ouml;nnen. <\/p>\n<p>Voraussetzung daf&uuml;r ist allerdings, dass wir uns selbst von der G&auml;ngelung und Fremdbestimmung durch Geliehene Gedanken befreien. Das tut dem Land gut und uns gut.<br>\nUnd &uuml;berhaupt: was soll der viele Gebrauch des Wortes Freiheit, wenn wir nicht einmal in unseren Gedanken frei sind und frei sein wollen.<\/p>\n<p><em>Dazu jedoch wollte ich Sie an Ihrem Festtag ermuntern.<\/em><\/p><\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div>\n<div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>]  Dieser Text ist eine Langfassung. Im Vortrag dann etwas gek&uuml;rzt.<\/p>\n<\/div>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das ist der Titel einer Rede, die ich zur 50-Jahr-Feier des Lions-Club in Pforzheim gehalten habe. (In anderem Kontext war schon die Rede davon.) Die Reaktion in Pforzheim zeigte, dass auch in b&uuml;rgerlichen Kreisen, bei Unternehmern und Managern kritische Fragen zur herrschenden Lehre gestellt werden. Bei weitem nicht alle sind im Einflussbereich der Initiative Neue<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2517\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[35,11,14,161],"tags":[374,300,291],"class_list":["post-2517","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aufbau-gegenoeffentlichkeit","category-strategien-der-meinungsmache","category-veroffentlichungen-der-herausgeber","category-wertedebatte","tag-eliten","tag-mueller-albrecht","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2517","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2517"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2517\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29804,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2517\/revisions\/29804"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2517"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2517"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2517"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}