{"id":25182,"date":"2015-02-25T08:29:20","date_gmt":"2015-02-25T07:29:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25182"},"modified":"2015-02-25T08:29:20","modified_gmt":"2015-02-25T07:29:20","slug":"ohne-satire-keine-freiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25182","title":{"rendered":"Ohne Satire keine Freiheit"},"content":{"rendered":"<p>Liebe Nachdenkseiten-Redaktion,<br>\nehrlich gesagt, mir haben sich die Nackenhaare gestr&auml;ubt, als ich den Text&sbquo; Grenzen der Freiheit, auch der Satire&lsquo; gelesen habe. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch so etwas Merkw&uuml;rdiges lesen zu m&uuml;ssen, spricht allen europ&auml;isch-aufkl&auml;rerischen Traditionen Hohn.<br>\n<!--more--><br>\nDie &bdquo;W&uuml;rde der Religionen&ldquo; sollen wir achten, genauer die der monotheistischen Religionen? Und deshalb eine Beschneidung der freien Meinungs&auml;u&szlig;erung hinnehmen? Warum soll ich archaische Weltanschauungen wie Religionen mit Ausschlie&szlig;lichkeitsanspr&uuml;chen auch nur tolerieren? Warum soll ich jemanden respektieren, der die Evolution leugnet, Homosexuelle am liebsten in Umerziehungslager stecken m&ouml;chte, die Frau zum Menschen zweiter Klasse degradiert? Warum soll ich Religionen achten, die stets dazu dienten, die Ausbeutung vieler durch wenige zu bem&auml;nteln, deren Vertreter seit weit &uuml;ber 1000 Jahren Mord und Totschlag entweder angezettelt oder gerechtfertigt haben, sich um das menschliche Wohlergehen einen Dreck scherend? Wodurch, wie Voltaire in &sbquo;Das Diner beim Grafen Boulainvilliers&lsquo; schrieb, &bdquo;erwiesen ist, da&szlig; der Mi&szlig;brauch in der Sache selbst liegt&ldquo;. <\/p><p>Wer Andersgl&auml;ubige als Gottlose diffamiert und stigmatisiert, wie dies alle monotheistischen Religionen tun, tr&auml;gt den Keim des Terrors bereits in sich. Anstatt den klerikalfaschistischen T&auml;tern &ndash; religi&ouml;sen Fundamentalisten jedweder Couleur &ndash; in den eigenen Reihen in den Arm zu fallen, werden die Opfer gescholten, in ihrer Kritik zu weit gegangen zu sein. Das ist nicht hinnehmbar, denn es klingt nach &sbquo;Ihr seid selbst schuld&lsquo;! Vergessen sind offenbar die jahrhundertelangen im Namen der Religionen begangenen Verfolgungen und Ermordungen von Freigeistern, Humanisten, Aufkl&auml;rern, Intellektuellen, Wissenschaftlern und eben auch Satirikern, in deren Tradition die heimt&uuml;ckisch Get&ouml;teten von Charlie Hebdo stehen. Die europ&auml;ische Kultur, die b&uuml;rgerlichen Demokratien haben sich stets gegen die christlichen Kirchen entwickelt und durchgesetzt. Den jammernden Papst zu zitieren, der ein allzu durchsichtiges Interesse daran hat, m&uuml;hsam erk&auml;mpfte Freiheiten wieder einzuschr&auml;nken, ist kein guter Zug. Ebenso wenig christlich-reaktion&auml;ren Dunkelm&auml;nnern in CDU und CSU, die bereits tolldreist ins gleiche Horn blasen, damit eine Steilvorlage zu liefern.<\/p><p>H&auml;tten die Intellektuellen und K&uuml;nstler in den zur&uuml;ckliegenden Jahrhunderten nicht den Mut zu Grenz&uuml;berschreitungen und Tabubr&uuml;chen gehabt, die Geistesfreiheit w&uuml;rde noch heute in den Kellern der Inquisition gefangen gehalten. Trotz aller Verfolgung und Unterdr&uuml;ckung und brennender Scheiterhaufen durch die Religionen bzw. ihre institutionellen Tr&auml;ger hat sich die Satire schlie&szlig;lich freigek&auml;mpft, und ist zu einem Standard geworden, hinter den es kein Zur&uuml;ck mehr geben darf. Ebenso wie die Funktion der Satire, die &bdquo;der Kritik im Handgemenge&ldquo; gleicht, wie Marx 1844 in der Einleitung &sbquo;Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie&lsquo; schrieb. &bdquo;Im Handgemenge handelt es sich nicht darum, ob der Gegner ein edler, ebenb&uuml;rtiger, ein interessanter Gegner ist, es handelt sich darum, ihn zu treffen.&ldquo; Sie w&auml;re keine Satire mehr, wenn sie fragen m&uuml;sste: Darf ich? Nein, Satire fragt nicht, sie nimmt sie sich einfach, die Freiheit: Entschuldigung, aber ich bin so frei! Satire ist ein zutiefst aufkl&auml;rerischer Prozess, soll er doch Menschen die &bdquo;Selbstt&auml;uschung nehmen&ldquo; (Marx).<\/p><p>Den Religionsvertretern und allen Gl&auml;ubigen, die jetzt fordern, der Satire, der Karikatur, &uuml;berhaupt der Kritik wieder einen Maulkorb anzulegen, sei geraten, sich die unselige Rolle ihrer Religion bzw. religi&ouml;sen Institutionen im historischen Kontext zu vergegenw&auml;rtigen und Schl&uuml;sse daraus zu ziehen. Christen lege ich zum Einstieg die &sbquo;Kriminalgeschichte des Christentums&lsquo; von Karlheinz Deschner ans Herz. Und wer als erwachsener Mensch dann noch immer den religi&ouml;sen M&auml;rchen anh&auml;ngt, muss sich auch manchmal gefallen lassen, dass man sich &uuml;ber ihn\/sie lustig macht. Gleiches gilt f&uuml;r den Islam, dessen Protagonisten &ndash; allesamt keine Kinder von Traurigkeit &ndash; von Anfang an auf milit&auml;rische Expansion gesetzt haben. Die monotheistischen Religionen haben ihre W&uuml;rde, falls sie eine solche je besessen haben, schon lange verspielt. Ich achte lieber die W&uuml;rde des Menschen und jene Freiheit, die sich die Satire nimmt.<\/p><p>Hans-J&uuml;rgen M&uuml;lln, Journalist, Wetzlar<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Nachdenkseiten-Redaktion,<br \/> ehrlich gesagt, mir haben sich die Nackenhaare gestr&auml;ubt, als ich den Text&sbquo; Grenzen der Freiheit, auch der Satire&lsquo; gelesen habe. Zu Beginn des 21. 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