{"id":25191,"date":"2015-02-25T14:10:09","date_gmt":"2015-02-25T13:10:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25191"},"modified":"2019-03-10T11:58:29","modified_gmt":"2019-03-10T10:58:29","slug":"rezension-des-buches-hartz-iv-und-die-folgen-auf-dem-weg-in-eine-andere-republik-von-christoph-butterwegge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25191","title":{"rendered":"Rezension des Buches \u201eHartz IV und die Folgen \u2013 Auf dem Weg in eine andere Republik?\u201c von Christoph Butterwegge"},"content":{"rendered":"<p>Vor kurzem h&ouml;rte ich in einem Beitrag des Deutschlandfunks, dass sich die sozialistische Regierung Frankreichs bei ihren Reformbem&uuml;hungen an der deutschen Agenda 2010 zu orientieren sucht und deshalb mit deutschen Sozialdemokraten in Kontakt steht, vor allem auch bez&uuml;glich der Frage, was sie heute anders machen w&uuml;rden. Um sich m&ouml;glichst umfassend zu informieren, was die sozialen und gesellschaftspolitischen Konsequenzen des deutschen Reformwerks sind, dessen Kern die Hartz IV-Gesetzgebung darstellt, sei den franz&ouml;sischen Sozialisten die Lekt&uuml;re des Buches &bdquo;Hartz IV und die Folgen &ndash; Auf dem Weg in eine andere Republik?&ldquo; von Christoph Butterwegge empfohlen. Doch nicht nur ihnen. Dieses Buch sollte zur Pflichtlekt&uuml;re jedes an Sozialpolitik interessierten B&uuml;rgers unseres Landes und insbesondere jedes Politikers werden, der unsere Sozialgesetzgebung mit zu verantworten hatte, hat oder haben wird. Von <strong>Friederike Spiecker<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDer Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge, der seit vielen Jahren intensiv &uuml;ber sozialpolitische Themen forscht und an der Universit&auml;t zu K&ouml;ln lehrt, l&auml;sst den Leser von vornherein nicht im Unklaren dar&uuml;ber, welche Haltung er zu der unter dem Stichwort &bdquo;Hartz IV&ldquo; bekannten Sozialgesetzgebung einnimmt: &bdquo;es [handelt] sich bei Hartz IV um ein zutiefst inhumanes System &hellip;, das Menschen entrechtet, erniedrigt und entm&uuml;ndigt. &hellip; [D]ie &hellip; Betroffenen &hellip; werden stigmatisiert, sozial ausgegrenzt und isoliert.&ldquo;, hei&szlig;t es in der Einleitung des Buches (S.9). Der Autor informiert umfassend &uuml;ber Hintergr&uuml;nde und Zustandekommen von Hartz IV und, wie der Titel des Buches besagt, &uuml;ber die Folgen dieses Systems.<\/p><p>Das Buch ist in acht Kapitel gegliedert. Es beginnt mit einem besonders lesenswerten historischen R&uuml;ckblick in die Entwicklung der Sozialgesetzgebung w&auml;hrend und nach dem Ersten Weltkrieg bis zum Ende der Weimarer Republik. Besondern lesenswert deswegen, weil es die erschreckenden historischen Parallelen der Ersetzung des Versicherungsprinzips durch das F&uuml;rsorgeprinzip in der Sozialversicherung zwischen damals und heute nachzeichnet. Die Namensgleichheit eines damaligen Kritikers des Wohlfahrtsstaates, Gustav Hartz, mit dem VW-Personalvorstandsmitglied Peter Hartz, dessen Namen mit der heutigen Sozialgesetzgebung verbunden wird, erscheint dabei als kurioses, aber menetekelhaftes Detail.<\/p><p>Die folgenden drei Kapitel besch&auml;ftigen sich mit den Hintergr&uuml;nden der Reformbem&uuml;hungen zum Um- und Abbau des Sozialstaates und den Vorg&auml;ngen und Initiativen, die den Hartz IV-Gesetzen unter der rot-gr&uuml;nen Regierungskoalition vorausgingen. Die Wurzeln der dahinter stehenden Geisteshaltung reichen weit zur&uuml;ck bis in die 1980er Jahre zum sogenannten <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/lambsdorff_papier_1982.pdf\">Lambsdorff-Papier<\/a>, dem Christoph Butterwegge als &bdquo;neoliberalem Drehbuch f&uuml;r die soziale Demontage&ldquo; einen ganzen Abschnitt widmet und dessen Einfluss auf das <a href=\"http:\/\/www.glasnost.de\/pol\/schroederblair.html\">Schr&ouml;der\/Blair-Papier von 1999<\/a> unverkennbar ist. Aus letzterem wird der sicher auch heute noch bei vielen Sozialdemokraten konsensf&auml;hige Satz zitiert: &bdquo;Ein Sozialversicherungssystem, das die F&auml;higkeit, Arbeit zu finden, behindert, mu&szlig; reformiert werden. Moderne Sozialdemokraten wollen das Sicherheitsnetz aus Anspr&uuml;chen in ein Sprungbrett in die Eigenverantwortung umwandeln.&ldquo; Die N&auml;he der Arbeitskreise, Kommissionen und sonstiger Expertengremien, die die &bdquo;Umbau&ldquo;-Pl&auml;ne f&uuml;r den Sozialstaat vorbereiteten, zur f&uuml;hrenden Wirtschaftselite wird ebenso offengelegt wie ihre vorwiegend betriebswirtschaftlich gepr&auml;gte Sichtweise wirtschaftlicher Zusammenh&auml;nge, die einem Mangel an gesamtwirtschaftlichem Denken gleichkommt. Die Analysefehler der Architekten der Agenda 2010, die daf&uuml;r sorgten, das &ouml;konomische Weltbild neoliberaler Provenienz zu st&uuml;tzen, werden angesprochen, wenn auch nicht ausf&uuml;hrlich behandelt.<\/p><p>Die zweite H&auml;lfte des Buches beginnt mit einer detaillierten Darstellung des Hartz IV-Systems und seiner rigiden Praktiken sowie einer minuti&ouml;sen Nachzeichnung seiner parlamentarischen Implementierung. Die Beschreibung der erfolglosen Proteste gegen die Gesetzeseinf&uuml;hrung und des Chaos&lsquo; der praktischen Umsetzung liest sich tats&auml;chlich wie ein &bdquo;sozialpolitischer Albtraum&ldquo;, wie es in einem Zitat von Ulrich Schneider nur allzu treffend hei&szlig;t. Die Revisionen, Modifikationen und Weiterentwicklungen des Systems durch die Gro&szlig;e Koalition ab 2005 und die schwarz-gelbe Koalition ab 2009 lassen den Leser in einen Urwald von B&uuml;rokratie blicken. Er l&auml;sst sich auf den allen Ausw&uuml;chsen gemeinsamen Nenner des weiteren Sozialabbaus und des Bem&uuml;hens bringen, diesen Sozialabbau als irgendwie gerechtfertigt und besch&auml;ftigungsf&ouml;rdernd erscheinen zu lassen. An dieser sozialpolitischen wie &ouml;konomischen Misere d&uuml;rfte auch der mittlerweile auf Betreiben der SPD in der zweiten Gro&szlig;en Koalition beschlossene Mindestlohn nichts &auml;ndern. Denn, wie Christoph Butterwegge schreibt, &bdquo;durch den zuletzt erfolgten Preisauftrieb bei Mieten, Energie und Nahrungsmitteln gen&uuml;gen 8,50 Euro im Jahr 2017 selbst bei Vollzeiterwerbst&auml;tigkeit nicht mehr zur Deckung des soziokulturellen Existenzminimums.&ldquo; (S. 199)<\/p><p>Die Rolle, die die Massenmedien bei der Durchsetzung der Hartz-Gesetze gespielt haben, indem sie ein &bdquo;Reformklima&ldquo; erzeugten, wird im letzten Kapitel des Buches beleuchtet. Doch das f&uuml;r mich interessanteste Kapitel ist das vorletzte, in dem es um die &bdquo;individuellen und gesellschaftlichen Auswirkungen der Hartz-Gesetze&ldquo; geht. Neben den individuellen Trag&ouml;dien der direkt Betroffenen konstatiert Christoph Butterwegge einen Wandel des gesellschaftlichen Klimas: &bdquo;Verschiedentlich als ein &bdquo;Gesetz der Angst&ldquo; bezeichnet, bildet Hartz IV den sozialrechtlichen Humus einer Gesellschaft der Angst und macht die Bundesrepublik gleichzeitig zu einem Land, in welchem Teile der Mittelschicht durch Verachtung gegen&uuml;ber sog. Randgruppen, sozialen Absteiger(inne)n und beruflichen Verlierer(inne)n ihre Furcht vor dem gleichen Schicksal zu bew&auml;ltigen suchen.&ldquo; (S. 239). Wem k&auml;men an dieser Stelle nicht die Pegida-Demonstrationen in den Sinn?<\/p><p>&bdquo;Hartz IV f&uuml;hrt dem Niedriglohnsektor aufgrund der versch&auml;rften Zumutbarkeitsregeln und des enormen Sanktionsdrucks immer neuen Nachschub zu.&ldquo;, schreibt Christoph Butterwegge auf Seite 231. Bringt der Leser diesen Satz mit der Passage zum Mindestlohn im vorherigen Kapitel (S. 199) in Verbindung, wo es hei&szlig;t: &bdquo;Die f&uuml;r Rekordexport&uuml;bersch&uuml;sse der Bundesrepublik verantwortliche Strategie eines Lohndumpings auf Kosten anderer l&auml;sst sich also auch unter den neuen Gesetzesbestimmungen fortsetzen&ldquo;, dann beginnt er zu ahnen, welches <em>internationale<\/em> Desaster durch Hartz IV angerichtet wurde und weiter angerichtet wird. Denn der Kern der Handelsungleichgewichte und damit der Eurokrise steckt genau im deutschen Lohndumping. Diesen Zusammenhang nicht st&auml;rker in den Mittelpunkt der kritischen Analyse ger&uuml;ckt und ihr dadurch noch mehr internationales Gewicht verschafft zu haben, ist in meinen Augen der einzige Wehrmutstropfen an diesem hoch informativen und sehr lesenswerten Buch.<\/p><p><em>Christoph Butterwegge: &bdquo;Hartz IV und die Folgen &ndash; Auf dem Weg in eine andere Republik?&ldquo; Beltz Juventa 2015.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor kurzem h&ouml;rte ich in einem Beitrag des Deutschlandfunks, dass sich die sozialistische Regierung Frankreichs bei ihren Reformbem&uuml;hungen an der deutschen Agenda 2010 zu orientieren sucht und deshalb mit deutschen Sozialdemokraten in Kontakt steht, vor allem auch bez&uuml;glich der Frage, was sie heute anders machen w&uuml;rden. Um sich m&ouml;glichst umfassend zu informieren, was die sozialen<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25191\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[140,208,145],"tags":[213,442,296,317,312,411,389],"class_list":["post-25191","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hartz-gesetze-buergergeld-grundsicherung","category-rezensionen","category-sozialstaat","tag-butterwegge-christoph","tag-eigenverantwortung","tag-lambsdorff-otto-graf","tag-mindestlohn","tag-reformpolitik","tag-schroeder-gerhard","tag-sozialrassismus"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/25191","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=25191"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/25191\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":50012,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/25191\/revisions\/50012"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=25191"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=25191"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=25191"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}