{"id":25194,"date":"2015-02-25T10:38:59","date_gmt":"2015-02-25T09:38:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25194"},"modified":"2015-02-25T11:23:13","modified_gmt":"2015-02-25T10:23:13","slug":"nicht-die-grenze-sondern-die-mangelnde-qualitaet-von-satire-ist-das-problem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25194","title":{"rendered":"Nicht die Grenze, sondern die mangelnde Qualit\u00e4t von Satire ist das Problem!"},"content":{"rendered":"<p>Viel wurde in den vergangenen Wochen &uuml;ber Satire und ihre Grenzen geschrieben. Zuletzt auch von Mohssen Massarrat in <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25141\">einem Gastbeitrag<\/a> auf den Nachdenkseiten. Vor allem Kurt Tucholsky musste seit Anfang Januar wiederholt f&uuml;r Zitate herhalten: Nach dem Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo schien sich jede noch so auflagenschwache Regionalzeitung gen&ouml;tigt zu f&uuml;hlen, Tucholskys ber&uuml;hmten Text mit den einpr&auml;gsamen S&auml;tzen &bdquo;Was darf die Satire? Alles!&ldquo;* abzudrucken. Seitdem ist diese Aussage von unterschiedlichen Seiten kritisiert worden. Es hie&szlig;, man m&uuml;sse neu &uuml;ber Grenzen von Satire nachdenken, auch in einer Demokratie. Nein, sagt <strong>Michael Feindler<\/strong>. Uns sollte jedoch bewusst sein, <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Sturgeon's_law\">dass einiges<\/a>, was da drau&szlig;en als Satire herumgeistert, den Qualit&auml;tsma&szlig;st&auml;ben eines Kurt Tucholsky nicht standh&auml;lt.<br>\n(Hinweis: Durch ein ungl&uuml;ckliches Versehen wurde vorgestern eine fr&uuml;here Fassung von Mohssen Massarrat eingestellt. Im Anhang zu diesem Beitrag finden Sie seinen &uuml;berarbeiteten Text. (WL))<br>\n<!--more--><br>\nEines ist in der Diskussion um Satire bislang viel zu kurz gekommen: Es gibt eine Menge schlechte Satire! Satire, die nicht einmal die Oberfl&auml;che gesellschaftlicher Probleme ber&uuml;hrt; Satire, die das lesende oder zuh&ouml;rende Publikum in seiner Bequemlichkeit best&auml;tigt, statt es aufzur&uuml;tteln oder zum Weiterdenken zu animieren. Die Anschl&auml;ge von Paris und Kopenhagen k&ouml;nnten durchaus zu mehr Selbstkritik innerhalb der Satire-, Karikaturen- und Kabarettszene f&uuml;hren &ndash; aber nicht, weil es Grenzen der Satire gibt, sondern weil die Grundeinstellung hinter und die Zielsetzung gut gemachter Satire zu oft auf der Strecke bleiben.<\/p><p>Tucholsky schrieb 1919 in seinem viel zitierten Text: &bdquo;Die Satire bei&szlig;t, lacht, pfeift und trommelt die gro&szlig;e, bunte Landsknechtstrommel gegen alles, was stockt und tr&auml;ge ist.&ldquo; Wie leicht passiert es jedoch, dass so genannte &bdquo;Satiriker&ldquo; die Tr&auml;gheit im Publikum sogar bef&ouml;rdern, indem sie bestehende Klischees auswalzen, weiter ins L&auml;cherliche ziehen, ohne die Leser beziehungsweise Zuh&ouml;rer aus bereits bekannten Denkmustern herauszurei&szlig;en? Welchen Missstand zeigt denn bitte ein Karikaturist auf, der den Propheten Mohammed mit Sprengstoff im Turban abbildet? Will er damit sagen, dass der Islam eine gewaltt&auml;tige Religion ist? Wow! F&uuml;r so eine Aussage gen&uuml;gt ein Blick in die Boulevard-Presse, dazu braucht es keinen Satiriker.<br>\nUm mich nicht falsch zu verstehen: Es liegt mir fern, solche Karikaturen verbieten lassen zu wollen. Schlie&szlig;lich ist ein Gro&szlig;teil der Inhalte unserer Unterhaltungsindustrie &auml;hnlich plump. Doch gerade deshalb m&uuml;ssen wir endlich anerkennen, dass auch manche Satire handwerklich einfach schlecht ist. Wir d&uuml;rfen ihr innerhalb des Unterhaltungssektors keine Sonderrolle einr&auml;umen, nur weil sie im Gewand des Kritischen daher kommt &ndash; wodurch sie im &Uuml;brigen auch dort Intellektualit&auml;t vort&auml;uschen kann, wo keine vorhanden ist.<\/p><p>Will man eine Satire auf ihre handwerkliche Qualit&auml;t &uuml;berpr&uuml;fen, muss man nach den Beweggr&uuml;nden des Satirikers fragen: Will er wirklich ein gesellschaftliches Problem im Kern treffen? Ist es ihm ein dringendes Bed&uuml;rfnis, bestimmte Inhalte zu thematisieren? Oder steht doch eher der Wunsch nach Aufmerksamkeit im Vordergrund &ndash; der sich sowohl mit Publikumsgef&auml;lligkeit als auch mit gezielter Provokation erf&uuml;llen l&auml;sst? Das idealisierte Bild des Satirikers, wie ihn Tucholsky beschreibt, trifft in der Realit&auml;t vermutlich auf die wenigsten Vertreter ihrer Art zu. Denn demnach w&auml;re so jemand &bdquo;ein gekr&auml;nkter Idealist: er will die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an&ldquo;. Idealismus kommt unter Satirikern zwar durchaus vor, ebenso trifft man ab und an auf das ernst gemeinte Anliegen, einen unterhaltsamen Beitrag zur demokratischen Aufkl&auml;rungsarbeit leisten zu wollen. Doch erfahrungsgem&auml;&szlig; erliegt jeder Berufssatiriker irgendwann einmal der Versuchung, ein bereits vorhandenes Klischee oder Vorurteil zu bedienen. In den besten Kabarettprogrammen gab es schon Witze auf Kosten von Merkels Mundwinkeln, der K&ouml;rperf&uuml;lle von Siegmar Gabriel oder der Homosexualit&auml;t eines Guido Westerwelle.<\/p><p>Solche platten Gags bringen sichere Lacher, aber jedem sollte bewusst sein, dass das nicht die hohe Kunst der Satire ist. Nimmt man n&auml;mlich den von Tucholsky betonten idealistischen Geist der Satire ernst, m&uuml;ssen sich Satiriker stets selbst als Teil der Welt verstehen, die sie kritisieren. Sie k&ouml;nnen per definitionem nicht teilnahmslos kommentieren und karikieren. Denn Idealismus speist sich aus einer pers&ouml;nlichen Betroffenheit, und sei es &bdquo;nur&ldquo; aus der Empathie gegen&uuml;ber gesellschaftlich unterdr&uuml;ckten Menschengruppen. Will ein Satiriker nun auf Missst&auml;nde aufmerksam machen, greift er zum g&auml;ngigen Mittel der &Uuml;bertreibung. Mit Tucholskys Worten gesprochen: &bdquo;Die Satire mu&szlig; &uuml;bertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bl&auml;st die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird, und sie kann gar nicht anders arbeiten als nach dem Bibelwort: Es leiden die Gerechten mit den Ungerechten.&ldquo; Da steckt alles drin. Nicht zuletzt der Hinweis, dass ein Idealist immer auch mit denen mitf&uuml;hlt, die er kritisiert. Gute Satire l&auml;sst ihn nie unber&uuml;hrt.<\/p><p>Nun ist es nat&uuml;rlich nicht m&ouml;glich, in jeder Satire die Beweggr&uuml;nde des jeweiligen K&uuml;nstlers oder der jeweiligen K&uuml;nstlerin nachzuweisen. Aber zu glauben, eine Karikatur oder eine Kabarettnummer verfolge idealistische, aufkl&auml;rerische Ans&auml;tze, wenn sie inhaltlich kaum &uuml;bers Stammtischniveau hinaus kommt, w&auml;re doch ziemlich naiv. Im &Uuml;brigen ist auch nichts daran auszusetzen, wenn Religion zur Zielscheibe satirischer Kritik wird, im Gegenteil. Der Satiriker als Idealist schl&auml;gt sich grunds&auml;tzlich auf die Seite der Unterdr&uuml;ckten und muss daher jede Ideologie ins Visier nehmen, die eine irgendwie geartete machtpolitische Rolle spielt &ndash; vom Christentum bis zum Neoliberalismus. Um sich aber &uuml;berzeugend auf die Seite der Unterdr&uuml;ckten schlagen zu k&ouml;nnen, muss man diese ansatzweise verstehen, ihrer Situation m&ouml;glichst viel Empathie entgegenbringen. Das mag ein Grund daf&uuml;r sein, weshalb die beste <a href=\"http:\/\/www.bbc.com\/news\/blogs-trending-29431788\">Satire &uuml;ber Islamismus<\/a> tendenziell aus islamisch gepr&auml;gten L&auml;ndern kommt. <\/p><p>Dagegen wirkt jede Satire, die weder pers&ouml;nliche Betroffenheit noch ehrlich empfundenes Mitgef&uuml;hl erahnen l&auml;sst, nur herablassend und selbstgerecht. Schlimmstenfalls &uuml;bertr&auml;gt sich diese Selbstgerechtigkeit sogar auf das Publikum, das sich damit innerlich vom &ouml;ffentlichen politischen Diskurs entfernt, sobald es meint, sich selbst von der satirisch ge&auml;u&szlig;erten Kritik ausnehmen zu k&ouml;nnen. Somit wird der aufkl&auml;rerische, m&uuml;ndigkeitsf&ouml;rdernde Ansatz der Satire in einer Demokratie pervertiert: das Publikum lacht &uuml;ber Politik und Gesellschaft, ohne seine Verflechtungen als &bdquo;Souver&auml;n&ldquo; innerhalb des herrschenden Systems wahrhaben zu wollen. Gleichzeitig wird den Lesern beziehungsweise Zuh&ouml;rern das Gef&uuml;hl vermittelt, sie w&uuml;rden gerade besonders politisch und kritisch denken, selbst wenn ausschlie&szlig;lich Ressentiments und Klischees bedient werden, die allen l&auml;ngst bekannt sind. Eine so geartete Satire ist handwerklich nicht nur langweilig, sondern in ihrem Kern demokratiefeindlich.<\/p><p>Die Qualit&auml;t von Satire bleibt deshalb auch fast hundert Jahre nach der Ver&ouml;ffentlichung von Kurt Tucholskys ber&uuml;hmtem Text von der inhaltlichen Betroffenheit des Satirikers selbst und seines Publikums abh&auml;ngig. Fragen wir also k&uuml;nftig nicht mehr: Was darf die Satire? Fragen wir lieber h&auml;ufiger: Ist das gute Satire?<\/p><p><strong>Michael Feindler<\/strong> lebt als Kabarettist in Berlin. Dort studiert er auch Publizistik und Politikwissenschaften und setzt sich mit dem Verein &bdquo;Was bildet Ihr uns ein?&ldquo; f&uuml;r mehr Chancengerechtigkeit und Partizipation im Bildungssystem ein.<\/p><p>S&auml;mtliche im Text verwendeten Zitate von Kurt Tucholsky sind zitiert nach: Kurt Tucholsky: <em>Gesammelte Werke in 10 B&auml;nden. Herausgegeben von Mary Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz. Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg 1975. Band 2: 1919&ndash;1920. S. 42&ndash;44<\/em><\/p><p><strong>P.S.: Es folgt eine korrigierte Fassung des Beitrags von Mohssen Massarrat.<\/strong><br>\nDurch Versehen war am 23. Februar eine fr&uuml;here Fassung des Autors eingestellt worden. Aufgrund der schon fr&uuml;her erfolgten Kritik von Wolfgang Lieb hatte der Autor seinen Text &uuml;berarbeitet. Dieser &uuml;berarbeitete Text ist in einem Mailaustausch verwechselt worden. Deshalb holen wir die Wiedergabe des richtigen Textes nach und bitten um Entschuldigung.<br>\n<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/150224_masserrat_korrigierte_fassung_grenzen_der_freiheit.pdf\">Grenzen der Freiheit, auch der Satire &ndash; Mohssen Massarrat [PDF &ndash; 74KB]<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Viel wurde in den vergangenen Wochen &uuml;ber Satire und ihre Grenzen geschrieben. 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