{"id":25197,"date":"2015-02-25T14:16:46","date_gmt":"2015-02-25T13:16:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25197"},"modified":"2015-02-25T14:16:46","modified_gmt":"2015-02-25T13:16:46","slug":"ein-leserbrief-von-dominik-weiss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25197","title":{"rendered":"Ein Leserbrief von Dominik Wei\u00df"},"content":{"rendered":"<p>Hans-J&uuml;rgen M&uuml;lln zeigt in seinem Leserbrief an die Nachdenkseiten, dass er selbst wenig nachdenklich immer wieder kolportierten Klischees &uuml;ber Religion anh&auml;ngt. T&auml;glich bem&uuml;hen sich die Nachdenkseiten verdienstvoll darum, kruden Vereinfachungen die differenzierte Wirklichkeit gegen&uuml;berzustellen. Das sollte auch gegen&uuml;ber popul&auml;ren, aber platten Darstellungen religi&ouml;ser Traditionen geschehen.<br>\n<!--more--><br>\nEigentlich br&auml;uchte man gar nicht tiefer in die historischen Verdrehungen und Halbwahrheiten dieses Leserbriefs hinabtauchen, denn schon in seinem zweiten Absatz l&auml;sst M&uuml;lln seine eigene Beschw&ouml;rung der &bdquo;europ&auml;isch-aufkl&auml;rerischen Traditionen&ldquo; in fragw&uuml;rdigem Licht erscheinen. &bdquo;Warum soll ich jemanden respektieren, der die Evolution leugnet, Homosexuelle am liebsten in Umerziehungslager stecken m&ouml;chte, die Frau zum Menschen zweiter Klasse degradiert?&ldquo;, so fragt M&uuml;lln. <\/p><p>Erstes Problem: Die drei von ihm aufgef&uuml;hrten Anklagen scheint M&uuml;lln &ndash; wer wollte es schon zu genau nehmen? &ndash; allen Anh&auml;ngern &bdquo;archaische[r] Weltanschauungen wie Religionen&ldquo; unterschieben zu wollen. Belege bleibt er schuldig. Die d&uuml;rften auch schwerlich zu beschaffen sein. Weder der Islam noch die katholische Kirche noch die Mehrheit der protestantischen Christenheit leugnen die Evolution, was man schon bei oberfl&auml;chlicher Besch&auml;ftigung mit der Materie schnell herausfinden k&ouml;nnte. Was religi&ouml;se Menschen mit Homosexuellen &bdquo;am liebsten tun w&uuml;rden&ldquo;, scheint M&uuml;lln genau zu wissen. Aber auch hier wird seine Phantasie der Realit&auml;t wenig gerecht. Dazu der Katechismus der Katholischen Kirche: &bdquo;Eine nicht geringe Anzahl von M&auml;nnern und Frauen sind homosexuell veranlagt. Sie haben diese Veranlagung nicht selbst gew&auml;hlt (&hellip;). Man h&uuml;te sich, sie in irgendeiner Weise ungerecht zur&uuml;ckzusetzen.&ldquo;<\/p><p>Zweites und schwerwiegenderes Problem: M&uuml;lln fragt, warum man &bdquo;jemanden&ldquo; respektieren solle, der die genannten Auffassungen teilt bzw. religi&ouml;sen &Uuml;berzeugungen anh&auml;ngt. Nota bene: Die von M&uuml;lln selbst gew&auml;hlte Formulierung spricht nicht vom Respekt gegen&uuml;ber <em>&Uuml;berzeugungen<\/em>, sondern gegen&uuml;ber <em>Menschen<\/em>, die bestimmte &Uuml;berzeugungen teilen. &bdquo;Ich achte lieber die W&uuml;rde des Menschen&ldquo;, schreibt M&uuml;lln unter Berufung auf die Aufkl&auml;rung. Nun dachte ich eigentlich, dass das Konzept der Menschenw&uuml;rde sich genau dadurch auszeichnet, dass sie Respekt gegen&uuml;ber <em>jedem<\/em> Menschen vorschreibt, auch gegen&uuml;ber dem Andersdenkenden, selbst auch noch gegen&uuml;ber dem schwer straff&auml;llig Gewordenen. Eine Grenze der Achtung vor dem Menschen scheint M&uuml;lln aber da ziehen zu wollen, wo es sich um religi&ouml;se Menschen handelt. Weltweit w&uuml;rde damit nach wie vor die gro&szlig;e Mehrheit der Menschheit vom Recht auf respektvollen Umgang ausgenommen &ndash; Menschenw&uuml;rde also nur noch f&uuml;r (&uuml;berwiegend west- und mitteleurop&auml;ische) Atheisten und Agnostiker.<\/p><p>Von den zahllosen Halb- und Gar-nicht-Wahrheiten, die dieser Leserbrief auf kleinem Raum enth&auml;lt, seien nur noch wenige kurz angerissen. So zeigt ein Blick in die Geschichte, dass es erst der Aufstieg des Christentums war, das sich angeblich &bdquo;um das menschliche Wohlergehen ein Dreck&ldquo; schert, das in Europa eine systematische Armen- und Krankenf&uuml;rsorge eingef&uuml;hrt hat. Im R&ouml;mischen Reich hie&szlig; es da zuvor schlichtweg &bdquo;Pech gehabt!&ldquo; Und was die die &bdquo;jahrhundertelangen im Namen der Religionen begangenen Verfolgungen und Ermordungen von Freigeistern, Humanisten, Aufkl&auml;rern, Intellektuellen, Wissenschaftlern und eben auch Satirikern&ldquo; angeht, auch da w&uuml;rde man sich doch ein paar Belege w&uuml;nschen, die &uuml;ber die vage Berufung auf Karlheinz Deschner hinausgehen, dessen Werke bei (s&auml;kularen!) Fachhistorikern vorwiegend nicht als seri&ouml;se Geschichtsschreibung gelten. Um nur f&uuml;r das Christentum zu sprechen: Ideologisch motivierte Morde <em>an<\/em> Christen sind auch heute noch in vielen Weltgegenden an der Tagesordnung (sie waren es &uuml;brigens auch beispielsweise w&auml;hrend der Franz&ouml;sischen Revolution), nach religi&ouml;s motivierten Morden von Christen wird man in der j&uuml;ngeren Geschichte lange suchen k&ouml;nnen. Sie waren &uuml;brigens auch in der Vergangenheit weit seltener, als man das landl&auml;ufig annimmt (vgl. dazu z.B. Arnold Angenendt, Toleranz und Gewalt. Das Christentum zwischen Bibel und Schwert).<\/p><p>Abschlie&szlig;end sei M&uuml;llns offensichtlich uninformiertem Gerede von erwachsenen Menschen, die &bdquo;religi&ouml;sen M&auml;rchen&ldquo; anh&auml;ngen, ein Zitat eines anderen, eines nachdenklicheren Atheisten gegen&uuml;bergestellt. Der renommierte serbisch-amerikanische Philosoph Thomas Nagel schreibt: &bdquo;Ich will, dass der Atheismus recht hat. Und es verunsichert mich, dass einige der intelligentesten und gebildetsten Menschen, die ich kenne, gl&auml;ubige Menschen sind.&ldquo; Auf dieser Grundlage ist ein Gespr&auml;ch zwischen glaubenden und nichtglaubenden Menschen in gegenseitigem Respekt und Achtung der beiderseitigen W&uuml;rde m&ouml;glich. Denn auch darin darf ich Herrn M&uuml;lln beruhigen: &bdquo;Wer Andersgl&auml;ubige als Gottlose diffamiert und stigmatisiert&ldquo;, br&auml;chte sich damit in eindeutigen Gegensatz zur Lehre zumindest der katholischen Kirche, denn Christen sollten in der Regel wissen, dass auch der Andersgl&auml;ubige ohne Einschr&auml;nkung Abbild Gottes ist.<\/p><p>Dominik Wei&szlig;, Diplom-Theologe<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hans-J&uuml;rgen M&uuml;lln zeigt in seinem Leserbrief an die Nachdenkseiten, dass er selbst wenig nachdenklich immer wieder kolportierten Klischees &uuml;ber Religion anh&auml;ngt. T&auml;glich bem&uuml;hen sich die Nachdenkseiten verdienstvoll darum, kruden Vereinfachungen die differenzierte Wirklichkeit gegen&uuml;berzustellen. 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