{"id":25202,"date":"2015-02-25T18:59:27","date_gmt":"2015-02-25T17:59:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25202"},"modified":"2019-05-20T07:39:35","modified_gmt":"2019-05-20T05:39:35","slug":"replik-auf-den-gastbeitrag-von-mohssen-massarrat-grenzen-der-freiheit-auch-fuer-satire-und-als-ergaenzung-zu-michael-feindlers-beitrag-nicht-die-grenze-sondern-mangelnde-qualitaet-von-satire-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25202","title":{"rendered":"Replik auf den Gastbeitrag von Mohssen Massarrat \u201eGrenzen der Freiheit \u2013 Auch f\u00fcr Satire\u201c und als Erg\u00e4nzung zu Michael Feindlers Beitrag \u201eNicht die Grenze, sondern mangelnde Qualit\u00e4t von Satire ist das Problem\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Nach der Lekt&uuml;re des Gastbeitrages <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25141\">&bdquo;Grenzen der Freiheit &ndash; auch f&uuml;r Satire&ldquo;<\/a> war ich verwundert eine derart scheinliberale Position auf den Nachdenkseiten lesen zu m&uuml;ssen. Obwohl ich spontan das Bed&uuml;rfnis versp&uuml;rte darauf zu antworten, hat mich erst der heutige f&uuml;r mich voll und ganz zutreffende <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25194\">Beitrag des jungen Kollegen Michael Feindler<\/a> dazu bewogen.<br>\n<!--more--><br>\nAllein die Fragestellung, ob Satire alles darf, impliziert schon eine gewisse Bigotterie und erinnert mich an die teils perfide Argumentation zur Durchsetzung neoliberaler Positionen.  Satirefreiheit kann ebenso wenig relativ sein, wie beispielsweise eine Schwangerschaft.  Entweder oder! Freiheit wird es eben nur durch seine Absolutheit.  Das m&ouml;chte ich etwas ausf&uuml;hren. Genauso wie in unserem Grundgesetz das Recht auf Meinungsfreiheit oder Menschenw&uuml;rde fest verankert sind, werden in der Praxis diese uneingeschr&auml;nkten, also absolut formulierten Rechte St&uuml;ck f&uuml;r St&uuml;ck durch neoliberale Einflussnahme ausgehebelt bzw. eingeschr&auml;nkt.  Aus der Formulierung des Grundgesetzes l&auml;sst sich ableiten, dass, wenn jemand Hilfebed&uuml;rftig ist, der Staat ihm Hilfe zu einem menschenw&uuml;rdigen Dasein zu gew&auml;hren hat und zwar auch ohne jede Gegenleistung des Hilfebed&uuml;rftigen.  Die Intention dieses Rechtes impliziert, das jemand diese Hilfe lediglich in Anspruch nimmt, sofern er nicht in der Lage ist, sich ein menschenw&uuml;rdiges Dasein aus eigener Kraft zu erm&ouml;glichen.  Kritiker w&uuml;rden einwenden, dass solche Leistungen aber auch ausgenutzt werden k&ouml;nnten. Richtig! Und das werden sie in einem gewissen Rahmen auch! Selbst zu Zeiten der Vollbesch&auml;ftigung gab es bei uns eine gewisse Bodensatzarbeitslosigkeit und Hilfeempf&auml;nger die scherzhaft auch &bdquo;Sozialadel&ldquo; genannt wurden, da sie bereits in 3. oder 4. Generation mit einem gewissen Stolz eben diese staatlichen Leistungen gegenleistungsfrei kassierten. Obwohl man, was ich jetzt mal unterstelle, beim verfassen des GG wusste, dass es immer Menschen geben wird, die solche staatlichen Versorgungsleistungen egoistisch ausnutzen w&uuml;rden, hat man dieses Grundrecht verankert und analog auch im SGB ausgef&uuml;hrt, denn bei damals noch rund 60 Millionen B&uuml;rgern in der BRD waren das in der Gesamtheit lediglich wenige Hunderttausend. Um also das absolute Grundrecht auf Menschenw&uuml;rde gew&auml;hrleisten zu k&ouml;nnen, war es lange gesellschaftlicher Konsens, als wohlhabende Gesellschaft diesen &bdquo;parasit&auml;ren&ldquo; Preis im Gemeinwesen zu tragen und zu ertragen.   <\/p><p>&Auml;hnlich verh&auml;lt es sich mit der Satirefreiheit, die ich als Teil der Meinungsfreiheit betrachte.  Auch hier wird in bew&auml;hrter Salami-Taktik eine grunds&auml;tzlich absolute Freiheit ausgeh&ouml;hlt bzw. untergraben.  Was bedeuten denn in der Praxis ein paar m&auml;&szlig;ige, vermeintlich kritische, Karikaturen die ver&ouml;ffentlicht werden? Ob sie nun &bdquo;die undichte Stelle im Vatikan&ldquo; zeigen oder eine &bdquo;Bombe auf den Turban von Mohammed&ldquo;. Niemand ist gezwungen sich solche Werke &uuml;bers zu Bett h&auml;ngen oder als Desktophintergrund auf den PC oder als Hintergrundbild auf sein Handy zu laden, geschweige denn sich eine Satiremagazin zu kaufen.  Diese Werke sind der Preis einer an sich absoluten Freiheit die es auch absolut zu verteidigen gilt. Nein, gute und schlechte, b&ouml;se und harmlose, treffende und weniger treffende Satiren hat es immer gegeben und wird es immer geben. Wer sich durch derartige Satire beleidigt oder entw&uuml;rdigt sieht, hat etwas Grunds&auml;tzliches nicht verstanden, denn Satire kann lediglich nur das verzerrte, gespiegelte, &uuml;berzeichnete, sprich satirische Abbild von Entw&uuml;rdigung oder eines Missstandes sein um diesen, also den eigentlichen Missstand oder die Entw&uuml;rdigung anzuprangern. Das und nur das kann das einzige legitime Interesse von Satire sein. Diesen elementaren Unterschied gilt es zu erkennen und zu beachten. Im &Uuml;bertragenen Sinn kann man sagen, nicht das uns von Nachrichtenredaktionen in diskreter R&uuml;cksichtnahme vorenthaltene schockierende Bild eines verhungernden Kindes ist der Missstand, sondern das verhungernde Kind selbst! Und auch nicht die Karikatur &bdquo;Sch&auml;uble in Naziuniform&ldquo; ist die eigentliche Beleidigung, der eigentliche Skandal, sondern die Empfindung der Griechen sich von Sch&auml;uble wie Untertanen behandelt zu sehen, f&uuml;r die der satirische Zeichner dann lediglich ein passendes Bild gesucht hat. Wobei es hier ausdr&uuml;cklich nicht die Qualit&auml;t der Satire geht, sondern ausschlie&szlig;lich um den Wirkungszusammenhang Ursache-Wirkung!  In der Politik hat man inzwischen weitgehend akzeptiert mit h&auml;rteren Bandagen satirisch bek&auml;mpft zu werden. Nun, was kann politische Satire schon gro&szlig; ausrichten?  Was st&ouml;rt es die Eiche, wenn sich ein Schwein an ihr reibt! Doch lassen sie mich zu der angeblichen Verletzung religi&ouml;ser Gef&uuml;hle zur&uuml;ckkehren. Ich selbst bin christlich erzogen worden, habe aber bereits Vierzehnj&auml;hrig meinen Austritt erkl&auml;rt und kann mich noch gut an die konsternierten Blicke in der Amtstube erinnern. In meiner &uuml;ber 40j&auml;higen kritischen Auseinandersetzung mit Religionen kann ich mich an wirklich keine Satire erinnern, die sich &uuml;ber den spirituellen Aspekt von Religion erhoben hat. Immer ging es um Verfehlungen von Klerus,  Amtskirche und der weltlichen Organisationen die Glauben und Gutgl&auml;ubigkeit missbrauchen.  <\/p><p>Ich selbst bin kein spirituell gl&auml;ubiger Mensch, halte es aber mit Berthold Brecht, der in den Geschichten von Herr K. auf die Frage, ob es einen Gott gibt, Herrn K antworten l&auml;sst: &bdquo;Ich halte die Frage nach Gott f&uuml;r nicht so entscheidend. Viel eher solltest Du Dir die Frage beantworten, ob sich sein Verhalten &auml;ndert, wenn Du w&uuml;sstest, dass es einen Gott gibt. &Auml;ndert sich dein Verhalten nicht, kannst Du die Frage nach Gott getrost vergessen. &Auml;ndere es sich, kann ich Dir zumindest sagen, Du brauchst einen Gott!&ldquo;<br>\nIch glaube, selbst radikalste Atheisten respektieren zumindest die Sehnsucht von Menschen nach Gott, auch wenn sie selbst dieses Verlangen nicht teilen.  Nur in diesem Aspekt w&auml;re eine Beleidigung, eine Entw&uuml;rdigung  religi&ouml;ser Gef&uuml;hle &uuml;berhaupt denkbar. Was soll also diese falsch verstandene R&uuml;cksichtnahme bei der angeblichen Verletzung religi&ouml;ser Gef&uuml;hle? <\/p><p>Obwohl ich jemanden wie Dieter Nuhr in seiner reaktion&auml;ren Art nicht ertrage, muss ich ihn, so schwer es mir f&auml;llt, gegen&uuml;ber angeblich islamfeindlicher Kritik verteidigen, genauso wie Charlie Hebdo, Titanic oder die lediglich billig-provokanten Mohammed-Darstellungen in den J&uuml;tland Posten.       <\/p><p>Wirkung erhalten solche &bdquo;Satiren&ldquo; doch erst durch die massenmediale Hilfestellung, also mit deren undifferenzierter Verbreitung an Rezipienten, die bewusst &uuml;ber Kontext und Hintergrund eben dieser Satiren in Unklaren gelassen werden. Oder glaubt irgendjemand, dass die erbosten Gewaltt&auml;ter auf Pakistans Stra&szlig;en auch nur durch einen Hauch von differenziertem und autonomem Denken geleitet wurden?  Ein &bdquo;Agent Provocateur&ldquo; kann im Idealfall sich selbst als neutralen Aufkl&auml;rer darstellen,  w&auml;hrend er den Unmut ahnungsloser Massen auf die Satiriker leitet. Aber auch wenn stramme CSU-ler und Neoliberale pl&ouml;tzlich Satirefreiheit verteidigen, sollten beim kritischen Mitb&uuml;rger Alarmglocken l&auml;uten. Satire selbst und auch die Satirefreiheit werden lediglich als Mittel zum Zweck v&ouml;llig anderer Interessen missbraucht.  Anders jedenfalls kann ich mir diese neue Debatte um Satirefreiheit im Nachklang des Charlie Hebdo-Attentats nicht erkl&auml;ren. <\/p><p>Auch Massarrat verstrickt sich in seinem Beitrag in den ausgelegten Fu&szlig;angeln solcher Provokateure. <\/p><p>Anmerkung:  Als gesellschaftspolitischer Kabarettist bet&auml;tige ich mich seit vielen Jahren immer wieder auch kritisch mit Religionen. Deshalb habe ich mir erlaubt, eine zwar schon ein paar Jahre alte und sicher streitbare Kabarettnummer auf Youtube hochzuladen,  in der ich meinem Anspruch an satirischer Religions-\/Islamkritik  versucht habe gerecht zu werden und m&ouml;chte sie aufmerksamen Lesern der Nachdenkseiten <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Aqdm4qBOtvg\">nicht vorenthalten<\/a>.<\/p><p>Hubert Burghardt, gesellschaftspolitischer Kabarettist &ndash; <a href=\"http:\/\/www.hubert-burghardt.de\">www.hubert-burghardt.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach der Lekt&uuml;re des Gastbeitrages <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25141\">&bdquo;Grenzen der Freiheit &ndash; auch f&uuml;r Satire&ldquo;<\/a> war ich verwundert eine derart scheinliberale Position auf den Nachdenkseiten lesen zu m&uuml;ssen. 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