{"id":25227,"date":"2015-02-27T17:22:00","date_gmt":"2015-02-27T16:22:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25227"},"modified":"2019-07-25T11:25:50","modified_gmt":"2019-07-25T09:25:50","slug":"rezension-wolfgang-bittner-suedlich-von-mir-gedichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25227","title":{"rendered":"Rezension: Wolfgang Bittner: S\u00fcdlich von mir. Gedichte"},"content":{"rendered":"<p>Wolfgang Bittner ist ein in den NachDenkSeiten immer wieder pr&auml;senter Autor. Erst k&uuml;rzlich hat er das Sachbuch &bdquo;Die Eroberung Europas durch die USA&ldquo; (2014) zu Hintergr&uuml;nden der Ukraine-Krise ver&ouml;ffentlicht (siehe <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/141105_ukraine_auszug1.pdf\">Rezension vom 05.11.2014<\/a>). Zwei Jahre zuvor erschien der politische Roman &bdquo;Hellers allm&auml;hliche Heimkehr&ldquo; (siehe <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16690\">Rezension vom 28.03.2013<\/a>). Dass Bittner auch Gedichte schreibt, spricht f&uuml;r seine publizistisch-literarische Vielseitigkeit. Und dass er in dem Lyrikband &bdquo;S&uuml;dlich von mir&ldquo; (2014) so ganz anders von Griechenland spricht, als wir es dieser Tage etwa durch die &bdquo;Institutionen&ldquo; &uuml;ber uns ergehen lassen m&uuml;ssen, spendet etwas Trost in den finsteren Zeiten, in denen wir leben (frei nach B. Brecht). Von <strong>Petra Frerichs<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nVon Haus aus promovierter Jurist, hat der Schriftsteller Wolfgang Bittner bis heute ein stattliches Gesamtwerk von mehr als 60 B&uuml;chern vorgelegt und sich in den Sparten der Kinder- und Jugendliteratur ebenso einen Namen gemacht wie als Autor von Romanen, Erz&auml;hlungen, Gedichten, Essays und Sachb&uuml;chern. Zuletzt erschien 2014 der hier besprochene Gedichtband &ndash; es ist seit &bdquo;Probealarm&ldquo; (1977) bereits sein achter in Folge. Das breite Spektrum, in dem Bittner publiziert, hat zur Gemeinsamkeit, dass es aus der Feder eines politisch denkenden Humanisten stammt. Und diese Humanit&auml;t in Verbindung mit einer eher skeptischen Weltsicht macht ihn empf&auml;nglich sowohl f&uuml;r Gesellschafts- und Zivilisationskritik als auch f&uuml;r die Wahrnehmung der Wunder des Lebens. In seinen Gedichten scheint auf, was von hoch sensiblen Rezeptoren aufgesp&uuml;rt und verarbeitet wurde. Sie umfassen Sujets von der Naturbeobachtung bis zum Krieg und sind in sieben thematische Bl&ouml;cken gruppiert: In &bdquo;S&uuml;dlich&ldquo; finden sich Gedichte &uuml;bers Reisen in s&uuml;dlichen Gefilden, allen voran Griechenland, Rhodos, mit Natur- und Gartenmotiven &ndash; stellenweise so sch&ouml;n, dass man sofort die Koffern packen m&ouml;chte, um dem beschriebenen n&auml;chtlichen Gesang der Zikaden mit lauschen zu k&ouml;nnen. Unter &bdquo;Dortzulande&ldquo; kommen die Kehrseiten zur verdichteten Sprache: der Tourismus als entfremdetes wie entfremdendes Massenph&auml;nomen (z.B. &bdquo;Invasion&ldquo;), in dem die Kameras und Smartphones die unmittelbare Landschafts- und Naturerfahrung verdr&auml;ngt zu haben scheinen. Nicht nur in Griechenland, versteht sich. Im Gedicht &bdquo;Rattenrennen&ldquo; hei&szlig;t es hierzu (auszugsweise): <\/p><blockquote><p>\n&hellip;<br>\nIm Caf&eacute;, im Restaurant,<br>\nsitzen sie vor ihren Smartphones,<br>\nselbstverloren tippen oder telefonieren sie<br>\nals winke ihnen irgendwo im Nirgendwo<br>\ndas Paradies,<br>\ndie Erf&uuml;llung allen Begehrens.<br>\nKein Blick f&uuml;r ihr Gegen&uuml;ber,<br>\nkein vertrautes Wort.<br>\n&hellip;\n<\/p><\/blockquote><p>Dann aber gedenkt Wolfgang Bittner wieder &bdquo;seines&ldquo; Griechenlands als historischem, mythologischem und gegenw&auml;rtigen Ort und vers&ouml;hnt oder verw&ouml;hnt uns im Gedicht &bdquo;Dortzulande&ldquo; mit Oliven, Wein, Feigen und Kapernb&uuml;schen. Hier zeigt sich der Dichter auch als sinnenfroher Genie&szlig;er, der sich an dem Geruch und Geschmack der Fr&uuml;chte ebenso erg&ouml;tzen kann wie an den Farben des S&uuml;dens im Sommer: &bdquo;dieses sehnsuchtsblaue Meer&ldquo; macht ihn wahrlich zum Romantiker. <\/p><p>In den weiteren Abschnitten mit den Titeln &bdquo;Gesang im Sommer&ldquo;, &bdquo;Nebelmond&ldquo;, &bdquo;Nie wieder&ldquo;, &bdquo;Treibhaus&ldquo; und &bdquo;N&ouml;rdlich&ldquo; behandelt Bittner solche Themen wie Alltagsbeobachtungen hierzulande, Naturerfahrungen, Reflexionen, die &uuml;ber die sinnliche Wahrnehmung hinausweisen, Disharmonisches bis zur eigenen Endlichkeit, also den Tod, den Krieg, als Kind erlebt und die Kriege von heute (f&uuml;r Bittner, den entschiedenen Kriegsgegner, ist der Krieg die &bdquo;ultima irratio&ldquo;), &uuml;ber das Schreiben und den Literaturbetrieb und schlie&szlig;lich kritische Betrachtungen &uuml;ber die aktuelle &bdquo;V&ouml;lkerkunde&ldquo; (&bdquo;Jeder sich selbst der n&auml;chste, \/einer der Feind des anderen&ldquo;), aber auch Ankl&auml;nge an die nordische Mythologie.<\/p><p>Mit Bedacht ist die Anordnung der Gedichteinheiten erfolgt. Ganz grob gesagt geht es vom Hellen zum Dunklen, vom Harmonischen zur Disharmonie bis zur Katastrophe, von  Natur, Landschaft, Kultur zu ihren desastr&ouml;sen Zerst&ouml;rungen, von S&uuml;den nach Norden, von der W&auml;rme in die K&auml;lte. Allerdings bei weitem nicht klischeehaft und eindimensional, sondern immer wieder &bdquo;gebrochen&ldquo;, etwa durch eine &uuml;berraschende Wendung wie im Gedicht &bdquo;Nebelmond&ldquo;:<\/p><blockquote><p>\nIn der Fu&szlig;g&auml;ngerzone<br>\nKeine Fu&szlig;g&auml;nger,<br>\nder Himmel kalt,<br>\ndie Zweige kahl,<br>\nein Bettler.<\/p>\n<p>Der halbe Mond,<br>\nein Licht<br>\nam Ende der Stra&szlig;e,<br>\nund jemand sagt: &bdquo;Du<br>\nw&auml;rmst mir das Herz.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Mit sprachlichen &Uuml;berblendungen, dem Wechsel der Sinnebenen (etwa durch ein &uuml;berraschendes Verb) oder dem Wechsel der Grundstimmung (von Traurigkeit zum Purzelbaum Schlagen) gelingt es Bittner, seine Natur-, Landschafts- und sozialen Beobachtungen mit Reflexionen zu versehen, die &uuml;bersch&uuml;ssige Sinngehalte vermitteln und jeglicher Verkl&auml;rung oder der Idylle vorbeugen. Daf&uuml;r ein letztes Beispiel mit dem Gedicht &bdquo;Ahornbaum&ldquo;:<\/p><blockquote><p>\nDrei rosa Wolken<br>\nzieh&rsquo;n am abendlauen<br>\nHimmel &uuml;berm Ahornbaum,<br>\nund in der Ferne<br>\nd&auml;mmern blau die Berge,<br>\nweit weg, so weit &ndash;<br>\nwir schauen<br>\nin diese kalte Welt hinein<br>\naus unserm Kindertraum.<br>\nWir sind die sp&auml;ten M&auml;rchenzwerge,<br>\nwir spucken eine Zwetschenstein<br>\nvon unserem Balkon<br>\nherab auf alles &ndash;<br>\nund auf unsre Illusion.\n<\/p><\/blockquote><p>Ein Gedicht, das auch Bittners Sinn f&uuml;r Rhythmik und Metrik in den Versen aufzeigt. Der Band endet fulminant mit einer Art Verm&auml;chtnis, in dem Bittner vielleicht seine geronnene Lebenserfahrung weitergeben m&ouml;chte; hier hei&szlig;t es zum Schluss: <\/p><blockquote><p>\nSchwimme nicht mit dem Schwarm, er f&uuml;hrt dich ins<br>\nNetz. Lies Gedichte, bleibe empfindsam, hilf dir selbst,<br>\nlebe zeitlos, meditiere die Unendlichkeit.<br>\nVertraue nicht auf deine Kinder, warte nicht auf deine<br>\nEnkel, es geht um Erkenntnis, es geht um Liebe, lass<br>\ndich nicht kaufen, sei Mensch, bleib bei dir.\n<\/p><\/blockquote><p><em>Wolfgang Bittner: S&uuml;dlich von mir. Gedichte, M&uuml;nchen 2014, Lyrik Edition 2000, 113 S., 12,50 Euro<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wolfgang Bittner ist ein in den NachDenkSeiten immer wieder pr&auml;senter Autor. Erst k&uuml;rzlich hat er das Sachbuch &bdquo;Die Eroberung Europas durch die USA&ldquo; (2014) zu Hintergr&uuml;nden der Ukraine-Krise ver&ouml;ffentlicht (siehe <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/141105_ukraine_auszug1.pdf\">Rezension vom 05.11.2014<\/a>). 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