{"id":25255,"date":"2015-03-02T15:32:00","date_gmt":"2015-03-02T14:32:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25255"},"modified":"2019-01-30T10:31:33","modified_gmt":"2019-01-30T09:31:33","slug":"medialer-zynismus-a-la-faz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25255","title":{"rendered":"Medialer Zynismus \u00e0 la FAZ"},"content":{"rendered":"<p>Die FAZ macht sich in ihrer Sonntagsausgabe &uuml;ber Leute lustig, die den Kapitalismus f&uuml;r die Ursache psychischer Erkrankungen halten. Schon das Layout der Seite und die rei&szlig;erische &Uuml;berschrift <em>Der Kapitalismus ist nicht an allem Schuld<\/em> erinnern an die BILD-Zeitung, in der man einen derartigen Artikel denn auch eher vermuten w&uuml;rde. <strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong> hat den Artikel gelesen und kommentiert.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Medialer Zynismus &agrave; la FAZ<\/strong><\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Otto Gross hatte das Dilemma seines Berufs begriffen, dass n&auml;mlich auch die psychiatrische Heilmethode auf ein Normalisieren hinauslief, auf ein der Gesellschaft angepasstes Leben, als sei diese zeitlos und nicht in Frage zu stellen. Gerade dagegen aber hatte er sein Leben lang aufbegehrt, und daran war er zerbrochen.&ldquo;<br>\n(Gerhard Roth)\n<\/p><\/blockquote><p>Die <em>Frankfurter Allgemeine<\/em> macht sich in ihrer Sonntagsausgabe &uuml;ber Leute lustig, die den Kapitalismus f&uuml;r die Ursache psychischer Erkrankungen halten. Schon das Layout der Seite und die rei&szlig;erische &Uuml;berschrift <em>Der Kapitalismus ist nicht an allem Schuld<\/em> erinnern an die BILD-Zeitung, in der man einen derartigen Artikel denn auch eher vermuten w&uuml;rde. &bdquo;Stress, Ersch&ouml;pfung, Burnout: Die psychischen Krankheiten seien heutzutage so schlimm wie noch nie, hei&szlig;t es. Auch ein Schuldiger ist l&auml;ngst gefunden &ndash; der ach so b&ouml;se Kapitalismus. Selten wurde soviel Quatsch geredet. Seelisches Leid gab es immer schon. Doch die Welt ist heute viel sch&ouml;ner als fr&uuml;her.&ldquo; <\/p><p>So beginnt die Philippika von Bettina Weiguny, die &bdquo;das Gejammere satt hat&ldquo;. Es herrsche ein allgemeines Wehklagen und die Schuldigen seien schnell gefunden. &bdquo;Im Zweifel ist es die Arbeit, dieses Monstrum, das uns Unmenschliches abverlangt&ldquo;, geht die Schm&auml;hrede weiter. Dann r&auml;umt die Autorin unvermittelt ein, dass die Burnout-F&auml;lle in den letzten zehn Jahren nach oben geschnellt seien und sich die Krankheitstage wegen psychischer Erkrankungen im gleichen Zeitraum verdoppelt h&auml;tten. Sogleich f&auml;hrt sie allerdings fort: &bdquo;Dabei wird v&ouml;llig &uuml;bersehen, dass 99 Prozent aller Deutschen nicht ausgebrannt sind.&ldquo; &bdquo;Nur 0,3 Prozent haben Burnout&ldquo;, zitiert sie den Soziologen Martin Dornes, der in einem Aufsatz nachgewiesen haben will, dass es keine Belege daf&uuml;r gebe, dass eine wachsende Anzahl von Menschen von den Anforderungen der Gegenwart &uuml;berfordert w&auml;re. <\/p><p>Die Logik dieser Argumentation ist derart einf&auml;ltig und suggestiv, dass man es kaum f&uuml;r m&ouml;glich h&auml;lt und darauf reinzufallen geneigt ist. Dabei verf&auml;hrt sie nach dem Motto: &bdquo;Die Mordquote soll sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt haben. Nun, bedauerlich, aber denken Sie daran, dass 99,9 Prozent ihrer Mitmenschen keineswegs ermordet worden sind und sich bester Gesundheit erfreuen!&ldquo; Frau Weiguny f&auml;hrt fort, die &Auml;rzte h&auml;tten die heute unter Burnout gefassten Symptome fr&uuml;her anders genannt. <\/p><p>Die Burnout-Epidemie sei eine Folge der gestiegenen Zahl von Fach&auml;rzten: &bdquo;Je mehr Fach&auml;rzte, desto mehr Diagnosen, desto mehr Kranke.&ldquo; Dornes wiegelt weiter ab, indem er behauptet, zu allen Zeiten und in jeder Generation h&auml;tten sich 20 bis 30 Prozent der Gesellschaft ersch&ouml;pft und m&uuml;de gef&uuml;hlt. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts habe man das Neurasthenie genannt. Erst der Zweite Weltkrieg habe dieses Epidemie gestoppt, assistiert ihm mit kaum &uuml;berbietbarem Zynismus der Leipziger Medizinsoziologe Elmar Br&auml;hler: &bdquo;Die Menschen hatten pl&ouml;tzlich andere Sorgen.&ldquo; Schon im Ersten Weltkrieg betrachteten die Psychiater den Krieg als &bdquo;Willenstherapie&ldquo;. Die ihm vorausgegangene lange Friedensperiode habe psychologisch zersetzend gewirkt, die Menschen tr&auml;ge und willensschwach werden lassen und sie melancholisch auf Untergang gestimmt. Der Krieg wirke hier wie ein gro&szlig;er Therapeut am Volksk&ouml;rper: Die Menschen rei&szlig;en sich pl&ouml;tzlich am Riemen und nehmen ihre Friedens-Zipperlein nicht mehr so ernst. Seelische Leiden gelten dieser Art von Psychiatrie als Indikator, dass es den Menschen zu gut geht. Ab und zu braucht man einen Krieg, damit die Menschen sich auf&rsquo;s Wesentlich besinnen und sich und ihre vermeintlichen Leiden nicht mehr so ernst nehmen.<\/p><p>Man fragt sich, wo die Autorin lebt, wenn sie weiter schreibt: &bdquo;Die Zahlen der Fr&uuml;hverrentungen sinken seit vielen Jahren. Wir haben mehr Urlaub, interessantere T&auml;tigkeiten und viel mehr Freiheiten als fr&uuml;her. Trotzdem wird die neue Freiheit als &Uuml;bel schlechthin gegei&szlig;elt. Weil sie uns Entscheidungen abverlangt. Eigeninitiative. Ja, sogar Leistung.&ldquo; <\/p><p>In gewissen Regionen der Gesellschaft, weit oberhalb der Welt der kleinen Leute und ihres Elends, ist es leicht, sich solchen Illusionen hinzugeben und sich in Herren- und Damen-Zynismen dieser Art zu ergehen. Der Artikel gipfelt in der Behauptung, das Buch des franz&ouml;sischen Soziologen Alain Ehrenberg <em>Das ersch&ouml;pfte Selbst<\/em> und die durch sein Erscheinen ausgel&ouml;ste Berichterstattung in der Presse h&auml;tten die Burnout-Epidemie ausgel&ouml;st. Nach alter Manier wird der Bote f&uuml;r die schlechte Nachricht bestraft, die er &uuml;berbringt. So einfach ist das oder macht man es sich bei der FAZ. <\/p><p>&bdquo;Medienberichte k&ouml;nnen eine Welle einer modernen Krankheit ausl&ouml;sen, weil die Leser oder Zuschauer sich in der Erkrankung wiedererkennen&ldquo;, assistiert Br&auml;hler und f&auml;hrt fort: &bdquo;Gelitten haben sie schon vorher. Sie hatten nur keinen Namen f&uuml;r ihr Leiden und deshalb nicht den Mut, damit zum Arzt zu gehen.&ldquo;  Br&auml;hler ist sich sicher: &bdquo;In 50 Jahren wird man &uuml;ber viele der heutigen Erkrankungen l&auml;cheln &ndash; und an anderen Krankheiten leiden.&ldquo; Wieso geh&ouml;rt Mut dazu, zum Arzt zu gehen und sich mit Tabletten abspeisen zu lassen? Mut bewiese man, wenn man sein Leiden streitbar gegen die Verh&auml;ltnisse wenden w&uuml;rde, die es hervorgebracht haben.<\/p><p>Nat&uuml;rlich kann und muss in einer Gesellschaft dar&uuml;ber geredet werden, wie&nbsp;mit den von ihr produzierten sozialen Leiden umgegangen werden soll, ob man sie zum Anlass einer Diskussion &uuml;ber Sinn und Zweck des &ouml;konomischen Systems nehmen oder sie psychiatrisieren und medizinisieren will. Das ist aber etwas ganz anderes, als diese Leidenserfahrungen schlicht in Abrede zu stellen oder zum Gegenstand von Hohn und Spott zu machen. Wir haben uns f&uuml;r die Medizinisierung entschieden, um die herrschenden Verh&auml;ltnisse aus der Schusslinie zu nehmen und sie gegen Kritik und Infragestellung zu immunisieren. <em>ADHS, Burnout, Depression, Stress<\/em> sind im Kern soziale Leidenserfahrungen, die zu individualpsychologischen oder medizinischen Problemen umetikettiert werden. Als solche erscheinen sie ungef&auml;hrlich und handhabbar. In diesem Prozess der Umcodierung sozialer Leidenserfahrungen in medizinisch-psychiatrische Krankheiten spielen in der Tat die Medien eine gro&szlig;e Rolle. Sie liefern den Menschen Schablonen des Krankseins und propagieren die jeweiligen Krankheiten der Saison. Edward Shorter hat diese Mechanismen in seinem Buch <em>Moderne Leiden<\/em> schon Anfang der 1990er Jahre  detailliert beschrieben.<\/p><p>Unsere Gesellschaft l&auml;sst es sich etwas kosten, die Ursachen vieler Erkrankungen und menschlichen Leiden bestehen zu lassen und ihre Folgen medizinisch-psychiatrisch zu bek&auml;mpfen. Vern&uuml;nftig und im Sinne einer <em>&Ouml;konomie des ganzen Hauses<\/em> letztlich auch rentabler w&auml;re es, das aberwitzige Tempo des Alltagslebens zu drosseln, allen Menschen anst&auml;ndige, menschenf&ouml;rmige Arbeitsbedingungen zu bieten und ihnen nicht l&auml;nger zuzumuten, ihr Leben in einem Universum permanenter Verteidigung und Aggression fristen zu m&uuml;ssen. Dann br&auml;uchte es den ganzen psychologisch-medizinischen Reparatur- und Kompensationsaufwand nicht. <\/p><p>Viel schlimmer als der finanzielle Aufwand im Gesundheitswesen w&auml;re es f&uuml;r die kapitalistische Gesellschaft, wenn jene angeblich <em>ehernen Marktgesetze<\/em>, deren perfekte Grausamkeit man uns gegen&uuml;ber als ein Naturfaktum darstellt, an das wir uns auf Gedeih und Verderb anzupassen haben, den Menschen pl&ouml;tzlich gestehen w&uuml;rden, dass sie sie ja selbst gemacht haben und also auch ver&auml;ndern k&ouml;nnen. Der Klassenkampf findet auch auf dem Feld der Wissenschaft statt und gewisse Psychologen haben sich offenbar entschieden, auf der Seite der herrschenden Kapitalordnung in diesen Kampf einzugreifen. Statt ihr Wissen in den Dienst der Befreiung von entfremdeter Arbeit und blinden &ouml;konomischen Mechanismen zu stellen, haben sie beschlossen, es in den Dienst von Unterdr&uuml;ckung und Betrug zu stellen und sich zu Normalisierungsagenten zu machen. Gerhard Roth hat in seinem Buch <em>Orkus<\/em> (Frankfurt\/Main 2011) daran erinnert, dass es durchaus Psychologen und Psychiater gab und vielleicht noch immer gibt, die sich mit dieser ihnen zugewiesenen Rolle schwer taten: &bdquo;Otto Gross hatte das Dilemma seines Berufs begriffen, dass n&auml;mlich auch die psychiatrische Heilmethode auf ein Normalisieren hinauslief, auf ein der Gesellschaft angepasstes Leben, als sei diese zeitlos und nicht in Frage zu stellen. Gerade dagegen aber hatte er sein Leben lang aufbegehrt, und daran war er zerbrochen.&ldquo;<\/p><p>Im Verlag Brandes &amp; Apsel ist gerade Eisenbergs neues Buch <em>Zwischen Amok und Alzheimer. Zur Sozialpsychologie es entfesselten Kapitalismus<\/em> erschienen.<br>\nSiehe dazu <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25005\">die Rezension von Joke Frerichs auf den NachDenkSeiten<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die FAZ macht sich in ihrer Sonntagsausgabe &uuml;ber Leute lustig, die den Kapitalismus f&uuml;r die Ursache psychischer Erkrankungen halten. Schon das Layout der Seite und die rei&szlig;erische &Uuml;berschrift <em>Der Kapitalismus ist nicht an allem Schuld<\/em> erinnern an die BILD-Zeitung, in der man einen derartigen Artikel denn auch eher vermuten w&uuml;rde. <strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong> hat den Artikel<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25255\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[149,201,123,183],"tags":[1542,909],"class_list":["post-25255","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-gesundheitspolitik","category-ideologiekritik","category-kampagnentarnworteneusprech","category-medienkritik","tag-faz","tag-kapitalismus"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/25255","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=25255"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/25255\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48835,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/25255\/revisions\/48835"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=25255"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=25255"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=25255"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}