{"id":25262,"date":"2015-03-03T12:43:43","date_gmt":"2015-03-03T11:43:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25262"},"modified":"2024-09-23T02:04:59","modified_gmt":"2024-09-23T00:04:59","slug":"krieg-um-die-koepfe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25262","title":{"rendered":"Krieg um die K\u00f6pfe"},"content":{"rendered":"<p>Deutschland r&uuml;stet nicht nur im &Auml;u&szlig;eren auf &ndash; auch im Inneren vollzieht sich eine Entwicklung gen Militarisierung des Zivilen, des Denkens, Handelns und der Bildung etwa &ndash; eine ideologische Mobilmachung also, die auf die Erh&ouml;hung der Kriegsbereitschaft der Deutschen zielt. Auf dem Kongress mit dem Titel &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.ngfp.de\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/NGfP_2015_Krieg_um_die-Koepfe_Programm.pdf\">Krieg um die K&ouml;pfe: Der Diskurs der &sbquo;Verantwortungs&uuml;bernahme&lsquo;<\/a>&ldquo;, der vom 5. bis 8. M&auml;rz in Berlin stattfindet, wollen Psychologinnen und Psychologen diese Einstimmung der Bev&ouml;lkerung auf die scheinbare Notwendigkeit und Unausweichlichkeit der Beteiligung an Kriegen analysieren und kritisieren. <strong>Jens Wernicke<\/strong> sprach hierzu mit <strong>J&ouml;rg Hein<\/strong>, <a href=\"http:\/\/www.ngfp.de\">Mitglied im Vorstand der Neuen Gesellschaft f&uuml;r Psychologie<\/a>, die Veranstalterin des Kongresses ist.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Herr Hein, Sie sind einer der Organisatoren und Referenten des Kongresses &bdquo;Krieg um die K&ouml;pfe&ldquo;. Worum geht es hierbei?<\/strong><\/p><p>Als wir vor knapp zwei Jahren mit den Vor&uuml;berlegungen zu diesem Kongress begannen, war ich in Sorge, wir k&ouml;nnten wom&ouml;glich einen unangebrachten und voreiligen Alarmismus verbreiten und der Komplexit&auml;t des Problems, insbesondere in seinen politischen Dimensionen, nicht gerecht werden. Inzwischen ist aber beklemmend deutlich geworden, dass wir eher der Entwicklung hinterherhinken. <\/p><p>Wir wissen, dass Konzepte und Planspiele im Verteidigungsministerium und an anderen Stellen zum Einsatz der Bundeswehr au&szlig;erhalb Deutschlands und au&szlig;erhalb der Vorgaben des Grundgesetzes bereits seit Jahrzehnten, mindestens seit Anfang der 90er Jahre, in Arbeit sind. Das Bundesverfassungsgericht hat 1994 dieser Ausweitung des Kampfauftrags der Bundeswehr &uuml;ber die bis dahin als g&uuml;ltig angesehenen und von der Verfassung definierten Grenzen zugestimmt und bei dieser Gelegenheit die NATO und die Westeurop&auml;ische Union zu Systemen kollektiver Sicherheit umdeklariert. Ein geostrategisch motiviertes Milit&auml;rb&uuml;ndnis westlicher Staaten &ndash; das, wie inzwischen klar ist, auch dann aktiv wird, wenn es nicht angegriffen wird &ndash; wird damit rechtlich als den Vereinten Nationen gleichwertig angesehen, die sich, mindestens dem Anspruch nach, auf die V&ouml;lkergemeinschaft in ihrer Gesamtheit st&uuml;tzen. <\/p><p>Tats&auml;chlich geht es um die Rolle Deutschlands in der Welt, um seine &ouml;konomischen und politischen Interessen und letztlich um die Hegemonie des Westens. Es handelt sich um einen Tabubruch in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Wenn es in Deutschland eine Lehre aus dem Zweiten Weltkrieg gegeben hat, dann die, dass Krieg kein Mittel der Politik mehr sein darf. Von Deutschland &bdquo;m&uuml;sse Frieden ausgehen&ldquo;, hatte noch Willy Brandt gesagt.<\/p><p>Der Schwerpunkt unseres Kongresses liegt nun in der Frage, auf welche Weise die Bev&ouml;lkerung dazu gebracht werden soll, diesem Tabubruch zuzustimmen, ihn f&uuml;r zwangsl&auml;ufig und notwendig zu erachten &ndash; und was eine solche Bereitschaft zur kriegerischen Auseinandersetzung f&uuml;r uns alle bedeutet, ganz konkret.<\/p><p><strong>Verstehe ich das richtig: Auf dem Kongress treffen sich Psychologinnen und Psychologen, die der Frage nachgehen, wie die &ldquo;Bewusstseinslage&rdquo; der Deutschen politisch gewollt auf Krieg eingestimmt wird?<\/strong><\/p><p>Mir scheint es wichtig, sich von Verschw&ouml;rungstheorien frei zu halten, obwohl das nicht immer leicht ist. Der neue Militarismus und das Bestreben, ihn als normal und notwendig, das hei&szlig;t als unausweichlich erscheinen zu lassen, ist in meinen Augen ein wesentliches Moment von verschiedenen Entwicklungen, die sich zu einer Art destruktiver Synergie verbinden. <\/p><p>Da ist im Vordergrund sicher das Interesse, den ungehinderten Zugang zu Ressourcen zu sichern und wom&ouml;glich zu erweitern. Kr&auml;fte, die dem im Weg stehen, m&uuml;ssen unter Kontrolle gebracht werden, wie dies zum Beispiel am Horn von Afrika geschieht. Zugleich f&uuml;hrt das neoliberale Wirtschaftsmodell zur rasant zunehmenden Abkoppelung gro&szlig;er Teile der Bev&ouml;lkerung von der wirtschaftlichen Entwicklung und von sozialem Fortschritt &uuml;berall auf der Welt und am Ende zum Staatszerfall. Verelendung und Perspektivlosigkeit sind ein idealer Humus f&uuml;r Terrorismus, umso mehr, wenn dieser sich mit religi&ouml;sen Erl&ouml;sungsphantasien verbindet. Das wiederum &bdquo;n&ouml;tigt&ldquo; zu noch mehr milit&auml;rischer Eind&auml;mmung, zu mehr &Uuml;berwachung und <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24886\">Polizeistaatlichkeit<\/a> auch im Inneren. So scheint denn der Terrorismus l&auml;ngst gemeinsam mit dem &bdquo;Kampf gegen den Terrorismus&ldquo; zuzunehmen und &ndash; ebenso wie der israelisch-pal&auml;stinensische Konflikt &ndash; ohne erkennbare L&ouml;sungsperspektive zu sein. Und diese Dynamik spielt sich nicht nur in Afrika und in islamischen L&auml;ndern ab, sondern auch in den verslumten Bereichen der Metropolen. Man erinnere sich nur an die Ghetto-Aufst&auml;nde in Paris und London vor einigen Jahren. <\/p><p>Und eine weitere Entwicklung kommt noch hinzu, die ich als &bdquo;<a href=\"https:\/\/jensewernicke.wordpress.com\/2013\/06\/08\/demokratie-als-standortnachteil\/\">Entdemokratisierung<\/a>&ldquo; bezeichnen m&ouml;chte. Der Filz von Wirtschaftsmacht, politischen Eliten und &bdquo;Leitmedien&ldquo; ist ja keine leere Phantasie. Es ist so gesehen auch nicht g&auml;nzlich zuf&auml;llig, dass es einer der Oberstrategen der Steuervermeidung und damit der &ouml;ffentlichen Verarmung bis an die Spitze der Europ&auml;ischen Kommission <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23234\">geschafft hat<\/a>. Diese Machtgruppen sind den Lebensverh&auml;ltnissen der Mehrheitsgesellschaft weitgehend entfremdet, was sich auch soziologisch nachweisen l&auml;sst. So erscheinen ihnen denn auch die linken Protestbewegungen der s&uuml;dlichen L&auml;nder als zwar sozial verst&auml;ndliche, letztlich aber irrationale Erscheinungen und Alexis Tsipras sogar als &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24830\">Geisterfahrer<\/a>&ldquo;. <\/p><p>Das ist jetzt nat&uuml;rlich nur eine &auml;u&szlig;erst grobe Skizze, die vieles Wichtige nicht erw&auml;hnt. Aber nur vor dem Hintergrund einer in die Tiefe gehenden gesellschaftlichen, &ouml;konomischen, historischen und kulturellen Analyse l&auml;sst sich die propagandistische Einstimmung auf Krieg und dessen scheinbare Normalit&auml;t und Zwangsl&auml;ufigkeit verstehen. Deshalb haben wir den Kongress auch bewusst &uuml;ber den fachlichen Horizont der Psychologie hinaus erweitert. <\/p><p><strong>Und Sie verstehen in diesem Zusammenhang die Psychologie selbst auch als ein Teil des Problems? Diese Perspektive ist aber nicht wirklich selbstverst&auml;ndlich f&uuml;r Ihren Berufsstand&hellip;<\/strong><\/p><p>Nun, zun&auml;chst ist einmal auf die Verdienste der Psychologie und der Psychotherapie hinzuweisen. Ich selbst arbeite seit fast vierzig Jahren als Psychotherapeut und liebe meinen Beruf. Die Psychologie hat vieles im menschlichen Miteinander verst&auml;ndlicher und leichter handhabbar gemacht. Wir verstehen beispielsweise die kindliche Entwicklung dank der Psychologie heute viel besser und k&ouml;nnen daraus f&uuml;r die Erziehung Nutzen ziehen, die Verkehrspsychologie hilft, Unf&auml;lle zu verhindern, Psychotherapie kann psychische St&ouml;rungen mit Erfolg behandeln und hat auch die M&ouml;glichkeiten bei der Behandlung k&ouml;rperlicher Erkrankungen deutlich verbessert. Dass das Problembewusstsein f&uuml;r Missbrauchs- und Gewalterfahrungen gewachsen ist, verdankt sich auch der Psychologie usw. usw.<\/p><p>Gleichwohl ist die Rolle der Psychologie und der Psychotherapie in der Gesellschaft auch ein Problem &ndash; und das nicht nur, wenn sich Psychologen in den Dienst von Repressionsapparaten stellen. Das gr&ouml;&szlig;te ist wohl die Psychologisierung und Personalisierung von gesellschaftlichen Konflikten und Herrschaftsverh&auml;ltnissen. Die Menschen haben gelernt, sich und ihre Umgebung gleichsam durch eine psychologische Brille und damit selektiv wahrzunehmen. Im gleichen Ma&szlig;, wie die Psychologie also Kommunikation verbessert, Motivation f&ouml;rdert, Verhaltensweisen verst&auml;ndlich macht etc., beg&uuml;nstigt sie auch die Vorstellung, die psychologische Sicht auf die Dinge sei die entscheidende. So ist beispielsweise die Erhellung der biografischen Pr&auml;gung bei Terroristen oder Amokl&auml;ufern wie bei Kriminalit&auml;t generell wichtig und notwendig, sie erkl&auml;rt aber <em>nicht<\/em> das Ph&auml;nomen des Terrorismus, von Amok oder Verbrechen, sondern gibt allenfalls einen Hinweis auf eine gesellschaftliche Problemlage au&szlig;erhalb des Zust&auml;ndigkeitsbereichs der Psychologie. <\/p><p>Und beim Thema Krieg etwa muss ganz entschieden der Vorstellung entgegengetreten werden, eine Traumatherapie von beispielsweise kriegstraumatisierten Soldaten oder Zivilisten k&ouml;nne den erlittenen Schrecken irgendwie neutralisieren.. Auch wenn Angst- und Erregungszust&auml;nde sowie Depressivit&auml;t im Laufe einer Therapie n&auml;mlich abgemildert werden oder zur&uuml;ckgehen, bleibt doch der Satz von Jean Amery wahr, dass, wer einmal der Tortur erlegen ist, nicht mehr heimisch werden kann in dieser Welt. Und das gilt eben f&uuml;r Traumaopfer generell. Die Psychologie hat nicht nur <em>Grenzen<\/em> in ihrer Erkl&auml;rungskraft, sie kann auch den Blick geradezu <em>vernebeln<\/em>.<\/p><p><strong>Welche Rolle kommt denn den Medien bei der ideologischen Mobilmachung f&uuml;r Krieg und Militarisierung Ihrer Meinung nach zu? Das ist doch irgendwie auch eine Frage &hellip; &bdquo;der Psychologie&ldquo;?<\/strong><\/p><p>Wir haben eine stark vermachtete Medienlandschaft, in der einige Konzerne wie Bertelsmann und Springer zusammen mit den &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten die ver&ouml;ffentlichte Meinung weitgehend kontrollieren. Kritische Publikationen und Sendungen f&uuml;hren eine Randexistenz und verlangen dem interessierten Leser beziehungsweise Zuschauer notgedrungen einiges an Aufwand ab, wenn er an alternative Informationen gelangen will. <\/p><p>Dass die Berichterstattung etwa &uuml;ber den Konflikt in der Ukraine in hohem Ma&szlig; einseitig war und ist und nicht regierungskonforme Informationen weitgehend zur&uuml;ckgehalten wurden, hat mittlerweile zu einer relativ breiten Kritik gef&uuml;hrt. <\/p><p>Der Anteil der Medien an der oben angesprochenen synergetischen Entwicklung hin zu destruktiven Konfliktspannungen liegt dabei sicher in ihren polarisierenden Tendenzen, die die &bdquo;westliche Wertegemeinschaft&ldquo; &ndash; gemeint ist im Grunde die politische Verbr&uuml;derung mit den USA &ndash; gegen&uuml;ber dem Rest der Welt immer wieder drastisch ins Szene setzen. <\/p><p>N&ouml;tig w&auml;re eine kritische, nach beiden Seiten distanzierte Berichterstattung. Wer aber in aller Unschuld von &bdquo;Strafma&szlig;nahmen&ldquo; gegen Russland spricht, setzt auf westlicher Seite offenkundig einen Erziehungsauftrag voraus, der eben auch Strafen einschlie&szlig;t. Und der Erzieher hat notwendigerweise das h&ouml;here zivilisatorische Niveau, zu dem er sozusagen &bdquo;hinerzieht&ldquo;. Wie gef&auml;hrlich solch eine bornierte Sichtweise ist, braucht nicht betont zu werden. Hier ist <em>interne<\/em> Nacherziehung dringend gefordert. Wir haben deshalb in unserem Kongress auch mehrere Beitr&auml;ge vorgesehen, die sich mit Medien, ihrer Arbeitsweise und ihren Wirkungen befassen. <\/p><p><strong>Und was bezweckt dieser Diskurs mit der &bdquo;zivilisatorischen &Uuml;berlegenheit&ldquo; und &bdquo;Verantwortung f&uuml;r die Welt&ldquo;, die endlich zu &uuml;bernehmen sei? Worauf zielt er ab? <\/strong><\/p><p>Man muss sich ja fragen, ob diejenigen, die den neuen Militarismus vorantreiben, wirklich wissen was sie tun. Offenkundig ist der Leitgedanke, die westliche Hegemonie im Zweifel milit&auml;risch zu sichern, der wiederum die These voraussetzt, sie sei von au&szlig;en bedroht. Tats&auml;chlich haben wir es aber mit einem <em>Wechselspiel<\/em> von innerer <em>und<\/em> &auml;u&szlig;erer Bedrohung zu tun. <\/p><p>Schon Hegel hat vor fast 200 Jahren erkannt, dass die b&uuml;rgerliche Gesellschaft eine ist, die systematisch Ungleichheit produziert und sich damit selbst in die Krise bringt. Nun schl&auml;gt diese systemisch erzeugte Ungleichheit auf uns selbst zur&uuml;ck. Die tats&auml;chlich krisenversch&auml;rfende milit&auml;rische &bdquo;Eind&auml;mmung&ldquo; der Krise soll und muss, wenn man die Systemfrage nicht stellen will, der Bev&ouml;lkerung daher als einziger &bdquo;L&ouml;sungsweg&ldquo; vermittel werden. <\/p><p>Die Akzeptanz von Verlusten, vor allem von Verlusten an Menschenleben, ist hierzulande aber nur sehr schwer zu erreichen, wie die mehrheitliche Ablehnung von Kriegseins&auml;tzen in der Bev&ouml;lkerung zeigt. Das &bdquo;offene Ohr&ldquo; der Politik f&uuml;r die &bdquo;Sorgen und N&ouml;te der Menschen&ldquo; &ndash; etwa in der Ausl&auml;nderfrage &ndash; ist hier spezifisch verstopft. Darin zeigt sich der Wille der Eliten, ihre Herrschaftslogik auch wirklich durchzusetzen &ndash; wobei sie die kapitalistisch erzeugten Polarisierungen zur Legitimation ausnutzen.<\/p><p><strong>Sie selbst referieren ja zum Thema &bdquo;Politik als Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln&ldquo;. Konstatieren Sie damit also eine &bdquo;kriegerische Politik&ldquo; auch jenseits konkreter milit&auml;rischer Aktion? Und wenn ja, inwiefern denn &ndash; und gegen wen?<\/strong><\/p><p>Der Satz stammt von Michel Foucault, der ihn als Frage im Zusammenhang mit seiner Theorie der Macht aufgeworfen hat. Dabei hat er das klassische Zitat des preu&szlig;ischen Milit&auml;rtheoretikers Clausewitz &bdquo;der Krieg ist nichts als die Fortsetzung des politischen Verkehrs unter Einmischung anderer Mittel&ldquo; umgedreht. Er will damit darauf hinaus, dass die Macht in der Gesellschaft der gleichen strategisch-taktischen Logik folgt, wie sie f&uuml;r den Krieg und das Milit&auml;r kennzeichnend ist. <\/p><p>Foucault ist deshalb wichtig, weil er unter anderem mit seinen Gedanken zur Macht einen gro&szlig;en Einfluss auf die Sozialwissenschaften und auf die politische Philosophie &ndash; auch der Linken &ndash; gehabt hat und nach wie vor hat. Er hat einen Gegensatz aufgemacht zwischen einem klassischen &bdquo;juridischen&ldquo; Machtbegriff, bei dem sich herrschende Gruppen mit dem Recht legitimieren, das sie durchsetzen und das durch Einschr&auml;nkung und Verbot gekennzeichnet ist, und neuen, &bdquo;strategischen&ldquo; Formen der Macht.<\/p><p>Und diese neue strategische Macht, die er beschreibt, ist &uuml;berall. Sie st&uuml;tzt sich nicht auf Verbote, sondern auf <em>Kontrolle und Effizienz<\/em> und beruht auf einem permanenten Spiel von Strategien und Taktiken, das ungeheuer produktiv ist und nicht zuletzt als &bdquo;Biomacht&ldquo; auch auf den menschlichen K&ouml;rper und die menschliche Seele sowie deren Zurichtung zielt. Zugespitzt zeigt sich diese Entwicklung unter anderem in der Diskussion um Eingriffe in das menschliche Genom. <\/p><p>Strategische Macht ist aber auch instabil, herrschende Gruppen und der Staat sind nicht die <em>Inhaber<\/em>, sondern nur das &ndash; vorl&auml;ufige &ndash; Endprodukt von Machtdynamiken in der Gesellschaft, die unter anderem auch die Wissenschaften umfassen. <\/p><p>Und mich pers&ouml;nlich interessiert nat&uuml;rlich, ob ein solcher Ansatz uns helfen kann, Gesellschaft und ihre Prozesse besser zu verstehen. Ich will in meinem Beitrag Foucault Hegel gegen&uuml;berstellen, der wohl als erster eine Theorie der modernen b&uuml;rgerlichen Gesellschaft formuliert hat und mit dessen Denken Foucault in einem scharfen Kontrast steht. Von der Gegen&uuml;berstellung dieser beiden Klassiker verspreche ich mir eine interessante Diskussion &uuml;ber Macht, Staat und Krieg sowie am Ende auch &uuml;ber politische Perspektiven. <\/p><p><strong>K&ouml;nnen Sie das bitte anhand eines Beispiels etwas konkreter ausf&uuml;hren und die psychologischen Effekte hierbei benennen?<\/strong><\/p><p>Foucault hat eine Reihe gro&szlig; angelegter historischer Untersuchungen vorgelegt, so zur Geschichte der Medizin, der Psychiatrie, zu &Ouml;konomie, Biologie, Sprachwissenschaft und der Strafjustiz. Seine Theorie der Macht entwickelte er im Kontext einer historischen Untersuchung &uuml;ber &bdquo;die Weisen des Wissens &uuml;ber den Sex&ldquo; seit dem Ausgang des Mittelalters. Er wendet sich darin gegen die Auffassung von der Unterdr&uuml;ckung der Sexualit&auml;t, die emanzipatorisch &uuml;berwunden werden m&uuml;sse. Im Gegenteil sei der Diskurs &uuml;ber den Sex nahezu allumfassend geworden, von dem Interesse an der Sexualit&auml;t des Kindes und ihrer Kontrolle bis zur Steuerung durch Bev&ouml;lkerungs- und Gesundheitspolitik. W&auml;hrend andere Kulturkreise eine <em>ars erotica<\/em> entwickelt haben, sei bei uns eine <em>sciencia sexualis<\/em> entstanden. <\/p><p>Worum es Foucault dabei geht wird vielleicht am ehesten anhand einer polemischen Bemerkung in einem Interview im Zusammenhang mit seinen historischen Untersuchungen deutlich: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die Bourgeoisie interessiert sich nicht f&uuml;r die Irren, sondern f&uuml;r die Macht, sie interessiert sich nicht f&uuml;r die kindliche Sexualit&auml;t, sondern f&uuml;r das Machtsystem, das diese kontrolliert; die Bourgeoisie schert sich nicht im Geringsten um die Delinquenten, (&hellip;) sondern interessiert sich f&uuml;r das Ensemble der Mechanismen, mit denen der Delinquent kontrolliert, verfolgt, bestraft und umgeformt usw. wird.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Zugleich gilt f&uuml;r Foucault aber auch, dass die Macht deshalb herrscht, weil sie &bdquo;die K&ouml;rper durchdringt, Dinge produziert, Lust verursacht, Wissen hervorbringt, Diskurse produziert&hellip;&ldquo;. Er und sein Denken haben daf&uuml;r sensibilisiert, dass Macht sich in unserem <em>Alltag<\/em> abspielt, durch uns hindurch geht und von uns selbst mit produziert und reproduziert wird. Es handelt sich um Texte, die 40 Jahre vor der umfassenden elektronischen &Uuml;berwachung entstanden sind und an Aktualit&auml;t dennoch mehr gewonnen als verloren haben.<\/p><p><strong>Wenn all derlei aber immer mehr zum Normalfall wird und Nationalismus und Militarismus gerade am Erstarken sind: Was ist dann aktuell am ehesten f&uuml;r Antimilitaristen und Humanisten zu tun? Was raten Sie?<\/strong><\/p><p>Zun&auml;chst kommt es wieder einmal darauf an, sich von der eigenen Ohnmacht und der &Uuml;bermacht der anderen nicht dumm machen zu lassen. Die Aufgabe einer wissenschaftlichen Fachgesellschaft wie der unseren sehe ich dabei darin, &uuml;ber solche Zusammenh&auml;nge nachzudenken, zu diskutieren und die Ergebnisse dieses Nachdenkens &ouml;ffentlich zug&auml;nglich zu machen. <\/p><p>Das ist unser Beitrag dazu, die M&ouml;glichkeit alternativer Entwicklungen offen zu halten. Erfreulich ist, dass unsere Arbeit und auch der geplante Kongress bei vielen Aktiven in der linken politischen Szene und der Friedensbewegung auf Interesse und positive Resonanz gesto&szlig;en sind, und dass es uns auch leicht war, so viele sehr qualifizierte Referentinnen und Referenten zur Mitwirkung allein auf ehrenamtlicher Grundlage zu bewegen. <\/p><p><strong>Ich bedanke mich f&uuml;r das Gespr&auml;ch.<\/strong><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>J&ouml;rg Hein<\/strong> ist Dipl.-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, Lehrtherapeut und Supervisor mit langj&auml;hriger T&auml;tigkeit in der Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie der Erwachsenenpsychiatrie. Er ist in eigener Praxis niedergelassen und war viele Jahre in der Psychotherapiepolitik engagiert. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Weiterschauen:<\/strong><\/p><p><div class=\"external-2click\" data-provider=\"Youtube\" data-provider-slug=\"youtube\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Videos werden Daten an Youtube &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von Youtube zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><iframe loading=\"lazy\" width=\"500\" height=\"315\" src=\"\" frameborder=\"0\" allowfullscreen class=\"external-2click-target \" data-src=\"https:\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/b4RE8IC-eew\"><\/iframe><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"youtube\">Inhalte von Youtube nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><\/p><p style=\"text-align:center\"><strong>Michael Foucault: Was macht Macht?<\/strong><\/p><p><div class=\"external-2click\" data-provider=\"Youtube\" data-provider-slug=\"youtube\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Videos werden Daten an Youtube &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von Youtube zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><iframe loading=\"lazy\" width=\"500\" height=\"315\" src=\"\" frameborder=\"0\" allowfullscreen class=\"external-2click-target \" data-src=\"https:\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/kawGakdNoT0\"><\/iframe><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"youtube\">Inhalte von Youtube nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><\/p><p style=\"text-align:center\"><strong>Noam Chomsky vs. Michel Foucault: <\/strong><br>\n<strong>Chomsky und Foucault diskutieren &uuml;ber &ldquo;Macht&rdquo;<\/strong><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>Eine automatische E-Mail-Benachrichtigung &uuml;ber <strong>neue Texte von Jens Wernicke<\/strong> k&ouml;nnen Sie <a href=\"http:\/\/feedburner.google.com\/fb\/a\/mailverify?uri=JensWernicke&amp;loc=de_DE\">hier<\/a> bestellen.<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/5a0088fea4cf41c5aa4d2be20c16ef61\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutschland r&uuml;stet nicht nur im &Auml;u&szlig;eren auf &ndash; auch im Inneren vollzieht sich eine Entwicklung gen Militarisierung des Zivilen, des Denkens, Handelns und der Bildung etwa &ndash; eine ideologische Mobilmachung also, die auf die Erh&ouml;hung der Kriegsbereitschaft der Deutschen zielt. 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