{"id":25266,"date":"2015-03-03T12:50:48","date_gmt":"2015-03-03T11:50:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25266"},"modified":"2015-03-06T12:26:35","modified_gmt":"2015-03-06T11:26:35","slug":"rezension-henning-venske-es-war-mir-ein-vergnuegen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25266","title":{"rendered":"Rezension: Henning Venske, \u201eEs war mir ein Vergn\u00fcgen\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Warum schreibt ein Satiriker und Kabarettist eine &bdquo;Biographie&ldquo;, sein Lebenswerk ist doch &ouml;ffentlich? Das habe ich mich gefragt, als mir Henning Venskes &uuml;ber vierhundert Seiten starkes Buch mit dem Titel &bdquo;Es war mir ein Vergn&uuml;gen&ldquo; in die H&auml;nde kam. Ich hatte bestenfalls eine Sammlung von Texten aus fr&uuml;heren Ver&ouml;ffentlichungen oder Kabarettprogrammen erwartet, doch nach wenigen Seiten hat mich dieses Buch gefesselt. Was Hennig Venske bietet ist &bdquo;Oral History&ldquo; im besten Sinne, n&auml;mlich erz&auml;hlte deutsche Geschichte  seit dem Ende der Nazizeit, der Flucht und der Not nach Kriegsende, des westdeutschen Kultur- und Theaterbetriebs der 60er und 70er Jahre bis hin zur zeitkritischen Satire und zum bissigen Kabarett heutiger Tage: Lebendige Erz&auml;hlkunst eines Zeitzeugens nicht nur aus dem Blickwinkel des harten &Uuml;berlebenskampfes eines Kulturschaffenden und Zeitkritikers, sondern von einem subversiven Idealisten, der mit Gel&auml;chter die M&auml;chtigen zur Strecke bringen will.<br>\nNicht viel j&uuml;nger als Henning Venske habe ich mit seinen eindringlichen Erz&auml;hlungen mein eigenes Erleben der gesellschaftlichen Ver&auml;nderungen und der politischen Ereignisse Revue passieren lassen k&ouml;nnen. Aber ich habe das Buch auch meinen Kindern weiter empfohlen, weil sie darin konkreter als in jedem Geschichtsbuch und besser als ich mich erinnern k&ouml;nnte, die Nachkriegsgeschichte erz&auml;hlt bekommen &ndash; politisch, wie auf den Feldern der Medien, des Theaters, der Satire und des Kabaretts. Von <strong>Wolfgang Lieb<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1474\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-25266-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150306_Henning_Venske_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150306_Henning_Venske_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150306_Henning_Venske_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150306_Henning_Venske_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=25266-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150306_Henning_Venske_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"150306_Henning_Venske_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Das Spannende ist, dass Henning Venske nicht nur seine fr&uuml;heren (Lebens-) Erfahrungen schildert, sondern dass er immer wieder aus der Erz&auml;hlung aussteigt und (kursiv) Bez&uuml;ge zur heutigen Zeit herstellt &ndash; sozusagen erfahrungsgespeiste Zeitkritik. <\/p><p>So etwa seine damalige Entr&uuml;stung &uuml;ber die Spiegel-Aff&auml;re 1962 und seine Entt&auml;uschung dar&uuml;ber, wie das &bdquo;Sturmgesch&uuml;tz der Demokratie&ldquo; f&uuml;nfzig Jahre sp&auml;ter dasteht:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;2014 ist der Spiegel verkommen zu einem Vorderlader des Neoliberalismus, zu einer Bildzeitung f&uuml;r Leute, die sich genieren, in der &Ouml;ffentlichkeit mit der Original-Bildzeitung gesehen zu werden. Und Spiegel-Online liest sich wie eine Boulevardzeitschrift f&uuml;r russenfeindliche Stimmungsmache, Kriegstreiberei und antisoziale Hetze. Kein Wunder, in der Chefredaktion sitzen mittlerweile die entsprechenden Fachkr&auml;fte aus dem Springer-Verlag&hellip;.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Und wenn Venske sein Erleben der &bdquo;APO&ldquo; schildert, auf den Tod von Benno Ohnesorg und die Sch&uuml;sse auf Rudi Dutschke und auf die &bdquo;Enteignet Springer&ldquo;-Kampagne zu sprechen kommt, prangert er sogleich den Zynismus des heutigen Chefredakteurs der Bildzeitung, Kai Diekmann, an, der nach der Bundestagswahl die Schlagzeile produzieren lie&szlig;: &bdquo;Liebe Gro&szlig;e Koalition, wird sind jetzt Eure APO!&ldquo;<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Soviel bl&ouml;de Geschichtsvergessenheit und widerliche Arroganz hat man selten: Ausgerechnet Springers Hetz- und L&uuml;genblatt zum Sprachrohr einer neuen APO auszurufen, das ist wirklich dreist. Diese Anma&szlig;ung legt nahe, wie sinnvoll es w&auml;re, die alte Forderung &bdquo;Enteignet Springer&ldquo; wieder zum Leben zu erwecken.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Venske war selbst kein 68er, er sieht aber die durch diese Bewegung angesto&szlig;enen positiven gesellschaftlichen Ver&auml;nderungen genauso wie das, was nach dem &bdquo;Marsch durch die Institutionen&ldquo; &uuml;brig geblieben ist: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;An dieser Stelle m&ouml;chte ich ein bislang streng geh&uuml;tetes Geheimnis verraten: Die sozialdemokratische &bdquo;Reformpolitik&ldquo; (Gerhard Schr&ouml;der &amp; Co, Hartz IV und so weiter) ist nichts anderes als die Rache der 68er-Generation an der Arbeiterklasse. Denn: Die Arbeiterklasse hat sich 1968 geweigert, die Flugbl&auml;tter zu verstehen, die Studenten an den Werkstoren verteilten&hellip;&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>(Wobei Venske allerdings &uuml;bersieht, dass Schr&ouml;der nie ein richtiger 68er, sondern schon immer ein Opportunist war.)<\/p><p>Die &bdquo;Biographie&ldquo;, wie es auf dem Buchdeckel hei&szlig;t, wird an zahlreichen Stellen brandaktuell und bitter: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Offenbar glaubt Herr Gauck, dass hinter Milit&auml;reins&auml;tzen N&auml;chstenliebe und Wohlt&auml;tigkeit stehen&hellip;W&auml;hrend der gro&szlig;e Freiheitsk&auml;mpfer Gauck beim Festakt am Tag der deutschen Einheit 2014 von der Freiheit schwadronierte und betonte &bdquo;unser Land ist keine Insel&ldquo;, sank &ndash; was f&uuml;r eine Koinzidenz &ndash; vor der italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa ein Schiff mit &uuml;ber 350 Fl&uuml;chtlingen, und den Strand f&uuml;llten in S&auml;cke geh&uuml;llte Leichen&hellip;&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Henning Venske zeichnet sich nicht als Held. Nein er beschreibt auch seine vielen Kompromisse, die er (vor allem beruflich) eingehen musste, um (&ouml;konomisch) als freischaffender K&uuml;nstler &uuml;berleben zu k&ouml;nnen, aber seine eher anarchistische Emp&ouml;rung &uuml;ber die Verh&auml;ltnisse hat ihn immer wieder zu neuen Herausforderungen getrieben. So hat er etwa1980 das Angebot abgelehnt f&uuml;r die Hamburger Gr&uuml;nen als Abgeordneter in den Bundestag zu rotieren, er wollte lieber kommentieren als verwalten. Und aus heutiger Sicht scheint es wie eine Best&auml;tigung seiner damaligen Entscheidung:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die christliche Gr&uuml;nen-Politikerin Katrin G&ouml;ring-Eckardt sagt in der ihr eigenen Naivit&auml;t zu den Ursachen des Konflikts im Deutschlandfunk: &bdquo;Jetzt geht es (in der Ukraine) um die Frage, ob man sich erpresserischer Hilfen aus Russland bedienen muss oder ob man sich konditionierter Hilfen aus der Europ&auml;ischen Union bedienen kann.&ldquo; Russlands &bdquo;erpresserische Hilfe&ldquo; ist f&uuml;r das betroffene Land gewiss kein Vergn&uuml;gen. Aber was man von Br&uuml;ssels &bdquo;konditionierter Hilfe&ldquo; zu halten hat, sollte sich Frau G&ouml;ring Eckardt bei Gelegenheit von den Arbeitslosen, Kranken, den Rentnern und den chancenlosen Jugendlichen in Griechenland, Spanien und Portugal erz&auml;hlen lassen&hellip;<br>\nSowohl im Osten wie im Westen werden die V&ouml;lker mit der jeweiligen Regierungspropaganda zugeschissen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Bleibt &ndash; nach Charlie Hebdo &ndash; ganz aktuell noch zu kl&auml;ren. Was darf Satire?<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Kurt Tucholsky sagte: &bdquo;Satire darf alles.&ldquo; Schade, dass wir dar&uuml;ber nicht mit ihm sprechen konnten: Mir war aber klar: Im &bdquo;d&uuml;rfen&ldquo; steckt eine Einschr&auml;nkung, denn &bdquo;d&uuml;rfen&ldquo; und &bdquo;alles&ldquo; schlie&szlig;en sich aus. &bdquo;D&uuml;rfen&ldquo; bedeutet: Irgendwo ist eine Grenze. Satire &bdquo;darf&ldquo; sich nicht &bdquo;alles&ldquo; gestatten: Antisemitismus, Antikommunismus, Kinder-, Frauen-, Altenfeindlichkeit, Rassismus und Ausl&auml;nderfeindlichkeit, Nationalismus, Volksverhetzung. Tucholsky sagte auch: &bdquo;Der Satiriker ist ein gekr&auml;nkter Idealist: Er will die Welt gut haben, sie ist schlecht. Und nun rennt er gegen das Schlechte an.&ldquo;<br>\nCharles Chaplin erg&auml;nzte: &bdquo;Ein echter Satiriker kann nur ein Mensch sein, der im Herzensgrund die Menschen liebt.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>So k&ouml;nnte kann man das Lebensmotto des Schauspielers, Regisseurs, Radioansagers, Musikmoderators, Satirikers und Kabarettisten und Autors zusammenfassen. Bei allen H&ouml;hen und Tiefen, die eine Nachkriegsbiographie notwendigerweise mit sich bringen musste, blieb Hennig Venske der Devise treu:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wir m&uuml;ssen verlangen, dass diejenigen, die die Macht aus&uuml;ben, f&uuml;r alles, was sie tun, rechtfertigen m&uuml;ssen&hellip;Politisches Kabarett war immer subversiv&hellip;auf Pointenjagd, bei der die M&auml;chtigen mit Gel&auml;chter zur Strecke gebracht werden&hellip;&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><blockquote><p>\n&bdquo;Einen guten Lacher soll man nicht verachten!&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>, das h&auml;tte auch als Titel dieses Buches gepasst.<br>\n&bdquo;Es war mir ein Vergn&uuml;gen&ldquo;, Hennung Venskes Biographie zu lesen.<\/p><p><strong>Bibliographische Angaben:<\/strong><br>\n<strong>Henning Venske<\/strong>, <a href=\"http:\/\/www.westendverlag.de\/buecher-themen\/programm\/es-war-mir-ein-vergnuegen-henning-venske.html#.VPT5Q3Ygmi4\">Es war mir ein Vergn&uuml;gen, Eine Biographie<\/a>.<br>\nWestend Verlag, Frankfurt 2014<br>\nISBN 978-3-86489-051-2<br>\n448 Seiten; 22,99 EUR<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum schreibt ein Satiriker und Kabarettist eine &bdquo;Biographie&ldquo;, sein Lebenswerk ist doch &ouml;ffentlich? 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